Die SARS-CoV2-Pandemie im Lichte neuer Erkenntnisse:

Die Argumente gehen aus

Autor: Kurt O. Wörl

Nun, ich weiß nicht wie es Ihnen geht, liebe Leser, aber mich beschleicht allmählich ein überaus ungutes Gefühl, wenn ich die weltweite und vor allem die uns betreffende, deutsche und bayerische Lockdown-Politik im Lichte einer überaus ambivalenten Nachrichtenlage betrachte.

Und letztere fiel offenbar auch der Kanzlerin aller Deutschen auf, welcher die Diskussionen um mögliche Lockerungen der Freiheitseinschränkungen als “Diskussionsorgien” sauer aufstießen (diese merkel’sche Wortschöpfung hat das Zeug dazu, zum neuen Unwort des Jahres 2020 zu werden). Angela Merkel weiß also um die sich mehrenden Zweifel an den mit den Ländern vereinbarten Maßnahmen. Zu Herzen nehmen wird sie sich diese sehr wahrscheinlich nicht, wir kennen zugut ihre Beratungsresistenz ggü. Kritik jedweder Art.

Zwar halte ich die vielen irren Verschwörungstheorien, die sich inzwischen um diese Pandemie und das Verhalten der Politik dabei ranken, nach wie vor für puren Unsinn und in der Tat war ich sehr angetan von der anpackenden Entschlossenheit sowohl der Bundesregierung als insbesondere auch der Bayerischen Staatsregierung. Dies war noch zu einer Zeit, als noch viel zu wenige Fakten zu diesem neuartigen Virus bekannt waren. Nach dem Prinzip “Vorsicht heißt die Mutter der Porzellanpuppe” war ich, wie sicher die meisten Menschen in unserem Lande, sehr froh darüber, dass uns Bilder, wie sie uns aus Italien und nun auch in den USA bekannt wurden, in Deutschland erspart blieben. Besonders der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat sich als Macher in der Krise überaus bewährt. Und das spiegelt sich auch in seinen persönlichen Umfragewerten, aber auch in jenen seiner Partei, der CSU, wider: derzeit liegt die CSU bei der sog. Sonntagsfrage wieder knapp bei 50% in der Wählergunst. Umso mehr sollte Söder aber jetzt darauf achten, dass er diese Zustimmung nicht selbst zum bloßen Strohfeuer werden lässt. Denn:

Meine bereits ganz zu Beginn der Pandemie-Abwehrmaßnahmen geäußerten Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen. Mir war nämlich klar: es wird vergleichsweise einfach sein, massive, in die Grundrechte und die Freiheit der Menschen eingreifende Maßnahmen anzuordnen. Aber es würde sehr viel schwieriger werden, solche im Lichte neuer Erkenntnisse neu zu bewerten und den Mut zu haben, als überzogen erkannte Maßnahmen wieder zurück zu nehmen. Bei der Anordnung des Lockdowns konnte die Politik nämlich noch “die Hände in Unschuld waschen” und auf die, von Beginn an alarmistisch auftretenden Sprecher des Robert Koch-Instituts (RKI) verweisen, frei nach dem Motto: die Wissenschaftler sagen “haltet die Welt an”, wir nicht sachkundigen Politiker glauben der Wissenschaft und halten vernünftiger Weise die Welt an! So weit, so verständlich:

Doch erst mit der Rücknahme von Lockdown-Bestimmungen beginnt der eigentliche Zwang zur Übernahme politischer Verantwortung, vor allem dann, wenn der Rat der Wissenschaft immer polyphoner wird. Es wird dann für jeden Politiker schwierig, aus der zunehmenden Kakophonie der Meinungen das für sie Entscheidende noch herauszufiltern.

Zu Beginn waren es vor allem das RKI, eine knappe Handvoll weiterer Virologen und vor allem der SPD-Politiker Prof. Karl Lauterbach, selbst Epidemiologe, die unisono zum harten Lockdown rieten. Offenbar wollte man der Bevölkerung mit größtmöglicher Angstmache gegenübertreten (ein entsprechendes “Papier” des Bundesinnenministeriums wurde hierzu geleakt), um die Maßnahmen durchzusetzen. Die Bevölkerung – auch ich – zog also mit und noch unterstützen sicher die Allermeisten diese Vorgehensweise. Aber das Vertrauen in Politik und in einige beteiligte Wissenschaftler bröckelt und das aus gleich mehreren Gründen:

