Autor: Kurt O. Wörl
Wenn draußen das Tageslicht früher Feierabend macht als wir selbst, beginnt drinnen das große Gegenprogramm. Lichterketten werden aufgehängt, als ließe sich der Winter damit verdrängen, Glühwein ersetzt gesunde Skepsis, und irgendwo zwischen Kaufrausch und Kerzenschein wächst die Hoffnung, dass es mit ausreichend Beleuchtung auch innerlich heller wird. Der Mensch hat seit jeher ein Talent dafür, der finsteren Jahreszeit mit Festen, Geschichten und Ritualen zu trotzen. Warum das Licht dabei immer wieder eine Hauptrolle spielt, weshalb der 25. Dezember ein erstaunlich frequentiertes Datum ist und wieso ein kleiner Funken Hoffnung oft mehr trägt als große Versprechen, davon will ich erzählen.
Wenn’s draußen finster wird, erwacht drinnen das Licht
Irgendwann im Dezember geschieht etwas Merkwürdiges. Die Tage schrumpfen auf das Format einer Kaffeepause, die Sonne wirkt wie ein Praktikant auf Abruf, und draußen ist es bereits dunkel, wenn man drinnen gerade erst überlegt, ob man noch einen Keks braucht. Gleichzeitig explodiert die Welt in Lichterketten. Balkone blinken, Vorgärten glühen, Innenstädte funkeln, als hätten sie Angst, ohne Dauerbeleuchtung schlicht zu verschwinden. Dazu der kollektive Glühweinrausch: eine Mischung aus Rotwein, Zimt, Nelken und der leisen Hoffnung, dass der dritte Becher alles besser macht.
Und irgendwo zwischen Last-Minute-Geschenken, Jahresendstress und der Frage, warum es schon wieder nur eine Sorte Geschenkpapier gibt, drängt sich eine ironische Überlegung auf: Feiern wir eigentlich Weihnachten, weil es Tradition ist – oder weil es sonst einfach zu düster wäre?
Die Antwort fällt erstaunlich eindeutig aus, wenn man den Blick weitet. Ob Weihnachten, Wintersonnenwende, Mithraskult, Julfest, Chanukka, Saturnalien, die Raunächte oder Silvester: All diese Zeiten kreisen um dieselben Motive: Licht in der Dunkelheit. Wärme – notfalls auch reichlich Glühwein – in der Kälte und Hoffnung im Stillstand. Und die leise, aber hartnäckige Zuversicht, dass es ab sofort wieder aufwärtsgeht. Der Winter ist kein Zustand, den der Mensch schweigend hinnimmt. Er wird kommentiert, beleuchtet, besungen – und gefeiert.
Von Saturnalien bis Shoppingwahn – die Kunst des Durchhaltens
Schon die Römer wussten, dass man den Winter nicht einfach aussitzen kann. Ihre Antwort hieß Saturnalien: ein mehrtägiges Fest im Dezember, benannt nach Saturn, dem Gott des goldenen Zeitalters. Es wurde gegessen, getrunken, gespielt, gelacht. Man verkleidete sich, schenkte sich Kleinigkeiten, und – besonders bemerkenswert – die sozialen Rollen wurden zeitweise umgekehrt. Sklaven durften Herren spielen, Herren mussten dienen. Die Ordnung wurde auf den Kopf gestellt, bevor sie wieder in Kraft trat.
Man könnte sagen: Damals wurden Sklaven Könige, heute werden Kreditkartenhelden arm. Der Grundgedanke ist derselbe geblieben. Wenn der Winter die Welt einfriert und die Perspektiven enger werden, braucht der Mensch ein Ventil. Etwas, das den Ernst der Lage relativiert. Ein kollektives Augenzwinkern, das meint: Ja, es ist dunkel, kalt und unerquicklich, aber genau deshalb lassen wir es jetzt krachen.
