Kindheit im Vorhof der Ewigkeit
Wer kommt in die Hölle?
Beginnen wir gleich mit der interessantesten aller Fragen: Wer kommt in die Hölle?
Nun, beispielsweise ich. Davon war ich als Kind jedenfalls fest überzeugt. Nicht aus übertriebener Selbstkritik oder moralischer Feinfühligkeit, sondern aus nüchterner Logik. Denn so stand es in meinem Katechismus: Die Todsünde hat die ewige Verdammnis zur Folge. Punktum.
Und im Stand der Todsünde befand ich mich fast immer. Das hatte weniger mit krimineller Energie als mit einer gewissen kindlichen Unzuverlässigkeit zu tun. Eine Sünde war es, nicht zur Kirche zu gehen. Ebenso, die Eltern oder den Lehrer anzulügen. Zu fluchen – also den Namen Gottes zu verunehren – genügte vollkommen. Besonders heikel wurde es allerdings beim Denken. Zweifel an Gottes Existenz oder an seinen Eigenschaften galten bereits als schwerstes Vergehen.
Ich erinnere mich gut an eine Frage, die mich beschäftigte: Wie kann ein gütiger Gott die Sintflut schicken und nahezu alles Leben vernichten, mit Ausnahme einer schwimmenden Kleinfamilie samt zoologischem Anhang? Eine durchaus naheliegende Überlegung. Aber schon der Gedanke selbst war Todsünde.
Als evangelisch Getaufter konnte ich auch nicht auf die Erleichterungen meiner katholischen Mitschüler setzen. Für diese existierten zwar sogenannte lässliche Sünden. Für sie droht zwar nicht die Hölle, sondern eine zeitlich begrenzte Strafe auf Erden oder – falls man sich hier nicht ausreichend bewährt hatte – im Fegefeuer. Auf diese Erleichterungen muss man als Protestant leider verzichten. Wir tragen unsere Sünden, die schweren wie die kleinen, unser ganzes Leben mit uns herum.
Die Beichte – ein riskantes Rettungsmanöver
Es gab allerdings einen Hoffnungsschimmer: die Beichte. Denn im Bußsakrament, so hieß es, vergibt Christus die Sünden und erlässt sogar die ewige Strafe. Bei uns Evangelischen ist’s die „Gemeinsame Beichte“, die einfacher ist, weil man seine Sünden nicht wie bei der katholischen Ohrenbeichte einzeln aufzählen muss, aber dafür hatte man auch keine Garantie dafür, dass Vergebung wirklich gewährt würde.
Das Dumme an der Sache war nur, dass die nächste Sünde erfahrungsgemäß nicht lange auf sich warten ließ. Einige Stunden, bestenfalls ein oder zwei Tage. Die Hölle hatte einen langen Atem, meine moralische Standfestigkeit hingegen nicht.
Rechnerisch ergab sich daraus nur eine realistische Überlebensstrategie: Man musste beichten und anschließend möglichst rasch sterben. Am besten auf dem Heimweg. Idealerweise durch einen umstürzenden Baum oder ein Auto, das die göttliche Vorsehung diskret lenkte.
Das waren keine besonders erquicklich-heiteren Gedanken für einen Samstagnachmittag. Vor der Hölle hatte ich tatsächlich eine Höllenangst. Vor dem Feuer, den Qualen, den teuflischen Verrichtungen – und vor allem vor der Endlosigkeit.
Das Schlimmste war nicht das Leiden an sich. Das Schlimmste war, dass es niemals aufhören sollte. Keine Frist, keine Gnade, keine Möglichkeit, nach tausend oder zehntausend Jahren endlich einmal hinauszukommen.
Rückblickend erscheint mir diese Form religiöser Pädagogik schlicht erbarmungslos. Kindern – und später auch Erwachsenen – mit ewigen Folterqualen zu drohen, für Zweifel, Gedanken oder kleine Unwahrheiten, ist nicht streng, sondern grausam.
Wer kommt sonst noch in die Hölle?
Aber ich war nicht allein. Wer sonst noch in die Hölle kommt, war den Predigern früherer Jahrhunderte erstaunlich genau bekannt. Nach manchen Berechnungen war die Hölle der Normalfall.
