Wenn Worte unter Aufsicht stehen

Satire - Wenn nicht mehr gesagt wird, was gemeint ist aber gemeint, was gesagt werden darf
Lesedauer: ca. 11 Minuten

Wenn Worte unter Aufsicht stehenAutor: Kurt O. Wörl

Eine Sprache auf Rosskur – vorgeschrieben, entkernt und unter ständiger Aufsicht. Ein Wirt, der sich nicht erklären lässt, wer er ist. Und eine neue Klasse von Tugendwächtern, die jedes Wort auf Verdacht kontrolliert. Wer entscheidet eigentlich, was wir noch sagen dürfen – und warum? Und was bleibt vom Menschen, wenn nur noch seine Beschreibung übrig ist. Eine bissige Betrachtung über Eifer, Empfindlichkeit und den Versuch, Zerstörung unsere Sprache zu zerstören.

Die sich um alles kümmern, außer um die eigene Bildung

Es ist eine bemerkenswerte Erscheinung unserer Tage, dass der Mensch sich nicht mehr damit begnügt, ein anständiges Leben zu führen, sondern darüber hinaus das Bedürfnis entwickelt hat, auch die Sprache der anderen zu verwalten. Das erledigt der sogenannte Social Justice Warrior, kurz SJW, ein Krieger für soziale Gerechtigkeit, der vor allem dadurch auffällt, dass er mit großer Entschlossenheit Dinge bekämpft, die ohne ihn völlig harmlos geblieben wären.

Der SJW ist ein Mensch mit selbsterteiltem Auftrag. Er hat sich selbst ernannt, und das genügt. Sein Feld ist weit: Feminismus, Antirassismus, Minderheitenschutz. Alles edle, anerkennenswerte Anliegen, ohne Faage. Doch der Eifer, mit dem er ihnen nachgeht, hat etwas von einem Gärtner, der nicht nur Unkraut jätet, sondern gleich den ganzen Garten umgräbt, weil ihm die Natur nicht ordentlich genug erscheint.

Man erkennt ihn nicht an seiner Kleidung, sondern an seiner Sprache. Sie soll nicht einfach nur korrekt sein, sie ist korrigierend. Sie will nicht nur sagen, sie will „verbessern“. Und zwar andere. Sein Agitationsgebiet sind Worte. Nicht die Tat, nicht das selbstkritische Betrachten, nicht die Wirklichkeit – Worte. 

Zunächst bleibt alles freundlich. Ein Hinweis hier, eine kleine Korrektur dort, nur zur Orientierung. Dann wird aus der Empfehlung eine Vorgabe. Formulierungen gelten als geeignet oder ungeeignet, nicht mehr als treffend oder ungenau. Wer sich nicht daran hält, wird darauf hingewiesen, später erinnert, schließlich verpflichtet. Es entstehen Formulare für sprachliche Zweifelsfälle, Zuständigkeiten für Ausdrucksfragen, Sprachleitfäden, Verfahren zur Klärung von Bedeutungen. Irgendwann genügt ein Satz nicht mehr als solcher, er bedarf einer erlaubenden Freigabe. Und während man noch überlegt, wie man etwas sagen darf, hat man vergessen, was man eigentlich sagen wollte.

Die Reinigung der Vergangenheit

So kommt es, dass der SJW durch die Städte zieht wie ein gewissenhafter Denkmalpfleger, allerdings mit dem Unterschied, dass er die Denkmäler nicht erhält, sondern entfernt. Besonders angetan haben es ihm jene Begriffe, die älter sind als sein moralisches Empfinden.

„Mohrenstraße“, steht da. Ein Schild, das seit Jahrzehnten seinen Dienst tut, ohne jemanden zu behelligen. Der SJW bleibt stehen, runzelt die Stirn und erkennt sofort: ein Problem. Was genau das Problem ist, kann er mangels Wissens nicht genau sagen. Es genügt, dass es sich schlecht anfühlen könnte. Und Gefühle sind in dieser neuen Ordnung eine Art Gesetzestext, nur ohne Fußnoten.