Der moderne Konsumrausch wirkt wie eine entkernte, aber erstaunlich wiederkehrende Neuauflage dieser Idee. Geschenke ersetzen Opfergaben, Rabattaktionen die Maskerade, und wer am 24. Dezember um 15 Uhr noch im Einkaufszentrum steht, erlebt soziale Umkehrung in Reinform: gestandene Erwachsene kämpfen mit der Ernsthaftigkeit eines olympischen Finals um die letzte Duftkerze. Durchhalten war schon immer leichter, wenn man dabei lacht – oder wenigstens kurz vergisst, warum man eigentlich durchhalten muss.
Julfest und die Rückkehr des Lichts
Noch direkter als die Saturnalien setzt das Julfest in Europas Norden an der kosmischen Realität an. Die Wintersonnenwende markiert den kürzesten Tag und die längste Nacht des Jahres. Ab diesem Punkt kehrt das Licht zurück. Langsam, fast unmerklich, aber unumkehrbar. Für vorchristliche Kulturen war das nicht nur ein nettes Detail, sondern eine existentielle Erkenntnis: Der Abstieg ist vorbei. Die Kurve zeigt wieder nach oben, der Frühling lässt sich ahnen.
Das Julfest feierte genau das. Die wiedergeborene Sonne, die Aussicht auf neues Leben, den Kreislauf von Werden und Vergehen. Der berühmte Julblock, der brennende Holzklotz, stand für Wärme, Schutz und Fortdauer. Heute hat sich dieses Bild weiterentwickelt. Der moderne Mensch sitzt nicht mehr am wärmenden Kaminfeuer, sondern vor Bildschirmen. Der Julblock brennt nun in stundenlangen Kaminvideos, während Youtube sich alle Stunden vorsorglich erkundigt, ob man noch anwesend sei.
Nüchtern betrachtet hat sich also wenig geändert. Noch immer suchen wir Lichtquellen, die uns durch die Dunkelheit tragen. Noch immer klammern wir uns an Rituale, die den Jahreslauf strukturieren. Der Unterschied liegt weniger im Inhalt als im Medium. Die alte Verbindung zur Natur schimmert dennoch durch: Kerzen, Tannengrün, Holz, Lichter. Selbst in der technisiertesten Wohnung findet sich im Dezember eine überraschende Menge an Symbolik aus Waldholz und Feuer. Offenbar traut der Mensch dem Licht aus der Steckdose allein nicht – wenngleich es dort auch sofort dunkel würde, ohne Strom aus ebendieser.
Invictus hat Geburtstag – und keiner weiß, wer eingeladen hat
Wer glaubt, der 25. Dezember sei von jeher exklusiv dem Christkindlein reserviert gewesen, unterschätzt die erstaunliche Karriere dieses Tages. Lange bevor Christbäume nadelten und Adventskalender Türen öffneten, feierte man im römischen Reich den „Dies Natalis Solis Invicti“, den Geburtstag des unbesiegbaren Sonnengottes. Der Mithraskult, geheimnisvoll, männerbündlerisch und ausgesprochen sonnenaffin, wusste sehr genau, was man am Ende des Dezembers braucht: ein starkes Veto gegen die Dunkelheit.
Der Gedanke ist bestechend einfach. Das Licht der Sonne, eben noch schwach und angezählt, ist nicht besiegt, sondern unbesiegbar. Invictus eben. Dass dieser Geburtstag später mit einem anderen Heilsversprechen aus Bethlehem kollidierte, war vermutlich weniger eine theologische Frage als eine kalendarische Pragmatik. Warum ein neues Datum einführen, wenn das alte so gut funktioniert? Licht bleibt Licht, egal, unter welchem Namen es firmiert.
