Die Laterne des Diogenes

Warum Menschlichkeit erst im Gegenüber sichtbar wird
Lesedauer: ca. 13 Minuten

Die Laterne des DiogenesAutor: Kurt O. Wörl

Der Mensch – ein Wesen, das sich selbst „weise“ nennt und doch täglich an seiner eigenen Unvollkommenheit scheitert; ein Geschöpf, das Höhlen bemalte, bevor es Worte erfand und das noch immer nach dem richtigen Maß zwischen Vernunft und Abgrund sucht – der Mensch bleibt sich selbst ein Rätsel.

Folgen Sie mir auf seinen Spuren durch Mythos und Geschichte, durch Irrtum, Hoffnung und Selbstüberschätzung. Mit diesem Text frage ich, warum wir uns so schwertun, einander zu verstehen, und weshalb die schwierigste Aufgabe womöglich darin besteht, im Antlitz des anderen den Nächsten zu erkennen. „Die Laterne des Diogenes“ – ein Spaziergang durch Licht und Schatten des Menschseins – und eine Einladung, das eigene Menschenbild neu zu betrachten.

Prolog

Unsere Selbstbezeichnung „Homo sapiens“ hat etwas Erhabenes. Ich hatte mich in meinem Beitrag „Homo sapiens – nur ein Mogeletikett?“ bereits damit befasst. Das klingt nach einer gelungenen Krönung der Schöpfung, nach geistiger Reife, Urteilskraft und einem Hauch kosmischer Würde. Doch jeder, der mit wachen Augen durch die Geschichte blickt, spürt, wie brüchig diese Selbstzuschreibung ist. Der Mensch nennt sich „weise“ – und verfehlt diese Weisheit immer wieder auf geradezu groteske Weise.

Die alte Anekdote jenes Prähistorikers, der das „Missing Link“ suchte, illustriert diese Ambivalenz heiter und zugleich treffend. Das gesuchte Bindeglied zwischen Affe und dem weisen Mensch, so die resignierte Pointe seines Kollegen, sei nichts anderes als der Mensch selbst. Er steht zwischen Vernunft und Affekt, zwischen Hoffnung und Selbstsabotage, zwischen großem Entwurf und kläglicher Umsetzung. Die Ironie dieser Bemerkung besitzt einen tieferen Ernst: Der Mensch ist ein Übergangswesen – unfertig, tastend, hin- und hergerissen, sich noch auf dem Wege hin zum weisen Menschen befindend.

Dass Diogenes am helllichten Tag mit einer brennenden Lampe über den Markt Athens lief, war daher mehr als eine Provokation. Seine Suche nach „dem Menschen“ galt nicht dem biologischen Wesen, das dort in großer Zahl umherlief. Sie galt jenem Menschen, der seine Möglichkeiten verwirklicht, seine geistigen Kräfte entfaltet und sich über die Dumpfheit des Alltags erhebt. Der diogenessche Ideal-Mensch ist selten, und das wusste er. Seine Laterne beleuchtete keine Gesichter; sie beleuchtete einen Mangel.

Wer Mensch sein will, muss Mensch werden. Es genügt nicht, geboren zu sein. Humanität ist kein Zustand, sondern ein Auftrag. Und wie in der „Zauberflöte“ gilt: „Er ist ein Prinz, mehr noch: er ist ein Mensch“ – der Rang folgt also nicht aus der Herkunft, sondern aus der Haltung.

Das rechte Alter – ein historisch wandelbarer Begriff

Wer heute darüber klagt, ein Sechzigjähriger könne „zu alt“ sein, um sich noch sinnvoll in ein geistiges oder gesellschaftliches Gefüge einzubringen, sollte einen Moment innehalten und die Maßstäbe vergangener Jahrhunderte betrachten. In einer Epoche, in der ein Fünfzigjähriger bereits als Greis galt, war das Alter eine knappe Ressource, keine Selbstverständlichkeit.

