Autorin: Mary L. Trump

Buchrezension: Zuviel und nie genug – Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf

rezensiert von Kurt O. Wörl

Mary L. Trump, die Nichte des US-Präsidenten, legt mit ihrem Buch eine schonungslose Abrechnung mit ihrem Onkel und der Familie Trump vor. 

ZU VIEL UND NIE GENUG

Wie meine Familie den gefährlichsten
Mann der Welt erschuf

Die 1965 geborene Mary L. Trump zeichnet ein Psychogramm nicht nur ihres Onkels, Donald Trump, sondern gleich von der gesamten Trump-Dynastie.

Die Autorin ist für Psychogramme sogar eine Fachfrau, denn sie promovierte am “Derner Institute of Advanced Psychological Studies” in New York und lehrte in den Fachbereichen Traumatherapie, Psychopathologie und Entwicklungspsychologie. 

Autorin: Mary L. Trump

gebundene deutsche Ausgabe: 

ISBN-10 : 3453218159
ISBN-13 : 978-3453218154

288 Seiten, erschienen am 12. August 2020 im Heyne-Verlag

englische Originalausgabe:

Too Much and Never Enough

How my Family Created the World’s Most Dangerous Man

ISBN-10 : 1982141468
ISBN-13 : 978-1982141462

240 Seiten, erschienen am 14. Juli 2020 bei Simon & Schuster

(beide Ausgaben sind auch als eBook und Hörbuch erhältlich)

Der Klappentext auf der Rückseite

Das wahre Gesicht von Donald Trump – intime Details aus der Familiengeschichte des US-Präsidenten.

 

Mary L. Trump, Nichte des US-Präsidenten und promovierte klinische Psychologin, enthüllt die dunkle Seite der Familie Trump. Einen Großteil ihrer Kindheit verbrachte Mary im Hause ihrer Großeltern in New York, wo auch Donald und seine vier Geschwister aufwuchsen. Sie schildert, wie Donald Trump in einer Atmosphäre heranwuchs, die ihn für sein Leben zeichnete und ihn letztlich zu einer Bedrohung für das Wohlergehen und die Sicherheit der ganzen Welt machte.

 

Als einziges Familienmitglied ist Mary Trump dazu bereit, aus eigener Anschauung die Wahrheit über eine der mächtigsten Familien der Welt zu erzählen. Ihre Insiderperspektive in Verbindung mit ihrer fachlichen Ausbildung ermöglicht einen absolut einmaligen Einblick in die Psyche des unberechenbarsten Mannes, der je an der Spitze einer Weltmacht stand.

Rezension

Was für ein Buch! Vielleicht ist es sogar eines der wichtigsten Bücher, welches seit einem Jahrhundert verfasst wurde. Dafür spricht auch, dass es in der englischen Originalausgabe bereits am Tag des Erscheinens fast eine Million mal abverkauft wurde. Auch die deutsche Ausgabe führt inzwischen die Sachbuch-Bestsellerlisten an. Es wundert also nicht, dass Donald Trump versuchte, die Veröffentlichung des Buches juristisch unbedingt zu unterbinden. In der Berufungsinstanz wurde dem Verlag schließlich erlaubt, das Buch zu veröffentlichen.

Mary Trump beschreibt die Eiseskälte, in welcher Donald Trump und seine Geschwister, Fred Trump jr.  (†1981) genannt “Freddy”, Robert Trump (†2020) Maryanne Trump-Barry und Elizabeth Trump-Grau unter dem knallharten Immobilien-Unternehmer und Patriarchen Frederick C. Trump (†1999) und seiner offenbar ebenfalls zu kaum einer Empathie fähigen Mutter Mary Anne McLeod Trump († 2000) aufgewachsen sind.

Im Deutschen würde man Donald Trumps Vater wohl am treffendsten als Tyrannen mit starken psychopathischen Zügen umschreiben. Er unterwarf nach Mary Trumps Darstellung die gesamte Familie, Kinder, Enkel seinem Willen, setzte diesen mit eiserner Faust durch  und schreckte dafür auch vor den gemeinsten Mitteln nicht zurück. Was gut und was für ihn inakzeptabel gewesen sei, dafür habe es nur ein Maß gegeben: Gut war nur, was in Dollars zu messen war. Andere Werte waren nichts wert.