Ironischerweise zeigt gerade dieser Umstand, wie wenig exklusiv die Stiftung von Hoffnung immer war. Sie wurde nie patentiert, sondern stets weitergereicht. Der 25. Dezember ist kein dogmatischer Besitzstand, sondern ein traditionsreicher Treffpunkt: erst Sonne, dann Erlöser, heute Lichterketten und Familienessen. Die Botschaft bleibt stabil: Das Dunkel hat seinen Höhepunkt überschritten. Ab hier geht es wieder aufwärts.
Chanukka – das Fest des kleinen Wunders
Chanukka erzählt eine andere, leisere Geschichte, und darin liegt ihre Kraft. Im Zentrum steht kein großes kosmisches Drama, sondern ein scheinbar kleines Wunder: ein wenig Öl, das eigentlich nur für einen Tag reichen sollte, aber acht Tage lang brannte. Licht, das sich schlicht weigert, pünktlich zu erlöschen.
Man muss nicht religiös sein, um die Schönheit dieses Motivs zu erfassen. Es geht um Beharrlichkeit. Um die Erfahrung, dass etwas weiterleuchtet, obwohl alle Berechnungen dagegen sprechen. Dass Hoffnung manchmal nicht spektakulär daherkommt, sondern als unscheinbare Flamme, die einfach nicht aufgibt.
Der gemeinsame Nenner mit all den anderen Winterfesten liegt klar auf der Hand: Licht ist nicht nur reine Dekoration, sondern Haltung. Eine bewusste Entscheidung gegen das Dunkel, selbst wenn es objektiv gute Gründe hätte, zu dominieren.
Die Raunächte – zwischen Rauch, Ritus und Reflexion
Zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag liegen die Raunächte: zwölf Nächte, die traditionell als Zwischenzeit gelten. Nicht ganz altes Jahr, noch nicht richtig neues. Eine Phase, in der die Ordnung angeblich durchlässiger wird, Geister umherirren, Träume deutlicher sprechen und die Zukunft anklopft, wenn man genau hinhört.
Früher wurden Stube und Stall ausgeräuchert, von Üblem befreit, es wurde orakelt, gedeutet. Heute wird reflektiert, bilanziert, optimiert. Ach, und ja, die Kaufleute müssen ihre Inventur durchführen, während alle anderen die Ruhe zwischen den Jahren genießen.
Die Rituale haben sich geändert, der Impuls nicht. Statt Haus und Hof mit Kräuterrauch zu reinigen, wird der Kalender entrümpelt. Statt Omen zu deuten, formuliert man Vorsätze. Statt Dämonen zu vertreiben, sortiert man Müll und kündigt Abos.
Ironisch betrachtet ist der moderne Mensch ein erstaunlich rituelles Wesen, das lediglich so tut, als wäre alles rational begründet. Die Raunächte erinnern daran, dass Zwischenzeiten wertvoll sind. Dass man nicht sofort produktiv sein muss. Dass Innehalten kein Defizit, sondern eine vernünftige Fähigkeit ist. Gerade wenn alles neu beginnt, ist ein Moment des Stillstands oft die beste Vorbereitung.
Die Helden der „staden“ Zeit
Während wir uns also in Lichterketten und Jahresendromantik einrichten, gibt es eine oft übersehene Parallelwelt, in der die sogenannte „stade“ Zeit eher nach Höchstleistungssaison klingt. Dort, wo Pakete wie ein Tsunami eintreffen, arbeiten die Fahrer der Logistikunternehmen in Schichten, die mit Besinnlichkeit gar nichts zu tun haben. DHL, Hermes, Amazon und ihre zahllosen Kollegen liefern nicht nur Waren, sondern das beruhigende Gefühl, dass Wunschdenken tatsächlich funktioniert und auch noch klingeln kann.
Ähnlich unromantisch ist die Lage bei jenen, die den Winter nicht mit Kerzenlicht, sondern mit Blaulicht erleben. Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger sorgen dafür, dass das Jahr auch dann nicht aus den Fugen gerät, wenn andere gerade „zur Ruhe kommen“. Während wir über Sinn und Unsinn von Vorsätzen philosophieren, wechseln sie Schichten, Verbände und besonders häufig Einsatzorte.
