Homo sapiens – nur ein Mogeletikett?

Warum die „Krone der Schöpfung“ noch lange nicht weise ist
Lesedauer: ca. 17 Minuten

Homo sapiens – nur ein Mogeletikett?

Autor: Kurt O. Wörl

Der Mensch scheitert an keiner Aufgabe häufiger als an sich selbst. Er kennt die Wahrheit und flieht vor ihr. Er liebt die Freiheit und fürchtet die Verantwortung. Er bewundert die Vernunft und dient letztlich nur seinen Leidenschaften. Trotzdem nennt er sich Homo sapiens. Es stellt sich also die die Frage: Ist also „Homo sapiens“ – nur ein Mogeletikett?

Prolog – die anmaßende Selbstbezeichnung

Der lateinische Name, den der Mensch seiner eigenen Gattung gegeben hat, ist eine Zumutung – zumindest für Realisten: Homo sapiens, der „weise Mensch“. Das klingt nach reifer Selbstbeherrschung, nach ruhiger Voraussicht, nach geistiger Mündigkeit. Leider ist es vor allem eines: Selbsttäuschung. 

Man könnte diese Selbstbenennung als harmlose Eitelkeit abtun, wenn sie nicht die Grunddiagnose einer gefährlichen Art Selbstüberschätzung wäre. Der Mensch hält sich für das denkende, vernünftige und reflektierte Wesen – während seine Geschichte eine Chronik impulsiver Tragödien ist. Er baut Kathedralen und Atombomben, gründet Hilfswerke und begeht Genozide. Er ist fähig zu atemberaubender Kunst wie zu beispielloser Grausamkeit. Zwischen Nobelpreis und Massenmord liegen manchmal nur wenige Generationen – und gelegentlich ist es dieselbe Person.

Der Mensch wäre, so heißt es gern, „die Krone der Schöpfung“. Diese Krone wurde allerdings nie verliehen – er hat sie sich selbst aufgesetzt. Eine Art, die bis heute Kriege führt, weil Stammesdenken und verletzte Eitelkeiten tief in ihr wirken, hat sich selbst für „weise“ erklärt. Die medizinische Diagnose ist einfacher: Es ist Hybris.

Doch bevor wir uns endgültig von der Vernunft verabschieden – zugegeben, ein naheliegender Gedanke –, lohnt ein zweiter Blick. Denn der Mensch ist nicht nur das widersprüchlichste Wesen auf diesem Planeten, sondern auch das einzige, das zur Selbstbefragung fähig ist. Nur er kann die Frage stellen: Was ist das Gute? Was ist das Richtige? Was bleibt von uns? Kein Wolf ringt mit sich über ethische Dilemmata. Kein Wal verfasst Traktate über die Begrenztheit des Daseins.

Dieser Essay stellt eine einfache Frage, die nur selten gestellt wird: Hat der Mensch die Bezeichnung Homo sapiens verdient – oder ist er vor allem ein Lehrling der Vernunft, der zu früh sein Abschlusszeugnis erhalten hat? Wir werden dieser Frage nicht mit Ideologie begegnen – weder mit romantischem Humanismus noch mit kulturpessimistischer Misanthropie. Die Wahrheit ist: Der Mensch ist weder göttlich noch verdorben. Er ist ein schlicht unfertiges Wesen. Das macht ihn interessant.

Hybris als Grundproblem des Menschen

Dass der Mensch sich selbst als weise sieht, wäre nur amüsant, wenn diese Selbstzuschreibung nicht so folgenreich wäre. Denn wer sich für weise hält, sucht selten nach Wegen, es überhaupt erst zu werden. Letztlich ist’s nur ein intellektueller Persilschein, ein eingebautes Alibi: Wenn wir „weise Menschen“ sind, dann kann unser Handeln doch im Kern nur vernünftig sein.

Ein kurzer Blick in die Geschichte genügt, um zu sehen, wie wenig begründet diese Selbstvergewisserung ist. Keine andere Spezies hat je Vernichtungskriege geführt, keine andere hat industrielle Tötungssysteme entwickelt, keine andere ist bereit gewesen, den eigenen Lebensraum bewusst zu zerstören, während sie gleichzeitig akademische Konferenzen über Nachhaltigkeit abhält. Man könnte sagen: Der Mensch ist das einzige Wesen, das ein Feuer legt und gleichzeitig eine Ethikkommission gründet, um darüber zu beraten, ob Löschen eine moralische Pflicht wäre.

Die Hybris des Menschen zeigt sich nicht in seinen Fähigkeiten, sondern in seiner Bewertung dieser Fähigkeiten. Er verwechselt Intelligenz mit Weisheit, technische Macht mit sittlicher Reife und Fortschritt mit Zivilisation. Er baut Maschinen, die schneller rechnen als er – und trifft Entscheidungen, die dümmer sind als alles, was diese Maschinen je berechnen könnten. Er kann Atome spalten, aber selten Konflikte schlichten – und so weiter. 

