Fundsache: Vernünftige Leute

Boris Palmer

gefunden von Kurt O. Wörl

Es gibt unter den Gegenwartspolitikern nicht sehr viele, vor welchen ich ohne Wenn und Aber den Hut ziehen würde. Boris Palmer gehört dazu. Er ist ein Mann, der unbeirrt vom Lärm der Welt sagt was er denkt und dafür immer wieder, auch massive Unmutsreaktionen anderer – vor allem aus den Reihen seiner eigenen Partei – in Kauf nimmt. Er ist im besten Sinne ein Selberdenker, der es nicht scheut, gegen den Strom zu schwimmen, wenn er das für richtig hält. Er ist auch noch einer der Wenigen, bei welchen Reden und Handeln im Einklang stehend wahrgenommen werden. – Ein Politiker ganz nach meinem Geschmack! 

Eigentlich würde ich Boris Palmer von seiner Haltung her eher im Lager der Liberalen als in der protestantisch-puritanisch verbrämten Verbots- und Vorschriftenpartei “B90/Grüne” sehen. Aber ich sehe auch, dass er als Grüner mit seiner Unerschrockenheit doch mehr Furor in seiner Partei generieren kann, als wenn er einer anderen Partei angehörte. Er provoziert nämlich immer wieder die engköpfigen Dogmatiker und Autokraten seiner Partei und demaskiert sie so öffentlich als pure Antidemokraten. – Und das finde ich gut so.

Im nachfolgend verlinkten phoenix-Interview vom Dezember 2022 zeigt Palmer seine durchwegs vernünftigen Haltungen zu den Themen der Zeit. Als glaubhafter Demokrat und Selberdenker zeigt er, dass er einer der ganz wenigen Gegenwartspolitiker ist, die noch wissen, was man unter voltaire’schen Tugenden versteht und sie auch leben.

Auszug aus dem Interview

mit der Journalistin Inga Kühn zur “woken Identitätspolitik” (ab Minute 19:24 im Video):

[…]
Kühn: “Kommen wir [..] zu der sogenannten woken Identitätspolitik. Woke steht ja zunächst mal für wachsam, aufmerksam sein gegen Diskriminierung. Was haben Sie da dagegen?”

Palmer: “Dagegen hab’ ich nichts, wer könnte da was dagegen haben?”

Kühn: “Sie beklagen aber doch, dass Sie sich zunächst irgendwie doch schon sehr indoktriniert fühlen von der sogenannten woken Bewegung, dass Sie sich bevormundet, fühlen usw., vielleicht erklären Sie es nochmal kurz?”

Palmer: “Ja, weil es geht mir nicht um die Ziele, sondern um die Methoden. Wenn man sich schon selber für erwacht hält, also die anderen irgendwie im Schlafzustand wähnt, dann ist ganz automatisch die Gefahr da, dass man die Wahrheit für sich alleine beansprucht und rigide Methoden anwendet, um sie durchzusetzen. Und genau das erleb’ ich, dass nicht mehr versucht wird durch die besseren Argumente zu überzeugen, sondern dass durch Denunziation und Diskreditierung andere Auffassungen, diese abweichenden Meinungen, zum Schweigen gebracht werden sollen. Und nebenbei, ich sehe dieses Parteiausschlussverfahren, dieses missliche und gescheiterte, in dieser unguten Tradition begründet. Das ist genau der Versuch, eine abweichende Meinung nicht mehr hören zu wollen. Und das ist dieser woken Bewegung leider in die Genetik geschrieben und muss, bei aller Unterstützung der Ziele, einfach klar formuliert sein.”

Kühn: “Aber Sie räumen doch ein, dass es zum Teil doch Minderheiten sind, die lange, lange Zeit nicht zu ihrem Recht gekommen sind, oder?”

Palmer: “Absolut!”

Kühn: “Wäre es dann nicht angebracht, wenn man diese Rechte jetzt mehr in den Vordergrund stellen würde? Ich komme Ihnen jetzt ja gar nicht dem … sie sind kein älterer weißer Mann, sondern vielleicht ein mittelalter weißer Mann … aber ich meine wie lange sind die Vorteile gerade von diesen sogenannten älteren weißen Männern gepflegt worden. Wir erinnern uns an dieses wunderbare Bild aus Davos, wo wirklich führende Wirtschafts- führende Politiker … es waren alles nur Männer, wäre es da nicht angebracht, dass jetzt die andern vielleicht auch jetzt ein bisschen – nicht nur prozentual – zu ihrem Recht kommen, sondern eben gerade um zu betonen, hey, ihr wart wirklich benachteiligt, müssen wir sie denn nicht gerade jetzt durchaus ein bisschen hervorheben. Haben Sie da vielleicht nicht doch ein bisschen mehr zu sagen?”