Zum einen treten die Virologen überhaupt nicht mehr unisono auf. Es ist da ein deutlicher Unterschied zwischen der täglich wiederkehrenden “Predigt” Prof. Lothar H Wielers vom RKI, die sich im Wesentlichen im Verkünden der aktuell registrierten Infektionszahlen und dem Hinweis erschöpft und den Äußerungen, dass “wir uns erst am Beginn der Epidemie” befänden und den Einschätzungen anderer Virologen. Dabei fällt eine neue Sprachregelung auf: man spricht von einem “zarten Pflänzchen” und einem “zerbrechlichen Hoffnungsschimmer”. Ein wirkliches Reflektieren und Abwägen erspart sich das RKI tunlichst. Vor allem fiel das RKI bisher durch überaus merkwürdige Postulate und “Empfehlungen” auf. Eine der unverständlichsten Empfehlungen war z.B., dass bei Verstorbenen, bei welchen das Virus nachgewiesen wurde, keine Obduktionen vorgenommen werden sollen. Damit griffen die RKI-Virologen in den Hoheitsbereich der Pathologen ein. Das ließen sich zumindest Hamburger Gerichtsmediziner nicht gefallen und untersuchten trotzdem Verstorbene, bei welchen vorher eine Corona-Infektion diagnostiziert wurde, mit gar nicht so überraschendem Ergebnis. Der Chef der Hamburger Gerichtsmedizin, Prof. Klaus Püschel jedenfalls verkündete in der zweiten Aprilwoche:

„Dieses Virus beeinflusst in einer völlig überzogenen Weise unser Leben. Das steht in keinem Verhältnis zu der Gefahr, die vom Virus ausgeht. Und der astronomische wirtschaftliche Schaden, der jetzt entsteht, ist der Gefahr, die von dem Virus ausgeht, nicht angemessen. Ich bin überzeugt, dass sich die Corona-Sterblichkeit nicht mal als Peak in der Jahressterblichkeit bemerkbar machen wird …“

Focus: Rechtsmediziner warnt vor Corona-Wahnsinn: „Kein Grund für Todesangst”

Dann ist da Prof. Christian Drosten, vom Institut für Virologie der Charité in Berlin. Er war bis vor zwei Wochen der Virologe meines Vertrauens, weil er stets sehr gewissenhaft zwischen Wissen und Vermutung zu unterscheiden vermochte. Er ist nach wie vor für die Beibehaltung eines strengen Kontaktverbotes und ein vehementer Kritiker der nun vorgesehenen Lockerungen im Lockdown. Er tingelt mit immer derselben Botschaft von Talkshow zu Talkshow und ignoriert – ähnlich wie das RKI – neue Erkenntnisse aus Studien und den Erfahrungen aus Schweden, das nahezu ohne Grundrechts- und Freiheitseinschränkungen nicht minder erfolgreich die Herausforderungen dieser Pandemie meistert und vor allem auf eine Massenimmunisierung setzt. – Ich frage mich inzwischen bei Drostens öffentlicher Präsenz, wann er eigentlich Zeit für seine wissenschaftliche Arbeit hat. Mein Vertrauen hat er sich mit seiner schon wirklich penetrant wirkenden Ignoranz vor den gesellschaftlichen Folgen des Lockdowns jedenfalls selbst entzogen. Vieles erinnert an bloße Rechthaberei.

Und dann ist da mein aktueller Favorit unter den Virussachverständigen, der HIV-Forscher Prof. Hendrick Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Bonn, der aktuell als einziger seiner Zunft wirklich auch für uns Laien erkennbar empirische Forschung zur SARS CoV2-Epidemie leistet und dabei auch über den Tellerrand seiner Profession hinausblickt. Er hat das Naheliegende getan, nämlich mit anderen Wissenschaftlern im besonders heftig betroffenen Kreis Heinsberg (in der Gemeinde Gangelt) eine Studie begonnen, welche u.a. die tatsächliche Ausbreitung, die Letalität und Mortalität des Corona-Virus ermitteln sollte. Davon wurde bereits ein Zwischenergebnis veröffentlicht und das lautet so: 

Bei 15 Prozent der untersuchten Bewohner Gangelts konnte eine Infektion nachgewiesen werden. 

Die Sterblichkeitsrate liegt in Gangelt bei nur 0,37 Prozent.

Zum Vergleich: Die Johns-Hopkins-Universität behauptet, sie läge bei 1,98 Prozent – also fünf Mal höher.

Der Tagesspiegel: Das sind die ersten Lehren der Heinsberg-Studie

Das hieße, jeder Siebte in Gangelt wäre bereits immun – und das war bereits vor 14 Tagen! Die Bekanntgabe der bisherigen Studienergebnisse im Ganzen soll in Kürze erfolgen.

Die früh veröffentlichten Vorabergebnisse wurden – für mich fast erwartungsgemäß – von den Hardlinern für den harten Lockdown sofort unter massiven Beschuss genommen und Hendrick Streeck selbst gleich dazu. Man könnte dies ohne Weiteres auch als ganz normalen wissenschaftlichen Diskurs betrachten. Die Falsifizierung ist sogar zwingend erforderlich, um Fehler oder Fehlinterpretationen im wissenschaftlichen Raum zu vermeiden. Doch dann sollten widersprechende, wissenschaftliche Fakten vorgelegt werden und keine persönlichen Anwürfe. Denn was die Kritiker der Heinsberg-Studie offenbar nicht wussten: Parallel dazu fand in Santa Clara County, Kalifornien, eine weitere, noch breitere Untersuchung in den USA statt. Wichtigstes Ergebnis:

Durch einen großangelegten, repräsentativen Antikörpertest konnte gezeigt werden, dass das neue Coronavirus viel verbreiteter ist als angenommen. Die Wissenschaftler fanden in der Region Antikörper bei 50 bis 85 Mal mehr Menschen als bisher angenommen. Das würde die Sterberate auf 0,12 bis 0,2 Prozent senken. – Alle Risiken bewegen sich demnach im Bereich einer alljährlich wiederkehrenden Grippewelle.

