Pandemie: Bremen vs. Nürnberg

Ich hätte da ein paar Fragen

Autor: Kurt O. Wörl (geimpft und “geboostert”)

Das Pandemiegeschehen beobachte ich schon von Beginn an europaweit. Dass Deutschland streckenweise wie ein Dritte-Welt-Land durch diese Krise stolperte, ist inzwischen eine Binsenweisheit. Nachhaltig hat sich mein Bild von unserem Land, das wie festgebrannt als Verwaltungs- und Organisations-Weltmeister in meinem Kopf verankert war, verändert. Woran dieser Niedergang liegen mag, das wäre einen eigenen Aufsatz wert. Hauptgrund dürfte sein, dass heute politische Posten nicht mehr nach Expertise, sondern nach Proporzaspekten und Genitalienausstattung vergeben werden. Sei’s drum.

In den letzten Tagen fiel mir jedenfalls auf, dass ausgerechnet das Bundesland mit der am weitesten fortgeschrittenen Impfkampagne mit Inzidenzwerten jenseits von Gut und Böse aufwartete. Das veranlasst mich, die Situation in Bremen mit der meiner Geburtstadt Nürnberg zu vergleichen. Und der Vergleich generiert Fragen.

Das “Bundesland” Bremen sticht aktuell aus zwei Gründen in dieser elenden Pandemie hervor:

  1. Es hat die höchste Impfquote in Deutschland erreicht
    (Erstimpfung 88,5%, Zweitimpfung 85,4%, Booster  52,9% – Stand 18.01.2020)
  2. Bremens Inzidenzwert ist aktuell der höchste aller Bundesländer (1.297,4).

Das überrascht nun doch einigermaßen und ist für mich Anlass, Vergleiche mit meiner Geburtsstadt Nürnberg anzustellen. Bremen und Nürnberg sind von der Einwohnerzahl her vergleichbar:

  • Bremen hat ca. 566.000 Einwohner
  • Nürnberg hat ca. 515.000 Einwohner

Beide Städte haben auch einen ähnlichen Altersdurchschnitt der Bevölkerung, sodass die Auswirkungen der Pandemie, mit Blick auf Hospitalisierung, Intensivstationen und Letalität vergleichbar sein sollten:

  • Bremen, Altersdurchschnitt 43,7
  • Nürnberg, Altersdurchschnitt 43,4

Es gibt sicher auch noch strukturelle Unterschiede, etwa, dass in Nürnberg ein nicht nur um Nuancen besseres, bayerisches Bildungssystem als in Bremen wirkt. Sicher unterscheiden sich die Städte auch kulturell, wirtschaftlich und erstrecht politisch (Bremen ist rot-rot-grün regiert, Nürnberg und das Land Bayern bürgerlich). Doch diese eher soziologisch-demoskopischen Faktoren sollen hier nicht weiter beachtet werden.

Der Vergleich

 

1. Die Infektions-Zahlen

Dann wollen wir die beiden Städte anhand der vom Robert-Koch-Institut veröffentlichten Zahlen also einander gegenüberstellen und sehen, welche Erkenntnisse man daraus gewinnen kann (alle Daten Stand 18.01.2022):

Stadt Inzidenz Gesamt-
infektionen
Todesfälle aktive Infektioen Genesene

Bremen

Nürnberg

1.297,4

526,6

67.153

66.130

624

1.114

16.900

4.848

49.700

60.160

Neben den stark differierenden Inzidenzwerten können wir feststellen, dass in Bremen und Nürnberg vergleichbar viele Gesamt-Infektionen seit Ausbruch der Pandemie festgestellt wurden. Auffällig ist, dass Nürnberg fast doppelt so viele Todesfälle wie Bremen verzeichnen musste, dass Nürnberg aber bereits sehr viel mehr Genesene aufweist.

2. Der Impffortschritt

Stadt Vollständig geimpft Auffrisch-Impfung verabreichte
Impfdosen pro 100 Einwohner

Bremen

Nürnberg

85,4%

71,1%

52,9%

40,1%

226,8

179,4

Ohne Wenn und Aber ist Bremen in Deutschland Impfmeister. Bei der Grundimmunisierung liegt Bremen 14,3% und bei den Auffrisch-Impfungen 12,8% vor Nürnberg. Das sollte sich besonders bei der Hospitalisierung, und bei der Belegung von Intensivbetten auswirken. Also vergleichen wir die Zahlen der beiden Städte anhand des DIVI-Intensivregisters: 

3. Die Lage auf den Intensivstationen

Stadt Intensivbetten
gesamt
davon von COVID19-Patienten
belegt
COVID19
Patienten auf Intensivstation
davon invasiv beatmet

Bremen

Nürnberg

138

154

18,12%

14,29%

25

22

17

12

Beim Betrachten der Tabellen stellen sich Fragen, auf die ich gerne von Wissenschaft und Politik Antworten hätte, vielleicht lassen sie sich ja schlüssig beantworten:

  1. Wie kann es sein, dass der etwa um 10% bevölkerungsreichere Stadtstaat Bremen weniger Intensivbetten zur Verfügung hat als die Stadt Nürnberg?
     
  2. Wieso belegen in Bremen, der Stadt mit dem weitesten Impffortschritt in Deutschland, mehr COVID19-Patienten Intensiv-Betten, werden mehr COVID19-Patienten invasiv beatmet als in Nürnberg, das mit dem Impfen deutlich im Rückstand ist?
     
  3. Wieso weist ausgerechnet Bremen bundesweit die höchste Inzidenz auf, während in Nürnberg nicht einmal die halbe Inzidenz Bremens vorweist?
     
  4.  Welchen Einfluss hat dann die Impfkampagne überhaupt noch auf den Pandemieverlauf? Die Zahlen lassen eine Wirkung des großen Impfvorsprungs Bremens schlicht nicht erkennen.
     
  5. Was soll man davon halten, dass europaweit die Inzidenzen durch die Decke gehen, im Bundesland Sachsen, das Bundesland mit der niedrigsten Impfrate in Deutschland, seit Tagen die Inzidenz aber im Sinkflug ist (aktuell 232,0)?
      
  6. Und die wohl aktuell drängenste Frage: Wenn die Impfkampagne seit Auftritt der Omikron-Variante offenbar keine Auswirkung auf den Inzidenzwert und vor allem auf die Belastung des Gesundheitssystems mehr hat, wie Bremen und Sachsen aktuell zeigen, was soll dann diese völlig überflüssige Kakophonie zu einer Impfpflicht, die nur weitere Spaltkeile und Unruhe in die Bevölkerung treibt?

Ob wir in den kommenden Tagen und Wochen darauf Antworten bekommen? Allerdings erkennt man bereits erste Rückszugsbestrebungen, allen voran bei Bayerns Top-Opportunisten, Ministerpräsident Markus Söder. Der Vorprescher und Erfinder des – erfolglosen! – “Teams Vorsicht” besinnt sich aktuell einmal mehr um. Das könnte freilich auch an seinen dramatisch schwindenden Zustimmungswerten liegen. Nach aktuellen Umfragen erhielte seine 50+verwöhnte CSU, wäre am nächsten Sonntag Landtagswahl, nur noch 35% der Wählerstimmen. – Und 2023 stehen in Bayern Landtagswahlen an!

Es bleibt spannend!


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