Republik der weichen Kissen

Vom Verschwinden der Zumutung in einer bequemen Welt
Lesedauer: ca. 12 Minuten

Republik der weichen KissenAutor: Kurt O. Wörl

Noch nie war eine Generation so gut geschützt – und selten so wenig geübt im Umgang mit Herausforderungen. Zwischen Achtsamkeit, Schonraum und pädagogischer Polsterung stellt sich eine alte Frage neu: Wie soll ein Mensch Stärke entwickeln, wenn ihm jede Zumutung erspart bleibt? Ein ironischer Blick auf eine Gesellschaft, die ihre Jugend am liebsten im Mutterschoß behalten würde.

Prolog

Es gab einmal eine Zeit, da ging man morgens zur Schule, auch wenn es draußen schneite. Der Schnee lag nicht dekorativ nur auf den Zweigen wie auf einer Postkarte, sondern in ordentlicher Menge auf der Straße. Dreißig Zentimeter waren keine Naturkatastrophe, sondern Winter. Man zog sich an, stapfte los, rutschte ein wenig, bekam nasse Schuhe und hatte unterwegs Spaß bei einer Schneeballschlacht. Kurz gesagt: Man lebte.

Heute fällt fünfzehn Zentimeter Neuschnee und der Präsenzunterricht wird ausgesetzt. Sicherheit geht vor. Man weiß ja nie, ob ein Gymnasiast ausrutschen könnte und dadurch möglicherweise ein schmerzhaftes Gefühl erfährt. Gefühle sind bekanntlich zarte Pflanzen, man muss sie behutsam behandeln, am besten in Watte packen.

Die moderne Gesellschaft hat nämlich eine scheinbar große pädagogische Entdeckung gemacht: Frustration ist unangenehm. Sie könnte dazu führen, dass ein junger Mensch sich schlecht fühlt. Und ein schlecht gelaunter junger Mensch könnte womöglich – Gott bewahre – anfangen, über sich selbst nachzudenken. Früher hielt man das für den Beginn von Charakterbildung. Heute gilt es für einen unbedingt zu vermeidenden Unfall.

Man hat deshalb begonnen, das Leben der Jugend systematisch zu entfrustrieren. Das klingt wie eine neue Dienstleistung der Gebäudereinigung, ist aber tatsächlich eine gesellschaftliche Großbaustelle. Alles, was irgendwie unangenehm sein könnte, wird vorsorglich entschärft. Man kann die Entwicklung gut an einer harmlosen Veranstaltung studieren: den Bun­des­ju­gend­spie­len.

Die Tragödie der Bundesjugendspiele

Früher bestand diese Veranstaltung aus einer einfachen pädagogischen Idee. Man ließ Kinder laufen, springen und werfen und stellte anschließend fest, wer schneller, höher oder weiter war. Das war nicht besonders kompliziert. Manche gewannen, manche verloren und die meisten lagen irgendwo dazwischen.

Heute glaubt man erkannt zu haben, dass dieses Verfahren grausam sein könnte. Ein Kind könnte ja entdecken, dass ein anderes schneller läuft. Das könnte zu seelischer Verstimmung führen. Also hat man den harten Wettbewerb abgeschafft. Erlebnischarakter statt Leistungsdruck lautet die neue Idee. Und natürlich ist die Anrechnung der Ergebnisse auf die Schulnote nicht mehr explizit vorgesehen.

Man misst zwar noch immer, aber bitte ohne die als zu brutal empfundene Konsequenz des Vergleichs. Es soll sich niemand zurückgesetzt fühlen. In einer Welt der pädagogischen Gleichheit darf kein Zehnjähriger mehr erleben, dass der Nachbarjunge zufällig schneller sprintet.

Das ist ungefähr so, als würde man im Schach beschließen, dass beide Spieler gleichzeitig gewinnen. Die Partie endet dann in einer Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung.

Die Pädagogik hat also beschlossen, das Problem des Wettbewerbs dadurch zu lösen, dass man ihn vorsichtig auflöst. Das Ergebnis ist eine scheinbare Harmonie. Alle fühlen sich gleich gut. Niemand fühlt sich schlecht. Aber niemand weiß auch mehr genau, warum er sich eigentlich anstrengen sollte.