Studie: COVID-19 Antibody Seroprevalence in Santa Clara County, California (PDF)

Was mich einigermaßen beruhigt ist, dass sich die Politik zunehmend gegen das anhaltend harte Diktat seitens der  Hardliner unter den Virologen und Epidemiologen wehrt. Zum einen muss die Politik auch die massiven gesellschaftlichen Auswirkungen berücksichtigen. Und es melden sich inzwischen eben auch Wissenschaftler anderer Fachgebiete zu Wort, welche über den Tellerrand der Virologie hinausblicken. Genaugenommen gehen der Politik die Argumente aus, mit welchen sie das Fortdauern der Grundrechts- und Freiheitseinschränkungen noch begründen könnten.

Und was ich überhaupt nicht verstehe: Wenn es wirklich in erster Linie darum geht, die Hauptrisikogruppe, also Bürger jenseits des 60ten Lebensjahres (ich gehöre dazu!) vor dieser Epidemie zu schützen, warum um alles in der Welt werden dann nicht die allerwichtigsten, erforderlichen Maßnahmen ergriffen? Warum werden nicht vorrangig die Pflegerinnen und Pfleger – auch die Reinigungskräfte – mit allerbester Schutzkleidung ausgestattet? Wo sind die Virenschleusen in den Altenheimen und wo die Desinfektionsräume? Wo?

Jedenfalls: Würde der harte Kurs beibehalten, könnte der tatsächliche Schaden – nicht nur wirtschaftlicher Art – am Ende jenen, welchen das Virus ohne solche Maßnahmen anrichten könnte, bei weitem übersteigen: Man denke an Kindesmisshandlungen entnervter Eltern, man denke an häusliche Gewalt, man denke aber auch an ein mögliches Anschwellen der Suizidrate, weil Existenzen in kaum zu ahnendem Ausmaß vernichtet wurden und Menschen keinen anderen Ausweg mehr sehen. Über die zu erwartenden gesundheitlichen und vor allem psychischen Folgen in breiten Gesellschaftsschichten will man gar nicht erst nachdenken. Der Mensch ist nun einmal ein soziales Wesen. Und bedenken muss man wohl auch, was der Lockdown vor allem jenen Menschen antut, um deren Schutz es angeblich geht: den Alten – vor allem in den Altenheimen. Ich weiß wovon ich spreche, unsere Oma (97), noch körperlich und geistig überaus fit, leidet unsäglich unter dem Kontaktverbot. – Ihr allwöchentliches Highlight war bisher, dass sie die Wochenenden bei uns verbringen konnte. 

Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin kein Virologe, kein Psychologe, kein Arzt und auch kein Soziologe, kann also nur mit Logik und Meinung eines Laien auftreten. – Ich fand es anfangs richtig gut, dass schnell reagiert wurde, solange das Wissen über diesen Virus noch karg war. Aber wir wissen heute einiges mehr. Anders als es sich Angela Merkel wünscht, bin ich sehr dafür, dass die Diskussion noch sehr viel heftiger anschwellt und Wissenschaftlern wie Politikern tief ins Gewissen dringt, auf dass sie täglich, besser stündlich überlegen, ob das, was sie tun, das Richtige sein kann. 

Gesundheitsminister Jens Spahn ahnt womöglich schon, was auf die Regierung zukommen könnte und baut vor: DIE WELT zitiert ihn mit den Worten:

“Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich einander viel verzeihen müssen. Auch ich werde in einem halben Jahr möglicherweise feststellen müssen, dass ich nicht in jeder Lage immer richtig gehandelt habe.”

Hat er nicht, das weiß man jetzt schon (Einschätzung des Virus, Masken usw.). Ja, und genau das befürchte ich für eine Reihe Politiker, die jetzt noch den “harten Hund” geben und sowohl die Studien wie auch das Ergebnis des schwedischen Sonderweges ignorieren.

Was bleibt also? Es bleibt nur zu wünschen:

Möge die Macht mit Ihnen sein! – Besser noch die Menschlichkeit!

Faustisch: Das Corona-Komplott (Dank an die Drehbühne Berlin)

Bild von Ursula Schneider auf Pixabay


Lesen Sie auch:

Dank und Sorge über Ungereimtheiten

Lesen Sie auch:

Corona wird Veränderungen bringen

Lesen Sie auch:

Pandemie: Chor der Gefangenen

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.