Warum zieht uns das Böse so hartnäckig an, obwohl wir es verurteilen? Warum fesseln uns Vampire, Verbrecher und Verführer mehr als tugendhafte Helden? Folgen Sie meiner aus Neugier geborenen Suche. Sie führt von Hegel über Stokers Dracula, von Sokrates’ Schierlingsbecher bis zu Mephistos Verneinung – und weiter in unsere Gegenwart der Dauererregung. Es geht nicht um Sensation, sondern um Freiheit. Nicht um Dämonen, sondern um Entscheidungen. Ein philosophischer Spaziergang durch die Abgründe der menschlichen Seele – und über das Maß, das uns davor bewahrt, abzustürzen.
Ein Irrtum Hegels
Es war ein Glück für Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dass er Philosoph war und kein Buchhändler. Als Denker konnte er behaupten, die Darstellung des Bösen sei unerquicklich, also unerquicklich im Sinne von uninteressant. Wer wolle schon Gemeinheit, Feigheit, Niedertracht sehen? Das Langweilige liege im Negativen, meinte er.
Ein Blick in jede Buchhandlung widerlegt ihn. Regalmeter voll Mord, Intrige und Abgrund, Aktionstische mit Thrillern, Serienkiller-Biographien, Vampirromanen. Fragt man nach Literatur über den tugendhaften Menschen in seiner Größe, wird meist erst bestellt. Auch die Nachrichten folgen diesem Muster. Das Verheerende hat Vorrang vor dem Gelungenen. Katastrophen dominieren, nicht die gelungene Versöhnung. Man könnte das für eine mediale Marotte halten, doch es reicht tiefer. Das Böse berührt uns stärker als das Gute. Es fesselt, erschreckt, unterhält, stößt ab und zieht zugleich an. Warum?
Der Reiz der Ambivalenz
Ein frühes Lehrstück liefert der Vampir. Als Bram Stoker 1897 seinen Roman „Dracula“ veröffentlichte, betrat eine Figur die Bühne, die archaische Mythen mit moderner Lust am Gruseln verband. Der Vampir war unheimlich und attraktiv zugleich, tot und doch lebendig, vernichtbar und doch wiederkehrend. Seine Ambivalenz ist sein Kapital. Er verkörpert das Versprechen des Unsterblichen und die Bedrohung des Blutes, erscheint kultiviert und bleibt doch Raubtier.
Beim Lesen oder im Kino erleben wir eine doppelte Bewegung. Wir erwarten den Angriff, fürchten ihn und wollen ihn zugleich sehen. Spannung entsteht aus dem Wechsel zwischen Bedrohung und Rettung. Am Ende siegt das Gute, der Holzpfahl trifft sein Ziel, doch jeder weiß, dass er sich wieder entfernen lässt. Das Böse kehrt zurück, und mit ihm die Geschichte. Hier liegt ein Schlüssel: Das Böse ist erzählerisch ergiebig. Es schafft Konflikt und steigert Intensität. Ein zweistündiger Film, in dem zwei Philosophen ruhig Begriffe klären, hätte nur ein kleines Publikum. Erst durch Verleumdung, Anklage oder Verrat gewinnt eine Szene dramatische Kraft.
Komplizen im Lehnstuhl
Wer einen Kriminalroman liest, wird zum Mitwisser. Man denkt den Plan des Täters mit und leidet zugleich mit dem Opfer. Dieses Mitfühlen ist keine bloße Redensart. Die Neurobiologie beschreibt Mechanismen, die auch in der Vorstellung körperliche Reaktionen auslösen. Das Herz schlägt schneller, die Hände werden feucht. Sicher auf dem Sofa erleben wir Angst und Erleichterung im geschützten Rahmen. Das Böse wird simuliert, nicht real erlitten.