Die „Mohrenapotheke“ wird zum Verdachtsfall. Nicht wegen ihrer Medikamente, sondern wegen ihres Namens. Der Apotheker steht vor einer Entscheidung: Entweder er benennt sein Geschäft um, oder er wird öffentlich darüber belehrt, dass er es besser hätte tun sollen. Was der SJW mangels Bildung, trotz Bremer Abitur, nicht weiß, ist, dass die Bezeichnung Mohrenapotheke das exakte Gegenteil von Rassismus und Diskriminierung immer war.

 


Plauderei zum Thema

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Kenntnis der Etymologie könnte helfen

Der Begriff „Mohr“ zielt nicht auf ethnische Merkmale, sondern auf den Bereich, woher die Mauren einst stammten: Aus dem antiken Mauretanien (Nordafrika, nicht zu verwechseln mit dem heutigen Staat Islamische Republik Mauretanien), Man ehrte damit jene Mauren, die so außergewöhnlich gute medizinische und kulinarische Kenntnisse aufwiesen. Doch das spielt bei den SJWs keine Rolle. Geschichte ist beim Sprachereinigen nur störend, weil sie sich nicht mehr ändern lässt. Also ändert man die Wörter.

Insofern ist die Bezeichnung „Mohrenapotheke“ für eine Apotheke nichts anderes als Wertschätzung. Dass die sprachliche Entwicklung per Lautverschiebung aus Mauren Mohren machte, kommt in einem Land wie Deutschland, das viele Mundarten sein Eigen nennt, eben vor. Dies ist übrigens die einzig gerechtfertigte Art, Sprache fortzuentwickeln: aus dem allgemeinen Sprachgebrauch der Mehrheit der Sprachnutzer. Sprache gehört dem Volk, nicht den verblendeten Ideologen.

Ein Besuch in Kiel

In Kiel gibt es ein Restaurant mit dem Namen „Zum Mohrenkopf“. Es ist ein ordentlich geführtes Lokal, dessen Inhaber ein Mann afrikanischer Herkunft ist. Der Wirt ist ein Mann, der genau weiß, warum er sein Lokal so benannt hat, und der sich darüber lange Zeit keine Gedanken machen musste. Bis eines Tages ein weißes Paar eintritt. Man sieht ihnen an, dass sie nicht wegen des Essens gekommen sind. Sie tragen jene ernste Miene, die darauf schließen lässt, dass hier gleich etwas klarzustellen ist.

Kaum sind sie eingetreten, verlangen sie nach dem Inhaber. Der Wirt tritt heran. Sie sehen ihn an, zögern und bitten erneut, den Inhaber herbeizuholen. Der Wirt geht kurz hinaus, kommt wieder, das Spiel wiederholt sich. Erst beim dritten Mal begreifen sie, dass der Mann vor ihnen tatsächlich der ist, den sie sprechen wollen. – Ein kurzer Augenblick, in dem sich die Wirklichkeit gegen das Vorurteil durchsetzt. Doch man hat ein Anliegen, und das duldet keinen Aufschub. Der Name des Restaurants „Zum Mohrenkopf“ sei, so erklären sie, „unerhört“. Er sei rassistisch. Er diskriminiere schwarze Menschen. Der Wirt müsse das ändern.

Der Wirt hört zu, ohne die geringste Spur von Erregung und lächelt. Dann sagt er ruhig, dass er von Weißen Besuchern keine Belehrung darüber benötige, wann er sich als Schwarzer diskriminiert zu fühlen habe. Und er fügt hinzu, dass er es eher befremdlich finde, dass man dreimal nach dem Inhaber gefragt habe, ohne in Betracht zu ziehen, dass er als Schwarzer selbst dieser Inhaber sein könnte. Menschen afrikanischer Herkunft als selbständige Gastronomen kämen ihn der Vorstellung des Paares offenbar nicht vor. Das, so erklärte er den vor ihn stehenden SJWs, lege weit eher rassistische Motive nahe, als der von ihm selbstgewählte Name seines Lokals. Das Paar verfällt in betretenes Schweigen. Der Moment also, in dem die eigene Gewissheit platzt, wie eine Seifenblase und als bloße Klugscheißerei ohne Wissenshintergrund entlarvt wurde. Ob den beiden danach die Schamesröte im Gesicht stand, ist nicht bekannt. Ein Fall zum Fremdschämen war ihr Verhalten aber allemal.