Und dann ist da noch das Verkaufspersonal, das in der Endphase des Kaufrausches unfreiwillig die Rolle von Christkind und Weihnachtsmann zu übernehmen hat – ganz ohne Flügel, fliegende Rentierschlitten und magische Arbeitszeiten. „Können Sie mir dies und jenes bitte in Weihnachtspapier einpacken?“ Sie stehen dort, wo ihr Geduldsfaden und ihre Nervenstärke auf Sonderangebote trifft, und lächeln tapfer, während „Last Christmas“ in Dauerschleife durch die Lautsprecher klingt.
Ironischerweise sind es genau diese Menschen, die den stillen Zauber der Jahresendzeit überhaupt erst möglich machen. Sie tragen das Licht nicht symbolisch, sondern praktisch und oft sogar im Herzen. Vielleicht ist das die beste aller Formen von Hoffnung, dass der Laden, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, weiterläuft – selbst dann, wenn andere gerade die „stade“ Zeit genießen.
Jahreswechsel – Neustart für Fortgeschrittene
Der Jahreswechsel ist der große finale Höhepunkt dieses winterlichen Erzählbogens. Weltweit wird Sekunden vor dem Datumswechsel heruntergezählt, mit Sekt angestoßen, geknallt, gute Wünsche verteilt. Raketen schießen ins Dunkel, als wollten sie dem Himmel mitteilen, dass jetzt gefälligst ein neues Kapitel beginnen möge. Gleichzeitig wissen alle Beteiligten im Innersten: Morgen sind wir dieselben Menschen wie gestern, nur mit Kater, fahlem Geschmack im Mund und kurzlebigen guten Vorsätzen.
Die Ironie des Neuanfangs liegt offen zutage. Die Uhr springt um, der Kalender wechselt, und doch bleibt alles wie es war. Alte Gewohnheiten überleben den Jahreswechsel meist unbeschadet. Dennoch liegt im Ritual auch eine echte Kraft. Nicht weil sich alles schlagartig ändert, sondern weil der Gedanke eines Neubeginns überhaupt denkbar ist.
Ein Neuanfang ist keine Garantie für Veränderungen, aber eine Möglichkeit. Und Möglichkeiten sind im Winter besonders kostbar. Sie sind das mentale Gegenstück zur wiederkehrenden Sonne: klein, aber zuverlässig. Wer den Jahreswechsel als Neustart für Fortgeschrittene begreift, weiß aber, dass Wandel Zeit braucht – und dass auch ein kleiner Schritt immer auch eine Richtung hat.
Ein Funken Licht reicht
Ob Weihnachten, Mithras, Julfest, Chanukka, Saturnalien, Raunächte oder Silvester: immer geht es ums Licht. In der Dunkelheit draußen, in den Herzen, gelegentlich sogar im WLAN-Router. Die Formen unterscheiden sich, die Erzählungen variieren, doch der Kern bleibt konstant. Der Mensch weigert sich, das Dunkel als letztes Wort zu akzeptieren.
Vielleicht liegt darin die tröstlichste Erkenntnis dieser winterlichen Festlandschaft: Es ist weniger entscheidend, was wir feiern, als dass wir überhaupt feiern. Dass wir Lichter anzünden, Geschichten erzählen, innehalten und neu beginnen. Jeder von uns ist, ob bewusst oder nicht, eine mobile Variante dieser uralten Flamme. Manchmal flackernd, manchmal hell, gelegentlich vom rauen Wind bedroht – aber selten ganz erloschen.
Und so reicht am Ende tatsächlich ein Funken. Nicht um alles sofort in gleißendes Licht zu hüllen, sondern um zu zeigen, dass Dunkelheit kein Endzustand sein muss. Der Winter geht vorüber. Das Licht kehrt zurück. – Wir können statt Licht auch Hoffnung sagen.
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