Anne Will: Was war das denn?

Wohnzimmergespräch mit Merkel

Autor: Kurt O. Wörl

Also ein hartes, hochnotpeinliches Interview, ein “Grillen” der Kanzlerin, war dieses Interview am vergangenen Sonntag bei Anne Will nicht. Es erweckte eher den Eindruck eines gemütlichen Wohnzimmergespräches zwischen zwei Frauen, die sich mögen und schätzen. Wie schon öfter, schonte Will die Kanzlerin und deren Antworten blieben – auch wie immer – weitgehend im Ungefähren – mit einigen Passagen, die aufhorchen ließen.

Statt die von der Kanzlerin zu verantwortende, desaströse Pandemie-Politik – vor allem mit Blick auf das Impfstoff-Desaster – zu geißeln, ließ Will der Kanzlerin beim Länderchef-Bashing freien Lauf und sekundierte ihr dabei gar noch. Einen harter Lockdown, das will die Kanzlerin und – das wurde überaus deutlich – ein solcher behagt offensichtlich auch Anne Will sehr. Sie bestärkt Merkel darin und gibt dazu Anregungen. Die Moderatorin schwärmte gar davon, wie Portugal den harten Lockdown durchsetzte, weil es zum Beispiel Hubschrauber über den Stränden kreisen ließ, um Maßnahmensünder zu verjagen und Merkel parierte damit, dass den Menschen in Ländern wie Portugal und Irland “der Schrecken in die Glieder gefahren” sei und die Einhaltung der Regeln dann besser geklappt hätte. – Auf Angst und Panik setzt das Kabinett Merkel schon vom Pandemiebeginn an sehr. Das Bundesinnenministerium ließ gar einen Leitfaden ausarbeiten, wie man die Bevölkerung in Furcht und Schrecken versetzen könne, damit die “Maßnahmen” eingehalten werden. – Schwamm drüber!

Immerhin sah die Kanzlerin ein, dass sie Länderangelegenheiten nicht einfach an sich ziehen kann, auch wenn ihr das Anne Will wiederholt nahelegte. Insgesamt war erkennbar, dass sich die Moderatorin wohl eine radikal durchgreifende Kanzlerin wünscht, welche der Kakophonie der Ministerpräsidentenkonferenz ein Ende setzt.

Zum Glück wird das nicht geschehen und ich singe deshalb das hohe Lied auf den Föderalismus, der deswegen geschaffen wurde, um ein zentralstaatliches “Durchgreifen” nach 1945 in Deutschland nie wieder zu ermöglichen. Doch Will ließ nicht locker: warum sie (die Kanzlerin) immer nur mahne und die Schritte nicht einfach durchsetze, fragte sie. Merkel klärte auf: “In einer Demokratie werden die Dinge nicht durch ‘Order der Muftis verfügt, sondern durch Übereinstimmung.” Für Anne Will wohl eine ganz neue Information zum Wesen der Demokratie.

Dann noch ein Kalauer der Kanzlerin: “Das Testen sollte eigentlich dazu dienen, die Zahlen zu senken” und nicht, um damit neue Öffnungen zu begründen. Falsch! Das konsequente Testen dient alleine dazu, die Dunkelziffer der Infektionen aufzuhellen, mehr Infektionen aus dem Dunkelfeld zu holen, um so Infektionsketten wirksam zu unterbrechen. Und das lässt zwangsläufig die Inzidenzwerte steigen, ohne dass sich am Pademiegeschehen etwas geändert haben muss. Als studierte Physikerin sollte ihr diese einfache mathematische Grundlage eigentlich bekannt sein.

Beim Bashing der Ministerrpäsidenten übernimmt schließlich Anne Will die Führung, sie führt auf, dass das Saarland eine Öffnungsstrategie fährt und entlockt der Kanzlerin mit der Frage, ob der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gegen die von ihm selbst mitgetragenen Beschlüsse verstoße, schließlich auch noch ein “Ja, aber da ist er nicht der einzige.” 

Witzig auch Merkels rührender Einwurf: “Schauen Sie, ich wäre ja wirklich glücklich, würden sich meine trüben Prognosen nicht erfüllen. Eigentlich bin ich ein optimistischer Mensch. Es geht mir ja nicht darum, Recht zu behalten.“ – Hört, hört!

Welch eine Begabung die Kanzlerin für Rabulistik hat, zeigte sie auf die berechtigte Frage nach ihrer Aussage im Februar, nach der bei der Imfstoffbeschaffung “im Großen und Ganzen nichts schiefgelaufen” sei und ob sie das immer noch denke. “Ja” antwortet Merkel, allerdings habe man nicht wie die USA auf Exportverbote gesetzt und muss dann doch einräumen “Israel impft mit Impfdosen der Europäischen Union”.