Aufklärung

Der Wirt klärt die beiden auf, dass der den Begriff „Mohr“ alles andere als eine Beleidigung sei und auch nie als solche verstanden wurde, sondern als Teil der eigenen historischen Tradition. Dass „Mohren“ einst für besonders hohe Qualität standen, besonders in der Kochkunst und Heilkunde. Dass sein Restaurant genau deshalb diesen Namen bewusst trage. Man stelle sich die Szene vor: Da steht ein Mensch und spricht über sich, und ihm gegenüber stehen zwei andere, die ihm anmaßend und übergriffig erklären wollten, dass er sich irren muss.

Der Irrtum des Besserwissens

Der SJW zeichnet sich durch eine besondere Fähigkeit aus: Er weiß alles besser – glaubt er. Und zwar besser als alle anderen, insbesondere besser als jene, um die es geht. Er sieht Diskriminierung, wo keine empfunden wird. Er entdeckt Beleidigungen, die niemand vernommen hat. Und er verteidigt Menschen, die sich fragen, wer ihn darum gebeten darum hat, wenn sie sich gar nicht angegriffen fühlen.

Sicher, das ist gewiss kein böser Wille. Es ist Überzeugung. Und Überzeugung ist bekanntlich das Hartnäckigste, was der Mensch besitzen kann, und ist schlimmer als die Lüge. Lügen kann man entlarven, Überzeugungen kleben an ihren Trägern wie Pech auf der Haut.

Der SJW glaubt an die Macht der Sprache. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich. Doch er verwechselt Ursache und Wirkung. Er glaubt, wenn die Wörter stimmen, dann wird auch die Welt stimmig. Also bekämpft er Wörter.

Sind Frau und Mutter falsche Worte?

Und hier entfaltet sich seine ganze schöpferische Kraft. Denn wenn man schon die Sprache erneuert, warum nicht gleich den Menschen mit? Die Frau wird zur „Menstruierenden“. Die Mutter zur „Gebärenden“. Der Mann zur „Person“. Es ist ein groß angelegtes Projekt der sprachlichen Neugestaltung, bei dem nichts so bleiben darf, wie es ist, es sei denn, es klingt neutral genug. – Wobei der SJW gar nicht erklären kann, was an den Begriffen Frau, Mutter Mann so verstörend sein soll. Begriffe, die einfach die Realität bezeichnen, die jeder versteht, der nicht im IQ 30 oder weniger daherkommt.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Ein Mann stellt auf einer Feier seine Frau vor und sagt: „Darf ich Ihnen meine Menstruierende vorstellen?“ Der Satz ist von der Bauweise durchaus korrekt, präzise – aber vollkommen irreführend. Ob die Gemahlin nämlich tatsächlich in diesem Moment menstruiert, wie das Partizip Präsens vermittelt, bleibt freilich offen. Und wenn ja, wem – außer ihr selbst – ginge das eigentlich etwas an?

Aberwitzig wird es, bedenkt man, dass die Menstruation der Frauen nicht lebenslang anhält, sie beginnt in der Pubertät und endet meist zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Damit wird „Menstruierende“ auch noch zur Fehlbezeichnung, ganz abgesehen davon, dass dieser biologische Vorgang nur wenige Tage im Monat dauert.

Ginge es nach den SJWs müsste eine Todesanzeige künftig wohl so lauten: „Es trauern: Deine Menstruierende (Ehefrau), Deine Geborenen (Kinder), Deine Gebärende (Mutter) und Deine Großgebärende (Großmutter).“ 

So wird die verhunzte Sprache zu einer Art Gebrauchsanweisung für den Menschen, der selbst darin nicht mehr vorkommt.

Das Partizip schlägt zurück

Die eigentliche Krönung dieses sprachlichen Großreinemachens aber ist das Partizip Präsens. Es wird neuerdings verstanden als Allheilmittel, das zwar nicht heilt, aber überall angewendet werden soll. Studierende statt Studenten, Forschende statt Forscher, Lehrende statt Lehrer, Teilnehmende statt Teilnehmer – eine ganze Republik in Dauerhandlungen, in der niemand mehr einfach ist was er ist, sondern ständig dabei ist, etwas zu tun.