Mitunter fiebern wir sogar mit dem Täter, wenn die Verfolger näherkommen. Warum? Vielleicht weil er Grenzen überschreitet, die wir nur gedanklich betreten, vielleicht weil er entschlossen handelt, während wir zögern. Das Böse besitzt eine Energie, die das Gute oft unspektakulär verbirgt. Es ist Bruch und Initiative, stellt Ordnung infrage und erzeugt Reibung. Darin liegt ein Teil seiner Anziehung.
Plauderei zum Thema:
Podcast: Zwischen Abgrund und Maß
Der Sturz aus dem Licht
In religiösen Überlieferungen erscheint das Böse nicht als eigenständige Macht, sondern als Abweichung. Der gefallene Engel, der Ungehorsam im Paradies, die Vertreibung – stets geht dem Bösen eine Entscheidung voraus. Diese Geschichten sind Spiegel. Sie erzählen nicht nur von Engeln und Urmenschen, sondern von uns. In jeder Entscheidung liegt die Möglichkeit des Irrtums. Das Böse ist keine fremde Macht, sondern Option unseres Handelns.
Gerade deshalb bleibt es uns nah. Es erinnert daran, dass wir anders handeln könnten, als wir sollen. Die Beschäftigung mit dem Abgründigen wird so zur Selbstprüfung. Wir verstehen das Böse, ohne es gutzuheißen. Es gehört zur Struktur unserer Freiheit.
Sokrates vor Gericht
Man stelle sich Sokrates vor, wie er mit Platon disputiert. Geistreich, gewiss, doch kaum dramatisch. Spannung entsteht erst mit der Anklage. Verleumdung tritt auf, der Philosoph steht vor Gericht. In seiner Verteidigungsrede verweigert er den Widerruf. Er nimmt das Urteil an und trinkt den Schierlingsbecher.
Hier verdichtet sich der Gegensatz von Unrecht und Integrität. Die Stadt urteilt falsch, der Einzelne bleibt sich treu. Äußerlich siegt das Urteil, innerlich die Standhaftigkeit. Das Erschütternde liegt nicht im Dämonischen, sondern in der kollektiven Verblendung. Gerade diese Nüchternheit verleiht der Szene ihre bleibende Aktualität.
Mephisto und die Verneinung
Wenn vom Bösen in der deutschen Literatur die Rede ist, führt kein Weg an Johann Wolfgang von Goethe vorbei. In „Faust. Der Tragödie erster Teil“ begegnet uns mit Mephisto keine plumpe Teufelsfigur, sondern ein reflektiertes Prinzip. Er nennt sich „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. In dieser paradoxen Formel verdichtet sich ein Weltbild. Mephisto versteht sich als Geist der Verneinung. Alles, was entsteht, sei es wert, zugrunde zu gehen.
Doch selbst bei Goethe bleibt das Böse nicht souverän. Es wirkt im Rahmen eines größeren Zusammenhangs. Es reizt, prüft, verführt, wird aber in eine Ordnung eingebunden, die über ihm steht. Das verweist auf einen Grundgedanken: Wir erleben die Welt als Spannungsfeld von Gegensätzen, doch wir leben in einem Universum, nicht in zwei. Gut und Böse sind keine getrennten Reiche, sondern Möglichkeiten innerhalb eines Zusammenhangs.
Die Nähe des Entsetzlichen
So unerfreulich es ist, die Geschichte zeigt, dass das Böse nicht nur als literarische Figur existiert. Es tritt im Maßanzug auf, im Amtszimmer, im gepflegten Eigenheim. Menschen, die Beethoven spielten und Goethe zitierten, unterschrieben zugleich Todesurteile. Die Organisatoren des industriellen Massenmordes im 20. Jahrhundert waren vielfach gebildete Beamte und Akademiker.
Gerade diese Diskrepanz erschüttert. Das Böse ist nicht immer laut und spektakulär. Es kann pflichtbewusst erscheinen, sich als Sachzwang tarnen und bürokratische Formen annehmen. Hier verliert jede ästhetische Faszination ihre Unschuld. Der Abstand des Lesesessels schwindet. Wenn solche Taten von Menschen begangen wurden, die uns in vielem ähnelten, stellt sich die unbequeme Frage nach uns selbst.