Ein Bußprediger des 17. Jahrhunderts wusste beispielsweise, dass von täglich 60.000 Toten genau einer auserwählt sei. Drei kämen ins Fegefeuer, der Rest – also 59.996 Menschen – marschieren geschlossen in die Hölle. Andere Statistiken variierten leicht, waren aber kaum großzügiger.
Die Menschheit erschien in diesen Kalkulationen wie ein Rohstoff, der überwiegend für die Verdammnis vorgesehen war. Erlösung war die seltene Ausnahme, die Hölle der Regelfall.
Paradoxerweise hatte das auch etwas Tröstliches. Wenn ohnehin fast alle verloren gehen, relativiert sich das persönliche Versagen. Die Hölle wird demokratisch.
Verdammte Mehrheit und logische Konsequenzen
Fast alle, bitte eintreten
Wenn man den Bußpredigern vergangener Jahrhunderte Glauben schenkt, war die Hölle kein exklusiver Ort, sondern eine Massenunterkunft. Der Himmel wirkte demgegenüber wie ein streng limitiertes Boutique-Hotel.
Diese drastischen Zahlen erfüllten eine klare Funktion: Sie machten unmissverständlich deutlich, dass man sich seiner Erlösung niemals sicher sein durfte. Selbst ein anständig geführtes Leben bot keinerlei Garantie. Im Gegenteil: Gerade wer sich sicher wähnte, war besonders gefährdet.
Die christliche Existenz wurde so zu einem Dauerzustand latenter Panik. Ein falscher Gedanke, ein unbedachtes Wort, ein verpasster Kirchgang – und schon stand man wieder am Rand der ewigen Flammen. Der Mensch lebte nicht in Hoffnung, sondern in ständiger Bewährung.
Ein Mann, der konsequent zu Ende dachte
Es gibt jedoch Fälle, in denen diese Logik eine gewisse unfreiwillige Komik entfaltet. Einer davon ist der amerikanische Jesuit Leonard Feeney. Feeney war ein kompromissloser Vertreter der Lehre, dass es außerhalb der sichtbaren Kirche kein Heil gebe. Nicht metaphorisch, nicht pastoral abgeschwächt, sondern wörtlich. Wer nicht dazugehört, ist verloren. Punkt.
Als seine Institution diese Position nicht mehr vertreten wollte, verteidigte Feeney sie mit unerschütterlicher Konsequenz. Das Ergebnis war seine Exkommunikation. Damit befand er sich in einer theologischen Lage von bemerkenswerter Eleganz: Nach seiner eigenen Doktrin war er nun selbst verdammt. Er war, wenn man so will, in seine eigene Falle gegangen.
Ich gestehe: In diesem Fall fällt es mir schwer, vollkommen mitleidig zu sein. Nicht, weil ich jemandem ernsthaft ewige Qualen wünsche, sondern weil diese Geschichte exemplarisch zeigt, wie gnadenlos eine Lehre wird, wenn man sie wirklich ernst nimmt. Vielleicht genügt ein kurzer Aufenthalt – rein didaktisch.
Warum überhaupt eine Hölle?
An dieser Stelle stellt sich die grundlegende Frage: Warum ist die Vorstellung einer Hölle so universell? Warum taucht sie in nahezu allen Kulturen auf, wenn auch in sehr unterschiedlicher Ausprägung? Die Antwort ist zunächst simpel und durchaus sympathisch: aus dem Wunsch nach Gerechtigkeit.
Ein Schurke, der im Leben ungestraft davonkommt, soll nicht einfach davonkommen dürfen. Wenn die irdische Justiz versagt, soll wenigstens das Jenseits ausgleichend eingreifen. Die Hölle fungiert als metaphysische Restjustiz.
Diese Idee ist nachvollziehbar. Sie ist sogar tröstlich. Problematisch wird sie erst dort, wo sie ihre Zielgruppe massiv ausweitet. Wenn nicht mehr nur Mörder, Tyrannen und Betrüger betroffen sind, sondern Zweifelnde, Fragende, Unaufmerksame, Kinder.
Die Pervertierung eines verständlichen Gedankens
Im Christentum geschah genau das. Die ursprünglich nachvollziehbare Idee der jenseitigen Gerechtigkeit wurde systematisch ausgeweitet, bis sie nahezu jeden Menschen erfasste.
