Ein TV-Triell ohne jeden Nutzen:

Öde, langweilig und miserabel moderiert

Autor: Kurt O. Wörl

Im Grunde kann man sich dieses Format zur Vorstellung der Kanzlerkandidaten sparen. Und den Kanzlerkandidaten kann man nur raten, sich von ihren “Beratern” zu emanzipieren – oder besser noch – auf solche zu verzichten. Diese schmerzhafte Lehre hatte bereits Martin Schulz (SPD) im Wahlkampf 2017 machen müssen. Wer schnappsigen Ideen von Spin-Doktoren folgt, wird vor den Kameras immer nur eine Rolle spielen, die alles andere als Authentizität vermittelt – und das merken die Zuschauer. Souverän wirkte gestern jedenfalls keiner der drei Bewerber ums Kanzleramt.

Bei Armin Laschet wurde überaus deutlich, dass er – zwanghaft wirkend – den Auftrag vom CSU-Parteitag, Olaf Scholz zu attackieren, umsetzen wollte, damit aber vor allem weitere Sympathiepunkte einbüßte, von welchen er durch eigene Fehler ohnehin zu wenig besitzt. Laschet ist am glaubhaftesten, wenn er bei der ihm sonst eigenen nüchternen Sachlichkeit bleibt. Leider wollte er den bayerischen Chefpolemiker Markus Söder kopieren und das ging mächtig schief. – Außer Naserümpfen konnten seine Attacken auf Scholz nichts bewirken.

Olaf Scholz blieb wie immer im Ungefähren, ließ sich auf nichts festlegen und blieb bei seiner Strategie, kritische Fragen zu Wirecard, zur Hausdurchsuchung in seinem Ministerium, zum Steuerskandal und zum G20-Gipfel an lächelnder Teflonbeschichtung abtropfen zu lassen.

Annalena Baerbock sprach mit ihrer knarzigen MickeyMouse-Stimme (man kann ihr einfach nicht längere Zeit zuhören) offensichtlich gar nicht mehr zu allen Wählern, sondern nur noch motivierend zu ihrer Stammwählerschaft. Sie weiß natürlich längst, dass ihr Kanzlerinnentraum selbstverschuldet passé ist und wenn sie noch klar denken kann, dass Robert Habeck der aussichtsreichere Kandidat für die Grüninnen gewesen wäre.

Und mal ehrlich: Haben Sie irgendetwas von dieser Veranstaltung mitnehmen können oder wenigstens in Erinnerung behalten? Ich kann mich an keinen einzigen Aha-Moment erinnern. Es plätscherte so dahin, die Antworten der Kandidaten waren vorhersehbar, sie nutzten dasselbe floskelhafte Vokabular, das sie immer von sich geben, konkrete Fragen wurden nicht beantwortet und neue Aspekte gab es auch keine, die sich irgendwie auf eine Wahlentscheidung hätten auswirken können. – Die Sendezeit hätte man sich sparen können.

Wie das Amen in der Kirche wurden Olaf Scholz und Annalena Baerbock von den Moderatoren genötigt preiszugeben, ob man – wenn sich die Gelegenheit ergäbe – das Abenteuer einer rot-rot-grünen Chaoskoalition ausschließen würde. Die Antworten – wie immer – ausweichend.

In gewisser Weise habe ich dafür sogar Verständnis. Denn sollte das Wahlergebnis rechnerisch Rot-Rot-Grün ermöglichen, dann hätten Scholz und Baerbock damit ein wirkmächtiges Folterinstrument gegen die nun offensichtlich regierungswillige FDP in der Hand. Warum also sollten die beiden Kandidaten auf dieses Brandeisen ggü. der Öffentlichkeit verzichten? – Ich würde an Scholz’ und Baerbocks Stelle diesen taktischen Vorteil auch nicht aus der Hand geben. Es ermöglicht beiden, die FDP ggü. deren Wähler wortbrüchig werden zu lassen, denn die FDP verspricht “keine Steuererhöhungen!”, während Scholz und Baerbock solche für unvermeidbar halten. Das zeigt, wie weltfremd und naiv deutsche, vor allem öffentlich-rechtlich alimentierte Journalisten bisweilen auf  die deutsche Politik blicken.

