Fundsache: Der "Obermessdiener" macht die AfD rund:

Eine Büttenrede fürs Geschichtsbuch

gefunden von Kurt O. Wörl

“Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht 2020″, die “Meenzer” Fasnachtsendung vom letzten Freitag wird in Erinnerung bleiben. “Obermessdiener am hohen Dom zu Mainz”, Andreas Schmitt, der als Sitzungspräsident auch durch die Sendung führte, hielt eine Büttenrede, die Geschichte schreiben wird.

Eine Rede, wie sie früher vielleicht Herbert Wehner oder Franz Josef Strauß als politische Rede im Bundestag gehalten hätten: Leidenschaftlich, zornig – und jeder Tusch in dieser Rede wirkte überaus berechtigt.

Schmitt hielt nach den Attentaten in Hanau eine Wutrede auf die AfD und den rechten Sumpf. Die Zustimmung des Publikums wirkte echt, teilweise frenetisch. Diese Rede hatte es in sich und auch ich konnte mir ein langezogenes “Wow” nicht verkneifen. Aber hören Sie selbst (unterhalb des Videos der Text zum Mitlesen):

Der Text zum Mitlesen:

“Jeder Fußballverein, ich sage es gern,
hat seine Seniorenmannschaft, die alte’ Herrn.
A Parteien habe’ sowas, ohne Stresstess. (?)
Bei der AfD denkt so mancher, dort war’s die SS.
Wie ich dene’ ihr’n Bundesreichsparteitag im Fernseh’n betracht,
da hätt’ Leni Riefenstahl a noch an Film drau’s gemacht.

Der Gauland im Hundeschnetz für finst’res Gewafe,
da war’n die erste Köter schon an Tollwut gestorbe.
So wie der aussieht, denkt der sich bestimmt,
dass Messi wohl von Messias herkimmt.
Demokratie beibringe, dene Pomeranze,
eher lernste ‘ner Wildsau Lambada tanze.

 

Und in Interviews, fast einen jedem,
hört mancher sicher gerne in Nazi-Rhetorik reden.
Ich hab’ eine Botschaft, ganz ohne Frach,
hört genau zu, ich kann das aach:

 

Die Demokratie, die werden wir schützen.
Eure Gesinnung wird euch nichts nützen.

 

Unsere Kinder werden nicht mehr für euch erfrieren,
auf keinem Schlachtfeld mehr krepieren
und auch nicht kämpfen bis zuletzt,
während ihr euch in den Führerbunker setzt.
Sie vor Euch zu schützen ist erste Bürgerpflicht.
Mainz ist weltoffen. Ihr nehmt uns die Freiheit nicht.

Solltet ihr für jedes Nazi-Opfer eine Schweigeminute gestalten, 
müsstet ihr 38 Jahr‘ lang eure Schandmäuler halten.
Es war millionenfacher Völkermord, ihr braunen Wichte, 
und kein Vogelschiss der deutschen Geschichte. 

 

Die Morde von Hanau, die Schüsse auf die Synagoge in Halle, 
ob Juden, Christen, Muslime: Das war ein Angriff auf alle!

Wir leben hier zusammen, die Demokratie wird triumphieren, 

dieses Land werdet IHR niemals regieren!“

Toll, nicht wahr? Auch ich fand das zunächst begeisternd und sah mich auf dem Sofa spontan applaudieren. Zunächst, wie gesagt!

Doch denkt man dann ein bisschen nach, dann kommen auch Zweifel, ob es wirklich richtig sein kann, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Nazi-Vergleichen seine Wut zum Ausdruck zu bringen. Die Nazi-Verbrechen sind unvergleichlich und wer solche doch anstellt, der stellt sich eigentlich regelmäßig selbst ein Armutszeugnis aus. Er agiert nämlich nicht minder populistisch wie die Kritisierten.

Dasselbe gilt fürs Persönlichwerden. Man kann ja gegen Alexander Gauland trefflich jede Menge berechtigte und auch harte Kritik anbringen und selbst Polemik ist in der politischen Auseinandersetzung durchaus hinzunehmen. Aber die Verächtlichmachung von Menschen anhand der äußeren Körperlichkeit hat mit dem “Aufstehen gegen Rechts” nichts mehr zu tun. Das verbietet sich erst recht dann, wenn der Redner körperlich selbst eine ziemliche große Angriffsfläche bietet. Wer sowas  trotzdem macht, der stellt sich – sicher ohne es zu wollen – auf eine Stufe mit jenen, die einst glaubten anhand der Physiognomie “bessere” Menschen von “minderwertigen” unterscheiden zu können. – Das war einfach völlig daneben.

Ja, so befreiend, wie ein Nießerer bei verstopfter Nase, Schmitts Büttenrede auch war, sie war aber eben auch zutiefst populistisch – und deshalb konnte sie auf das Publikum – und auch auf mich – diese Wow-Wirkung erzielen.

Vielleicht sollte man aber bei einer so hochpolitischen Büttenrede – vor allem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – auch ein paar Worte an das politische Gegengewicht, an die andere Seite der selben schmuddeligen Medaille, richten. Dahin, wo in den Reihen der SED-Nachfolger die gleichen Demokratiefeinde mit ganz ähnlich populistisch-demagogisch funktionierenden Hirnwindungen ihre Heimat haben und welche Gewalt ebenfalls als legitimes Mittel im politischen Kampf betrachten. Wer es nicht glaubt, auf den linksextremen indymedia-Seiten (wegen des teilweise hochkriminellen Inhalts nicht verlinkbar) oder bei den linksextremen “Antideutschen” in der Linkenpartei wird man über alle Maßen fündig. Schon immer war die Spirale des politischen Hasses eine Doppelhelix, deren linker und rechter Strang sich gegenseitig im Hass bestätigen, aus Hass speisen, immer neuen Hass generieren und sich  dabei gegenseitig in schwindelnde Höhen treiben. – Ein “Rechts” ist ohne ein gleichlastendes “Links” eben gar nicht denkbar. – Daran ändert auch der nun groß angelegte mediale Versuch nichts, sich die SED-Nachfolger jetzt schön zu saufen, um aus der – völlig berechtigten – Hufeisenbetrachtung herauszukommen und neue Mehrheiten, z.B. in Thüringen, zu ermöglichen. 

Der überaus eloquente Redner, Andreas Schmitt, er ist Sozialdemokrat. Ihm hätte ich auch ein hintersinniges Austeilen – in beide Richtungen zu den Spaltern der Gesellschaft hin – eigentlich schon zugetraut.

Trotz allem: Diese Büttenrede wird Geschichte schreiben, da bin ich mir sehr sicher. Viral ging sie jetzt schon. Ob sie auch der Spaltung der Gesellschaft entgegen wirken kann, wage ich indessen zu bezweifeln. Sie könnte auch genau das Gegenteil bewirken. Sie könnte aber auch die Parteien der Mitte evtl. wieder neues Leben einhauchen, auf dass sie endlich den Kampf gegen die Niedertracht von “Links” und “Rechts” wieder aufnimmt.

Foto: Screenshot ZDF


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