Nach Irritationen im Schwabacher Rathaus

7-Tage-Inzidenz meint auch 7 Tage

Autor: Kurt O. Wörl

Wenn etwas schiefläuft, ist manchmal die beste Strategie, einfach die Klappe zu halten. Dann regt man sich selbst und andere weniger auf. Vielleicht wäre das auch die beste Vorgehensweise nach den Irritationen im Schwabacher Rathaus, zu sich “sprunghaft” ändernden Inzidenz-Werten, gewesen.

Was ist passiert? Gestern berichtet das Presseportal nordbayern.de von einem “Zahlensalat um Schwabacher Inzidenzwert“. Hintergrund war ein am 26.11.2020 registrierter Corona-Massenausbruch im hiesigen AWO-Pflegeheim, bei dem sich 67 von 81 Bewohnern, sowie 19 Pflegekräfte infiziert hatten. Nach Berechnungen des Presseportals sei dadurch der Schwabacher Inzidenzwert von 139 auf erschreckende 344 Punke gestiegen. Der Höchstwert von 366 wurde vorgestern, also am Donnerstag 03.12.2020 erreicht. 

Jedenfalls als Folge des heftigen Anstiegs, verfügte die Stadt Schwabach, mit Wirkung ab 03.12.2020, zusätzliche Maßnahmen, wie eine allgemeine Ausgangsbeschränkung, die u.a. das Verlassen der Wohnung nur noch “aus triftigen Gründen erlauben”. Die Maßnahmen sollen bis einschließlich 14. Dezember wirken.

Dumm nur, dass bereits einen Tag später, also gestern, der Schwabacher Inzidenzwert wieder auf 214,7 Punkte sank, und damit die strengen neuen Maßnahmen nach nur 24 Stunden schon nicht mehr gerechtfertigt waren. Wie kann das sein? Das fragte sich offenbar auch der Pressesprecher der Stadt Schwabach, Jürgen Ramspeck und klagt laut des Presseportals: “Erleichterung? Es gibt hier keine Erleichterung. Denn unsere Zahlen, die wir vom Gesundheitsamt erhalten, sind andere als die, die in Berlin veröffentlicht worden sind.”  Demnach wäre die 7-Tage-Inzidenz in Schwabach gar nicht von 366 auf 214,7 Punkte gefallen, meinte Ramspeck. Er irrt!

Und wie bitte? Das Gesundheitsamt meldet der Stadt ernsthaft andere Zahlen als dem Robert-Koch-Institut? Kann man das glauben? Auf die Stellungnahme des Gesundheitsamtes darf man jedenfalls gespannt sein. Ich meine aber, da irrte sich der Pressesprecher schlicht. Denn wer selbst rechnen kann, der kommt auch auf keinen anderen Inzidenzwert und braucht dafür noch nicht einmal das Gesundheitsamt um Auskunft zu bitten.

Was ist der Inzidenzwert 

Der Inzidenzwert errechnet sich aus der Anzahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen 7 Tagen. Er soll als Anhalt dafür dienen, ob sich eine Infektion ausbreitet, stagniert oder wieder zurückgeht. Zugleich soll er eine Vergleichbarkeit zu anderen Landkreisen und Kommunen herstellen, weshalb die Größenordnung “pro 100.000 Einwohner” gewählt wurde. Das Dumme dabei: Schwabach hat nur knapp 41.000 Einwohner. Hier muss also hochgerechnet werden. Das heißt, wenn sich nur ein Schwabacher Bürger neu infiziert hat, gehen aber rund 2,5 Neuinfizierte in den Inzidenzwert ein. – Das ist vielleicht ein bisschen doof, ist aber so.

Adam Riese hilft weiter

Rechnen wir also: 67 Heimbewohner + 19 Pflegekräfte, das sind nach Adam Riese zusammen 86 Neuinfizierte. Also 86 von rund 41.000 Einwohnern wurden am 26.11.2020 im AWO-Wohnheim als neu infiziert festgestellt. Da man als Messlatte für den Inzidenzwert sich aber auf 100.000 Einwohner geeinigt hat, muss man die 86 Neuinfizierten mit dem Faktor 2,43 multiplizieren, also hochrechnen – und das ergibt dann einen Zuwachs des Inzidenzwertes um 209 Punkte. Und damit stieg der Inzidenzwert eben sprunghaft auf 366. Diese 209 Punkte bleiben exakt sieben Tage in der Inzidenz und werden an Tag 8 nach der Feststellung aus dieser wieder entfernt.

Man sollte einfach im Hinterkopf behalten, dass, je weiter die Einwohnerzahl einer Kommune unter der Messlatte 100.000 liegt, umso größer der Faktor wird, mit welchen die tatsächlichen Neuinfektionen multipliziert werden müssen. Deshalb sind die Sprünge des Inzidenzwertes, je kleiner eine Kommune ist umso heftiger als in Kommunen, die mehr als 100.000 Einwohner haben.

