Eine unendliche Geschichte: Virologenstreit und Virologen-Bashing

Regenwolken überm Virologenland

Autor: Kurt O. Wörl

Seit Wochen müssen Virologen Irrtum um Irrtum einräumen (und wurden mehrfach überführt, in kurzen Abständen einfach Unwissen in die Mikrofone fabuliert zu haben und das immer mit dem Brustton der Überzeugung und bar jeden Zweifels). Und wem da im Laufe der Zeit Widersprüche auffallen und wer dann irritiert “Momemtmal!” ruft, der findet schnell ein Etikett mit Aufschriften wie “Verschwörungstheoretiker”, “Spinner”, “Fake-News-Verbreiter” an seinem Revers. – Bei manchen trifft das leider auch zu, doch in der Masse stimmt das nicht.

Und dieselben “Fachleute” fühlen sich dann auch noch beleidigt, wenn sie selbst dabei ertappt wurden, dass ihre vormaligen Weissagungen nicht präziser waren, als von jenen Dilettanten, die um die Lufthoheit über Stammtischen ringen oder jene des Orakels von Delphi – dem immerhin eine 50prozentige Trefferquote nachgesagt wird.

Das Schlimme daran: Es sind gerade die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten (noch vor den Politikern) die bei diesen exzessiven Diffamierungs-Pogromen (ja, mediale Progrome sind das) eine überragende Rolle spielen. Man darf sich schon fragen, welche eigene politische Agenda sie treibt.

Das macht mir persönlich inzwischen weitaus mehr Angst, als die Irrtümer und Falschbeurteilungen der Fachleute und die Richtungswechsel der Politik. Das belegt nämlich, dass die kritische Begleitung der Politik durch die öffentlich-rechtlichen Medien überhaupt nicht mehr funktioniert. Dabei wäre das deren originärste Aufgabe in der Berichterstattung, nämlich auch eine kritische Fehleranalyse zu betreiben, sodass es nicht verängstigten Menschen als Laien überlassen bleibt, oft unbeholfen ihre Irritationen in hingehaltene Mikrofone zu plappern, um sich dann noch als unbeholfene Angsthasen oder gar Dummköpfe oder gar als “Rechtsgesinnte” medial verhöhnen lassen zu müssen.

Unverständlich auch, warum aus den öffentlich-rechtlichen Medien immer wieder die Sonderwege der Bundesländer angeprangert werden. Ich kann daran absolut nichts Kritisierenswertes finden. Ganz im Gegenteil! Die föderale Struktur unseres Landes ermöglicht es, verschiedene Modelle der Pandemiebekämpfung parallel ausprobieren zu können, um von den Erfahrungen der anderen Länder jeweils profitieren zu können. Die Franzosen wären überaus froh, könnte man – wie in Deutschland – vor Ort die Dinge besser nach den Gegebenheiten handhaben, statt das starre Gerüst, das die Zentralregierung von Paris aus über das Land ausgebreitet hat, umsetzen zu müssen. Freilich ist unser Weg für die Journaille nicht ganz so übersichtlich, aber das muss er ja auch nicht sein.

Ferner: der Super-GAU zwischen dem Virologen Prof. Dr. Christian Drostenvon der Berliner Charité und der BILD-Zeitung einerseits und der Zwist zwischen Drosten und dem ebenfalls namhaften Virologen Prof. Alexander Kekulé, von der Universität in Halle, andererseits, werfen ein bezeichnendes Schlaglicht auf Zunft der Virologen und Epidemiologen. Ich will wahrlich nicht in das zunehmende Virologen-Bashing einstimmen, aber abgesehen davon, dass diese “Wissenschaft” zum größten Teil vor allem aus statistischem Handwerk besteht, muss man eben auch in der Politik einsehen, dass Fachberater, welchen im Wochenrhythmus “neue Erkenntnisse” vor die Füße fallen und die gleich mehrfach in den letzten Wochen 180-Grad-Wendungen in den Empfehlungen an die Politik” heran getragen haben, sich eben nicht als Primärberater eignen. Schon deswegen nicht, weil sie ihre Erkenntnisse ohnehin nur in Konjunktiven zu formulieren pflegen: “könnte”, “dürfte”, “sollte”, “müsste” … offenbar die Hintertüre, über die sie eine Woche später von ihren Thesen wieder ins Gegeneil abrücken können. 