Es ist bequem, das Böse als Fremdkörper zu behandeln. Schwieriger ist es, anzuerkennen, dass es aus Entscheidungen erwächst, die innerhalb menschlicher Möglichkeiten liegen. Gerade diese Nähe macht es beunruhigend.
Rollenwechsel und Perspektive
Urteile über Gut und Böse sind oft perspektivisch gefärbt. Der Diebstahl ist für den Bestohlenen Unrecht, für den Dieb womöglich Überlebensstrategie. Der Richter spricht Strafe, der Verurteilte empfindet Härte. Das bedeutet nicht, dass es keine Maßstäbe gibt, wohl aber, dass moralische Urteile an Rollen gebunden sind.
In politischen und gesellschaftlichen Spannungen wird dies sichtbar. Jede Seite reklamiert das Recht für sich. Die Versuchung, den Gegner moralisch zu dämonisieren, ist groß. Das Böse wird dann zur Projektionsfläche. Wer den anderen nur noch als Verkörperung des Schlechten sieht, entzieht sich der nüchternen Prüfung der eigenen Motive. In Literatur und Film bleibt diese Zuspitzung folgenlos, im wirklichen Leben nicht.
Freiheit und Risiko
Im Zentrum steht die Freiheit. In jedem Augenblick stehen Alternativen offen. Wir können lügen oder die Wahrheit sagen, verletzen oder versöhnen. Wer ausgetretenen Pfaden folgt, bewegt sich in vertrauten Mustern, doch neue Wege entstehen erst durch Entscheidung. Freiheit ist daher immer Risiko.
Das Böse ist nicht nur Gegenstand der Betrachtung, sondern reale Möglichkeit des Handelns. Es lockt mit Abkürzungen und schnellen Erfolgen. Das Gute wirkt oft unscheinbar, verlangt Geduld und Maß. Vielleicht erklärt auch das einen Teil der Faszination: Das Böse verspricht Intensität, Grenzerfahrung, Abweichung vom Durchschnitt. Doch der Preis ist hoch. Zerstörerische Entscheidungen erzeugen Leid, häufig auch für die Handelnden selbst.
Dauererregung der Gegenwart
Unsere Gegenwart verstärkt diese Dynamik. Digitale Medien verbreiten Empörung in Sekunden. Skandale werden zugespitzt, Fehltritte öffentlich ausgestellt. Die Mechanik ähnelt dem Thriller: Zuspitzung, Personalisierung, Dramatisierung. Wer am lautesten anklagt, erhält Aufmerksamkeit.
So wird die Faszination des Bösen ökonomisch verwertbar. Empörung bindet Publikum, Polarisierung erzeugt Reichweite. Die Gefahr liegt in der Gewöhnung. Wenn jede Auseinandersetzung zum moralischen Endkampf stilisiert wird, geht das Maß verloren. Das Böse wird nicht nur erzählt, sondern inszeniert und verstärkt.
Das Kleine entscheidet
Was folgt daraus? Keine Moralisierung, sondern Nüchternheit. Die Faszination des Bösen verschwindet nicht, sie gehört zur Freiheit des Menschen. In der Kunst darf sie erschüttern und unterhalten. Im wirklichen Leben entscheidet sich alles im Kleinen. Ärgern wir uns über jemanden, können wir Bosheit nähren oder das Gespräch suchen. Es sind unscheinbare Weggabelungen ohne dramatische Kulisse. Dort bewährt sich stets das Maßhalten.
Die Reife besteht vielleicht darin, das Spektakuläre dem Erzählen zu überlassen und im eigenen Handeln Zurückhaltung zu üben. Der Reiz des Abgrunds bleibt, doch er muss nicht zur Praxis werden.