Die Kunst der folgenlosen Note

Ähnlich kreativ ist man inzwischen beim Thema Leistung. Noten waren früher ein objektives Instrument. Eine Eins bedeutete, dass jemand etwas besonders gut konnte. Bei einer Drei erkannte man, man hat sich den Lernstoff zumindest angeschaut. Eine Vier bedeutete, dass man sich noch einmal mit dem Stoff beschäftigen sollte. Eine Fünf bedeutete, dass man sich nun ernsthaft mit dem Stoff beschäftigen sollte. Und eine Sechs verriet, dass man schlicht faul war.

Das System hatte einen gewissen Vorteil: Man wusste, woran man war. Heute ist man vorsichtiger. Man möchte niemanden mit der Erkenntnis seiner Minderleistung verletzen. Also hat man begonnen, Noten zu individualisieren. Der eine bekommt einen Nachteilsausgleich, der andere einen Ausgleich für den Ausgleich und ein dritter eine pädagogische Betrachtung seines Lernprozesses.

Am Ende hat jeder eine Bewertung, die ungefähr so aussagekräftig ist wie ein Horoskop: Sie stimmt irgendwie für alle. Der Schüler erhält also eine Rückmeldung, die ihm mitteilt, dass er sich auf seinem persönlichen Lernweg befindet. Wohin dieser Weg dann führt, bleibt offen. Wichtig ist nur, dass sich der Lernende dabei wohlfühlt.

Oder kurz: Früher gab es Leistung, heute gibt es Lernbiographien.

Die empfindliche Republik

Die neue Pädagogik steht jedoch nicht allein. Sie wird begleitet von einer kulturellen Bewegung, die man mit einem Wort beschreiben kann: Empfindlichkeit.

Die moderne Gesellschaft hat entdeckt, dass auch Worte verletzen können. Natürlich konnten sie das schon immer, aber früher hielt man das für den Teil des Gesprächs. Heute wird daraus eine Angelegenheit der sprachlichen Hygiene. Man spricht von Achtsamkeit. Ein schönes Wort. Es klingt nach Zen-Garten und Kräutertee. Gemeint ist jedoch etwas anderes: Man soll seine Worte so vorsichtig wählen, dass sie möglichst niemanden irritieren. Die Folge ist eine andere Form der Kommunikation. Man spricht viel, aber sagt wenig. Die Sprache wird weich wie ein Daunenkissen. Kritik wird sehr vorsichtig formuliert, Konflikte werden sprachlich abgefedert.

Ein Streitgespräch ähnelt dann einem höflichen Schreittanz, bei dem beide Partner darauf achten, sich nicht gegenseitig auf die Füße zu treten. Das Ergebnis ist Ruhe. Niemand wird laut, niemand wird hart, niemand wird verletzt. Aber niemand wird dabei auch besonders klug. Denn Erkenntnis entsteht selten in der Komfortzone. Sie entsteht im Widerspruch, im Streit, im Ringen um Argumente. Wer die Rauheiten des Lebens vollständig glättet, bekommt zwar sowas wie Friedhofsruhe – aber eben auch gähnende Langeweile.

 


Plauderei zum Thema:

Podcast: Republik der weichen Kissen


 

Die Flucht ins Digitale

Während die reale Welt immer vorsichtiger wird, passiert etwas Erstaunliches: Die Jugend sucht sich ihre Herausforderungen dann eben anderswo: Am Computer!

Der kennt keine Kuschelpädagogik. Computerspiele sind empathielos ehrlich. Sie sagen dem Spieler sofort, wie gut er ist. Wenn er schlecht spielt, verliert er. Wenn er gut spielt, gewinnt er.

Das Spiel sagt nicht: „Du befindest dich auf einem individuellen Entwicklungsweg.“
Das Spiel sagt: „Du bist tot.“

Klingt brutal, ist aber pädagogisch durchaus wirksam. Hat der Spieler verloren, versucht es erneut. Und noch einmal. Und noch einmal. Irgendwann schafft er das Level. Er steigt auf. Er wird besser, endlich darf er den glücklichen Moment des Dopamin-Ausstoßes genießen.

