Republik der weichen Kissen

Vom Verschwinden der Zumutung in einer bequemen Welt
Lesedauer: ca. 11 Minuten

Republik der weichen KissenAutor: Kurt O. Wörl

Noch nie war eine Generation so gut geschützt – und selten so wenig geübt im Umgang mit Herausforderungen. Zwischen Achtsamkeit, Schonraum und pädagogischer Polsterung stellt sich eine alte Frage neu: Wie soll ein Mensch Stärke entwickeln, wenn ihm jede Zumutung erspart bleibt? Ein ironischer Blick auf eine Gesellschaft, die ihre Jugend am liebsten im Mutterschoß behalten würde.

Prolog

Es gab einmal eine Zeit, da ging man morgens zur Schule, auch wenn es draußen schneite. Der Schnee lag nicht dekorativ auf den Zweigen wie auf einer Postkarte, sondern in ehrlicher Menge auf der Straße. Dreißig Zentimeter waren keine Naturkatastrophe, sondern Winter. Man zog sich an, stapfte los, rutschte ein wenig, bekam nasse Schuhe und hatte unterwegs Spaß bei einer Schneeballschlacht. Kurz gesagt: Man lebte.

Heute fällt fünfzehn Zentimeter Neuschnee und der Unterricht wird ausgesetzt. Sicherheit geht vor. Man weiß ja nie, ob ein Gymnasiast ausrutschen könnte und dadurch möglicherweise ein Gefühl entwickelt. Gefühle sind bekanntlich empfindliche Dinge, man muss sie behutsam behandeln, am besten in Watte einpacken.

Die moderne Gesellschaft hat nämlich eine große pädagogische Entdeckung gemacht: Frustration ist gefährlich. Sie könnte dazu führen, dass ein junger Mensch sich schlecht fühlt. Und ein schlecht gelaunter junger Mensch könnte womöglich – Gott bewahre – anfangen, über sich selbst nachzudenken. Früher hielt man das für den Beginn von Charakterbildung. Heute gilt es als pädagogischer Unfall.

Man hat deshalb begonnen, das Leben der Jugend systematisch zu entfrustrieren. Das klingt wie eine neue Dienstleistung der Gebäudereinigung, ist aber tatsächlich eine gesellschaftliche Großbaustelle. Alles, was irgendwie unangenehm sein könnte, wird vorsorglich entschärft.

Man kann die Entwicklung gut an einer harmlosen Veranstaltung studieren: den Bundesjugendspielen.

Die Tragödie der Bundesjugendspiele

Früher bestand diese Veranstaltung aus einer einfachen pädagogischen Idee. Man ließ Kinder laufen, springen und werfen und stellte anschließend fest, wer schneller, höher oder weiter war. Das war nicht besonders kompliziert. Manche gewannen, manche verloren und die meisten lagen irgendwo dazwischen.

Heute hat man erkannt, dass dieses Verfahren grausam sein könnte. Ein Kind könnte entdecken, dass ein anderes schneller läuft. Diese Erkenntnis könnte zu seelischen Verstimmungen führen. Also hat man den Wettbewerb abgeschwächt.

Man misst zwar noch immer, aber bitte ohne die brutale Konsequenz des Vergleichs. Es soll sich niemand zurückgesetzt fühlen. In einer Welt der pädagogischen Gleichheit darf kein Zehnjähriger mehr erleben, dass der Nachbarjunge zufällig schneller sprintet.

Das ist ungefähr so, als würde man im Schach beschließen, dass beide Spieler gleichzeitig gewinnen. Die Partie endet dann in einer Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung.

Die Pädagogik hat also beschlossen, das Problem des Wettbewerbs dadurch zu lösen, dass man ihn vorsichtig auflöst. Das Ergebnis ist eine wunderbare Harmonie. Alle fühlen sich gleich gut. Niemand fühlt sich schlecht. Und niemand weiß mehr genau, wozu er sich eigentlich anstrengen sollte.

Die Kunst der folgenlosen Note

Ähnlich kreativ ist man inzwischen beim Thema Leistung. Noten waren früher ein brutales Instrument. Eine Eins bedeutete, dass jemand etwas besonders gut konnte. Eine Vier bedeutete, dass man sich noch einmal mit dem Stoff beschäftigen sollte. Eine Fünf bedeutete, dass man sich ernsthaft mit dem Stoff beschäftigen sollte. Und eine Sechs verriet, dass man schlicht faul war.