Hinweise zur Erinnerung:

    • “Das Virus wird sich nicht ausbreiten” vs. Pandemiegefahr,
    • “Das Virus ist harmlos vs. “es ist sehr gefährlich”,
    • “Mund-Nasenschutz-Masken nützen nichts” vs. Maskenpflicht”,
    • “Keine Obduktionen” vs. Obduktionen deckten auf, dass Thrombosen und Embolien infolge der Infektion Haupttodesursache bei Corona ist (hätte man von Beginn an obduziert, hätten viele Menschen gerettet werden können),
    • “KITAS/Schulden schließen” vs. “KITAS/SCHULEN offen halten” usw.

Das ist kein Vorwurf an die Virologen. Gewiss nicht. Wissenschaft lebt ja vom strittigen Diskurs, den ich mir z.B. in der Klima-Debatte nur zu gern ebenfalls wünschen würde, wo er aber verweigert wird. Ich möchte meine Worte vielmehr als Aufmunterung an die Politik verstanden wissen, ihre Beraterteams mehr als bisher interdisziplinär zusammenzustellen. Psychologen, Soziologen, Kinderärzte, Pathologen, Sozialverbände, Kinderschutzbund usw. sie alle müssten sehr viel mehr in die politische Entscheidungsfindung und in den öffentlichen Diskussion zu dieser Pandemie eingebunden werden.

Das Wesentliche für die Politik: man kann den gerade aktuellen “Erkenntnisstand” der Epidemiologen zwar abfragen und im Hinterkopf behalten, aber für politische Entscheidungen, die für Zeiträume getroffen werden müssen, taugt diese wandelbare und damit flatterhafte Daten-Melange aus der Welt der Mikroben dann eben nicht. Die Politik muss sich breiter aufgestellt beraten lassen und mehr auf den eigenen, gesunden Menschenverstand setzen.

Beispiel: Dass Mund-Nasen-Schutz-Masken einen gewissen Schutz bieten, dafür bedarf es keines Virologie-Studiums: Wer im Physikunterricht aufgepasst hat, wird Kenntnisse über Filterwirkung und Strömungswiderstand noch abrufen können und zu dem Ergebnis kommen: selbst eine schlechte Maske ist besser als gar keine Maske. Hier kann das RKI die Ausrede “neuerer” Erkenntnisse nicht geltend machen. Vielmehr hat das RKI – vielleicht sogar auf Wunsch der Regierung? – die Wirkung von Masken bagatellisiert, weil trotz der Risikonanalyse aus 2012 keine Masken vorrätig gehalten waren. Man nennt sowas dann eine faustdicke Lüge – oder moderner: “Fake-News”.

Und auch das noch: bereits bevor die strittigen Studie Prof. Drostens, zur Infektiosität von Kindern, veröffentlicht wurde, gab es Studien, z.B. aus Island, welche Drostens Ergebnissen diametral entgegenstehen. Wenn er dann infolge der Angriffe durch die BILD-Zeitung selbst noch einräumen muss, dass die Studie mathematisch zu grob gestaltet wurde, ja warum um alles in der Welt legt er sie dann eigentlich der Öffentlichkeit vor? Das ist doch verantwortungslos, zumal Drosten genau weiß, wie sehr die Kanzlerin und einige Ministerpräsidenten ihm an den Lippen kleben. Es kommt für Drosten nun knüppeldick – und das zurecht: harsche Kritik vom Statistikprofessor Sir David Spiegelhalter, von der Uníversität Cambridge, harsche Kritik auch aus Belgien, von Prof. Herman Goossens, Mikrobiologe an der Universität Antwerpen.

Abschließend: Überaus unwürdig finde ich übrigens Drostens mimosenhafte Reaktionen und Beißreflexe auf die Kritik an seiner offenbar ganz und gar nicht ausgegorenen Studie. Hier seine Twitter-Timeline:

 

Bild von Konyvesotto auf Pixabay


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