Die Spielemacher haben verstanden, was viele Schulen vergessen haben: Menschen mögen nämlich Herausforderungen. Sie mögen Fortschritt. Sie mögen den Moment, in dem eine schwierige Aufgabe endlich gelingt. Aber der Erfolg im Spiel bleibt halt nur im Spiel. Wer einen virtuellen Drachen besiegt, hat damit noch keinen Aufsatz geschrieben und kein Diktat fehlerfrei zu Papier gebracht.

Aber der Wirkmechanismus ist derselbe: Herausforderung, Scheitern, Verbesserung, Gelingen.

Diese Erfahrung fehlt vielen jungen Menschen heute im Alltag.

Der neue Traumberuf

Wenn die reale Welt wenig fordert und die virtuelle Welt viel belohnt, entsteht ein neues Bild von Erfolg: Der Beruf des Influencers!

Früher wollte man Automechaniker, Kaufmann werden, mit Abitur vielleicht Ingenieur, Pilot, Arzt oder Architekt. Heute möchte man Reichweite erzielen. Das klingt zunächst nach einer Funkantenne, ist aber die digitale Form der Berühmtheit.

Man sitzt vor der Kamera, spricht über sein Frühstück und erreicht dabei mehrere hunderttausend Menschen. Wenn das Frühstück interessant genug war, verdient man damit Geld.

Influencer ist ein bemerkenswerter Beruf. Man muss weder Klimmzüge, Turnübungen noch Differentialgleichungen beherrschen. Man braucht nur – Aufmerksamkeit.

Natürlich gelingt das nur wenigen. Die meisten Influencer verdienen ungefähr so viel wie ein mäßig begabter Straßenmusikant. Aber die Vorstellung bleibt faszinierend: Erfolg ohne Strapaze, Bekanntheit ohne Mühe. Das ist der Traum einer Zeit, die sich vor Anstrengungen, Herausforderungen und Frustrationen angeblich fürchtet.

Und das ist das eigentliche Problem.

Der Mensch als gemütliches Wesen

Der Mensch gilt in der Evolutionsgeschichte als ein bemerkenswertes Wesen. Er besitzt weder das Gebiss des Löwen noch die Schnelligkeit der Gazelle. Er hat keine Krallen, keine Panzerung und keinen besonders eindrucksvollen Muskelapparat. Wenn man ihn im Tierreich vergleicht, wirkt er zunächst wie eine bedauernswerte Fehlkonstruktion der Natur.

Seine eigentliche Stärke liegt im Kopf. Der Mensch denkt, plant, baut Werkzeuge und löst Probleme. Doch diese Fähigkeit ist kein Geschenk des Himmels, sondern das Ergebnis eines langen, harten Überlebenstrainings im Umgang mit Gefahren. Der menschliche Geist ist im harten Kampf ums Überleben gewachsen.

Jahrtausende lang bestand das Leben aus Herausforderungen. Nahrung musste gefunden werden, Gefahren mussten erkannt werden, der Winter musste überstanden werden. Wer klug plante, lebte länger. Man könnte sagen: Der Mensch wurde intelligent, weil er es zum Überleben werden musste. Andernfalls hätte Charles Darwins „Survival of the Fittest“, gemeint ist das Evolutionsgesetz, die Gattung Mensch längst ausgesondert.

Heute scheint man diesen Zusammenhang vergessen zu haben. Die moderne Pädagogik behandelt Schwierigkeiten im Leben wie eine Krankheit. Wenn irgendwo ein Problem auftaucht, soll es möglichst schnell aus dem Gefühlsbereich der Schüler entfernt werden. Man glättet den Weg, polstert die Ecken und stellt sicher, dass niemand unverhofft stolpert. Der junge Mensch soll sich entwickeln wie eine zarte Zimmerpflanze: bei gleichmäßige Temperatur, ausreichend Licht und bitte keine Zugluft.

Das Ergebnis ist ein sehr gepflegtes Gewächs. Leider fehlt ihm dann die Widerstandskraft gegen die Unwetter des Lebens, wenn es nach draußen ins Freie umgepflanzt wird.