Die Bühne des Molière, auf der Männer um die fünfzig als lächerliche Alte vorgeführt wurden, zeigt die damalige Lebenswirklichkeit. Unsere Generation hingegen profitiert von medizinischen Fortschritten, stabileren Versorgungssystemen und einer nie dagewesenen Lebensspanne. Die biologische Uhr tickt heute langsamer, oder besser: Sie wird von einem robusteren Körper begleitet.

Wenn jedoch ein alter Mensch sich bildet, denkt, sucht, sich öffnet – warum sollte seine Stimme weniger Wert besitzen als die eines jungen? Epikur hatte dazu eine klare Position. Niemand sei zu jung, um sich der Philosophie zuzuwenden, und niemand zu alt, um sie zu pflegen. Was der Seele guttut, kennt keine Altersgrenze. Das gilt nicht nur für die Philosophie, sondern für alles, was geistige Lebendigkeit ermöglicht.

Die idyllische Vorstellung einer Jugend, in der man beginnt, und eines Alters, in dem man schweigt, entspringt eher einer nostalgischen Tradition als einer realistischen Betrachtung menschlicher Entwicklung. Geistiges Wachstum kennt keine Frist. Manchmal gelingt es gerade jenen mit Lebenserfahrung besser, zu denken, zu urteilen, zu verzeihen und zu unterscheiden, weil sie gelernt haben, worauf es ankommt – und wovon man lassen sollte.

Die Sphinx und das Maß des Menschlichen

Der Sinnspruch „Erkenne dich selbst“ prangt seit Jahrhunderten auf dem Apollon-Tempel. Doch er wurde meist missverstanden. Für die Griechen bedeutete er nicht primär Selbstanalyse, sondern Selbsteinordnung: „Erkenne, dass du ein Mensch bist, kein Gott.“ Der Mensch soll sein Maß wahren, nicht in Hybris verfallen, nicht höher greifen, als es seiner Natur entspricht.

Der Ödipus-Mythos führt diese Erkenntnis dramatisch vor Augen. Die Sphinx, ein Geschöpf aus Tier und Mensch, legte den Bewohnern Thebens ein Rätsel auf, das nicht nur klug, sondern einsichtig beantwortet werden musste. Als Ödipus erkannte, dass das rätselhafte Wesen der Mensch selbst sei – krabbelnd im Morgen seines Lebens, aufrecht am Mittag und vom Stab gestützt am Abend –, erkannte er zugleich die Wahrheit der menschlichen Schwäche.

Der Mensch ist hilflos als Kind und bedürftig im Alter. Er braucht den anderen – nicht aus Sentimentalität, sondern aus schlichter Lebensnotwendigkeit. Wer das vergisst, wer sich selbst genügt, wer sich über die Gemeinschaft erhebt, wird – wie es der Mythos bildhaft ausdrückt – von inneren Dämonen verschlungen. Die Sphinx ist ein Symbol für die Kräfte im Menschen, die außer Kontrolle geraten, wenn das Maß verlorengeht.

Zwischen zwei Polen bewegt sich das Menschsein: dem apollinischen Drang zur Form, Klarheit, Individuation – und dem dionysischen Bedürfnis nach Auflösung, Rausch, Gemeinschaft. Beide Kräfte sind legitim. Nur im Ausgleich entfaltet sich die menschliche Würde. „Nichts im Übermaß“, mahnt der Tempelspruch. Es ist die uralte Forderung nach Balance: zwischen Selbst und Welt, zwischen Pflicht und Freiheit, zwischen Rückzug und Hingabe.

Frühe Menschheit – und frühe Menschlichkeit

Lange galt der Neandertaler als Karikatur des Menschen: grob, primitiv, wenig geistig entwickelt. Doch die archäologischen Zeugnisse erzählten inzwischen eine andere Geschichte: Er pflegte die Verwundeten, er bestattete seine Toten, er schmückte Gräber mit Blumen. Das ist kein Verhalten, das nur aus Überlebensinstinkt entspringt. Es zeugt von Anteilnahme, Ritual, symbolischem Denken. Kurz: von Menschlichkeit.