Trotz all seiner intellektuellen Selbstverehrung hat der Mensch nicht einmal die grundlegende biologische Verantwortung gelernt: den Umgang mit der eigenen Reproduktion. Seit dem 19. Jahrhundert wächst die Weltbevölkerung in einer Weise, die eher an das Verhalten eines Erregers in einer Nährlösung erinnert als an das einer „weisen“ Spezies. Er weiß, dass seine Ressourcen begrenzt sind, er kennt die Zusammenhänge von Umweltbelastung, Konflikten und Überbevölkerung – und dennoch verhält er sich, als sei dieses Wachstum naturgegeben. Kein anderes Lebewesen destabilisiert sein eigenes Ökosystem so aggressiv und rechtfertigt dies mit politischen, religiösen, gar ethischen Ausreden. Dabei ist der Mensch das einzige Lebewesen, das Hilfsmittel zur eigenen Geburtenkontrolle entwickeln konnte. – Weisheit würde auch hier bedeuten, Maß zu halten.

Betrachten wir die Weltlage ohne ideologische Brille: Hunger ist kein Ressourcenproblem mehr, sondern ein Verteilungsproblem. Kriege sind nie unausweichlich, aber oft nützlich für bloße Machtinteressen. Wirtschaftliche Krisen kommen nicht aus heiterem Himmel, sie sind das Ergebnis gewollter Fehlanreize. Gesellschaftliche Spaltungen entstehen nicht aus Unterschieden, sondern aus dem ideologischen Missbrauch dieser Unterschiede. All das wissen wir – und dennoch handeln wir dagegen nur, solange es keine Kosten verursacht. Weise ist das nicht.

Und doch – bei aller Kritik wäre ein rein verurteilender Blick auf den Menschen zu billig. Der Mensch scheitert nicht nur spektakulär, er entwickelt sich vor allem paradox. Er schafft Werte und verstößt gegen sie. Er erkennt Zusammenhänge und verdrängt sie. Er liebt die Wahrheit, aber lügt dutzendfach am Tag. Er kann grausam sein, aber auch fähig zu Empathie, Moral, Verantwortung. Gerade diese Widersprüchlichkeit verlangt eine ehrliche Diagnose: Der Mensch ist nicht grundsätzlich nur gut oder nur schlecht, sondern vermutlich noch ziemlich unzureichend entwickelt. Er ist Bewusstsein ohne An­lei­tung.

Warum Intelligenz noch keine Weisheit ist

Vielleicht beginnt die ganze Verwirrung damit, dass Menschen den Unterschied zwischen Intelligenz und Weisheit notorisch verwechseln. Der moderne Mensch ist stolz auf seine technische Zivilisation, auf Forschung, Mathematik, Medizin, Digitalisierung. Er misst seinen Fortschritt an Rechenleistung, Energieverbrauch und Datenmenge. Sein Motto lautet: „Wenn wir es machen können, sollten wir es tun.“ Was er dabei übersieht: Intelligenz kann Probleme lösen – Weisheit verhindert, dass man zugleich solche erst generiert.

Es ist erstaunlich, wie sehr der Mensch an der Überzeugung festhält, Denken sei automatisch gut. Doch denken zu können ist keine Garantie für Wahrheit, sondern zunächst nur ein Werkzeug. Ein Messer kann Brot schneiden, aber auch Wunden schlagen – und der menschliche Verstand verhält sich ähnlich. Wissen ist neutral, seine Anwendung jedoch nicht. Die technische Beherrschung der Welt ist kein Zeichen geistiger Reife und schon gar nicht für Weisheit; sie ist nur ein Hinweis darauf, dass der Mensch gelernt hat, sich in der Natur zu behaupten und diese zu manipulieren. Über sich selbst weiß er offenbar weit weniger.

Das weist auf das Kernproblem hin: Der Mensch ist nicht in erster Linie ein vernünftiges Wesen. Er ist ein emotionales, affektgetriebenes, gruppenabhängiges Überlebenssystem, das gelegentlich die Vernunft benutzt – meist nachrangig, um Entscheidungen zu rechtfertigen, die längst aus anderen Motiven oder Antrieben getroffen wurden. Man nennt das seit David Hume „die Sklaverei der Vernunft unter den Leidenschaften“. Moderne Neuropsychologie bestätigt das: Der Mensch entscheidet emotional und erklärt diese Entscheidung im Nachhinein logisch. Er erfindet also Ausreden für sein Tun.