Die Schule als Wellnessbereich

Man kann diese Entwicklung besonders gut im Bildungswesen beobachten. Die Schule war früher ein Ort, an dem man Dinge lernen musste, was zugegeben nicht immer angenehm war. Lateinvokabeln, mathematische Beweise, Gedichtinterpretationen – all das hatte die unangenehme Eigenschaft, vom Schüler Fleiß zu verlangen.

Heute ist die Schule vielerorts ein Ort der pädagogischen Rücksichtnahme. Man möchte niemanden überfordern. Unterricht wird stärker differenziert, Anforderungen werden angepasst, Leistungsunterschiede moderiert eingeebnet.

Der Lehrer steht nicht mehr fordernd vor einer Klasse, sondern vor einer Sammlung individueller Lernbiographien. Jeder Schüler hat seinen eigenen Weg, sein eigenes Tempo und seine persönliche Entwicklung. Das klingt durchaus modern. In der Praxis bedeutet es aber nur, dass der Unterricht sich immer am unteren Rand orientiert. Der stärkere Schüler langweilt sich zunehmend, der schwächere fühlt sich unbelastet und die Lehrkraft versucht tapfer, allen gerecht zu werden. Das Ergebnis ist eine Schule, die viel Verständnis zeigt und wenig Anspruch. Dass viele Schüler später am Dunning-Kruger-Effekt zur Lachnummer werden, ist egal, die Bedeutung des Begriffs lernt man in der Schule sowieso nicht. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ lautet das dazu passende Sprichwort.

Früher hieß es: „Der Unterricht soll den Schüler fordern.“
Heute sagt man: „Der Unterricht soll den Schüler abholen.“

Und man fragt sich gelegentlich, wohin die Reise gehen soll. Zumindest erklärt dies die katastrophalen Erkenntnisse aus den PISA-Studien und das nutzlose Bremer Abitur.

Die Pädagogik des sanften Gefühls

Parallel zur Veränderung des Unterrichts hat sich auch das gesellschaftliche Klima verändert. Die öffentliche Sprache ist empfindlicher geworden. Man achtet darauf, niemanden zu verletzen. Man formuliert vorsichtig, man vermeidet unmissverständliche Worte, man spricht von Sensibilität. Rutsch doch einmal ein deutliches Wort heraus, wird sofort ein erlittenes Trauma unterstellt. Ein Besuch beim Psychotherapeuten wird für die gequälte Seele unvermeidbar.

Das Wort „Achtsamkeit“ hat in dieser Kultur Karriere gemacht. Es stammt ursprünglich aus der Meditation und beschreibt eigentlich nur die Fähigkeit, den eigenen Zustand, sein inneres Sein bewusst wahrzunehmen. Eine nützliche Fähigkeit, ohne Zweifel. In der gesellschaftlichen Praxis heute bedeutet es jedoch häufig: Niemand soll Gefühle anderer strapazieren.

Das hat Folgen für den Umgang mit Konflikten. Früher war ein Streitgespräch eine lebhafte Angelegenheit. Menschen widersprachen sich, manchmal laut, manchmal leidenschaftlich. Dabei entstanden dann ganz neue Gedanken und Ideen.

Heute wird das Gespräch sorgfältig moderiert. Man achtet auf den Ton. Man achtet auf die Form. Man achtet auf Gefühle. Der Inhalt hat es dann manchmal schwer, sich durch diese Fürsorgeorgie hindurchzuarbeiten.

Die Gesellschaft hat gewissermaßen eine neue Tugend entdeckt: die verletzungsfreie Kommunikation. Sie funktioniert ungefähr so wie ein Boxkampf mit Wattehandschuhen. Alle Beteiligten bleiben heil – aber der Kampf ist nicht besonders spannend.

Der verschwundene Ehrgeiz

Nun könnte man einwenden, dass junge Menschen trotzdem ehrgeizig sind. Das stimmt. Ehrgeiz ist eine hartnäckige Eigenschaft des Menschen. Man findet ihn überall, wo man sich Ziele setzt. – Die Frage ist nur, wohin er sich richtet.

Wenn reale Herausforderungen seltener werden, wandert der Ehrgeiz in andere Bereiche. Digitale Spiele, soziale Netzwerke oder Online-Wettbewerbe bieten genau das, was die reale Welt zunehmend vermissen lässt: klare Regeln, klare Ranglisten, klare Ergebnisse, Erfolge und Niederlagen.