Interessant jedenfalls Baerbocks Haltung zur Linkspartei, die in Teilen vom Verfassungsschutz überwacht wird. Diese dürfe, so Baerbock, keinesfalls mit der AfD gleichgesetzt werden, da letztere eine rassistische, antidemokratische Partei sei, während die Linke eine demokratische wäre. Falsch! Es war wohl Helmut Kohls größter Fehler und unverzeihlichstes Versäumnis, es unterlassen zu haben, für die SED und alle Nachfolgeorganisationen das Verbot der Wiederbetätigung anzustreben, wie es 1949 gegen die Nazis verhängt wurde. Parteien mit Diktaturgeschichte haben im Deutschland der Gegenwart m.E. keine Existenzberechtigung.

Notabene

Beide Parteien sind sehr wohl vergleichbar weil sie die sog. Hufeisentheorie (vgl. interessanter Kommentar in der WELT) nicht nur bestätigen, sondern mit Leben erfüllen. Die Ziele beider Parteien liegen außerhalb des demokratischen Spektrums, beide Parteien verfolgen Ideologien, welche die bestehende, freiheitliche Rechtsordnung und die offene Gesellschaft “überwinden” wollen, beide Parteien dulden Rassisten (Antideutsche hier, Ausländerfeinde dort) und in beschämender Weise Antisemiten in ihren Reihen, beide zeigen sich nachsichtig gegen gewaltbereite Anhänger ihrer Politik (AntiFa, Hausbesetzer und Autonome hier, Gewalt-Nazis wie die NSU dort), beide pflegen puren Sexismus (was für die Grüninnen allerdings auch zutrifft). Die Linke beherbergt in ihrem Ältestenrat zudem noch alte Funktionäre der SED wie etwa den Vorsitzenden des Gremiums, Hans Modrow sowie Wolfgang Grabowski und Christina Emmrich. In gewisser Weise waschen sich die Linken ihre Hände damit nicht in Unschuld sondern im Blut der Mauertoten – und finden gar nichts Schlimmes dabei. – Aber das nur am Rande.

Getoppt wurde die misslungene Veranstaltung aber von den beiden Moderatoren, ARD-Chefredakteuer Oliver Köhr und der ZDF-Polittalk-Moderatorin Maybritt Illner. Ersterer kam kurzatmig daher und Illner brachte – wie immer – die Zähne beim Sprechen nicht auseinander und verhaspelte sich oft. Sie fielen sich ständig selbst ins Wort, gerade so, als bestünde unter ihnen eine Art Wettbewerb. Manchmal konnte man fast den Eindruck gewinnen, die beiden stünden in einem Rosenkrieg. – Und es war auch eine gewisse Manipulationsabsicht erkennbar. Einer der wenigen Momente, der meine Aufmerksamkeit fesseln konnte, war, als Annalena Baerbock ansetzte, Olaf Schulz wegen dessen Politik zur Finanzaufsicht (Wirecard, Zoll und Schwarzgeldbekämpfung etc.) in die Ecke zu treiben. Genau hier, als es spannend wurde, unterbrach Chefredakteur Köhr und platziert ein anderes Thema. Schade, mich hätte dieser Schlagabtausch wirklich interessiert. 

Auch sonst war die Sendung grottenschlecht vorbereitet: Oft waren die Fragen an die Kandidaten derart kompliziert aufgebaut, dass diese immer wieder nach dem Kern der Frage nachhaken mussten – und das aktuellste Thema der Zeit, der missglückte, fluchtartige Abzug der Truppen aus Afghanistan, unter Zurücklassung der Ortshelfer und vieler Deutscher, wurde gar nicht erst angesprochen. Auch Migration schien den Moderatoren kein wichtiges Thema gewesen zu sein, obwohl es – wie der medial forcierte Klimahype – in der Gesellschaft allgegenwärtig ist. Sehr viel wichtiger war den Moderatoren wohl die gleichmäßige Redezeitverteilung unter den Kandidaten, die immer wieder verkündet und trotzdem nicht eingehalten wurde. 

So hatte die Sendung nur zwei Höhepunkte: Einmal als es – wie schon beim ersten Triell – wieder ein Gerumpel im Studio gab (beim ersten Triell knallte eine Kameradrohne gegen die Fensterscheiben des Studios, diesmal schien im Studio irgendetwas scheppernd zu Bruch gegangen zu sein) und als zweites bemerkenswertes “Highlight” ließ sich die Redezeit-Stoppuhr für Olaf Scholz nicht mehr stoppen. – Professionell wirkte das alles in keiner Weise. So einen TV-Murks sah man lange nicht mehr.

Immerhin, unter diesen Umständen konnte sich keiner der Kanzlerkandidaten wirklich blamieren und das zeigten auch die Umfrageergebnisse während und nach der Sendung. – Eine Veranstaltung für die Tonne!

Foto: Screenshot aus der Sendung


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