Ein Text aus dem Jahr 1951 – und doch liest er sich, als wäre er für die Gegenwart geschrieben. In aufgeheizten Zeiten, in denen Überzeugungen lauter sind als Begründungen, erinnert Bertrand Russell an etwas Unbequemes: dass Zweifel kein Mangel, sondern eine Tugend ist.
Was wie eine schlichte Liste von Lebensregeln daherkommt, erweist sich bei näherem Hinsehen als scharfer Gegenentwurf zu Fanatismus und ideologischer Verhärtung. Hinter den „Zehn Geboten eines Liberalen“ steht nicht akademische Theorie, sondern die Erfahrung eines Jahrhunderts, das erlebt hat, wie schnell Gewissheit in Intoleranz und Macht in Unterdrückung umschlägt.
Am 16. Dezember 1951 erschien in der New York Times ein Zeitungsessay mit dem Titel „The Best Answer to Fanaticism: Liberalism“, von dem britischen Philosophen und Mathematiker Bertrand Russell (1872-1970). Der Artikel endete in einer Zuspitzung mit einem „Liberal Decalogue“, mit den Zehn Geboten des Bertrand Russell also.
Ein Text aus einer anderen Zeit –
wie für heute geschrieben
Wenn ich mich heute mit Russels Erkenntnissen befasse, dann deshalb, weil wir inzwischen wieder in aufgeheizten Zeiten befinden, in welchen Weltsichten und Ideologien unversöhnlich aufeinanderprallen. Diese offensichtliche, zunehmende Unfähigkeit in Politik und Gesellschaft zu pragmatischen Kompromissen zu gelangen, hat die westlichen Demokratien in gespaltene Gesellschaften verwandelt, in welcher man in jedem, der nicht die eigene Meinung teilt, einen Feind erkennt und ihn erbittert bekämpft. Man spricht gar von „Brandmauern“ und „Unvereinbarkeitsbeschlüssen“ gegen die, die anders denken und übersieht dabei den Willen des Souveräns, dem Volk, von dem in einer Demokratie doch alle Macht ausgehen soll. Die Folge: Regierungsbildungen werden in einer Verhältniswahl-Demokratie zunehmend schwieriger, vielleicht bald unmöglich. Und dann? So lange immer wieder Neuwahlen ansetzen, bis die Wähler „begriffen haben“ anders zu wählen?
Kein Parteiprogramm aber Haltung
Bei Russells Text handelt es sich nicht etwa um die Formulierung eines Parteiprogramms für eine liberale Partei. sondern einer geistigen Haltung. Russell sagt in diesem Essay ausdrücklich, Liberalismus sei nicht so sehr ein Glaubensbekenntnis als vielmehr eine Disposition; er richte sich gerade gegen starre Glaubenssysteme. Der liberale Mensch ist für Russell derjenige, der Irrtum für möglich hält, Widerspruch zulässt, Belege nicht unterdrückt und Autorität nicht mit Wahrheit verwechselt. Das ist der Schlüssel zum ganzen Text. Wer die zehn Sätze nur als hübsche Lebensregeln liest, verfehlt ihren Ernst. Sie sind Russells Gegenentwurf zu Fanatismus, Gesinnungszwang und ideologischer Verhärtung.
Um zu verstehen, warum Russell das 1951 so formulierte, muss man drei Hintergründe zusammen sehen: den großen historischen Hintergrund, den politischen Zeitdruck der frühen fünfziger Jahre und seine eigene Lebenserfahrung.
Der große historische Hintergrund ist für Russell die europäische Erfahrung mit den Religionskriegen und Bürgerkriegen der frühen Neuzeit. In seinem Essay führt er den Liberalismus ausdrücklich auf die Reaktion gegen die fruchtlosen Konfessionskriege des 17. Jahrhunderts zurück. Sein Gewährsmann ist dabei vor allem John Locke. Russell hebt an Locke nicht irgendeine ökonomische oder parteipolitische Lehre hervor, sondern die Einsicht in die Fehlbarkeit menschlicher Urteile: Man muss lernen, mit dem Nachbarn in Frieden zu leben, obwohl man in wichtigen Fragen nicht übereinstimmt. Für Russell ist das die eigentliche liberale Entdeckung: Nicht dass alle einer Meinung werden, sondern dass Wahrheitssuche nur dort möglich bleibt, wo Zweifel erlaubt ist.