Respekt, einfach meisterlich, wie Merkel ihr “es ist nicht schiefgelaufen” bestätigt und dann doch einen Fehler nach dem anderen, in Nachsätzen versteckt, einräumen muss. Etwa, dass sie es versäumt hat, ähnlich wie die USA, rechtzeitig für Produktionsstätten zur Impfstoffherstellung in Deutschland – oder wenigstens in der EU – mit Nachdruck zu sorgen, um uns von den Lieferketten anderer Länder unanbhängig zu machen. Stattdessen zieht sie diese nun bestehende Abhängigkeit auch noch als Ausrede für das Komplettversagen ihrer Regierung heran. Arthur Schopenhauer wäre wohl Stolz auf Merkel, so, wie sie seine erestische Dialektik “Die Kunst, recht zu behalten” verinnerlicht hat.

Es folgte noch das Nachhaken der Moderaorin zur Maskenaffäre, bei der sich einige Unionsabgeordnete offenbar in Gier die Taschen vollgestopft hatten und warum die Auszahlung der Novemberhilfen solange gedauert hat. Schuld an letzerem sei u.a., meinte Merkel, dass es beim Bezug der Hilfen offenbar Betrügereien gegeben habe und die Umsetzung sei auch nicht trivial gewesen.

Hier hätte es einen guten Anlass für Anne Will gegeben nachzuhaken, etwa warum man in Deutschland die Auszahlung der Hilfen so kompliziert über das von Peter Altmeier geführte Wirtschaftsministerium geregelt hat, das dafür gar nicht die Infrastruktur – wie etwa die IT-Ausstattung – hatte. Sie hätte fragen können, warum man das nicht über die Finanzämter veranlasst hatte, wie das Österreich sehr erfolgreich geregelt hat. Bei den Finanzämtern hätte man noch nicht einmal ein Antragsverfahren benötigt, denn die zuständigen Finanzbehörden wissen welche Umsätze die Selbständigen und kleinen Unternehmen in den Vorjahren hatten, kennen sämtliche Besteuerungsgrundlagen, Rufnummern, E-Mail-Adressen und sogar die Kontonummern der Steuerpflichtigen. Es wäre IT-technisch ein Klacks, festzustellen, welchen Umsatz ein Berechtigter 2019 hatte und ihm diesen Betrag dann auf sein bekanntes Konto zu überweisen … und die von Merkel angeführten Betrügereien hätte es gar nicht erst geben können.

Schlussendlich: Merkels Grundhaltung “nach mir die Sintflut!” wurde deutlich, als Anne Will sie fragte, ob die Pandemie am Ende der Union das Kanzleramt kosten könne. Merkel: “Die Union hat ja keine Abo auf das Kanzleramt, dass andere auch regieren wollen, ist klar.” Über diese Haltung werden sich die beiden Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten Armin Laschet und Markus Söder sicher überaus “gefreut” haben. – Wer solche “Parteifreunde” wie die Kanzlerin hat, braucht wahrlich keine Feinde.

Wichtige Fragen, die Anne Will leider nicht gestellt hat:

  • Warum wurden nicht die Finanzbehörden für die Auszahlung der Corona-Hilfen beauftragt?
  • Um wieviel stieg die Zahl der Suizide wegen Verzweiflung über Existenzängste?
  • Um wieviel stieg die Zahl der Kindesmisshandlungen und -missbräuche aufgrund der Schul- und KITA-Schließungen und Homeoffice-Anordnungen?
  • Um wieviel stieg die Anzahl der Fälle häuslicher Gewalt, wie viele Frauen und Kinder verloren dabei Gesundheit und Leben?
  • Wie hoch ist im Vergleich zu den Vorjahren die Todesrate durch multiresistente Keime in Krankenhäusern oder wurden diese bei den Coronatoten subsumiert?
  • Welche Rolle spielen Haustiere bei der Übertragung der Pandemie und welche Schutzmaßnahmen, etwa bei freilaufenden Katzen, werden empfohlen?
  • Warum starb in Deutschland jeder 37. Infizierte, in Schweden aber nur jeder 59., wenn doch aus Sicht der Kanzlerin der liberale schwedische Weg der falsche gewesen sein soll? 
  • Warum starben bis einschließlich 23.10.2020 in Deutschland – trotz lockerem Sommer – nur etwa 9.900 Menschen an Corona, seit Dezember 2020, mit Beginn des harten Lockdowns, binnen vier Monate aber über 65.000 Menschen?

Kurzum, diese Anne-Will-Sendung war für die Katz’!


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