Das System hatte einen gewissen Vorteil: Man wusste, woran man war. Heute ist man vorsichtiger. Man möchte niemanden verletzen. Also hat man begonnen, Noten zu individualisieren. Der eine bekommt einen Nachteilsausgleich, der andere einen Ausgleich für den Ausgleich und ein dritter eine pädagogische Betrachtung seines Lernprozesses.

Am Ende hat jeder eine Bewertung, die ungefähr so aussagekräftig ist wie ein Horoskop: Sie stimmt irgendwie für alle. Der Schüler erhält also eine Rückmeldung, die ihm mitteilt, dass er sich auf seinem persönlichen Lernweg befindet. Wohin dieser Weg führt, bleibt offen. Wichtig ist nur, dass sich der Lernende dabei wohlfühlt.

Man könnte das auch so formulieren: Früher gab es Leistung, heute gibt es Lernbiographien.

Die empfindliche Republik

Die neue Pädagogik steht jedoch nicht allein. Sie wird begleitet von einer kulturellen Bewegung, die man mit einem Wort beschreiben kann: Empfindlichkeit.

Die moderne Gesellschaft hat entdeckt, dass Worte verletzen können. Natürlich konnten sie das schon immer, aber früher hielt man das für einen Teil des Gesprächs. Heute wird daraus eine Angelegenheit der öffentlichen Hygiene.

Man spricht von Achtsamkeit. Ein schönes Wort. Es klingt nach Zen-Garten und Kräutertee. Gemeint ist jedoch oft etwas anderes: Man soll seine Worte so vorsichtig wählen, dass sie möglichst niemanden irritieren. Die Folge ist eine neue Form der Kommunikation. Man spricht viel, aber sagt wenig. Die Sprache wird weich wie ein Kissen. Kritik wird vorsichtig formuliert, Konflikte werden sprachlich abgefedert.

Ein Streitgespräch ähnelt dann einem höflichen Tanz, bei dem beide Partner darauf achten, sich nicht gegenseitig auf die Füße zu treten. Das Ergebnis ist eine erstaunliche Ruhe. Niemand wird laut, niemand wird hart, niemand wird verletzt. Und niemand wird besonders klug. Denn Erkenntnis entsteht selten im Komfort. Sie entsteht im Widerspruch, im Streit, im Ringen um Argumente. Wer das Leben vollständig glättet, bekommt zwar Frieden – aber auch gähnende Langeweile.

 


Plauderei zum Thema:

Podcast: Republik der weichen Kissen


 

Die Flucht ins Digitale

Während die reale Welt immer vorsichtiger wird, passiert etwas Merkwürdiges: Die Jugend sucht sich ihre Herausforderungen anderswo: Im Internet!

Dort gibt es keine Kuschelpädagogik. Computerspiele sind erstaunlich ehrlich. Sie sagen dem Spieler sofort, wie gut er ist. Wenn er schlecht spielt, verliert er. Wenn er gut spielt, gewinnt er.

Das Spiel sagt nicht: „Du befindest dich auf einem individuellen Entwicklungsweg.“
Das Spiel sagt: „Du bist gerade gestorben.“

Das ist brutal, aber pädagogisch erstaunlich wirksam. Der Spieler versucht es erneut. Und noch einmal. Und noch einmal. Irgendwann schafft er das Level. Er steigt auf. Er wird besser.

Die Spielemacher haben verstanden, was viele Schulen vergessen haben: Menschen mögen Herausforderungen. Sie mögen Fortschritt. Sie mögen den Moment, in dem eine schwierige Aufgabe endlich gelingt. Natürlich bleibt der Erfolg im Spiel halt nur im Spiel. Wer einen virtuellen Drachen besiegt, hat damit noch keinen Hubschrauber gelandet und keine Brücke gebaut.

Aber der Mechanismus ist derselbe: Herausforderung, Scheitern, Verbesserung, Gelingen.

Genau diese Erfahrung fehlt vielen jungen Menschen heute im Alltag.

Der neue Traumberuf

Wenn die reale Welt wenig fordert und die virtuelle Welt viel belohnt, entsteht ein neues Bild von Erfolg: Der Influencer!

Früher wollte man Ingenieur werden, Pilot, Arzt oder Architekt. Heute möchte man Reichweite haben. Das klingt zunächst nach einer Funkantenne, ist aber eine digitale Form der Berühmtheit.

Man sitzt vor der Kamera, spricht über sein Frühstück und erreicht dabei mehrere hunderttausend Menschen. Wenn das Frühstück interessant genug ist, verdient man damit Geld.