Der Cro-Magnon-Mensch, der in Europa später auftritt, überrascht die Fachwelt durch die künstlerische Reife seiner Höhlenmalerei. In der Chauvet-Höhle begegnen uns Tiere von einer solchen Eleganz, Bewegung und Ausdruckskraft, dass die kunsthistorische Entwicklung wie beschleunigt erscheint. Der Mensch trat nicht allmählich in die Welt der Symbole ein; er scheint dort von Anfang an heimisch gewesen zu sein.

Diese frühen Zeugnisse verraten uns dreierlei: Erstens ist der Mensch ein soziales Wesen, bevor er ein kulturelles wurde. Zweitens lebt er von Bildern und Zeichen, bevor er sie verstand. Drittens sucht er Sinn – in der Natur, im Ritual, in der Gemeinschaft. Der Mensch existierte nie als isoliertes Individuum. Seine Identität entsteht in der Beziehung, im Schutz, im geteilten Blick.

So tief ist diese soziale Prägung, dass sie sich durch die gesamte Geschichte der Menschheit zieht. Selbst jene, die sich in Höhlen, Wüsten oder auf Berge zurückzogen, suchten am Ende doch den Menschen – als Gegenüber oder als die andere Stimme.

Orte der Einkehr – die Suche nach dem eigenen Grund

Seit es Menschen gibt, haben sie sich an besondere Orte zurückgezogen, um über sich selbst nachzudenken: in Grotten, auf Berge, in die Wüste, an einsame Flussufer. Diese Rückzüge waren nicht weltfremd. Sie dienten nicht der Flucht, sondern der Sammlung. In der Stille, fern von Lärm, Pflicht und Geschäftigkeit, lässt sich die Frage „Wer bin ich?“ mit größerer Klarheit stellen. Der Mensch erkennt sich in der Einsamkeit deutlicher als im Gewühl.

Die großen Fragen des Menschseins – Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum tun wir, was wir tun? – verlieren nie ihre Gültigkeit, auch wenn sie in unterschiedlichen Zeiten anders beantwortet werden. Sie begleiten uns wie ein Grundton des Daseins. Wer ihnen ausweicht, verliert einen Teil seiner inneren Führung.

In manchen Epochen schien die Empfehlung, „in sich zu gehen“, wie eine strenge Pflicht. Heute, in einer Zeit permanenter Ablenkung, scheint sie fast wie ein Luxus. Doch an Bedeutung hat sie nicht verloren. Die Einsamkeit ist eine Werkstatt der Einsicht. Wer einen Moment Abstand gewinnt, kann das eigene Denken betrachten, ohne ihm sofort zu erliegen. Der Mensch ist dort nicht weniger er selbst – er ist es stärker.

Sinneswandel statt Selbstquälerei

Der Mensch hat ein bemerkenswertes Verhältnis zu seinen Fehlern. Er neigt dazu, sich entweder unnachsichtig zu bestrafen oder sie kleinzureden. Zwischen diesen Extremen liegt die Haltung, die „Metanoia“ (Buße) genannt wird – jenes biblische Wort, das wörtlich einfach bedeutet: den Sinn ändern. Reue in diesem ursprünglichen Sinn ist keine Selbstkasteiung. Sie ist eine innere Wendung.

Das christliche Mittelalter verstand Buße oft als körperliche oder seelische Züchtigung. Flagellanten peitschten sich in Angst vor dem Weltenende. Doch die Bibel selbst spricht nicht von Selbstbestrafung, sondern von Neuorientierung. Es ist bemerkenswert, wie sehr dieser Unterschied das Menschenbild prägt. Wer seine Fehler wie schwere Steine mit sich trägt, macht sich selbst unbeweglich. Wer sie dagegen zum Ausgangspunkt einer inneren Bewegung, einer Wandlung macht, verwandelt sie in Wegmarken.

Goethes Satz aus den Lehrjahren klingt fast wie eine Zusage: Der Mensch müsse keine seiner Torheiten bereuen, sofern er auf dem Weg zum rechten Ziel sei. Was zählt, ist nicht das makellose Leben, sondern die Bereitschaft zur Wandlung. Und der chassidische Rabbi Jizchak Meir Alter von Ger fügt hinzu, dass es wenig Sinn habe, sich in der Erinnerung an das Verfehlte festzufressen. Gedanken formen Menschen. Wer an Schmutz festhält, bleibt darin stecken. Wer sich zum Guten wendet, wird vom Guten verändert.