Der Student existiert nicht mehr. Er ist nur noch ein Studierender, also jemand, der studiert, während er studiert, sofern er studiert. Sitzt er im Hörsaal und schläft, bleibt er dennoch Studierender, was beweist, dass die Wirklichkeit sich nicht so leicht an Neusprech hält wie umgekehrt.

Man versucht ein sprachliches Kunststück: Aus einer klaren Bezeichnung, die jeder versteht, ist eine fortlaufende Tätigkeit geworden. Der Mensch wird vom Subjekt zum dauerhaften Prozess. Er ist nicht mehr etwas, sondern er befindet sich in einem Zustand des permanenten Tuns, selbst dann, wenn er gerade nichts tut.

Goethe, der alte Sprachpraktiker, wusste es besser. „Studierende sitzen im Hörsaal, Studenten in Auerbachs Keller“. Der Unterschied ist fein, aber entscheidend. Der eine ist ein Vorgang, der andere ein Mensch.

Der SJW jedoch liebt das Partizip, weil es neutral klingt. Es hat keine Geschichte, keine Schärfe, keine Kontur. Es ist weich wie ein Kissen, auf dem man alles ablegen kann, ohne sich zu stoßen. Dass dabei die Sprache an Klarheit verliert, ist nebensächlich. Hauptsache, sie vermeidet die verhassten, generischen Geschlechter, insbesondere das maskuline.

Die Grammatik als Gesinnungsfrage

Früher war Grammatik eine Frage der Richtigkeit. Heute ist sie eine Frage der Haltung. Wer wie spricht, zeigt, wie er denkt. Und wer falsch spricht, denkt falsch oder zumindest verdächtig. Das führt zu einer eigentümlichen Entwicklung: Die Sprache wird nicht mehr benutzt, um Gedanken auszudrücken, sondern um Gesinnung zu signalisieren. Man spricht nicht, um verstanden zu werden, sondern um erkannt zu werden – als jemand, der auf der „richtigen Seite“ steht. So entstehen Sätze, die weniger etwas sagen als etwas zeigen. Sie zeigen, dass man weiß, wie man heute gefälligst zu sprechen hat. Zeigen, dass man sensibilisiert ist. Dass man dazugehört. – Glaubt man. Die Verständlichkeit bleibt dabei auf der Strecke wie ein Passant im Straßenverkehr, der nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen ist.

Denn wer soll das alles noch verstehen? Der Ausländer, der unsere Sprache lernt? Der Handwerker, der seine Arbeit macht? Der alte Mann, der sich durch die Zeitung kämpft? Man verlangt von ihnen, dass sie nicht nur die Vokabeln lernen, sondern auch die dahinterstehenden Empfindlichkeiten. Es ist, als müsste man neben der Grammatik noch ein Gefühlshandbuch auswendig lernen. – Und wehe, man schlägt eine falsche Seite auf.

Die Moralismus als Maßstab

Der SJW misst die Sprache nicht an ihrer Klarheit, sondern an ihrer Moral. Ein Wort ist nicht gut, wenn nur es verständlich, eindeutig ist, sondern wenn es niemanden stört, oder auch nur stören könnte.

Das ist ein Unterschied. Denn damit wird die Sprache zu einem Instrument der Vermeidung. Man spricht nicht mehr aus, was ist, sondern umgeht es. Man sucht nach Formulierungen, die so glatt sind, dass sie an niemandem hängen bleiben. Das Ergebnis ist eine Sprache, die zwar nichts mehr verletzt – aber auch nichts mehr trifft. Sie gleitet über die Dinge hinweg wie ein schlecht geworfener Stein über das Wasser. Man hört einen Platscher, aber es bleibt nichts zurück.

Der Mensch verschwindet hinter seiner Beschreibung

Was bei all dem verloren geht, ist der Mensch selbst. Er verschwindet hinter seinen Eigenschaften, seinen Funktionen, seinem Tun, seinen möglichen Empfindlichkeiten. Er ist nicht mehr einfach ein Mann oder eine Frau, ein Student oder ein Arzt. Er ist eine Person mit einem Bündel von Merkmalen, die möglichst korrekt benannt werden müssen, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt. Das klingt nur scheinbar gerecht. In der Praxis ist es idiotisch. Denn je mehr man den Menschen auf diese Weise beschreibt, desto wird man ihn als Individuum erkennen. Er wird zur bloßen Aufzählung. Zu einem Katalog. Zu einem Fall.