Weisheit jedoch verlangt das Gegenteil: Distanz zu sich selbst, die Fähigkeit, das eigene Motiv zu erkennen, zu prüfen und zu bändigen. Weisheit ist nicht Wissen – sie ist eine Haltung und das verantwortungsbewusste Anwenden von Wissen. Sie beginnt dort, wo der Mensch sein Lieblingstheaterstück verlässt: die Selbsttäuschung. Weisheit ist der Mut, die Wahrheit auszuhalten, auch wenn sie unbequem ist. Sie ist die Fähigkeit, das Ego hinter die Verantwortung zuürckzustellen. Sie ist die Kunst, langfristige Folgen einzubeziehen, statt spontanen Impulsen nachzugeben. Weisheit ist vor allem eines: Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung.

In der Antike wusste man das noch. Sokrates nannte Nichtwissen die Bedingung jeder Erkenntnis. Seneca nannte die Beherrschung des eigenen Geistes den ersten Schritt zu menschlicher Größe. Konfuzius beschrieb Weisheit als Gleichgewicht von Kenntnis, Erfahrung und Mitgefühl.

Heute dagegen wird Weisheit allzu oft verwechselt mit Selbstoptimierung: Ein wenig Achtsamkeit hier, ein bisschen Coaching dort, vielleicht ein Podcast über „mentale Stärke“ – und schon gilt man als reflektiert. Doch echte Weisheit verlangt eine geistige Disziplin, die selten geworden ist: Urteilsfähigkeit.

Wer vom Menschen als Homo sapiens spricht, muss vor allem die Frage beantworten: Ist dieses Wesen in der Lage, sich selbst zu beherrschen? Wenn nicht, dann bleibt „Weisheit“ reine Illusion, bloßes Etikett, und der Lauf der Welt bleibt das, was er immer war – eine Mischung aus Zufall und getarnter Verantwortungslosigkeit.

Warum Wissen ohne Haltung gefährlich ist

Der Mensch scheitert nicht aus Mangel an Wissen, sondern aus Mangel an innerer Ordnung. Kein Jahrhundert der Geschichte war so reich an Erkenntnis und so arm an Orientierung wie das heutige. Noch nie konnten Menschen so viel wissen – und noch nie war es so mühsam, daraus etwas zu verstehen. Der Informationsstand explodiert, aber die Urteilskraft schrumpft. 

Er weiß, dass Kriege Leid erzeugen, er führt sie aber immer wieder. Er weiß, dass Gier zerstörerisch ist, erklärt sie aber mit „Wettbewerbsdynamik“. Er weiß, dass Wahrheit ohne Zweifel unmöglich ist, lebt aber im Komfort geistiger Echokammern. Er weiß, dass Lügen Gesellschaften zerstören, entschuldigt sie jedoch als „Narrative“. Er weiß, dass Verantwortung der Preis der Freiheit ist und entzieht sich ihr trotzdem im Namen irgendeines höheren Zwecks. Wissen allein ist also kein Fortschritt – erst Reife macht Wissen zu Kultur – und vielleicht zur Weisheit.

Damit sind wir bei einem zentralen Punkt: Der Mensch weiß viel – aber er will sein Wissen oft nicht nutzen. Seine kognitiven Fähigkeiten entwickeln sich schneller als seine moralische und psychische Belastbarkeit. Evolutionär ist er nicht für Komplexität gebaut. Er sucht geistige Abkürzungen, liebt einfache Erklärungen und vertraut Instinkten, die in der Savanne hilfreich waren, aber in modernen Gesellschaften Chaos erzeugen. Tribalismus – das Wir-gegen-die-Denken – ist keine ideologische Erfindung, sondern ein biologisches Grundprogramm. Der Mensch will dazugehören. Wahrheit ist zweitrangig, Gruppenzugehörigkeit wichtiger als Realität.

Auch das erklärt, warum Ideologien so gut funktionieren. Sie liefern einfache, vorgefertigte Weltbilder. Feindbilder gleich inklusive. Sie geben Antworten ohne hinterfragen zu müssen und fordern zudem Loyalität statt Zweifel. Der Mensch denkt ideologiegetrieben nicht mehr individuell; er glaubt dann kollektiv. So wird Moral zur Waffe und Selberdenken zur Gefahr. Die Instrumentalisierung des Guten ist ein bewährtes Mittel unter Ideologen. Und Fanatismus entsteht aus intellektueller Überforderung und dem Wunsch nach einfachen Lösungen.

Und doch liegt das Problem tiefer: Nicht wenige Menschen schützen sich vor Erkenntnis, weil Erkenntnis zugleich Verantwortung einfordert. Wer versteht, kann nicht mehr ignorieren, weiß, dass er handeln müsste. Wer begreift, steht in der Pflicht. Eigentlich! Darum ist die bewusste Selbsttäuschung der größte Feind von Weisheit und nicht bloße Unwissenheit. Die Fähigkeit und der Wille, die Wahrheit zu verbiegen, ist das eigentliche Übel, das den Weg zur Weisheit versperrt. Das erklärt den paradoxen Zustand der Gegenwart: Wir haben mehr Wissen als je zuvor – und zugleich eine massive Renaissance an Irrationalität. Der aktuelle Blick nach Washington unter Trump und nach Moskau unter Putin belegt dies überaus schmerzhaft.