Der Spieler weiß sofort, ob er gewonnen oder verloren hat. Der Influencer sieht sofort, wie viele Menschen sein Video angeschaut haben. Das Internet ist zumindest hier ein gnadenlos ehrlicher Bereich. Es kennt keine pädagogische Rücksichtnahme auf Gefühle.

Der Erfolg wird dort in Zahlen gemessen: Klicks, Punkte, Ranglisten. Das Gehirn reagiert darauf mit Begeisterung – und Dopamin-Ausschüttung. Fortschritt ist sofort sichtbar. Leistung wird belohnt, aber Fehler auch hart bestraft. Der Unterschied besteht nur darin, dass diese Leistung keine Häuser baut, keinen Motor konstruiert und keine Patienten behandelt und in der realen Welt keinerlei Bedeutung hat.

Die Gesellschaft hat also eine merkwürdige Situation geschaffen. Sie reduziert den Wettbewerb in der analogen Welt und wundert sich dann, dass der Wettbewerb im Digitalen gesucht wird. Wie wird man mit den dort unvermeidbaren Frustrationen nur fertig?

Die Rückkehr der Wirklichkeit

Doch die Welt bleibt niemals stehen. Während man im Klassenzimmer über die richtige Balance zwischen Förderung und Rücksicht – möglichst ohne Fordern – diskutiert, verändert sich die politische Realität.

Europa erlebt wieder eine Zeit geopolitischer Spannungen. Krieg ist nicht mehr nur ein historisches Kapitel, sondern aktuelle Nachrichtenlage – mitten in Europa. Regierungen sprechen plötzlich wieder über Verteidigungsfähigkeit, über militärische Fähigkeiten und über gesellschaftliche Verantwortung. Und urplötzlich taucht ein Wort auf, das lange verschollen war: Wehrpflicht.

Für viele junge Menschen klingt dieses Wort erschreckend, wie ein Relikt aus grauer Vorzeit. Es bedeutet, dass der Staat Anspruch ab sofort wieder auf einen Teil ihrer Lebenszeit erhebt. Man soll etwas tun, nicht weil man darauf Lust hätte, sondern weil es notwendig ist. Das ist eine ungewohnte Vorstellung in einer Gesellschaft, die lange vor allem von individuellen Lebensplänen geprägt war.

Man kann die Irritation schon verstehen. Wer in einer Zeit des Friedens und des Wohlstands aufgewachsen ist, betrachtet staatliche Pflichten anders als Generationen, die heiße oder kalte Kriege oder gar Not erfahren haben. Hier zeigt sich dann der Unterschied zwischen Komfortzone und Realität. Gesellschaften überleben nicht allein durch gute Absichten. Sie benötigen Menschen, die Verantwortung übernehmen und Belastungen tragen und durchstehen können.

Unwort „Zumutung“

Vielleicht liegt das eigentliche Problem in einem zum Unwort gewordenen Begriff: Zumutung! Das Leben war immer voller Zumutungen. Es verlangt Anstrengung, Geduld und manchmal auch Mut. Früher betrachtete man diese Anforderungen als Teil des Erwachsenwerdens, ja des Lebens.

Heute versucht man, Zumutungen zu vermeiden. Man möchte die Jugend schützen, unterstützen und fördern. Das ist ehrenwert, solange es nicht dazu führt, dass man jede Herausforderung für vermeidbar hält. Denn erst bewältigte Herausforderungen machen aus Kindern Erwachsene.

Ein junger Mensch, der einmal erfahren hat, dass er auch Schwieriges schaffen kann, gewinnt Selbstvertrauen. Ein junger Mensch, dem jede Schwierigkeit aus dem Weg geräumt wird, gewinnt allenfalls Sorglosigkeit. Das mag angenehm sein, aber sie führt selten zu großen Leistungen. Helikopter-Eltern– und Rasenmäher-Eltern – welch treffende Begriffe – ahnen offenbar gar nicht, was sie ihren Sprösslingen mit ihrer Überfürsorge antun. Sie verhindern, dass diese die nötige Resilienz für krisenhafte Zeiten entwickeln können.