Und während man noch darüber nachdenkt, ob man ihn richtig benannt hat, ist er längst weitergegangen und hat das Gespräch schon vergessen.

Die Pointe ohne Pointe

Am Ende steht eine seltsame Erkenntnis. Der SJW hat viel erreicht. Leider viel zu viel. Die Sprache ist in seinem Sinne sauberer geworden, vorsichtiger, neutraler. Sie stößt weniger an, sie verletzt weniger. Aber sie sagt auch kaum noch etwas. Sie hat an Präzision verloren, an Farbe, an Leben. Sie ist zu einer Art Behördendeutsch geworden, das sich bemüht, alles richtig zu machen – und dabei vergisst, überhaupt etwas zu sagen.

Und so sitzt der SJW in seiner aufgeräumten Welt, umgeben von korrekt benannten Dingen, und wundert sich, warum es so still geworden ist. Denn die Sprache, die niemanden mehr stört, inspiriert irgendwann auch niemanden mehr zum Denken. Und das ist, bei aller wohlgemeinten, aber übergriffigen Fürsorge, vielleicht das größte Problem.

Der Pranger im Digitalformat

Früher stellte man Menschen am Marktplatz an den Pranger, wenn man sie zur Schau stellen wollte. Heute genügt ein Bildschirm. Der SJW hat den Pranger modernisiert. Er ist jetzt mobil, jederzeit verfügbar und arbeitet ohne Öffnungszeiten. Ein falsches Wort, ein alter Begriff, ein unbedachter Satz – und schon beginnt das Verfahren. Nicht vor Gericht, sondern vor der Öffentlichkeit, die sich in Kommentaren äußert wie ein Chor, der seine Einsätze nicht ganz beherrscht, aber dafür umso lauter singt.

Der Ablauf ist stets ähnlich. Zunächst wird das Vergehen festgestellt. Es genügt, dass jemand nur erklärt, dass es eines sei. Dann folgt die Einordnung: problematisch, kritisch, nicht mehr zeitgemäß. Schließlich die Forderung: ändern, entschuldigen, zurückziehen.

Wer zögert, gilt als uneinsichtig. Wer widerspricht, als verdächtig. Und wer erklärt, er habe es anders gemeint, der hat bereits verloren, denn das Gemeinte ist nicht mehr entscheidend. Es ist eine eigenartige Form von Scheingerechtigkeit, die hier betrieben wird. Sie kennt keine Untersuchung, keine Abwägung, keine Verhältnismäßigkeit. Sie kennt nur die eigene Gewissheit. Der SJW ist dabei zugleich Ankläger, Richter und Vollstrecker. Ein Dreipersonenstück in einer Person. Und das Publikum der eigenen Blase? Es applaudiert, solange es selbst noch nicht am Pranger steht.

Die Angst vor dem falschen Wort

Diese Agitation hat Folgen. Sie erzeugt eine Atmosphäre, in der das Sprechen zum Minenfeld wird. Man überlegt zweimal, dreimal, ob man ein Wort noch verwenden darf. Man tastet sich vor wie jemand, der einen dunklen Raum betritt und nicht weiß, wo die Möbel stehen. Das Gespräch wird stiller. Nicht, weil es nichts mehr zu sagen gäbe, sondern weil man nicht mehr sicher ist, ob, wie und in welchem Kontext man es sagen darf. Manche verstummen dann ganz.

Das ist der eigentliche Triumph des SJW. Nicht die geänderten Schilder, nicht die neuen Begriffe, sondern die Verunsicherung und das Verstummen der Andersdenker. Sie wirkt tiefer als jedes Diktat, weil sie im Kopf sitzt.

Man beginnt, sich selbst zu zensieren. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst. Und Angst ist ein schlechter Ratgeber für klare Gedanken. Denn wer ständig darauf achtet, nichts Falsches zu sagen, sagt am Ende oft gar nichts mehr.