Das ungenutzte Potenzial des Menschen

Bei aller Kritik wäre es aber falsch, aus den Defiziten des Menschen zu schließen, er sei ein hoffnungsloser Fall. Im Gegenteil: Seine größte Schwäche ist zugleich seine Stärke – er ist formbar. Kein anderes Lebewesen hat die Fähigkeit zur Selbstüberwindung so tief in seine Natur eingeschrieben wie der Mensch. Er ist eben nicht nur ein Produkt seiner Instinkte, er kann über sie hinauswachsen. Er ist auch Träger seiner Geschichte und er kann sie kritisch prüfen. Er ist nicht nur an den Zeitgeist gebunden, er kann ihm widersprechen.

Dass der Mensch sich moralisch entwickeln kann, ist historisch belegbar, auch wenn der Fortschritt selten linear verläuft. Die Abschaffung der Sklaverei, die Menschenrechte, die Rechtsstaatlichkeit, die Völkerverständigung – das alles sind Errungenschaften, die nicht durch Ideale entstanden sind, sondern durch die Einsicht, dass das Überleben ohne Kooperation für den Menschen kaum möglich ist. Kultur entsteht nur dort, wo das Recht des Stärkeren wirksam begrenzt werden konnte.

Selbstreflexion ist die vielleicht außergewöhnlichste Fähigkeit des Menschen. Er kann sein eigenes Denken beobachten, es hinterfragen. Damit besitzt er ein Werkzeug, das sich in der Natur sonst nirgends findet: die Möglichkeit, sich selbst zum Besseren zu entwickeln. Er kann aus Fehlern lernen, sowohl individuell als auch kollektiv. Die Wissenschaft zeigt dies: institutionalisierte Fehlersuche ist das Prinzip. Philosophie ist eine gedankliche Selbstprüfung. Kunst ist die geistige Verdichtung von Erfahrung. Der Mensch muss also kein nur ein von Affekten Getriebener, sondern kann auch ein Lernender sein – wenn er danach strebt.

Auch Empathie ist keine Illusion. Sie mag biochemische Grundlagen haben, doch sie reicht über das rein biologische Programm hinaus. Der Mensch kann bewusst moralisch handeln, selbst wenn es ihm keinen Vorteil bringt. Er kann sich altruistisch zeigen, obwohl dies bisweilen riskant ist. Unzählige Rettungsaktionen, soziale Bewegungen oder couragierte Einzelhandlungen stehen dafür ein, dass der Mensch nicht auf bloße Überlebensökonomie alleine reduziert werden darf. In extremen Situationen opfert der Mensch mitunter sogar für andere sein Leben – nicht selten für ihm völlig Fremde. Es wäre unredlich, diese Hoffnung stiftende Seite des Menschen unerwähnt zu lassen.

Dennoch bleibt die kritische Frage: Wenn der Mensch zu Vernunft, Ethik und Moral fähig ist – warum lebt er diese nicht konsequenter? Warum bleiben diese episodisch, zufällig, unsystematisch? Warum sind Vernunft und Verantwortung noch immer Ausnahmephänomene, während Fanatismus, Korruption und Selbstbetrug sich erstaunlich stabil zeigen?

Die Antwort dürfte lauten: Der Mensch besitzt das Potenzial zur Weisheit – aber Weisheit ist kein Naturzustand. Sie ist keine angeborene Eigenschaft, sondern ein Entwicklungsweg. Und dieser Weg beginnt nicht allein mit mehr Wissen, sondern mit einer gefestigten Haltung gegenüber Wahrheit und Verantwortung.

Vom Scheinen zum Handeln: Die Wende zur Verantwortung

Wenn Weisheit möglich ist, muss sie irgendwo beginnen. Aber wo? Sicher nicht bei moralistischen Appellen. Die Geschichte belegt dies, mit überschaubarem Erfolg. Weder Predigten noch Parteiprogramme machen den Menschen weiser. Moralische Forderungen haben ein grundsätzliches Problem: Sie verlangen viel, erklären wenig und wirken selten. Vor allem sind sie allzu oft nur an andere und eher selten an das eigene Ich gerichtet. Weisheit erlangt man nicht durch das Zitieren von Werten, sondern durch das Leben und Pflegen derselben in Verantwortung. Hier könnte der entscheidende Wendepunkt liegen: Nicht mehr ideologische Gesinnung sollte maßgeblich sein, sondern die Verantwortung, das bewusste Einbeziehen der möglichen Folgen eigenen Handelns. 