Palmer: “Das halte ich für einen Irrtum. Ich bin ganz klar dafür, dass jede Form der Diskriminierung beendet werden muss und dafür muss es auch staatliche Maßnahmen geben. Was es nicht geben darf, ist, dass eine neue Diskriminierung nämlich von Leistung, Eignung und Befähigung derjenigen, die halt dummerweise zu denen gehören, die über Jahrzehnte bevorzugt waren. Benachteiligungen, neue Benachteiligungen sind keine Verbesserung einer Gesellschaft. Und genau das passiert. Man überdreht also das Prinzip und anstelle der Gleichheit aller als Ziel wird jetzt die Bevorzugung bisher Benachteiligter zur Maxime erhoben. Und das ist der Denkfehler dabei und meiner Meinung nach sogar grundgesetzwidrig, sag ich ganz klar. Denn das Grundgesetz hält z.B. fest, dass öffentliche Ämter nach Leistung, Eignung und Befähigung zu vergeben sind. Da steht nicht Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder Benachteiligungsstatus.”

Kühn: “Schutz von Minderheiten!”

Palmer: “Schutz von Minderheiten, selbstverständlich – vor Benachteiligung, aber nicht Schutz von Minderheiten durch Bevorzugung. Das ist einfach das Rad eine Runde zu weit gedreht.”

Kühn: “Sie beklagen des Weiteren, es gäbe eine deutliche Grenze des Sagbaren in Deutschland. Wo ist denn die Grenze für Sie und haben Sie das Gefühl, dass Sie sie auch schonmal verletzt haben?”

Palmer: “Also es gibt einerseits Leute, die die Grenze immer weiter verschieben wollen, die verordne ich mal überwiegend bei der AfD, die wollen jede Form des Rassismus und Diskriminierung wieder hoffähig machen. Dagegen muss man sich natürlich entschieden zur Wehr setzen. Übrigens auch als direkt Betroffener, ich hab’ jüdische Vorfahren und manches, was da an Antisemitismus ausgekippt wird, ist einfach unerträglich. Aber auf der anderen Seite ist es eben auch falsch, wenn der Korridor des Sagbaren immer weiter eingeengt werden soll., wenn z.B. die Mohrenstraße in Berlin weg muss, obwohl begriffsgeschichtlich daran einfach nichts auszusetzen ist und von einem strukturellen Rassismus die Rede ist, der Ihnen und mir unterstellt wird, dass wir urteilsunfähig sind und gar nicht mitreden in Fragen, die People of Colour betreffen, BIPoC, FLINT was auch immer da an neuen Modebegriffen herumgeistert. Wenn man sich dagegenstellt und diese moderne Ideologie kritisiert, dann wird die Diffamierungsmaschinerie angeworfen, dann kommt der Shitstorm, da können Sie sich drauf verlassen. Und wenn man nur fragt wie ich es gemacht hab’ ‘ist es eigentlich angemessen, dass die Werbung der Deutschen Bahn nur noch Menschen mit Migrationshintergrund wie das in einem Bild der Fall gewesen ist, ausschließlich Menschen mit Migrationshintergrund … was soll uns das sagen? Ist das die Gesellschaft, in der wir leben? Ist es nicht, denn es gibt noch 80 Prozent …70 Prozent, je nachdem wo Sie sind, in welcher Generation Menschen die keinen Migrationshintergrund haben – ich hab’ keinen.  Und ich finde es nicht richtig, wie die dann gar nicht mehr vorkommen. Wenn das schon genügt, dass sie bundesweit da als Rassist verschrien werden, dann wird eben versucht, den Korridor des Sagbaren über das notwendige Maß hinaus einzuengen, dagegen wehre ich mich … so’n Bissel auch aus Leidenschaft, da bin ich schwäbischer Dickschädel. Ich lass’ mir nicht vorschreiben, was ich schwätze darf.”

[…]

Prädikat: Überaus sehenswertes Interview


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