Breiten Raum räumt Mary Trump auch dem Schicksal ihres Vaters, “Freddy” Trump jr. ein, dem ältesten der fünf Geschwister. Dieser war anfangs im Unternehmen des Vaters tätig, allerdings fand er mit seiner Arbeit bei ihm keinerlei Anerkennung. “Freddy” sei Vater Fred nicht hart genug gewesen. Deshalb habe er das väterliche Unternehmen verlassen, um Pilot zu werden – aus Sicht seines Vaters ein Verrat, denn man widersetzte sich in der Familie Trump nicht dem väterlichen Willen. In der Folge, so beschreibt es Mary Trump, war ihr Vater deshalb Ziel endloser Verletzungen, Demütigungen und Benachteiligungen. Auch infolge der massiven Ächtungsmaßnahmen seines Vaters wurde Fred jr. krank und starb im Alter von nur 42 Jahren.

Zunächst dachte ich beim Lesen, “naja, da rechnet eine zu kurz gekommene Erbin mit der Familie ab”, aber da hatte ich mich geirrt. Mary Trump musste sogar die eigenen Erlebnisse, Verletzungen und Benachteiligungen einbringen, weil es ihr so am besten gelingen konnte, den Leser in die alptraumhafte Familienbeschaffenheit einzustimmen. Das ist ihr hervorragend gelungen.

Jedenfalls, Unterstützung habe Marys Vater von seinen Geschwistern nicht erhalten. Im Gegenteil: Bruder Donald Trump habe erkannt, dass man gegenüber dem tyrannischen Vater keinesfalls so weichlich und vermittelnd daherkommen darf wie Bruder Freddy. Er habe sehr schnell gelernt, dass er mit betonter Rebellion und Aufmüpfigkeit und Ungehorsam bei seinem Vater Respekt erhalten konnte. Er verstand es, seinem Vater das zu bieten, was dieser sehen wollte: Härte und Starrsinn gegen alle und jedermann. Mobbing, Übergrifflichkeit und Niedertracht, das waren die Eigenschaften, die seinem Vater überaus imponiert hätten. So herangezogen sei er schließlich der Wunschnachfolger für das Trump’sche Unternehmensimperium geworden. – Aus wirtschaftlicher Sicht sei das für das Trump-Imperium allerdings ein Griff ins Klo gewesen. Kaum ein anderes Familienmitglied habe durch schlichte Unfähigkeit so viel Familienvermögen verbrannt wie Donald Trump.

Mary Trump beschreibt, egal welchen unternehmerischen Mist Onkel Donald baute, egal wie viele Pleiten er hinlegte, insbesondere mit seinen teilweise hirnlosen Abenteuern in der Casino-Branche: Vater Fred habe ihn mit Millionen und Abermillionen Dollars immer wieder aus der Bredouille geholfen. Vater Fred habe so in Sohn Donald die niedrigsten menschlichen Instinkte hervorgerufen und gestärkt. Für Donald Trump müsse die väterliche Unterstützung den Eindruck vermittelt haben, dass ihm niemand etwas anhaben könne. Aus dieser Erfahrung habe er auch die Einbildung erlangt, es gäbe keinen besseren “Macher” als ihn, niemand könne ihm je das Wasser reichen. Alles was er anfasse, sei aus seiner Sicht stets überaus großartig und niemand könnte so etwas großartiger als er. Mehr noch: Obwohl er ohne die Finanzmacht seines Vaters selbst nie etwas zuwege brachte, glaube er ernsthaft, nur seine einzigartige Genialität sei für die Überwindung von Schwierigkeiten verantwortlich. Donald könne lügen, betrügen, verletzen, erpressen, mobben was immer ihm beliebe, es gab niemanden, der ihm hätte Einhalt gebieten können. Selbst Banken, die ihm immer wieder Kredite gewährten, obwohl er längst nicht mehr kreditfähig war, hätten nach Mary Trumps Schilderungen sich einfach blind vor die vorgegaukelten Fakten gestellt und den miesen Charakter Trumps damit betoniert.

Die Autorin resümiert: Trump habe lange vor seiner Präsidentschaft bereits so zerstörerisch für sein Umfeld gewirkt, wie er heute als 45. Präsident der Vereinigten Staaten wirke. Nur dass nun nicht mehr nur Familienangehörige und Geschäftspartner zu leiden hätten, sondern das ganze Land und inzwischen die ganze Welt. Sein niederträchtiger Umgang mit Verbündeten, seine Missachtung von internationalen Übereinkommen und Bündnissen, aber auch seine Faszination vor Diktatoren, wie  Kim Jong-un, entspringe seinem, vom Vater systematisch angezüchteten Narzissmus ohne Grenzen und der Verachtung von allem, was für ihn nach Schwäche oder Kompromiss aussieht.