Im Kern lautet die Botschaft: Der Mensch soll sich nicht unendlich mit Vergangenem befassen, sondern die Kraft der Gegenwart für das Zukünftige erkennen. Die Vergangenheit kann uns warnen; das Ziel zieht uns vorwärts.

Die Insel „Nirgendwo“ – das Spiel mit dem Unmöglichen

Es gibt wenige Worte, die so viele Missverständnisse hervorgerufen haben wie der Begriff Utopie. Thomas Morus meinte mit seiner erfundenen Insel Utopia nicht einen realisierbaren politischen Plan, sondern einen Spiegel. Seine Idealgesellschaft sollte das Denken anregen, nicht das Handeln diktieren. Das lateinisch-griechische Wortspiel – Ou-Topos, der „Nicht-Ort“ – zeigt deutlich, dass Morus nicht an die Umsetzung glaubte. Der Nicht-Ort war ein bloßes Gedankenexperiment.

Spätere Generationen übersahen diesen feinen Hinweis. Sie nahmen die Utopie wörtlich und glaubten, man könne sie in diese fehlerhafte Welt pflanzen. Das Ergebnis war häufig Zwang und Gewalt. Die Geschichte hat gezeigt, wie gefährlich ein zu wörtlich verstandener Idealismus sein kann. Wo Menschen zu „besseren Menschen“ erzogen oder gezwungen werden sollen, verliert sich oft gerade das, was das Menschsein ausmacht: Freiheit, Unabhängigkeit, Irrtum, Individualität.

Und doch bleibt der Traum einer besseren Welt bedeutsam – nicht als Ziel, das man erreichen will, sondern als Horizont, zu dem man unterwegs ist. Wer am „Tempel der Humanität“ baut, weiß, dass dieses Bauwerk niemals vollendet wird. Der Sinn der Arbeit liegt nicht in der Fertigstellung, sondern in der Wandlung dessen, der baut. So wie die mittelalterlichen Kathedralen Generationen beschäftigten, ohne dass eine einzelne Bauhütte das Ergebnis sah, so ist auch die Arbeit an Humanität ein Projekt für viele Hände und alle Zeiten.

Der Mensch formt durch diese Arbeit sich selbst. Er lernt Maß, Geduld, Toleranz und die Kunst des richtigen Verzichts. Der Weg wird zum Ziel – nicht aus romantischer Verklärung, sondern aus nüchterner Einsicht: Nur der Weg verändert uns. Das Ziel ist immer nur ein angestrebter Endpunkt.

Die zwei Tragödien des Glücks

Der Wunsch, ein Ziel zu erreichen, treibt den Menschen voran. Doch das Erreichen selbst ist nicht immer der Lohn, den man erwartet hat. Oscar Wildes berühmte Unterscheidung zwischen zwei Tragödien – der Nichterfüllung eines Herzenswunsches und seiner Erfüllung – wirkt auf den ersten Blick paradox. Wer aber erlebt hat, dass lange ersehnte Erfolge eine unverhoffte Leere erzeugen können, weiß, wie treffend sie ist.

Im Menschen ruht eine Erwartung, die größer ist als das, was die Welt zu geben vermag. Das Erreichen eines Zieles stillt den Durst nicht vollständig. Häufig zeigt sich erst danach, dass das Glück eher im Streben lag als im Erlangen. Das klingt ernüchternd, ist aber kein Anlass zu Pessimismus. Vielmehr beschreibt es einen Grundzug des menschlichen Wesens: Es braucht Bewegung.

Das musivische Pflaster aus weißen und schwarzen Steinplatten, mit welchen der Salomonische Tempel ausgelegt gewesen sein soll, zeigt diese Dynamik. Beide gehören zum Leben. Licht ohne Schatten blendet; Dunkelheit ohne Licht lähmt. Der Mensch braucht Herausforderungen – nicht im Übermaß, aber ausreichend, um sich zu entwickeln. Arnold Toynbee hat diesen Zusammenhang zwischen Herausforderung und Antwort untersucht: zu wenig fordert nicht heraus, zu viel zerstört.