Nicht mehr das Böse führte in die Hölle, sondern das Menschsein selbst. Die Erbsünde machte jeden von Geburt an verdächtig. Das Leben wurde zur permanenten Gefahrenzone, die Erlösung zu einer extrem unwahrscheinlichen Ausnahme.
So entstand ein System, das weniger auf moralischer Verantwortung beruhte als auf Angst. Die Hölle wurde zum zentralen Disziplinierungsinstrument. Und sie funktionierte. Über Jahrhunderte.
Peinliche Erinnerungen und das diskrete Verschwinden
Ein Auslaufmodell mit schlechtem Gewissen
Heute weiß ich natürlich, dass ich als Kind einem Auslaufmodell aufgesessen bin. Mehr als anderthalb Jahrtausende lang war die Vorstellung einer realen Hölle mit Feuer, Qual und Ewigkeit für die Christenheit verbindlich gewesen. Im 20. Jahrhundert jedoch begann sie, unerquicklich zu werden. Nicht für die Verdammten – die waren ohnehin theoretisch –, sondern für die Institution, die sie so lange propagiert hatte.
Man distanzierte sich nicht. Man widerrief nichts. Man schwieg. Die Hölle teilte dieses Schicksal mit anderen Kapiteln der Kirchengeschichte: den Hexenprozessen, der Verurteilung Galileo Galileis, der gewaltsamen Missionierung indigener Völker. All das ist nicht offiziell falsch gewesen, sondern lediglich unerquicklich, unerquicklich genug, um nicht mehr erwähnt zu werden.
Der Befund ist aufschlussreich. In einem theologischen Standardwerk von 1913 nahm das Stichwort „Hölle“ noch dutzende engbedruckte Spalten ein. In einer Ausgabe von 1988 fehlt es vollständig. Man könnte sagen: Die Hölle wurde stillgelegt. Nicht abgeschafft, sondern entsorgt wie ein alter Ofen, der plötzlich als unzumutbar gilt.
Die neue, butterweiche Hölle
Wenn heute überhaupt noch von Höllenstrafen die Rede ist, dann in einem bemerkenswert entschärften Sinn. Man spricht nun davon, dass den Sünder eine „ewige Trennung von Gott“ erwarte.
Das ist theologisch korrekt, pastoral anschlussfähig und psychologisch weit weniger belastend. Hätte man mir das als Kind so erklärt, ich hätte vermutlich ruhiger geschlafen. Aber das war nicht die Hölle meiner Kindheit.
Meine Hölle bestand aus Flammen, Würmern, Folterinstrumenten und einer sehr aktiven Teufelsbelegschaft. Sie war sinnlich, konkret, anschaulich – und vor allem: unausweichlich.
Erst viel später erfuhr ich, dass ausgerechnet die oberste Autorität des Christentums zu all diesen Details erstaunlich wenig zu sagen hatte.
Jesus, Paulus und das große Schweigen
Was hat Jesus über die Hölle gesagt?
Erstaunlich wenig. Paulus, dessen Briefe zeitlich am nächsten an Jesus heranreichen, setzt sich nahezu souverän über das Thema hinweg. Petrus ebenfalls. Das ist verwirrend, wenn man bedenkt, welch zentrale Rolle die Hölle später im kirchlichen Lehrgebäude spielen sollte. Der Eindruck drängt sich auf, dass sie für den Stifter des Christentums selbst bestenfalls eine marginale Rolle gespielt hat.
Auch der berühmte Satz vom „Hinabsteigen zur Hölle“ ist eine späte Ergänzung. Er taucht erstmals im 4. Jahrhundert auf, wird erst im 10. Jahrhundert allgemein verbindlich. Die für die Christenheit verbindliche Hölle ist also kein ursprünglicher Bestandteil der Lehre, sondern ein historisches Produkt.
Gehenna – vom Müllplatz zur Folterkulisse
In den Evangelien erscheint gelegentlich ein neuer Begriff: Gehenna. Gemeint ist das Tal Hinnom bei Jerusalem. Ein realer Ort. Dort brannten einst Opferfeuer, später diente die Schlucht als Müllhalde. Kadaver, Abfälle, Rauch, Gestank, Feuer – eine trostlose Szenerie.
Alles, was man für eine wirkungsvolle Folterhölle benötigt, war bereits vorhanden. Man musste es nur übertragen. So entstand aus einem stinkenden Abfallplatz eine metaphysische Strafanstalt. Die Phantasie erledigte den Rest.