Max Weber nannte es „Verantwortungsethik“. Sie ist die erwachsene Form moralischen Handelns. Während Gesinnung nur fragt: „Sind meine Absichten gut?“, fragt die Verantwortungsethik zusätzlich: „Was bewirkt mein Handeln am Ende wirklich?“ Das ist mehr als nur ein feiner philosophischer Unterschied. Es ist der Unterschied zwischen Schein und Sein, zwischen bloßem Wollen und realer Wirkung. Viele Katastrophen der Geschichte sind nicht aus bösem Willen entstanden, sondern aus gedankenlosem Verfolgen von Idealen ohne Folgenabschätzung. Verantwortungsethik ist daher keine Option unter vielen, sondern die notwendige und auch einzige Antwort auf die Komplexität der Welt.

Was bedeutet das konkret? Handeln ohne Verantwortung erzeugt zuverlässig Niedergang, Zerstörung. Technik ohne Verantwortung führt zu Kontrollverlust. Freiheit ohne Verantwortung endet in Anarchie oder Willkür. Macht ohne Verantwortung wird zur Tyrannei. Verantwortungsethik setzt aber genau hier an: Sie verlangt vom Menschen, nicht nur zu denken, sondern auch zu bedenken. Sie ersetzt bloße moralische Selbstzufriedenheit durch vernünftige Redlichkeit. Sie zwingt zur Einsicht, dass alles Handeln immer Nebenwirkungen hat – und dass gute Absichten alleine noch nie ein Desaster verhindert, sehr wohl aber solche verursacht haben. Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht.

Verantwortungsethik ist auch deshalb zwingend, weil sie illusionsfrei ist. Sie erwartet keinen Heiligenstatus, sondern nur Lernfähigkeit und den Willen, Erlerntes auch zu nutzen. Sie weiß um die Begrenztheit menschlicher Moralvorstellungen und setzt daher nicht auf Perfektion, sondern auf Korrekturfähigkeit. Sie erlaubt zwar den Irrtum – nicht aber die Ignoranz. Sie akzeptiert Zielkonflikte – aber keine Ausreden. Sie ist die einzige Ethik, die der Welt, so wie sie ist, gerecht werden kann, und die ist unübersichtlich, widersprüchlich, voller Interessen und dennoch mit Vernunft steuerbar.

Prinzipien der Weisheit

Wenn Weisheit kein Zufall und keine göttliche Eingebung ist, dann braucht sie Struktur. Sie muss sich auf Prinzipien stützen können, die im Denken genauso tragen wie im Handeln. Weisheit ist kein bloßer Zierrat, sie ist – erst einmal erworben – ein Werkzeug – vor allem gegen Selbstbetrug. Und Selbstbetrug ist, das dürfen wir festhalten, leider eine der am besten trainierten Fähigkeiten des Menschen.

Wo also beginnt Weisheit? Zunächst entzieht sie sich der Selbstverleihung. Wer von sich selbst behaupten wollte, er wäre „weise“, ist es garantiert nicht. Er verfiele sofort wieder in Hybris. Man kann sich bemühen, ihr nahe zu kommen. Aber Weisheit wird von der Geschichtsschreibung verliehen. Und verliehen wird sie nur, wenn sie breite Anerkennung findet. Diese wiederum findet sie nur, wenn menschliches Handeln aus Vernunft die Welt nachweislich sukzessive in eine für alle Lebewesen bessere entwickelt hat. Das erfährt man leider erst, wenn man das Ergebnis menschlichen Handelns erkennt. 

Das Streben nach Weisheit beginnt mit einem einfachen, aber unbequemen Schritt: der Vorrangstellung der Wahrheit und Realität vor der Bequemlichkeit. Wer weise handeln will, muss bereit sein, unangenehme Erkenntnisse zuzulassen. Die Filterfunktion des Egos – jene raffinierte Instanz, die Fakten nach Gefallen sortiert – muss überwunden werden. Die Wahrheit ist nicht immer schmeichelhaft, aber sie hat einen Vorteil: Sie verhindert spätere Katastrophen, geboren aus Lügen und Selbsttäuschung.

Ein zweites Prinzip folgt daraus: Denken steht immer vor Meinung. Meinungen sind billig, sie vermehren sich schneller als evidente Argumente. In einer Zeit, in der jeder eine Stimme, aber nicht jeder wirklich Vernünftiges zu sagen hat, wird Urteilskraft zur Überlebenskompetenz. Vernünftiges Denken heißt nicht „Ich habe recht“, sondern: „Ich prüfe, ob ich wirklich recht habe.“ Wer des Denkens fähig ist, benötigt dann auch keinen ideologischen Autopiloten.