Jeder Mensch muss für sich selbst finden, welches Maß an Spannung ihn reifen lässt, und welches ihn überwältigt. In dieser Frage offenbart sich nicht nur seine Kraft, sondern auch sein Menschenbild: Wie sehe ich mich? Wie viel traue ich mir zu? Wieviel mute ich mir zu?

Missverstehen, Deuten und Urteilen

Es ist erstaunlich, wie sehr Erwartungen unser Urteil prägen. Der Jesuit Friedrich Spee erkannte schon im 17. Jahrhundert, dass der Hexenwahn nicht durch Tatsachen, sondern durch Gedankenmuster genährt wurde. Die Richter hatten ein Bild im Kopf – und alles, was sie sahen, bestätigte es. Die Unschuldige konnte nicht unschuldig erscheinen, weil jede mögliche Verhaltensweise immer in die Logik des Vorurteils passte.

Wer heute darüber milde lächelt, sollte vorsichtig sein. Auch in modernen Zusammenhängen wirken ähnliche Mechanismen. Ein Irrtum kann sich blitzartig in ein festes Urteil verwandeln. Ein Etikett erzeugt eine Wirklichkeit. Und in Konflikten – sei es im Privaten, im Beruf oder im öffentlichen Raum – gibt es viele Fälle, in denen der Versuch des Gegenbeweises als weiterer Beweis der Schuld gilt.

Paul Watzlawick hat diese Dynamik in einem Beispiel aus einem toskanischen Krankenhaus erläutert: Eine völlig gesunde Frau wurde irrtümlich für eine schizophrene Patientin gehalten, und alles, was sie sagte, wurde fortan als krankhaft interpretiert. Das Missverständnis hatte harmlos begonnen – und endete als vollständige Verzerrung der Wirklichkeit.

Anderes Beispiel: Wer erinnert sich noch an den Justizskandal um Gustl Mollath? Mollath erging es genau so. Er hatte die Schwarzgeldgeschäfte seiner Ehefrau vor Gericht reklamiert, diese wurden ihm – auch vom vorsitzenden Richter – als „Wahnvorstellungen“ ausgelegt. Er landete schließlich in der forensischen Psychiatrie – ganze fünf Jahre. Alle seine Versuche, sich zu rehabilitieren wurden nur als weitere Belege für seine Wahnhaftigkeit ausgelegt, – bis sich seitens einer Bank, dem ehemaligen Arbeitgeber seiner Frau, im Rahmen einer internen Revision Mollaths Behauptungen als wahr erwiesen. 

Daraus folgt eine schlichte, aber bedeutsame Einsicht: Wer den anderen falsch versteht, versteht sich selbst oft genauso falsch. Ein reifes Menschenbild muss die Möglichkeit offenhalten, dass die eigene Perspektive unvollständig oder sogar irrtümlich sein kann. Der erste Schritt zur Toleranz ist nicht Großmut, sondern die Klarheit: Ich könnte mich irren.

Kultur, Nähe und das ungewollte Missverständnis

Nicht jedes Missverstehen ist dramatisch. Oft entsteht es in alltäglichen Begegnungen – gerade dort, wo niemand Böses will. Ein Beispiel aus einem Reitclub in São Paulo zeigt, wie harmlos eine Situation beginnen und wie unerwartet sie eskalieren kann. Europäische und nordamerikanische Gäste hielten im Gespräch eine größere Distanz als die einheimischen Südamerikaner. Für die Gäste war diese Distanz selbstverständlich, Ausdruck höflichen Benehmens. Für die Gastgeber war sie dagegen kühl und unpassend. Also rückten sie näher. Die Gäste dagegen wichen zurück. Es war ein fast tänzerisches Geschehen aus Annäherung und Rückzug, das so lange andauerte, bis einige unglückliche Teilnehmer nach stetem Zurückweichen über das Verandageländer stürzten.