Jenseitswelten ohne Dauerfolter
Ägypten: Gericht ja, Sadismus nein
Ein Blick auf andere Kulturen wirkt ernüchternd – und in gewisser Weise tröstlich. Die alten Ägypter glaubten fest an ein Weiterleben nach dem Tod. Sie investierten beträchtliche Mittel in Grabbeigaben, Mumifizierung und Architektur. Die Pyramiden sind bekanntlich keine bescheidenen Abschiedsgeschenke.
Auch ein Totengericht kannten sie. Der Verstorbene musste sich verantworten, sein Herz wurde gewogen, seine Taten geprüft. Der Böse wurde bestraft. Doch das Ziel war nicht ewige Qual, sondern Auslöschung. Die ägyptische Hölle wollte nicht quälen, sondern beenden. Ein deutlicher Unterschied.
Viele Elemente der späteren christlichen Hölle sind hier bereits angelegt. Aber der Zweck ist ein anderer. Es geht nicht um pädagogische Abschreckung für die Lebenden, sondern um kosmische Ordnung.
Mesopotamien: Die Hölle beginnt hier
In Mesopotamien setzte sich das Leben im Jenseits schlicht fort. Wer gelitten hatte, litt weiter. Wer verbittert war, blieb verbittert. Die Toten quälten sich gegenseitig, aus eigenem Antrieb. Ein eigenes Totengericht gab es nicht. Keine zusätzliche Strafe für moralisches Fehlverhalten. Alles entschied sich im Leben. Die Hölle begann, wenn man so will, bereits auf Erden.
Diese Vorstellung ist unerquicklich nüchtern. Sie verzichtet auf moralische Dramaturgie. Der Tod ändert nichts Wesentliches.
Griechenland: Schatten, keine Moralabrechnung
Auch die homerische Unterwelt ist kein Ort der Gerechtigkeit, sondern der Tristesse. Schattenhafte Existenzen, freudlos, unerquicklich. Selbst der größte Held zieht das ärmlichste Leben dem Tod vor. Es gibt Qualen – aber sie sind persönlich motiviert. Zeus rechnet mit seinen Gegnern ab, nicht mit moralischen Verfehlungen der Menschheit. Ein allgemeines Totengericht existiert nicht.
In der klassischen Zeit wird der Ton noch nüchterner. Philosophen wie Sokrates, Aristoteles oder Epikur lehnen eine Hölle im Jenseits ab. Das Böse trägt seine Strafe im Leben. Der Tod beendet alles. Angst ist überflüssig.
Germanen: Nebel statt Feuer
Bei den Germanen finden wir ähnliche Motive. Das Totenreich ist kalt, neblig, unerquicklich, aber nicht qualvoll. Kein Gericht, keine Strafen. „Hel“ bedeutet schlicht der verborgene Ort. Erst später entstehen heroische Vorstellungen wie Walhall. Auch hier kein Ort der Folter, sondern der Verklärung.
Persien: Hölle mit Verfallsdatum
Erst im persischen Raum tritt die Vorstellung eines Jenseitsgerichts mit Belohnung und Bestrafung klar hervor. Die Seele muss eine Brücke passieren. Der Gerechte gelangt hinüber, der Sünder stürzt ab.
Doch auch hier ist die Hölle nicht ewig. Sie dient der Läuterung. Irgendwann endet sie. Selbst die Folter hat ein Ziel und ein Ende.
Israel, Jesus und die Erfindung der totalen Hölle
Israel: Tod als Ende, nicht als Tribunal
Die frühen israelitischen Vorstellungen vom Jenseits sind erstaunlich nüchtern. Der Tod bedeutete das Ende. Der Scheol war kein Straflager, sondern ein Ort der Stille, der Dunkelheit, des Vergessens. Gut und Böse teilten dasselbe Schicksal.
Der Tote dachte nicht, fühlte nicht, hoffte nicht. Er war einfach nicht mehr. Wenn Strafe erfolgen sollte, dann geschah sie im Leben. Nach dem Tod gab es keine moralische Nachbereitung, keine zweite Instanz.
Diese Haltung ist unerfreulich radikal. Sie nimmt dem Jenseits jede pädagogische Funktion. Verantwortung liegt ausschließlich im Diesseits.