Blick in den Abgrund
Warum kehren wir dennoch immer wieder zum Bösen zurück? Vielleicht weil wir im geschützten Raum der Kunst in den Abgrund blicken können, ohne zu stürzen. Der Mensch will wissen, wozu er fähig ist, auch zu dem, was er nicht sein möchte. Schon die antike Tragödie lebte von Schuld, Verblendung und Sturz. Das Publikum verließ das Theater erschüttert und zugleich geklärt. Die Darstellung des Schrecklichen erfüllte eine ordnende Funktion. Sie machte sichtbar, was im Verborgenen wirken könnte, und zwang zur Stellungnahme.
So wird das Böse zum Prüfstein der Urteilskraft. Wer den Fall eines Helden verfolgt, wird unweigerlich mit der Frage konfrontiert, wie er selbst gehandelt hätte. Die ästhetische Erfahrung schärft das moralische Empfinden gerade dadurch, dass sie es herausfordert.
Moral und Maß
Dabei ist zu unterscheiden zwischen ernsthafter moralischer Reflexion und bloßer Moralisierung. Moral fragt nach Maßstäben und Verantwortung. Moralisierung begnügt sich mit schneller Einteilung und Selbstgewissheit. Die Faszination des Bösen kann leicht in Entrüstung umschlagen, die das eigene Überlegenheitsgefühl nährt. Der andere wird zur Projektionsfläche. Wer so urteilt, übersieht die eigene Fehlbarkeit.
Die großen literarischen Gestalten wirken deshalb nachhaltig, weil sie diese Bequemlichkeit stören. Mephisto ist geistreich, die Richter des Sokrates sind Bürger, keine Dämonen. Gerade diese Nähe zwingt zur Selbstprüfung. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Bösen duldet keine Effekthascherei.
Geschichte als Warnung
Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, wie rasch moralische Kategorien pervertiert werden können. Totalitäre Systeme erklärten ihre Ziele für gut und rechtfertigten damit zerstörerische Mittel. Wer den Gegner als absolute Bedrohung definiert, bereitet den Boden für Grenzüberschreitungen. Die Faszination des Bösen wird politisch brisant, wenn sie mobilisiert und instrumentalisiert wird.
Wachsamkeit bedeutet daher nicht dauernde Alarmstimmung, sondern Besonnenheit. Moralische Klarheit entsteht nicht aus Lautstärke, sondern aus Urteilskraft. Gerade in Krisenzeiten ist Differenzierung notwendig, um Maß zu halten.
Der leise Gegenpol
Vielleicht liegt der Kern im Begriff des Maßes. Der Mensch ist weder Engel noch Dämon, sondern ein Wesen zwischen Möglichkeiten. Das Gute wirkt unscheinbar, verlangt Geduld, Selbstbeherrschung und Verlässlichkeit. Es eignet sich kaum für dramatische Inszenierung, trägt aber das Gemeinwesen. Ein Staat, in dem Verträge gelten und Konflikte friedlich ausgetragen werden, lebt von zahllosen kleinen Entscheidungen zugunsten des Maßes.
Die Faszination des Bösen zeigt im Kontrast, was auf dem Spiel steht. Sie erinnert daran, dass Freiheit Verantwortung einschließt. Zwischen Impuls und Tat liegt ein Raum der Entscheidung. In diesem Raum entscheidet sich, ob das Dunkle Stoff der Erzählung bleibt oder Wirklichkeit wird.
Epilog
Die Darstellung des Bösen wird ihren Platz behalten. Sie wird erschrecken und anziehen. Doch sie ist kein Schicksal. Sie verweist auf unsere Freiheit. Reife besteht darin, das Dunkle nicht zu leugnen und ihm doch nicht das letzte Wort zu überlassen. Zwischen Licht und Schatten gibt es keinen Automatismus, sondern nur Entscheidungen. Vielleicht liegt die Würde des Menschen gerade darin, dass er trotz aller Faszination für den Abgrund fähig ist, das Maß zu wahren.








