rezensiert von Kurt O. Wörl
Angststillstand
Warum die Meinungsfreiheit schwindet
Sachbuch Philosophie, Soziologie
Autor: Richard David Precht
Die Meinungsfreiheit ist in unserem Land durch die Verfassung geschützt, es gibt keine staatliche Zensur. Anders sieht es mit der Meinungstoleranz aus, die uns – nicht nur aus Sicht des Autors – abhandengekommen ist.
ISBN-10: 3442302315
ISBN-13: 978-3442302314
208 Seiten, erschienen am 15. Oktober 2025 im Goldmann-Verlag
E-Book (Kindle-Ausgabe):
ASIN: B0F2SNQ69D
ISBN-13: 978-3641335427
209 Seiten, erschienen am 15. Oktober 2025 im Goldmann-Verlag
Hörbuch:
ASIN: B0F4X9WHDM
5 Stunden, 4 Minuten, Hörbuchverlag
Klappentext auf der Rückseite
Wie kann es sein, dass die Meinungsfreiheit in liberalen Gesellschaften wie in Deutschland an ihre Grenzen stößt, obwohl wir keine eingeschränkten Grundrechte und unendlich viele Möglichkeiten der Meinungsäußerung haben? Im Zuge der Entwicklung der Individualität seit Beginn des bürgerlichen Zeitalters ist im 21. Jahrhundert eine neue Verletzlichkeit entstanden, die unsere Gesellschaft vor eine Zerreißprobe stellt. Je mehr wir unsere Individualität ausdehnen und die Dinge „persönlich“ nehmen, umso leichter fühlen wir uns gekränkt, beleidigt oder missachtet. Beschleunigt durch Social Media und seine Möglichkeiten des Shitstorms und des Cancelns gerät die Gesellschaft in Deutschland mehr und mehr in einen Angststillstand. Wie soll eine beherzte und entschiedene Politik, eine provozierende Kunst und Kultur noch möglich sein, wenn sich immer und überall jemand verletzt fühlt? Der Schlüssel kann nur in einer neuen Resilienz und Gelassenheit liegen, die der eigenen Sensibilität wie auch der des anderen gleichermaßen Raum lässt.
Rezension
Richard David Precht gehört zu den wenigen deutschen Philosophen, die ihre Aufgabe noch ernst nehmen: sich in gesellschaftliche Debatten einzumischen und Orientierung zu bieten. Während ein Großteil der Geisteswissenschaft in akademischer Selbstbeschäftigung verharrt, oft sorglos getragen von staatlich abgesicherten Lehrstühlen, stellt sich Precht regelmäßig den Fragen der Gegenwart.
In seinem essayistisch angelegten Buch „Angststillstand“ analysiert er eindringlich die Ursachen und Folgen eines immer enger werdenden Meinungskorridors. Er diagnostiziert einen überhöhten, moralistisch aufgeladenen Linksprogressivismus, der nicht das Argument, sondern zunehmend die Person zum Ziel der Attacke macht – bis hin zur sozialen Existenzvernichtung. Die Bereitschaft zur öffentlichen Empörung ist ihm zufolge nicht Ausdruck von Haltung, sondern Symptom einer kulturellen Infantilisierung. Treffend beschreibt er unsere Gesellschaft als eine, die den Schritt ins Erwachsensein verweigert – wie der Axolotl, ein Lurch, der ewig im Larvenstadium verharrt. „Axolotlisierung der Gesellschaft“ nennt Precht dieses Phänomen – eine präzise Wortschöpfung von bemerkenswerter Beobachtungskraft.
Was die ständig Empörungsbereiten nicht erkennen: Sie selbst befeuern jenen gesellschaftlichen Rechtsruck, den sie öffentlich beklagen. Ihre moralische Überheblichkeit und sprachpolizeiliche Rechthaberei treiben immer mehr Menschen in offene Opposition zu einer urban-akademischen Schicht, die sich ohne jedes Mandat zur Deutungselite erhoben hat.
Wer eine differenzierte Analyse der jüngst aufgeheizten Debatten um Bundeskanzler Friedrich Merz – Thema „Stadtbild“ – und das von linker Seite orchestrierte Protesttheater sucht, findet sie auf den Seiten 116 bis 134. Zwar geht Precht nicht ausdrücklich auf diesen Fall ein, doch liefert er das begriffliche und gesellschaftliche Fundament, um solche Vorgänge zu verstehen: Hier wird nicht mehr zur Sache gestritten, sondern gezielt beschädigt – mit moralischem Furor statt Argumenten.
Precht zeigt, wie eine Kultur der Denunziation die Grundlagen demokratischer Diskursfähigkeit aushöhlt. Die moralische Aufrüstung der Sprache vergiftet das gesellschaftliche Klima, während die Vernunft zunehmend an den Rand gedrängt wird. Moral, so Precht, ist ein schlechter Ratgeber, wenn sie sich über die Freiheit des Denkens erhebt.
Im abschließenden Kapitel entwickelt er Ansätze, wie die Gesellschaft zu einer Kultur der Meinungstoleranz zurückfinden kann – ohne Denkverbote, ohne Sprachdiktate und ohne den Zwang zur Gesinnungskorrektheit.
Prädikat: Ein überaus lesenswertes Buch – analytisch scharf, sprachlich präzise und intellektuell redlich. Besonders zu empfehlen nicht nur dem progressiven Milieu, das sich allzu gern moralisch überhöht, sondern ebenso den Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es wäre Zeit für mehr Selbstreflexion.