Influencer ist ein bemerkenswerter Beruf. Man braucht weder Klimmzüge, Turnübungen noch Differentialgleichungen. Man braucht nur Aufmerksamkeit.

Natürlich gelingt das nur wenigen. Die meisten Influencer verdienen ungefähr so viel wie ein mäßig begabter Straßenmusikant. Aber die Vorstellung bleibt faszinierend: Erfolg ohne Strapaze, Bekanntheit ohne Mühe. Das ist der Traum einer Zeit, die sich vor Anstrengungen, Herausforderungen und Frustrationen fürchtet.

Und das ist das eigentliche Problem.

Der Mensch als gemütliches Tier

Der Mensch gilt in der Evolutionsgeschichte als ein bemerkenswertes Wesen. Er besitzt weder das Gebiss des Löwen noch die Schnelligkeit der Gazelle. Er hat keine Krallen, keine Panzerung und keine besonders eindrucksvollen Muskeln. Wenn man ihn im Tierreich vorstellt, wirkt er zunächst wie eine Fehlkonstruktion der Natur.

Seine eigentliche Stärke liegt im Kopf. Der Mensch denkt, plant, baut Werkzeuge und löst Probleme. Doch diese Fähigkeit ist kein Geschenk des Himmels, sondern das Ergebnis eines langen Trainings im Umgang mit Schwierigkeiten. Der menschliche Geist ist im harten Kampf ums Überleben gewachsen.

Jahrtausende lang bestand das Leben aus Herausforderungen. Nahrung musste gefunden werden, Gefahren mussten erkannt werden, der Winter musste überstanden werden. Wer klug plante, lebte länger. Man könnte sagen: Der Mensch wurde intelligent, weil er es werden musste.

Heute scheint man diesen Zusammenhang vergessen zu haben. Die moderne Pädagogik behandelt Schwierigkeiten wie eine Krankheit. Wenn irgendwo ein Problem auftaucht, wird es möglichst schnell entfernt. Man glättet den Weg, polstert die Ecken und stellt sicher, dass niemand unangenehm stolpert. Der junge Mensch soll sich entwickeln wie eine Zimmerpflanze: gleichmäßige Temperatur, ausreichend Licht und bitte keine Zugluft.

Das Ergebnis ist ein erstaunlich gepflegtes Gewächs. Leider fehlt ihm manchmal der Widerstand gegen die Unwetter des Lebens.

Die Schule als Wellnessbereich

Man kann diese Entwicklung besonders gut im Bildungswesen beobachten. Die Schule war früher ein Ort, an dem man Dinge lernen musste, die nicht immer angenehm waren. Lateinvokabeln, mathematische Beweise, Gedichtinterpretationen – all das hatte die unangenehme Eigenschaft, Fleiß zu verlangen.

Heute ist die Schule vielerorts ein Ort der pädagogischen Rücksichtnahme. Man möchte niemanden überfordern. Unterricht wird stärker differenziert, Anforderungen werden angepasst, Leistungsunterschiede werden moderiert eingeebnet.

Der Lehrer steht nicht mehr vor einer Klasse, sondern vor einer Sammlung individueller Lernbiographien. Jeder Schüler hat seinen eigenen Weg, sein eigenes Tempo und seine persönliche Entwicklung. Das klingt sehr modern. In der Praxis bedeutet es aber nur, dass der Unterricht sich am unteren Rand orientiert. Der stärkere Schüler langweilt sich zunehmend, der schwächere fühlt sich besser aufgehoben und die Lehrkraft versucht tapfer, allen gerecht zu werden.

Das Ergebnis ist eine Schule, die viel Verständnis zeigt und manchmal etwas weniger Anspruch.

Früher sagte man: „Der Unterricht fordert den Schüler.“
Heute sagt man: „Der Unterricht holt den Schüler ab.“

Und man fragt sich gelegentlich, wohin die Reise gehen soll. Zumindest erklärt dies die katastrophalen Erkenntnisse aus den PISA-Studien.

Die Pädagogik des sanften Gefühls

Parallel zur Veränderung des Unterrichts hat sich auch das gesellschaftliche Klima verändert. Die öffentliche Sprache ist empfindlicher geworden. Man achtet darauf, niemanden zu verletzen. Man formuliert vorsichtig, man vermeidet harte Worte, man spricht von Sensibilität. Rutsch doch einmal ein deutliches Wort heraus, wird sofort ein erlittenes Trauma unterstellt. Ein Besuch beim Psychotherapeuten ist schon beinahe Standard.

