Erst am Ende der Corona-Pandemie wird abgerechnet:

Abwarten und Teetrinken

Autor: Kurt O. Wörl

Vorneweg: Noch nie war ich so froh darüber, dass unser Land föderal strukturiert ist und die Bundesländer die Polizeihoheit innehaben, wie derzeit. Das schafft die Möglichkeit gezielt auf die Gegebenheiten zur Pandemie – je nach Betroffenheit vor Ort – zu reagieren und zudem bietet es auch noch einen Wettbewerb der Ideen in der Pandemie.

Was unsere öffentlich-rechtlichen “Qualitätsmedien” in ihren Talkshows und Kommentaren offenbar bedauern, nämlich dass es in Deutschland nicht gelang, eine einheitliche Vorgehensweise für alle Bundesländer sicherzustellen, das bedauere ich in keiner Weise. Im Gegenteil: Ich feiere hiermit ganz offiziell den Föderalismus; – und das aus guten Gründen.

Man möchte sich jedenfalls nicht vorstellen, die gesamte Bevölkerung könnte vom Kabinett Merkel zentral durch die dort übliche Aussitz-Mentalität und Ideenlosigkeit über Monate noch drangsaliert werden. Und das bisherige Handeln der Bundesregierung basierte ja vor allem darauf, dass man sich an den Idealvorstellungen der sich fast wöchentlich auch noch selbst widersprechenden Virologen und Epidemiologen orientierte und Erkenntnisse andere wissenschaftlicher Disziplinen ignorierte. Diese zentralistisch strukturierte Vorgehensweise hat sich auch in Frankreich überhaupt nicht bewährt. Die Franzosen sind überaus unzufrieden mit der Art und Weise, wie ihre Regierung – zudem auch noch recht erfolglos – in der Pandemie agiert.

Ein Hoch dem Föderalismus

Deshalb ist es in der Tat zu begrüßen, dass die Bundeskanzlerin ab sofort die weitere Vorgehensweise wieder in die Hände der Bundesländern legte. Sie hat offenbar eingesehen, dass es auch zu ihren Amtspflichten gehört, die föderalistische Struktur unseres Landes zu respektieren.

Es war – nach bisherigen Erkenntnissen (!) – wohl richtig, dass Ministerpräsident Markus Söder im besonders von der Pandemie betroffenen Bayern früher und konsequenter Beschränkungen des öffentlichen Lebens durchgesetzt hat. In keinem Land sinkt die Zahl der aktiv Infizierten und wächst die Zahl der wieder Genesenen so wie in Bayern. Und es ergab einfach keinen Sinn, in einem Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern (MV), das kaum betroffen ist, dieselben Freiheitseinschränkungen wie in Bayern anzuordnen. Dort in MV konnte von Beginn an jedem Einzelfall einer Infektion mit Nachverfolgung der Kontakte und Quarantänemaßnahmen gut begegnet werden. Warum also der gesunden Bevölkerung dieselben Freiheitseinschränkungen zumuten, wenn das gar nicht nötig ist? – Die Verhältnismäßigkeit zu wahren ist nämlich auch ein Grundsatz der freiheitlich, demokratischen Rechtsordnung.

Dass ausgerechnet aus der Medienlandschaft Unverständnis und Kritik für das unterschiedliche Vorgehen der Bundesländer kommt, überrascht indessen nicht. Nach mehreren Studien nehmen weit über 60 Prozent aller Journalisten für sich in Anspruch, eine “linke” (vermeintlich “gute”) Grundhaltung zu haben. Die Neigung zur Gleichmacherei ist nun mal ein Wesensmerkmal dieser Ideologie. Man darf als verantwortungsbewusster Politiker nur nicht den Fehler machen, auf die Kakophonie aus dieser Entourage etwas zu geben, zumal es den Rotbefahnten auf der ganzen Welt zu noch keiner Zeit gelang, freie, wohlständige und prosperierende Gesellschaften hervorzubringen und zu erhalten. – Und in der Krisenbewältigung ist das Versagen ohnehin dieser Leute Markenzeichen. Sei’s drum!

Nun also sind die Bundesländer – nicht nur theoretisch (das sowieso) – auch faktisch wieder selbst zuständig und verantwortlich. Ich sehe darin eine einmalige Chance für künftige Pandemien zu lernen. Nun nämlich kann der Wettbewerb der Ideen und unterschiedlichen Versuche beginnen, die uns am Ende sehr wahrscheinlich sehr viel mehr Erkenntnisse darüber bringen werden, welche Maßnahmen in künftigen Pandemiefällen erfolgversprechend sind und welche nicht. Ein einheitliches Vorgehen, wie von der Journaille gewünscht, wäre dazu nicht in der Lage, weil es nichts zu vergleichen gäbe.