Ein Blick in die Zukunft

Ganz sicher wird sich das Gleichgewicht wieder verschieben. Gesellschaften bewegen sich nicht dauerhaft in eine Richtung. Zeiten des Komforts werden von Zeiten der Anstrengung , Risiken und Gefahren abgelöst. Wenn die Realität härter wird, verändert sich regelmäßig auch die Erziehung. Anforderungen steigen, Erwartungen wachsen, Verantwortung wird wieder wichtig.

Die Jugend darf dann wieder entdecken, dass sie weitaus mehr kann, als man ihr manchmal zutraut. Der Mensch ist schließlich kein grundsätzlich zerbrechliches Wesen. Er ist ein erstaunlich zähes, das seit Jahrtausenden Probleme und Gefahren mit Erfolg meistert. Man muss ihm nur die Gelegenheit dazu geben, aus Erfahrung, Siegen und Niederlagen zu lernen.

Und vielleicht – das wäre ein schöner Nebeneffekt – lernt er dann auch wieder, im Schnee zur Schule zu stapfen, mit nassen Schuhen, roter Nase und mit viel Spaß bei einer ordentlichen Schneeballschlacht. Denn manchmal beginnt die Charakterbildung auch an einem kalten Wintermorgen.

Die Generation im Mutterschoß

Man könnte einwenden, das alles sei eine nostalgische Betrachtung alter Leute, die sich gern daran erinnern, wie hart ihre eigene Jugend gewesen sei. Solche Erinnerungen haben bekanntlich die Eigenschaft, im Laufe der Jahre immer besser zu erscheinen als das Erleben tatsächlich war. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn tatsächlich wächst heute eine Generation heran, deren Erfahrungswelt sich deutlich von der ihrer Eltern und Großeltern unterscheidet.

Man nennt sie Generation Z. Eine hübsche Bezeichnung. Sie klingt ein wenig wie das Ende eines Alphabets. Und vielleicht ist das gar kein Zufall. Diese Generation ist die erste, die vollständig in einer Welt aufgewachsen ist, in der Sicherheit und Komfort als Grundzustand gelten. Der Krieg war weit weg, der Wohlstand stabil und der Staat zuverlässig. Probleme erschienen eher als organisatorische Fehler, denn als existenzielle Bedrohungen. Das Leben war – historisch betrachtet – schlicht bequem.

Bequemlichkeit ist nichts Verwerfliches an sich. Niemand wünscht sich freiwillig Entbehrung oder Gefahr. Doch das hat Nebenwirkungen: Das verändert nämlich die Erwartungshaltung an das Leben.

Wer in einer Welt aufwächst, in der Schwierigkeiten von Dritten aus dem Weg geräumt werden, entwickelt ein anderes Verhältnis zu ihnen. Selbst zu meisternde Herausforderungen erscheinen dann nicht mehr als normaler Bestandteil des Lebens, sondern als Störung des Komforts. Hier beginnt der eigentliche Konflikt zwischen den Generationen.

Die empfindliche Jugend

Viele ältere Menschen haben heute den Eindruck, junge Leute seien empfindlicher geworden. Kritik wird schneller als Angriff wahrgenommen, man spricht sogar von „Mikroaggressionen“. Anforderungen erscheinen als Zumutung und Frustration wird nicht akzeptiert. Der Begriff „Resilienz“ – also die Fähigkeit, Rückschläge auszuhalten – ist zum Alptraum geworden. Es ist nicht ganz ohne Ironie, dass man heute man umso häufiger darüber spricht, je weniger sie im Alltag trainiert werden darf.

Man sieht das in kleinen Situationen. Ein strenger Lehrer gilt schnell als „problematisch“. Ein Wettbewerb wird als unfair betrachtet, weil jemand verlieren könnte. Eine schwere Prüfungsaufgabe wird infrage gestellt, weil sie Stress erzeugen könnte. – Das Leben soll möglichst angenehm verlaufen. Und erntet man schlechte Noten, dann taugt eben die Lehrkraft nichts. Statt mit sofortiger Wirkung Anstrengung vom Schüler zu einzufordern, drohen Eltern der Schule dann auch schon mal mit dem Rechtsanwalt. 