Das Wort „Achtsamkeit“ hat in dieser Kultur Karriere gemacht. Es stammt ursprünglich aus der Meditation und beschreibt die Fähigkeit, den eigenen Zustand, sein inneres Sein bewusst wahrzunehmen. Eine nützliche Fähigkeit, ohne Zweifel. In der gesellschaftlichen Praxis heute bedeutet es jedoch häufig: Niemand soll des anderen Gefühle strapazieren.

Das hat Folgen für den Umgang mit Konflikten. Früher war ein Streitgespräch eine lebhafte Angelegenheit. Menschen widersprachen sich, manchmal laut, manchmal leidenschaftlich. Dabei entstanden neue Gedanken.

Heute wird das Gespräch sorgfältig moderiert. Man achtet auf den Ton. Man achtet auf die Form. Man achtet auf Gefühle. Der Inhalt hat es dann manchmal schwer, sich durch diese Höflichkeitsorgie hindurchzuarbeiten.

Die Gesellschaft hat gewissermaßen eine neue Tugend entdeckt: die verletzungsfreie Kommunikation. Sie funktioniert ungefähr so wie ein Boxkampf mit Wattehandschuhen. Alle Beteiligten bleiben heil – aber der Kampf ist nicht besonders spannend.

Der verschwundene Ehrgeiz

Nun könnte man einwenden, dass junge Menschen trotzdem ehrgeizig sind. Das stimmt. Ehrgeiz ist eine erstaunlich hartnäckige Eigenschaft des Menschen. Man findet ihn überall, wo es Ziele gibt. – Die Frage ist nur, wohin er sich richtet.

Wenn reale Herausforderungen seltener werden, wandert der Ehrgeiz in andere Bereiche. Digitale Spiele, soziale Netzwerke oder Online-Wettbewerbe bieten genau das, was die reale Welt zunehmend vermissen lässt: klare Regeln, klare Ranglisten, klare Ergebnisse.

Der Spieler weiß sofort, ob er gewonnen oder verloren hat. Der Influencer sieht sofort, wie viele Menschen sein Video angeschaut haben. Das Internet ist zumindest hier ein gnadenlos ehrlicher Ort. Es kennt keine pädagogische Rücksicht.

Der Erfolg wird dort in Zahlen gemessen: Klicks, Punkte, Ranglisten. Das Gehirn reagiert darauf mit Begeisterung – und Dopamin. Fortschritt ist sichtbar. Leistung wird belohnt. Der Unterschied besteht nur darin, dass diese Leistung keine Häuser baut, keinen Motor konstruiert und keine Patienten behandelt, in der realen Welt keinerlei Bedeutung hat.

Die Gesellschaft hat also eine merkwürdige Situation geschaffen. Sie reduziert Wettbewerb in der analogen Welt und wundert sich dann, dass der Wettbewerb ins Digitale auswandert. Wie wird man dort nur mit Frustrationen fertig?

Die Rückkehr der Wirklichkeit

Doch die Welt bleibt nicht stehen. Während man im Klassenzimmer über die richtige Balance zwischen Förderung und Rücksicht, möglichst ohne Fordern diskutiert, verändert sich die politische Realität.

Europa erlebt wieder eine Zeit geopolitischer Spannungen. Krieg ist kein historisches Kapitel mehr, sondern eine aktuelle Nachricht – mitten in Europa. Staaten sprechen über Verteidigungsfähigkeit, über militärische Fähigkeiten und über gesellschaftliche Verantwortung. Plötzlich taucht ein Wort auf, das lange verschwunden war: Wehrpflicht.

Für viele junge Menschen klingt dieses Wort wie ein Relikt aus der Vorzeit. Es bedeutet, dass der Staat Anspruch auf einen Teil ihrer Lebenszeit erhebt. Man soll etwas tun, nicht weil man Lust dazu hat, sondern weil es notwendig ist. Das ist eine ungewohnte Vorstellung in einer Gesellschaft, die lange vor allem von individuellen Lebensplänen geprägt war.

Man kann die Irritation verstehen. Wer in einer Zeit des Friedens und des Wohlstands aufgewachsen ist, betrachtet staatliche Pflichten anders als Generationen, die heiße oder kalte Kriege oder Not erlebt haben.

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Komfort und Realität. Gesellschaften existieren nicht allein durch gute Absichten. Sie benötigen Menschen, die Verantwortung übernehmen und Belastungen tragen können.