“Es könnte aber alles auch ganz anders sein” …

… mit diesen Worten beendet der Dalai Lama in der Regel seine Vorträge. Und dass am Ende alles ganz anders kommen könnte, das gilt auch in dieser Corona-Pandemie. Das sollten wir im Hinterkopf behalten. Wir kennen natürlich die schrecklichen Bilder aus Italien, aus Spanien, vor allem auch aus New York und auch die Zahlen aus Großbritannien sind beängstigend im Vergleich zum Pandemieverlauf in Deutschland. Wir werden – wie auch Südkorea – aktuell bewundert, wie wir offenbar die Pandemie in den Griff bekommen haben. Wir haben dies erreicht vor allem mit der Vollbremsung in der Wirtschaft und mit konsequenten Ausgangsbeschränkungen. Vor allem aber war es der Bevölkerung selbst zuzuschreiben, die sich sehr diszipliniert und verantwortungsbewusst vernünftig verhielt. 

Ob wir allerdings am Ende uns wirklich als Sieger in der Corona-Pandemie werden fühlen und als Vorbild für den Rest der Welt gelten dürfen, ist indessen völlig ungewiss, denn:

Erst wenn diese Seuche zu Ende ist, wird abgerechnet!

Unser bisheriges Vorgehen bewirkte nämlich nicht nur, dass wir das Infektionsgeschehen wirksam eingedämmt haben und damit die hohen Todeszahlen bislang verhindern konnten. Dieser Erfolg hat aber zwei Seiten: Die andere, m.E. zu wenig berücksichtigte Seite, ist nämlich, dass wir mit unserer Vorgehensweise auch die Massenimmunisierung1 ausgebremst haben. Und das bedeutet, dass wir die erwünschte Durchseuchung der Bevölkerung von mindestens 70 Prozent, ab der eine Epidemie als besiegt gilt, in große Ferne gerückt haben und wir nicht wissen wann und ob uns je ein Impfstoff zur Verfügung stehen wird. Wie alle hoffe ich darauf und es muss uns auch gelingen. Andernfalls: Wenn wir nicht binnen kürzester Zeit zu einem Impfstoff kommen, dann könnten wir gerade wegen unserer Vorgehensweise am Ende doch noch zu den großen Verlierern zählen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine zweite und dritte Infektionswelle uns hart treffen könnte, ist dann nämlich hoch.

In diesem Fall könnten am Ende Länder wie Schweden, welche auf einen Lockdown verzichten und die Durchseuchung weitgehend zulassen, tatsächlich besser dastehen als Deutschland: Weil sie ihre Wirtschaft nicht demoliert haben und lange vor uns immun wurden und keine weiteren Wellen befürchten müssen.

Gut möglich, dass die polyphone Schar der deutschen Virologen, die mit Scheuklappen alles versucht, um ja nicht über den Tellerrand ihrer Profession blicken zu müssen, sich genau vor dieser Gefahr fürchten. Sie nämlich – allen voran auch der SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach – waren es, welche der Politik die Lockdown- und Kontaktsperre-Strategie unermüdlich nahe gelegt haben. Die gesellschaftlichen, psychologischen und soziologischen Folgen waren ihnen völlig egal. Von interdisziplinärer Betrachtung kann keine Rede sein. Sie mussten wissen, dass die Politik eben nicht nur virologische Idealvorstellungen beachten kann und die Grundrechte nicht über mehrere Monate oder gar Jahre wird einschränken können.

Möglicherweise steht uns dann ein Szenario der “Stotterbremse” bevor. Auf Lockerungen könnten immer wieder Einschränkungen kommen – und das wird die Bevölkerung zermürben und die Wirtschaft nicht tragen können. Das werden wir dann auch dem RKI (das wie keine andere Einrichtung sich immer wieder selbst widersprochen hat) und Leuten, wie den Apokalyptikern unter den Virologen und Politikern, zu verdanken haben. Ich hoffe man erinnert sich dann ihrer bei der Generalabrechnung noch.

Will heißen: Wenn es schief geht und wir nicht zeitnah zu einem Impfstoff kommen, könnte am Ende der schwedische Chef-Virologe Anders Tegnell mit seiner Strategie der mäßig zugelassenen Durchseuchung richtig gelegen haben. – Denn nochmal: Wir stehen erst am Anfang der Pandemie. Abgerechnet wird aber erst zum Schluss, wenn die Todesopfer, welche die Pandemie uns abfordern wird, wirklich feststehen.

Es verwundert von daher nicht, dass die deutsche Journaille und vor allen anderen Karl Lauterbach bereits jetzt versuchen, den schwedischen Weg als “verantwortungslos” und “gescheitert” darzustellen. Wir werden sehen, denn es bleibt dabei:

“Abwarten und Tee trinken!” 
und
“Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben!”

Fußnote:

[1] Die Bezeichnung “Herdenimmunität”, welche aktuell von Politik und Journaille verwendet wird, lässt tief in das Menschenbild dieser Leute blicken und zeigt, wie man in diesen Kreisen die deutsche Bevölkerung sieht: Als Viehherde! Im Deutschen besteht eine Herde nämlich immer aus Vieh. Den Begriff auf die Bevölkerung anzuwenden, ist völlig unangemessen. Richtig wäre es von “Massenimmunität” zu sprechen.


Bild von Markus Distelrath auf Pixabay


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