Der Effekt ist bemerkenswert: Die Gesellschaft bemüht sich mit großem Eifer, die Jugend vor Härten zu schützen – und wundert sich anschließend, wenn diese Jugend wenig Übung im Umgang mit den Härten des Lebens hat.

Das ist ungefähr so, als würde man jemanden vor jedem Regentropfen bewahren und sich später darüber wundern, dass er unfähig ist, einen Regenschirm aufzuspannen.

Die Generation der weichen Kissen

Natürlich ist die Generation Z nicht faul oder unfähig. Sie besitzt viele bemerkenswerte Fähigkeiten. Sie bewegt sich wie selbstverständlich in digitalen Welten, sie verarbeitet enorme Informationsmengen und sie kann mit Technologien umgehen, die für ältere Menschen manchmal rätselhaft wirken. Doch gleichzeitig ist sie in einer Kultur groß geworden, die das Leben übermäßig stark polstert. Diese Generation ist zwischen weichen Kissen aufgewachsen. Wenn man ständig aufgefangen wird, verliert jeder Sturz seinen Schrecken – aber auch seine Lehre.

Frühere Generationen lernten viele Dinge durch Erfahrung. Man versuchte es, scheiterte, versuchte es erneut und wurde besser. Heute bemüht man sich eher, das Scheitern selbst zu vermeiden. Das Ergebnis ist eine paradoxe Situation: Junge Menschen sind hochgebildet, technisch versiert und gleichzeitig erstaunlich oft unsicher im Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens.

Der verlorene Ehrgeiz

Ehrgeiz ist leider keine angeborene Eigenschaft. Er entsteht aus Erfahrung. Wer spürt, dass er zurückliegt, entwickelt den Wunsch aufzuholen. Wer verliert, möchte beim nächsten Mal gewinnen. Viele erfolgreiche Lebenswege beginnen mit eben dieser Erfahrung.

Ein Junge, der im Mannschaftssport immer als Letzter gewählt wird, kann zwei Wege einschlagen: Er kann sich zurückziehen und schmollen – oder er beginnt zu trainieren. Wenn er sich für den zweiten Weg entscheidet, entdeckt er etwas Entscheidendes: nämlich, dass Anstrengung Wirkung hat, belohnt wird. – Diese Erfahrung ist pädagogisch unbezahlbar.

Doch wenn man Niederlagen systematisch aus dem Alltag entfernt, verschwindet auch der Anlass für solchen Ehrgeiz. Der Mensch strengt sich selten ohne Notwendigkeit an. Er braucht ein Ziel, einen Vergleich, einen Widerstand. Die moderne Pädagogik versucht jedoch, all dies zu vermeiden.

Das Ergebnis ist eine Jugend, die sehr viel über Selbstentfaltung und Individualität weiß – aber weniger darüber, wie man sich im Leben durchbeißt.

Epilog: Ein sanftes Erwachen

Zu glauben, diese Entwicklung könnte sich einfach fortsetzen, liegt nahe. Doch die Wirklichkeit hat die Eigenschaft, sich nicht an pädagogische Konzepte zu halten. Die Welt wird wieder unruhiger. Wirtschaftliche Konkurrenz, Krisen, geopolitische Konflikte und technologische Umbrüche verlangen nach Fähigkeiten, die im Schutz des Mutterschoßes nicht erworben werden.

Sie verlangen nach Menschen, die Verantwortung übernehmen, Risiken tragen und Belastungen aushalten können. Vielleicht steht die Gesellschaft bereits vor einer solchen Korrektur ihrer eigenen Erziehungsideen. Aus Notwendigkeit! Denn am Ende bleibt eine einfache Wahrheit bestehen: Der Mensch wächst nicht in der Komfortzone, sondern im Kampf mit und im Bewältigen von Widernissen. Oder, anders ausgedrückt:

Ein junger Mensch wird nicht stark, weil man ihm den Weg freikehrt.
Er wird stark, weil er ihn, mit allen Hindernissen darauf, selbst gehen muss.

Und manchmal beginnt dieser Weg mit einem einfachen Schritt: hinaus aus dem wohligen Mutterschoß, hinein in die kalte Luft der Wirklichkeit.


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