Das heißt: Nehmen wir ein kleines Dorf mit 100 Einwohnern an. Würde sich dort auch nur ein einziger Bürger heute infizieren, hätte das Dorf sofort einen Inzidenzwert von 1.000. Nehmen wir eine Stadt von 1.000.000 Einwohnern und dort würden sich heute 1.000 Bürger infizieren, dann wäre das ein Inzidenz-Plus von nur 100 Punkten. Wo werden die Eindämmungsmaßnahmen besser greifen: Bei einem Infizierten im 100-Seelen-Dorf oder bei 1.000 Infizierten in der Millionenstadt? Das zeigt, welch ein Unfug der Inzidenzwert zur Beurteilung des Infektionsgeschehens generell ist. Schwabach liegt fast in der Mitte der beiden Extreme.

Sind die Irritationen im Rathaus politischer Art?

Neben dem Massenausbruch gab es seit dem 26.11.2020 natürlich auch über das Stadtgebiet verteilt weitere Infektionen, die – jeweils mit 2,43 multipliziert – in die Inzidenz einflossen. Aktuell sind in Schwabach tatsächlich 262 Bürger infiziert und der Schwabacher Inzidenzwert liegt heute, am Samstag, 05.12.2020 bei 226,9.

Was aber genau hat nun im Schwabacher Rathaus zu Irritationen geführt?  Man kann nur spekulieren:

Nachdem am 26.11.2020 der Massenausbruch bekannt wurde und die Inzidenzwert auf deutlich über 300 stieg, wäre die Stadt verpflichtet gewesen, sofort die Maßnahmen, die ab diesem Wert vorgesehen sind, zu ergreifen. Stattdessen hat man sich Zeit gelassen und die strengeren Ausgangsbeschränkungen erst mit Wirkung vom 03.12.2020 bis zum 14. Dezember festgesetzt (also erst 6 Tage nach dem Ausbruch im AWO-Wohnheim!).

Aber nur einen Tag nach Inkrafttreten der Maßnahmen, also am Freitag, fielen die Infizierten aus dem AWO-Wohnheim schon wieder aus der Inzidenz und deren Wert sank damit um jene 209 Punkte – und damit weit unter 300. Die strengeren Maßnahmen waren also exakt 24 Stunden gerechtfertigt. Wo genau will der Pressesprecher der Stadt Schwabach nun einen “Zahlensalat” festgestellt haben? – Wer die Grundrechenarten beherrscht ist offenbar eindeutig im Vorteil.

Ist es denn nicht vielmehr so, dass die Stadt Schwabach einfach viel zu spät reagiert hat? Die mit Erreichen des Inzidenzwertes vorgesehenen strengeren Maßnahmen dienen doch dazu, sofort das Infektionsgeschehen weiter einzudämmen. Warum, um alles in der Welt, ließ die Stadt diesem dann ganze sechs Tage weiter seinen Lauf, statt die neuen Maßnahmen sofort, mit Wirkung ab 27.11.2020, zu verfügen? – Meine Vermutung: Man wollte die Absprachen des Bund-Länder-Dialogs zwischen dem Kanzleramt und den Ministerpräsidenten abwarten und das nenne ich leichtsinnig! Und natürlich kommt so eine Vorgehensweise in der Bevölkerung nicht gut an. Das hat offenbar der Pressesprecher ebenso erkannt, wenn er meint, dass es das “furchtbar schwer” mache, die Bevölkerung mitzunehmen bei den Ausgangsbeschränkungen, die vorerst noch bis 14. Dezember in der Stadt gelten und die nächste Woche überprüft werden sollen.

Resümee

Es bleibt festzustellen: Es gab keinen Zahlensalat, die Zahlen des Robert-Koch-Instituts sind korrekt berechnet und wenn tatsächlich das Gesundheitsamt der Stadt falsche Zahlen geliefert hätte – was ich bezweifle – dann sollte unser neuer Oberbürgermeister Peter Reiß zeitnah seinen Besprechungsbedarf mit dem Leiter der Behörde anmelden.

Noch etwas ist merkwürdig: das Presseportal wirft in seinem o.g. Artikel Nebelkerzen, wenn es schreibt: “Wer sich die RKI-Tabellen genauer anschaut, der glaubte auch zu erkennen, warum die Entwicklung so war, wie sie zu sein schien.”  – Glaubte? Schien? Zumindest die Journaille sollte doch auf Leute Zugriff haben, welche die Grundrechenarten beherrschen – sollte man meinen.

Und was soll man vom Schwabacher Pressesprecher halten, wenn er meint: “Aber was soll man machen: Es ist halt so, dass man die RKI-Zahlen auch nicht einfach ausblenden kann. Denn sie sind deutschlandweit die Grundlage für die verschärften Maßnahmen, die ab Inzidenzwerten von 200 oder 300 gelten. Die Zahlen aus Berlin, nicht die aus dem örtlichen Gesundheitsamt und die des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.”

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