Die alte Tugend der Zumutung

Vielleicht liegt das eigentliche Problem in einem verlorenen Wort: Zumutung! Das Leben ist voller Zumutungen. Es verlangt Anstrengung, Geduld und manchmal auch Mut. Früher betrachtete man diese Anforderungen als Teil des Erwachsenwerdens.

Heute versucht man, viele dieser Zumutungen zu vermeiden. Man möchte die Jugend schützen, unterstützen und fördern. Das ist ehrenwert, solange es nicht dazu führt, dass man jede Herausforderung entfernt. Denn erst bewältigte Herausforderungen machen aus Kindern Erwachsene.

Ein junger Mensch, der einmal erfahren hat, dass er auch Schwieriges schaffen kann, gewinnt Selbstvertrauen. Ein junger Mensch, der jede Schwierigkeit umgehen darf, gewinnt allenfalls Ruhe. Die Ruhe ist sicher angenehm, aber sie führt selten zu großen Leistungen. Helikopter-Eltern– und Rasenmäher-Eltern – welch treffende Begriffe – ahnen vermutlich gar nicht, was sie ihren Sprösslingen antun. 

Ein Blick in die Zukunft

Vielleicht wird sich das Gleichgewicht wieder verschieben. Gesellschaften bewegen sich selten dauerhaft in eine Richtung. Zeiten des Komforts werden von Zeiten der Anstrengung abgelöst. Wenn die Wirklichkeit härter wird, verändert sich auch die Erziehung. Anforderungen steigen, Erwartungen wachsen, Verantwortung wird wieder wichtiger.

Die Jugend wird dann wieder entdecken, dass sie mehr kann, als man ihr manchmal zutraut. Der Mensch ist schließlich kein zerbrechliches Wesen. Er ist ein erstaunlich zähes, das seit Jahrtausenden Probleme mit Erfolg löst. Man muss ihm nur die Gelegenheit dazu geben.

Und vielleicht – das wäre ein schöner Nebeneffekt – lernt er dabei wieder, durch den Schnee zur Schule zu stapfen. Mit nassen Schuhen, roter Nase und mit viel Spaß bei einer ordentlichen Schneeballschlacht. Denn manchmal beginnt Charakterbildung auch mit einem kalten Wintermorgen.

Die Generation im Mutterschoß

Nun könnte man einwenden, das alles sei eine nostalgische Betrachtung alter Männer, die sich gern daran erinnern, wie hart ihre eigene Jugend gewesen sei. Solche Erinnerungen haben bekanntlich die Eigenschaft, im Laufe der Jahre immer besser erscheinen als das Erleben tatsächlich war. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn tatsächlich wächst heute eine Generation heran, deren Erfahrungswelt sich deutlich von der ihrer Eltern und Großeltern unterscheidet.

Man nennt sie Generation Z. Eine hübsche Bezeichnung. Sie klingt ein wenig wie das Ende eines Alphabets. Vielleicht ist das gar kein Zufall. Diese Generation ist die erste, die vollständig in einer Welt aufgewachsen ist, in der Sicherheit und Komfort als Grundzustand gelten. Der Krieg war weit weg, der Wohlstand stabil und der Staat zuverlässig. Probleme erschienen eher als organisatorische Fehler, denn als existenzielle Bedrohungen. Das Leben war – historisch betrachtet – erstaunlich bequem.

Natürlich ist Bequemlichkeit nichts Verwerfliches. Niemand wünscht sich freiwillig Entbehrung oder Gefahr. Doch sie hat eine Nebenwirkung: Sie verändert die Erwartungen an das Leben.

Wer in einer Welt aufwächst, in der Schwierigkeiten schnell beseitigt werden, entwickelt ein anderes Verhältnis zu ihnen. Herausforderungen erscheinen dann nicht mehr als normaler Bestandteil des Lebens, sondern als Störung des Komforts.

Hier beginnt der eigentliche Konflikt zwischen den Generationen.

Die empfindliche Jugend

Viele ältere Menschen haben heute den Eindruck, junge Leute seien empfindlicher geworden. Kritik wird schneller als Angriff wahrgenommen, Anforderungen erscheinen rascher als Zumutung und Frustration wird seltener akzeptiert. Der Begriff „Resilienz“ – also die Fähigkeit, Rückschläge auszuhalten – ist zu einem Unwort geworden. Ironischerweise spricht man umso häufiger darüber, je weniger sie im Alltag trainiert wird.