Drittes Prinzip: Selbstkritik vor Rechthaben. Das Problem des Menschen ist nicht, dass er irrt – das Problem ist, dass er den Irrtum zu leicht als Demütigung empfindet. Dabei ist Irrtum Normalität im menschlichen Erkenntnisprozess. Weisheit akzeptiert den Irrtum als gängige Methode zum Lernen aus Fehlern, fordert aber Selbstkritik als Pflicht. Weisheit, so denn errungen, entgiftet zugleich den Geist von Unfehlbarkeitsfantasien.

Viertes Prinzip: Langfristigkeit vor Sofortgewinn. Weisheit denkt über die Tagesbilanz hinaus. Sie fragt nicht: „Was nützt mir das heute?“, sondern: „Was verursacht das morgen?“ Zeit bietet die Möglichkeit zur Prüfung aller Ideen. Wer langfristig denkt, handelt verantwortlicher – nicht aus Moralgeboten, sondern aus Einsicht. – Das Problem der Demokratie: Langfristiges Denken ist meist nur begrenzt auf die aktuelle Legislaturperiode. So werden vernünftige – also weise – Planungen über Jahrzehnte hinaus zur Seltenheit. 

Fünftes Prinzip: Verantwortung vor Ausrede. Ausreden sind die Schmiermittel für Wege in die Katastrophe. Sie halten Systeme am Laufen, die längst überwunden sein sollten. Verantwortung hingegen beendet Vorwände. Sie sagt nicht „Ich konnte nicht anders handeln“, sondern „Ich hätte anders handeln können, habe mich aber dagegen entschieden.“ 

Aus diesen fünf Prinzipien ergibt sich ein Bild: Weisheit ist die Kunst, sich selbst zu übertreffen. Sie fordert mehr als Intelligenz – sie verlangt unbedingte Haltung in Vernunft. Sie wäre die nächste Entwicklungsstufe des Menschen, falls er sich denn dahin entwickelt, zum wahren Homo sapiens. Wie lassen sich diese Prinzipien konkret leben?

Vom Prinzip zur Praxis

Die meisten Menschen wissen im Kern, was richtig wäre. Die eigentliche Schwierigkeit liegt seltener im Erkennen als vielmehr im Umsetzen. Zwischen Einsicht und Handlung steht oft ein dichter Wald aus Gewohnheiten, Ablenkungen, Ängsten und bequemen Ausreden – und allzu oft auch viel Feigheit. Deshalb ist behauptete Weisheit ohne Umsetzung nur anmaßende Hybris; Gedanken werden erst dann menschlich wertvoll, wenn sie die Wirklichkeit zum Besseren wandeln. Die Frage lautet also: Wie verwandelt man Erkenntnis in Handlungsfähigkeit?

Ein erster Schritt könnte darin bestehen, Selbstreflexion zur Grundfertigkeit des Menschseins zu lehren. In Schulen wird vieles gelehrt, aber kaum das Wichtigste: die Fähigkeit, eigene, oft impulsgetriebene Motive zu prüfen, die eigenen Gedanken zu hinterfragen, sich argumentativ zu disziplinieren. Man lehrt zwar Geschichte, aber nicht, wie und was man aus ihr lernen kann. Man lehrt Sprache, aber nicht, wie man damit präzise denkt. Man lehrt Technologien, aber nicht, wie man Verantwortung für die Folgen ihrer Nutzung trägt. Solange Bildung vor allem das Gedächtnis trainiert, aber kaum den Charakter formt, wird Weisheit immer Zufall bleiben. Sie müsste aber zum wichtigen Bildungsziel werden.

Der zweite Schritt ist, Urteilsfähigkeit zur Voraussetzung für jedes öffentliche Handeln zu formen. Gesellschaften zerfallen nicht an zu viel Meinung, sondern an zu wenig Unterscheidungsvermögen. In den gegenwärtigen Demokratien ist jeder Bürger Souverän. Aber ein Souverän, der nicht gelernt hat, zu urteilen, ist ein Spielball für vielerlei Manipulationen. Auch in Medien, Politik und Wissenschaft wäre ein entsprechendes Regelwerk von Nöten: Kein Urteil ohne Begründung, keine Behauptung ohne Offenlegung ihrer Voraussetzungen, kein Einfluss ohne Verantwortung. Das bloße Verbreiten von Narrativen steht jedenfalls jeglichem weisen Verhalten wie eine Felswand im Wege.