Der gute Wille und sein Schatten

Man sollte dem SJW zugutehalten, dass er es gut meint. Er will niemanden verletzen, niemanden ausschließen, niemanden übersehen. Das ist zunächst einmal ehrenwert. Es ist sogar notwendig in einer Gesellschaft, die nicht gleichgültig sein will. Doch der bloße gute Wille hat einen Schatten. Er wird problematisch, wenn er sich absolut setzt. Wenn er keinen Widerspruch mehr duldet. Wenn er nicht mehr fragt, sondern nur noch feststellt. Dann wird aus Fürsorge Bevormundung. Aus Sensibilität Wehleidigkeit. Und aus Engagement zerstörerischer Eifer. Der SJW bewegt sich genau an dieser Grenze, und meist darüber hinaus.

Er will die Welt verbessern, indem er die Sprache zerstört. Doch er übersieht, dass die Sprache nicht nur ein Werkzeug ist, sondern auch ein gewachsenes Gefüge. Man kann es verändern, gewiss. Aber man sollte wissen, was man tut. Und die Mehrheit der Sprachnutzer allein ist es, die Sprache weiterentwickeln darf. Einer übergeschnappten, verschwindenden Minderheit von meist auch noch sprachlich mindergebildeten Ideologen aus dem akademisch-urbanen Umfeld steht dies jedenfalls nicht zu,

Die Ironie der Geschichte

Es hat eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet jene, die sich für Vielfalt, Diversität, Buntheit einsetzen, eine Sprache erzwingen wollen, die immer einheitlicher werden soll. Unterschiede werden geglättet, Nuancen entfernt, alles soll auf eine gemeinsame Linie gebracht werden, die möglichst niemanden stört. Das Ergebnis ist Uniformität, die man früher heftig bekämpft hätte. Man spricht gleich, denkt ähnlich, reagiert vorhersehbar. Die Abweichung gilt als Problem, das behandelt wird wie ein Verbrechen, nicht als Bereicherung.

Dabei lebt die Sprache gerade von ihren Unterschieden, ihren Ecken, ihren Eigenheiten. Sie ist kein System, das man beliebig normieren kann, ohne etwas zu verlieren. Und was man verliert, merkt man bekanntlich erst, wenn es fehlt.

Der Wirt als Gegenbild

Erinnern wir uns an den Wirt in Kiel. An diesen Mann, der sich nicht hat erklären lassen, wer er ist. Der nicht dankbar war für eine Fürsorge, sondern verärgert über die Anmaßung eines weißen Paares. Der unbeirrt gesprochen hat, wo andere vielleicht schon geschwiegen hätten. Er steht gewissermaßen quer zu dieser Entwicklung in sprachpolizeilicher Umgebung. Nicht aus Trotz, sondern aus Selbstverständlichkeit. Er weiß, wer er ist, und er weiß, was seine Worte bedeuten. Er braucht keinen Übersetzer für seine eigene Identität, seine Ethnie, schon gar nicht von anderen Ethnien.

Das ist vielleicht das Unbequemste für den SJW: dass es Menschen gibt, die sich nicht einordnen lassen, die nicht in die vorgesehenen Kategorien passen, die ihre eigenen Maßstäbe haben. Sie stören das System, weil sie nicht danach fragen.

Bedenke das Ende

Am Ende bleibt die Frage, was von all dem bleibt. Die Schilder werden ausgetauscht, die Begriffe ersetzt, die Sätze angepasst.  Doch die Art, wie das geschieht, ist neu. Sie ist weniger organisch, weniger gewachsen, nur verordnet. Sie folgt nicht dem Gebrauch, der Sprachgewohnheit, sondern einer anmaßenden Vorgabe. Das kann zeitweise funktionieren.

Aber Sprache lässt sich nicht dauerhaft vorschreiben. Sie entzieht sich, sie wandert, sie kehrt zurück. Sie gehört denen, die sie sprechen, nicht denen, die sie regulieren wollen. 

Und vielleicht wird eines Tages jemand vor einem neuen Schild stehen, den Kopf schütteln und sagen: „Das geht so nicht weiter.“ Denn in der Geschichte schlägt das Pendel immer erbarmungslos zurück, wie man in den USA unter Donald Trump aktuell in Echtzeit beobachten kann. Gut möglich, dass sich schon morgen die SJWs von heute selbst ganz neuen Warriern ausgesetzt sehen und fortan ein Dauer-Abo am Pranger genießen dürfen.

Dann beginnt alles wieder von vorn.


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