Niemand war im Unrecht. Beide Seiten folgten einer tief verinnerlichten sozialen Norm. Doch jede Norm erklärt nur sich selbst, nicht den anderen. Der Mensch bewegt sich in kulturellen Mustern, die er oft gar nicht als solche erkennt. Sie sind uns so selbstverständlich, dass wir gar nicht merken, wie sehr sie unser Urteil prägen. Erst das Missgeschick macht sichtbar, wie unterschiedlich Wahrnehmungen sein können.

In solchen Situationen zeigt sich, wie viel Missverständnis im Zwischenraum zwischen zwei Menschen entstehen kann – und wie rasch ein Missverständnis die Rolle eines Urteils annimmt. Wer verstehen will, muss seine Normen nicht aufgeben, aber er sollte wissen, dass sie nicht universell sind. Denn Missverstehen ist die häufigste Ursache von Konflikten – viel häufiger als böser Wille.

Die Frage, die sich ein Mensch in solchen Momenten stellen kann, lautet: Verstehe ich den anderen überhaupt richtig? Oder wende ich nur meine eigenen Maßstäbe auf ihn an? Diese Frage hat nichts Relativistisches, sondern etwas Befreiendes. Sie erlaubt die Möglichkeit des Irrtums, und mit dieser Möglichkeit wächst die Chance des Verstehens.

Der Mitmensch als Spiegel – ein unbequemer Lehrmeister

Es gibt Augenblicke, in denen uns ein anderer Mensch auf eine Weise irritiert, die uns selbst überraschen muss. Eine kleine Eigenart, eine unbedeutende Geste, eine lässliche Schwäche – und doch empören wir uns darüber stärker, als es der Anlass rechtfertigt. Sobald solche Überreaktionen auftreten, lohnt sich ein genauer Blick. Denn oft reagiert nicht nur unser moralischer Sinn, sondern etwas Tieferes.

Hermann Hesse hat es in einem Satz aus dem Demian pointiert: „Wenn wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, das in uns selbst sitzt.“ Dieser Gedanke ist unbequem, weil er uns zwingt, nicht zum anderen, sondern zu uns selbst zurückzukehren. Der andere ist dann nicht mehr bloß Anlass unseres Ärgers, sondern Spiegel unseres Ärgers. Er zeigt uns, was wir ungern an uns wahrnehmen: unsere eigenen Schatten.

Wer bereit ist, diese Perspektive zuzulassen, entdeckt eine stille Form von Selbsterkenntnis. Der Ärger, den ein anderer in uns auslöst, ist oft ein Hinweis. Er verweist auf etwas, das in uns selbst ungelöst, ungeordnet oder verdrängt liegt. Der Mitmensch ist in diesem Sinn kein Hindernis, sondern ein Spiegel. Er zwingt uns zur Auseinandersetzung mit uns selbst. Das macht ihn zu einem unbequemen, aber wertvollen Lehrmeister.

Die Tugend der Toleranz gewinnt dadurch eine zusätzliche Dimension. Sie bedeutet nicht nur einen Akt des Wohlwollens gegenüber anderen, sondern auch einen Akt der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Wer die Unvollkommenheit des anderen duldet, übt zugleich den Umgang mit der eigenen. Und wer die eigenen Schwächen erkennt, wird vorsichtiger, bevor er die Schwächen des anderen verurteilt.

Toleranz ist daher weniger eine moralische Zierde als eine Haltung der Wahrhaftigkeit. Sie schützt nicht nur den anderen vor unserem Urteil, sondern uns selbst vor Selbsttäuschung.

Die Frage nach dem Menschen – gestern und heute

Die Bilder des Menschen haben sich im Lauf der Geschichte gewandelt. Das Mittelalter sah ihn als staubkörnchenhaften Sünder im Angesicht Gottes, abhängig von Gnade und Erlösung. Die Aufklärung sah ihn als vernunftbegabten Träger seiner eigenen Freiheit. Die Moderne als schöpferische Kraft, die die Welt nach ihren Vorstellungen ordnen will. Und das 20. Jahrhundert musste erleben, wie diese schöpferische Kraft in zerstörerische Größenwahnprojekte umschlug.