Man sieht das in kleinen Situationen. Ein strenger Lehrer gilt schnell als problematisch. Ein Wettbewerb wird kritisch betrachtet, weil jemand verlieren könnte. Eine schwere Prüfungsaufgabe wird infrage gestellt, weil sie Stress erzeugt. – Das Leben soll möglichst angenehm verlaufen.

Der Effekt ist bemerkenswert: Die Gesellschaft bemüht sich mit großem Eifer, die Jugend vor Härten zu schützen – und wundert sich anschließend, wenn diese Jugend wenig Übung im Umgang mit Härten hat.

Das ist ungefähr so, als würde man jemanden vor jedem Regen bewahren und sich später darüber wundern, dass er keinen Regenschirm aufspannen kann.

Die Generation der weichen Kissen

Natürlich ist die Generation Z nicht faul oder unfähig. Sie besitzt viele bemerkenswerte Fähigkeiten. Sie bewegt sich selbstverständlich in digitalen Welten, sie verarbeitet enorme Informationsmengen und sie kann mit Technologien umgehen, die für ältere Menschen manchmal rätselhaft wirken. Doch gleichzeitig ist sie in einer Kultur groß geworden, die das Leben stark polstert. Man könnte sagen: Diese Generation ist zwischen weichen Kissen aufgewachsen. Wenn man ständig aufgefangen wird, verliert der Sturz seinen Schrecken – aber auch seine Lehre.

Frühere Generationen lernten viele Dinge durch Erfahrung. Man scheiterte, versuchte es erneut und wurde besser. Heute versucht man eher, das Scheitern selbst zu vermeiden. Das Ergebnis ist eine paradoxe Situation: Junge Menschen sind hochgebildet, technisch versiert und gleichzeitig manchmal erstaunlich unsicher im Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens.

Der verlorene Ehrgeiz

Dabei ist Ehrgeiz keine angeborene Eigenschaft. Er entsteht aus Erfahrung. Wer spürt, dass er zurückliegt, entwickelt den Wunsch aufzuholen. Wer verliert, möchte beim nächsten Mal gewinnen. Viele erfolgreiche Lebenswege beginnen genau mit dieser Erfahrung.

Ein Junge, der im Schulsport immer als Letzter gewählt wird, kann zwei Wege einschlagen. Er kann sich zurückziehen – oder er beginnt zu trainieren. Wenn er sich für den zweiten Weg entscheidet, entdeckt er etwas Entscheidendes: nämlich, dass Anstrengung Wirkung hat. – Diese Erfahrung ist pädagogisch unbezahlbar.

Doch wenn man Niederlagen systematisch aus dem Alltag entfernt, verschwindet auch der Anlass für solchen Ehrgeiz. Der Mensch strengt sich selten ohne Notwendigkeit an. Er braucht ein Ziel, einen Vergleich, einen Widerstand. Die moderne Pädagogik versucht jedoch oft, genau diesen Widerstand zu vermeiden.

Das Ergebnis ist eine Jugend, die sehr viel über Selbstentfaltung weiß – aber manchmal weniger darüber, wie man sich im Leben durchbeißt.

Ein sanftes Erwachen

Nun könnte man glauben, diese Entwicklung werde sich einfach fortsetzen. Doch die Wirklichkeit hat die unangenehme Eigenschaft, sich nicht an pädagogische Konzepte zu halten. Die Welt wird wieder unruhiger. Wirtschaftliche Konkurrenz, geopolitische Konflikte und technologische Umbrüche verlangen nach Fähigkeiten, die nicht im Mutterschoß entstehen.

Sie verlangen nach Menschen, die Verantwortung übernehmen, Risiken tragen und Belastungen aushalten können. Vielleicht steht die Gesellschaft bereits vor einer anstehenden Korrektur ihrer eigenen Erziehungsideen. Aus Notwendigkeit! Denn am Ende bleibt eine einfache Wahrheit bestehen: Der Mensch wächst nicht im Komfort, sondern im Widerstand. Oder, um es in einem Bonmot zu sagen:

Ein junger Mensch wird nicht stark, weil man ihm den Weg freikehrt.
Er wird stark, weil er ihn, mit allen Hindernissen darauf, selbst gehen muss.

Und manchmal beginnt dieser Weg mit einem einfachen Schritt: hinaus aus dem wohligen Mutterschoß, hinein in die kalte Luft der Wirklichkeit.


Lesen Sie auch:

Ein schauriger „Prozess gegen Deutschland“

Die Kommentare sind geschlossen.