Erst unter persischem und später griechischem Einfluss verändern sich diese Vorstellungen. Die Idee eines endzeitlichen Gerichts, einer Auferstehung, einer jenseitigen Vergeltung hält Einzug. Die Grausamkeit und Ungerechtigkeit der Welt verlangen nach Ausgleich. Wenn er hier nicht erfolgt, dann eben später.
Die Zeit Jesu: Uneinigkeit statt Dogma
Zur Zeit Jesu existieren im Judentum mehrere konkurrierende Vorstellungen. Die Sadduzäer lehnten jede Form von Auferstehung und Jenseitsgericht ab. Für sie endet alles mit dem Tod.
Die Pharisäer glaubten an Gericht, Auferstehung und jenseitige Strafe. Die Essener wiederum pflegten eine stark dualistische Weltsicht mit ewiger Strafe für die Bösen.
Es gibt also keine einheitliche Lehre. Wer Jesus fragt, erhält keine systematische Antwort. Er spricht in Bildern, Gleichnissen, Andeutungen. Von einer detaillierten Folterhölle ist keine Rede.
Die eigentliche Innovation: Unendlichkeit
Die entscheidende Neuerung des Christentums besteht nicht in der Hölle an sich. Die gab es vorher. Neu ist ihre Radikalisierung:
- die Strafe wird unendlich,
- die Schuld wird allgegenwärtig.
- die Erlösung wird extrem unwahrscheinlich.
Damit entsteht erstmals ein geschlossenes System totaler Drohung. Die Hölle wird nicht mehr Ausnahme, sondern strukturelle Möglichkeit für jeden Menschen. Sie begleitet das Leben wie ein Schatten.
Die Rolle des Volksglaubens
Bemerkenswerterweise scheint der Impuls dafür weniger von der kirchlichen Elite als vom Volksglauben ausgegangen zu sein. Visionen, Träume, Legenden füllen die Leerstellen der Bibel. Die Phantasie übernimmt das Kommando. Erst später liefern die Kirchenväter die Theorie. Die Hölle wird systematisiert, katalogisiert, mit Hierarchien, Strafen und Zuständigkeiten versehen. Sie wird effizient.
Der moderne Mensch begegnet diesem Erbe heute meist ironisch. Höllenwitze kursieren zuhauf. Das ist kein Zufall. Humor ist eine Form der Entschärfung. Was man verlacht, hat seine Macht verloren. Einen Höllenwitz mag ich zum besten geben:
Ein Atheist stirbt nach einem langem gottlosen Leben. Wie er wieder zu sich kommt, findet er sich in der Hölle wieder, Luzifer persönlich begrüßt ihn freundlich mit ausgesuchten Worten. Er möge sich doch mal umsehen und einen Drink nehmen. Das tut er auch. Alles ist vorzüglich gestaltet, ein edles, gut gestyltes Ambiente, gediegene Sphärenmusik erfüllt den Raum. Aufregende, attraktive Frauen sind da, witzige Gespräche allerorten, die Bonmots fliegen hin und her, der Champagner fließt in Strömen, aber niemand ist betrunken – kurzum, es ist eine aufgekratzte Partystimmung und alle sind bester Laune.
„Offen gestanden“, sagt der Neue zu Luzifer, „ich habe früher nicht an Gott geglaubt, und Himmel und Hölle waren mir gleichermaßen egal. Aber wenn es denn eine Hölle hätte geben sollen, so hätte ich sie mir anders vorgestellt, als ich sie nun hier vorfinde. Denn hier ist ja alles ganz ausgezeichnet. Ich bin begeistert.“
„Freut mich“, meint Luzifer, „ja wir haben es uns ganz gut hier eingerichtet. Soll ja für die Ewigkeit sein.“
Aber plötzlich, beim Weiterschlendern, ist hinter einem Tor ein Stöhnen und Schreien zu hören. „Was ist denn das?“, will der Neue wissen. Luzifer öffnet bereitwillig das Tor, und nun waren Gemarterte im Höllenfeuer zu sehen, die von allerlei Teufeln auf die verschiedensten Arten gepeinigt wurden.
