
Autor: Kurt O. Wörl
Ende der 1950 bis Ende der 1970er Jahre waren die links-progressiven Strömungen in unserem Land jene, die das normale Bürgertum gerne als Spießbürgertum der Lächerlichkeit preisgaben.
Heute hat sich eben jenes links-grüne Spektrum selbst in der Spießigkeit wohlgenährt eingerichtet, saturiert wohnend in gentrifizierten Wohnvierteln (wo man ganz sicher keine Asylunterkünfte findet), meist staatlich alimentiert an Hochschulen und in staatlichen Institutionen, beruflich also bestens abgesichert. Und wie das so ist, wenn Saturiertheit zur Gewohnheit wird, die Spießigkeit lässt nicht lange auf sich warten.
Spießbürger damals und heute
Eine kleine Synopse zum Vergleich möge meine Beobachtung illustrieren:
| Bereich | damals | heute |
| Normquelle | Tradition, Anstand, „das war schon immer so“ |
Moralismus, Gesinnung, „das ist problematisch“ |
| Zentraler Kontrollraum |
Vorgarten, Treppenhaus, Nachbarschaft | Sprache, Verhalten, Konsum, Mobilität |
| Symbolpflege | Gartenzwerge, Hecke, Fahnenmast | Lastenrad, Bio-Label, Aufkleber mit Haltungsslogans |
| Regeltyp | Hausordnung Kehrwoche, Ruhezeiten, Kleiderregeln | Vorschriften, Verbote, Leitlinien, Verhaltenscodes |
| Sanktionsform | Klatsch und Tratsch, Ausgrenzung, Ordnungsruf | Beschämung, Ausgrenzung, Etikettierung, moralische Abwertung |
| Schlüsselsätze | „Das gehört sich nicht!“ | „Das darfst Du nicht!“ |
| Abweichlerbild | unanständig, asozial | rückständig, problematisch unsensibel (unwoke) |
| Zielvorstellung | generelle Ordnung nach außen | spezifische Ordnung im Denken |
| Richtiges Auftreten | Sonntagsgewand, Krawatte, Hut, „ordentlich aussehen“ | politisch korrekte Sprache, Sprachpolizei, „bewusst kommunizieren“ |
| Mobilität | Autowaschen am Samstag mit Chrompolieren | E-Bike im urbanen Umfeld, fürs Wochenende der SUV in der Tiefgarage versteckt |
| Ernährungsdogma | Anständiges Essen, mind. einmal wöchentlich Fleisch muss sein. | Essenswahl nach Gesinnung, moralische Bewertung des Einkaufswagens und „auch Tofu soll sich Schnitzel und Wurst nennen dürfen“ |
| Kindererziehung | strenge Regeln, „so erzieht man Kinder“ | Pädagogische Ideologie, „so erzieht man Kinder ‚richtig“ |
| Feindbild | Gammler, Langhaarige, Unangepasste | Leugner, Verweigerer, Unsensible |
| Autoritätsverhältnis | Achtung und Respekt vor Amt, Polizei, Kirche | Achtung und Respekt vor Expertenetiketten, Gremien, „moralische“ Instanzen |
| Abweichungstoleranz | „Ich bin ordentlich und normal“ | „Ich stehe auf der richtigen Seite – Normalität gibt es nicht“ |
| Sozialer Druck | Tuscheln im Treppenhaus | öffentlicher Pranger im Gespräch, in Gruppen, im Netz |
| Zusammenfassung | Gleiche spießige Mentalität Neue und alte Spießervokabeln Gleiche Intoleranz anderen Weltsichten gegenüber |
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Sympathisch wirken auf mich weder die alten noch die neuen Spießbürger, wobei die Damaligen um Nuancen weniger unsympathisch wirken.