Dritter Schritt: Fehlerkultur statt Schuldrituale. Tritt ein Schadensereignis ein, beginnt regelmäßig zunächst die Suche nach dem Schuldigen. Man will „Köpfe rollen“ sehen. Das mag zu innerlicher Genugtuung führen, die Ursache für das Ereignis beseitigt das nicht. Es müsste aber zuerst danach gesucht werden, wie eine Wiederholung des Desasters künftig vermieden werden kann. Weisheit erwächst aus Fehlern, nicht aus Perfektion. Auch die nur behauptete Perfektion wäre schlicht bloße Hybris. Gesellschaften ohne Fehlerkultur sind gefährlich. Sie bestrafen das Scheitern und fördern damit nur die Verdrängung und die Neigung zu Ausreden.

Verantwortungsethik hingegen macht Fehler nicht zum Makel, sondern zur Datenquelle. Eine Kultur, die Irrtum akzeptiert, wird lernfähig. Eine Kultur, die Fehler moralisiert, gar verdammt, wird daran ersticken – ersticken an Rechtfertigungsfloskeln und gepflegter Feigheit.

Vierter Schritt: Macht darf nur dort entstehen, wo Verantwortung als Pflicht verstanden wird. Intransparent verteilte Macht generiert nur Unheil, ob in Unternehmen, in Regierungen oder auf digitalen Plattformen. Die Regel müsste lauten: Macht ist kein Besitzrecht, sie ist eine Leihgabe auf Widerruf. Wo Verantwortung fehlt, muss Macht sofort enden – und zwar konsequent. Dies ist der Prüfstein echter Zivilisation: Wer herrschen kann, muss rechenschaftspflichtig und abwählbar sein.

Fünfter Schritt: Technologie steuern, statt sich ihr zu unterwerfen. Technik ist die Ausweitung menschlicher Fähigkeiten. Sie schafft Möglichkeiten, aber auch Abhängigkeiten. Künstliche Intelligenz verstärkt nicht nur Fähigkeiten, sondern auch Irrtümer und Ungleichheit. Sie zwingt uns zu einer Grundsatzfrage: Wer trifft die Entscheidungen – der Mensch oder das KI-Modell? Souveränität ist die Fähigkeit, Technik zu nutzen, ohne sie autonom handeln zu lassen. Fortschritt liegt nicht im Delegieren von Entscheidungen, sondern in ihrer verantwortlichen Steuerung. Wer Entscheidungen der Technik überlässt, will vielleicht keine Verantwortung tragen, bleibt aber trotzdem für die Folgen verantwortlich.

Weisheit als Zivilisationsarbeit

Was also müsste der Mensch tun, um die Bezeichnung Homo sapiens nicht länger als Satire erscheinen zu lassen? Große Ziele sind bloße Luftschlösser, wenn sie im Abstrakten verharren. Also braucht es keine Utopien, sondern konkrete Zivilisationsarbeit – unspektakulär, aber wirksam.

Zunächst müsste der Mensch seine geistige Hygiene ernst nehmen. Er achtet auf körperliche Gesundheit, aber selten auf Denkgesundheit. Wer sich irrt, sollte kein Problem damit haben, das zuzugeben. Irren ist menschlich. Doch just dort beginnt das Drama: Eitelkeit ist beratungsresistent. Darum wäre die einfachste und zugleich revolutionärste Einsicht: „Ich könnte mich irren“ – als Grundhaltung. Sie kostet nichts, hält den Diskurs offen, verhindert Feindseligkeit und öffnet den Raum für Erkenntnis. In der Wissenschaft ist das selbstverständlich, gesellschaftlich gilt diese Haltung womöglich als Provokation. – Beispielgebend könnte der Dalai Lama sein. Er beendet seine Reden regelmäßig mit dem Schlusssatz: „Es könnte aber alles auch ganz anders sein.“

Er müsste zweitens lernen, mit Unsicherheiten zu leben. Unsere Welt ist komplex und sie wird von Jahr zu Jahr komplexer, und einfache Antworten auf komplexe Sachverhalte sind selten richtig. Weisheit heißt, Widersprüche auszuhalten, statt sie künstlich oder nur dialektisch auflösen zu wollen. Die Unfähigkeit, Ambivalenz zu ertragen, ist eine der Triebfedern für Fanatismus. Wer nur Gewissheiten sucht, gerät zwangsläufig in das geistige Korsett von Ideologien. Frei ist nicht, wer alles glaubt, sondern wer prüfen kann, ohne fürchten zu müssen etwas zu verlieren.

Drittens müsste der Mensch aufrichtig werden, und zwar erkenntnismäßig. Es ist erstaunlich, wie viel Energie Menschen darauf verwenden, sich selbst etwas vorzumachen. Ganze Industrien leben davon: Werbung, Politikberatung, Identitätsmanagement. Doch Wahrheit ist kein Luxus. Sie ist schlicht effizienter nützlich als jede Lüge. Jede Täuschung erzeugt Folgekosten. Jede Illusion muss später korrigiert werden, oft mit Zins und Zinseszins. Leider gilt noch immer: „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd.“

Viertens müsste der Mensch das Gespräch wieder erlernen. Nicht das rhetorische Duell, sondern das Denken im Dialog. Eine reife Gesellschaft erkennt man an ihrer Streitkultur: Wo Argumente geprüft, statt Gegner als Feind bekämpft werden, hat die Vernunft eine Chance. Der Feind des Gesprächs ist nicht die Differenz der Meinungen, sondern der unbedingte Wille zur geistigen Lufthoheit über Stammtischen. Weisheit entsteht aber garantiert nie im Monolog.