Heute stehen wir erneut an einem Scheidepunkt. Der Mensch erlebt sich zunehmend in digitalen Strukturen. Maschinen nehmen ihm Arbeit ab, aber auch Entscheidungen. Biotechnologie greift in sein Erbgut ein. Globale Vernetzung überlagert individuelle Lebenswelten. Die Frage „Was ist der Mensch?“ wird dringlicher, nicht abstrakter. Sie entscheidet über das Verhältnis zu Technik, Natur und Zukunft.

Gerade in dieser Lage ist ein Menschenbild nötig, das weder romantisch verklärt noch technisch verengt. Der Mensch ist weder reiner Informationsverarbeiter noch bloßer Träger biologischer Funktionen. Er ist ein fühlendes, denkendes, zweifelndes, hoffendes Wesen. Er lebt nicht nur von Fakten, sondern von Sinn. Nicht nur von Logik, sondern von Bedeutung. Und er bleibt ein soziales Wesen – verletzbar, abhängig, verantwortungspflichtig.

Wenn die Menschheit sich diesem Kern verweigert, verliert sie sich. Wenn sie ihn bewahrt, kann sie sich weiterentwickeln.

Das Ende der Nacht – ein Bild des Erkennens

Die Erzählung vom Rabbi, der seine Schüler fragt, wie man den Beginn des Tages erkenne, wirkt schlicht, doch sie verdichtet eine tiefe Einsicht. Der Tag beginnt, sagt der Rabbi, wenn der Mensch im Gesicht eines anderen seinen Bruder erkennt. Solange er das nicht vermag, bleibt es Nacht – auch dann, wenn die Sonne bereits aufgegangen ist.

Dieser Gedanke knüpft an Diogenes an, der nach dem Menschen suchte. Hier jedoch wird die Suche nicht nach außen verlegt. Sie richtet sich nach innen. Es geht nicht darum, Menschen zu finden, sondern Menschlichkeit zu erkennen – im anderen und damit auch in sich selbst. Das Licht, von dem diese Geschichte spricht, fällt nicht vom Himmel. Es entsteht im Inneren.

Der Siddhartha Gautama, der Buddha drückte denselben Gedanken auf seine Weise aus: „Seid euer eigenes Licht.“ Der Satz wird oft missverstanden. Er meint nicht narzisstische Selbstvergewisserung, sondern Verantwortung. Der Mensch soll nicht von außen her auf Erleuchtung hoffen, sondern im eigenen Bewusstsein Klarheit schaffen. Wer sich selbst erkennt, erkennt auch den anderen. Und wer im anderen den Bruder erkennt, erkennt sich selbst in höherem Sinn.

Epilog – Der Mensch als werdendes Wesen

Die Frage, ob wir die Bezeichnung „Homo sapiens“ verdienen, lässt sich weder leicht noch endgültig beantworten. Vielleicht liegt die Wahrheit darin, dass wir ihn nicht besitzen, sondern erst noch erwerben müssen. Der Mensch ist ein Wesen in Arbeit – an der Welt und an sich selbst. Seine Weisheit liegt nicht im Erreichten, sondern im Streben danach. Nicht im Vollkommenen, sondern im Weg dorthin.

Der Mensch wird nie „fertig“, wie auch der Tempel der Humanität eine stete Baustelle bleiben wird. Doch gerade darin liegt des Menschen Würde. Er kann sich wandeln, er kann irren, er kann neu beginnen. Er kann selbstverschuldet Dunkelheit schaffen – aber auch Licht. Und er bleibt frei, in jeder Begegnung zu entscheiden, ob er das Antlitz des anderen als Störung oder als Spiegel erkennt.

So bleibt das Menschenbild ein offenes Projekt. Vielleicht ist das seine größte Stärke. Denn ein abgeschlossenes Menschenbild wäre fatal. Evolution kennt kein festes Ziel, auch nicht die des Menschen. Ein offenes Menschenbild hingegen lässt Raum für die Nacht – und für den Anbruch des Tages.


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