Er halte sich selbst für ein unschlagbares Genie ohne Gleichen. Und weil er sich selbst so sehe, könnten seine Kritiker auch nur mit der Unfähigkeit von Versagern geschlagen sein. Menschlichkeit, Empathie, Mitleid, Selbstkritik, dazu sei Donald Trump nicht fähig. Dies alles seien für ihn nur Zeichen von Schwäche; und Schwäche sei für ihn wie für seinen Vater schon immer inakzeptabel gewesen. Deshalb trample Trump auch besonders gerne auf den Schwachen herum. Wozu er fähig sei, das sei vor allem Grausamkeit. Dies, gepaart mit einer extrem rassistischen Haltung, habe dazu geführt, dass die US-Gesellschaft heute nicht nur gespalten, sondern in unglaublichem Maße zerrissen sei. Deshalb habe Donald Trump auch überhaupt keine Hemmungen gehabt, Migrantenkinder von ihren Eltern zu trennen und zu internieren (Mary Trump spricht von Konzentrationslagern).

Mary Trump zu Donald Trumps Verhalten damals und heute wörtlich:

“Donald fasst jeden Tadel als Herausforderung auf und verstärkt dann noch das kritisierte Verhalten, als wäre Kritik eine Erlaubnis, sich danach noch schlimmer aufzuführen. Fred (Anm. Donalds Vater) gefiel Donalds Starrsinnigkeit. Sie signalisierte die Art von Stärke, er von seinen Söhnen erwartete. 

 

Fünfzig Jahre später sterben buchstäblich Menschen aufgrund seiner katastrophalen Entscheidungen und seiner desaströsen Tatenlosigkeit. In einer Zeit, in der Millionen Leben auf dem Spiel stehen nimmt er Vorwürfe über das Versagen der Regierung, Beatmungsgeräte zur Verfügung zu stellen, persönlich und droht damit, den Bundestaaten, deren Gouverneure ihm nicht genügend gehuldigt haben, Finanzmittel und lebensrettende Ausrüstung vorzuenthalten. – Das überrascht mich nicht. Die ohrenbetäubende Stille, die als Antwort auf eine so unverhohlen zur Schau gestellte, psychopathische Missachtung menschlichen Lebens und der Konsequenz des eigenen Handelns folgt, erfüllt mich mit Verzweiflung und ruft mir in Erinnerung, dass Donald letztlich nicht wirklich das Problem ist. All das ist das Resultat davon, dass man Donald fortwährend alles hat durchgehen lassen und er nicht nur für seine Misserfolge sondern auch für seine Verfehlungen belohnt wurde. Gegen die Tradition, gegen den Anstand, gegen das Gesetz und gegen seine Mitmenschen. Sein Freispruch, im Rahmen des heuchlerischen Amtsenthebungsprozesses, war eine weitere solche Belohnung für schlechtes Benehmen.

 

In seinem Bewusstsein mögen die Lügen im selben Moment zur Wahrheit werden, in dem er sie äußert. Aber sie bleiben immer noch Lügen! Für ihn ist das nur eine weitere Möglichkeit auszutesten, womit er davon kommen kann. Und bislang ist er mit allem davon gekommen.”

Beeindruckend auch am Ende des Buches Mary Trumps Epilog, der die Überschrift “Der zehnte Kreis” trägt. Dieser Epilog gleicht einem finalen psychopathologischen Gutachten. 

Wie schon eingangs geschrieben: Was für ein Buch! Ich kann nur hoffen, dass vor allem die eisernen Unterstützer Trumps es lesen und erkennen mögen, dass sie sich bei weiterer Unterstützung möglicherweise selbst an Verbrechen gegen die Menschlichkeit mitschuldig machen könnten. 

Bleibt zu hoffen, dass das Buch mit Blick auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen sein Wirkung nicht verfehlt. Wenn die Mehrheit der Amerikaner noch für die Werte ihrer Verfassung steht, sollte es das eigentlich. Und es sollte eigentlich auch den Blick das naivsten Noch-Trump-Anhänger wenden. so er für amerikanische Werte stehen mag.

Prädikat: Überaus lesenswert – aber auch das Gemüt überaus in Anspruch nehmend. 

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Ein Kommentar:

  1. Hildegard Lingen-Schuh

    Dieses Buch sollte jeder politisch interessierte Mensch lesen. Wir nehmen die Errungenschaften der Demokratie, Presse- u.a. Freiheiten als so selbstverständlich hin, dass wir nicht erkennen, dass ein einziger Soziopath wie Donald Trump u.a., ausgestattet mit grösster Machtfülle und umgeben von willfährigen Chlaqueuren, die nur ihre eigenen Pfründe sichern wollen, alles zerstören kann. Hoffentlich wacht das amerikanische Volk noch rechtzeitig vor der Wahl auf. Mary Trump muss bewundert werden für ihren Mut, diesen Monster-Präsidenten psychoanalytisch zu sezieren.

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