Fünftens müsste der Mensch endlich begreifen, dass Freiheit ohne Verantwortung nichts anderes ist als Verwahrlosung. Freiheit ist ein kulturelles Hochleistungsprodukt, das jeden Tag verteidigt werden muss – nicht nur gegen äußere Feinde, sondern vor allem gegen die innere Trägheit. Verantwortung ist kein Verlust, sondern der Maßstab schlechthin. Sie trennt den erwachsenen vom pubertären Affektmenschen. Sie ist die Manifestierung menschlicher Reife.

Wenn der Mensch diese Haltungen entwickelte, wäre er noch immer nicht vollkommen – aber er hätte sich immerhin auf den Weg dahin begeben. Der entscheidende Fortschritt der Menschheit wird kein technischer sein, kein ökonomischer und kein systemischer. Er wird ein geistiger sein. Nicht mehr schneller, höher, weiter – sondern klarer, bewusster, reifer. Erst dann verliert der Begriff Homo sapiens seinen satirischen Beiklang und wird zu dem, was er sein könnte: ein Anwärter auf den Status eines weisen Menschen.

Epilog – Werde, was du behauptest zu sein

Der Mensch ist kein verlorenes Wesen, aber er ist ein gefährliches und gefährdetes. Gefährlich nicht wegen seiner Natur, sondern wegen seines Selbstbildes. Niemand richtet mehr Schaden an als derjenige, der sich für gut hält, ohne es zu sein, für klug, ohne sich und sein Tun prüfen zu wollen, für weise, ohne je gelernt zu haben, was Weisheit wirklich meint. Darin liegt die ganze Tragik – aber zugleich die Einladung zur Veränderung.

Der Mensch, der sich Homo sapiens nennt, ist nicht weise. Noch nicht. Seine Geschichte ist kein Beleg für Vernunft, aber durchaus für Lernfähigkeit. Er verdankt seinen Aufstieg nicht seiner Güte, sondern seiner Fähigkeit, zu erkennen und Irrtümer zu korrigieren – gelegentlich wenigstens. Die Wahrheit ist: Homo sapiens war bislang nie eine zutreffende Bezeichnung unserer Gattung, sondern eine bloße Hoffnung. Vielleicht sogar auch nur eine leise Bitte an die Zukunft?

Will der Mensch diese Bezeichnung jemals zurecht verdienen, muss er aufhören, sich nur moralisch zu inszenieren, und beginnen, sich geistig zu disziplinieren. Weisheit ist keine Frage der Bildung, sondern der Erkenntnis, der Einsicht und Haltung. Sie ist eine evolutionäre Verpflichtung. Sie verlangt, dass der Mensch die schwerste aller Reisen wagt: den Weg nach innen. Nicht, um sich selbst als Narzisst zu verehren, sondern um sich selbst zu erkennen. 

Es gibt keinen technischen Fortschritt, der die geistige Reife ersetzen könnte. Keine Maschine wird je Verantwortung im menschlichen Sinne übernehmen können. Keine künstliche Intelligenz wird je die ethischen Aufgaben übernehmen, die nur der Mensch erfüllen kann und darf. Wir können Rechenprozesse delegieren, nicht aber das Gewissen und die Verantwortung.

Weisheit anzustreben ist keine Frage von Talent. Es ist eine Entscheidung. Der Mensch kann lernen, sorgfältiger zu denken, ehrlicher zu urteilen, verantwortungsvoller zu handeln. Er kann Macht begrenzen, Wahrheit der Lüge vorziehen, Freiheit mit Vernunft schützen. Die Zukunft ist kein unabwendbares Naturereignis, sie ist auch eine Folge menschlicher Entscheidungen. Das macht sie riskant – und zugleich groß.

Noch ist der Begriff Homo sapiens nur ein Mogeletikett – und bleibt eine Herausforderung. Vielleicht wird diese Bezeichnung eines Tages keine bloße Hybris mehr darstellen. Vielleicht ist das, was Goethe im Prolog zu „Faust I“ Gott in den Mund gelegt hat, die ehrlichste Selbstdefinition, die der Mensch je gefunden hat: „Der Mensch irrt, solang er strebt!“ Es bleibt also bei der Empfehlung: Werde, was du behauptest zu sein!


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