„Ach“, sagte Luzifer und zuckte entschuldigend die Achseln, „das ist die Hölle für die Christen – die wollen das halt so.“
Angstmache, Aufklärung und ein Abschied ohne Feuer
Die Hölle als pädagogisches Instrument
Spätestens hier stellt sich die Frage, ob die Hölle wirklich ein theologisches Erfordernis war – oder nicht vielmehr ein pädagogisches Instrument. Die Quellen lassen wenig Zweifel. In Handbüchern für die Predigerausbildung wird offen darüber reflektiert, wie man den Gläubigen eine „heilsame Furcht“ vor der Hölle einprägen könne.
Übertreibung sei dabei nicht nur zulässig, sondern sinnvoll. Der menschliche Geist könne sich die Schwere der Höllenstrafen ohnehin nicht vorstellen, also müsse man nachhelfen. Die Androhung ewiger Qualen wurde nicht als Problem, sondern als didaktischer Vorteil begriffen.
Man muss sich das nüchtern vor Augen halten: Gebildete Theologen diskutierten systematisch darüber, wie man Angst optimal erzeugt. Nicht bei Gewalttätern, nicht bei Tyrannen, sondern bei der gesamten Gemeinde. Einschließlich der Kinder.
Das war kein Ausrutscher, keine bedauerliche Randerscheinung. Es war Methode. Über Jahrhunderte.
Tolerieren oder kritisieren?
Heute wird gern eingewandt, das alles gehöre der Vergangenheit an. Die Kirche habe ihre Positionen geändert, die Hölle spiele keine Rolle mehr. Das ist nur teilweise richtig. Sie spielt offiziell keine Rolle mehr, wird aber auch nicht widerrufen. Sie wird verschwiegen.
Die entscheidende Frage bleibt: Warum dieser Wandel? Aus Einsicht? Aus moralischer Reue? Oder aus schlichter Notwendigkeit, weil sich Menschen nicht mehr einschüchtern lassen? Weil sie gehen, wenn man sie bedroht?
Religionsfreiheit verdient Respekt. Wer freiwillig an Himmel, Hölle, Engel oder Teufel glaubt, soll das ungestört tun. Problematisch wird es dort, wo Angst systematisch erzeugt wird, wo Menschen in Abhängigkeit gehalten werden, wo Zweifel kriminalisiert werden.
Toleranz endet dort, wo Humanität verletzt wird.
Die Hölle als Spiegel des Lebens
Am überzeugendsten erscheint mir nach all diesen historischen Umwegen eine Sichtweise, die bereits vor über zweitausend Jahren formuliert wurde: Die Hölle ist kein Ort im Jenseits. Sie ist ein Zustand im Diesseits.
Der von Angst, Schuld, Neid oder Machtgier getriebene Mensch benötigt keine metaphysischen Feuerseen. Er lebt bereits in seiner eigenen Hölle. Seine Strafe ist nicht ewig, aber intensiv. Vor allem ist sie selbstgemacht.
Diese Vorstellung hat einen unschätzbaren Vorteil: Sie entlastet das Jenseits und nimmt dem Leben nichts von seiner Verantwortung. Wer handelt, trägt die Folgen. Hier. Jetzt.
Abschied von einem Schreckgespenst
Nach Immanuel Kant ist Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Für mich gehört dazu vor allem eines: der frühzeitige Abschied aus der Kirche und das Lachen über meine kindliche Höllenangst.
Nicht, weil nun alles erlaubt wäre. Sondern weil Verantwortung nicht delegiert werden kann – weder an einen strafenden Gott noch an ein jenseitiges Tribunal. Das Leben selbst ist anspruchsvoll genug.
Wenn es also eine Hölle gibt, dann liegt sie nicht unter uns, sondern in uns. Und sie hat – im Unterschied zu ihrer theologischen Schwester – einen entscheidenden Vorzug: Man kann sie mit dem Austritt aus der Religionsgemeinschaft einfach verlassen.
Zudem geben uns heute die Naturwissenschaften, besonders die Quantenphysik, Aussicht auf spektakulärere Vorstellungen, wie zwar kein ewiges Leben, aber ein ewiges Bewusstsein im Weltganzen denkbar werden. Und das ewige Leben? Das setzt sich wie immer im Generationenprinzip fort. Wir leben in unseren Nachkommen weiter, wie unsere Vorfahren in uns weiterleben.
Plauderei zum Thema
Autor: Kurt O. Wörl