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Frieden trotz Dissens
Der zweite Hintergrund ist die unmittelbare Lage von 1951. Russell schreibt nach Faschismus und Weltkrieg, aber mitten im beginnenden Kalten Krieg. In dem Essay sagt er, die Welt sei damals in zwei Hälften geteilt, die einander nicht verstehen und nur noch feindliche Beziehungen für möglich halten. Er spricht von einer allgemeinen „decay of liberalism“, also einem Verfall liberaler Gesinnung, selbst in Demokratien. Gemeint ist: Nicht nur totalitäre Systeme unterdrücken Denken, sondern auch freie Gesellschaften geraten in Versuchung, Debatte durch Bekenntniszwang zu ersetzen. Russell nennt dabei ausdrücklich die ideologische Verhärtung östlich und westlich der Elbe und kritisiert auch Amerika dafür, im Bereich der Ideen keine wirkliche geistige Freiheit zuzulassen. Seine zehn Gebote sind also eine Reaktion auf eine Welt, die sich in Lager teilt und in der Abweichung immer schneller als Verrat gilt.
Welt im Lagerdenken
Der dritte Hintergrund ist Russell selbst. Er war nicht nur Philosoph, sondern ein Mann, der die politischen Leidenschaften des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfahren hatte. Er trat schon früh für Internationalismus und Frauenstimmrecht ein, stellte sich im Ersten Weltkrieg gegen den Krieg, verlor deswegen seine Stellung in Cambridge und saß 1918 im Gefängnis. Diese Erfahrung, dass Staaten und Mehrheiten abweichende Meinung als Gefahr behandeln, ist für sein späteres Denken zentral. Wer Russells Biographie kennt, erkennt sofort: Das vierte, fünfte und sechste „Gebot“ richten sich gegen genau jene Mischung aus moralischer Selbstgewissheit und Machtgebrauch, die er selbst erlebt hatte.
Erfahrung statt Theorie
Hinzu kam seine Ernüchterung über revolutionäre Heilslehren. Russell reiste 1920 nach Russland, anfangs durchaus offen für den Bolschewismus, kam aber abgestoßen von Brutalität, Freiheitsmangel und der Ähnlichkeit des Systems mit einer fanatischen Religion zurück. Später blieb er einer der wenigen westlichen Intellektuellen, die sich weder vom Bolschewismus noch vom Faschismus blenden ließen. Genau daraus erklärt sich, warum sein Liberalismus kein weichgespültes „Alles ist gleich gültig“ ist. Er ist ein bewusster Widerstand gegen politische Religionen jeder Art. Russell hatte gesehen, was geschieht, wenn Weltanschauungen sich für unfehlbar erklären.
Man darf außerdem Russells Rolle als Lehrer und Erzieher nicht unterschätzen. In seinen zehn Geboten sagt er ausdrücklich, dies seien die Gebote, die er „als Lehrer“ verkünden möchte. Das ist kein Zufall. Schon lange vorher hatte er in Texten über Erziehung, freie Gedankenbildung und Propaganda immer wieder denselben Gedanken vertreten: Die Aufgabe von Bildung ist nicht, bereits feststehende Wahrheiten in Köpfe zu pressen, sondern Menschen dazu zu befähigen, Gründe zu prüfen, Irrtum auszuhalten und ohne Denkverbote zu urteilen. In dem Essay von 1951 formuliert er das besonders scharf: Der Gegner des Liberalismus meine, die Wahrheit sei schon bekannt, Denken solle dann nicht Wahrheit suchen, sondern den Glauben an fertige Wahrheiten festigen. Das ist für Russell der Punkt, an dem Bildung in Indoktrination umschlägt.
Vier Kerne des liberalen Denkens
Damit kann man die zehn Gebote inhaltlich besser ordnen. Sie sind nämlich keine zufällige Liste, sondern fallen in vier große Gruppen.
Die erste Gruppe betrifft Erkenntnis und Wahrheit. Wenn Russell sagt, man solle von nichts absolut sicher sein, keine Beweise unterschlagen und peinlich wahrhaftig sein, dann steckt dahinter sein philosophischer Grundsatz des Fallibilismus: Menschen können sich irren, oft gerade dort, wo sie sich am sichersten fühlen. Das ist keine Schwäche, sondern die Bedingung von Erkenntnis. Wer absolute Gewißheit beansprucht, hat gewöhnlich aufgehört zu prüfen. Russell, der sein ganzes philosophisches Leben mit Logik, Begründung und Analyse verbrachte, übersetzt hier seine Erkenntnistheorie in bürgerliche Lebensregeln.
Die zweite Gruppe betrifft Streit und Öffentlichkeit. Opposition soll durch Argumente beantwortet werden, nicht durch Autorität; fremde Autorität soll nicht blind respektiert werden; gefährliche Meinungen sollen nicht durch Macht unterdrückt werden. Das ist der politische Kern. Russell wusste aus Geschichte und eigener Erfahrung, dass Zensur, ideologischer Druck und Gesinnungspolizei immer mit dem Anspruch beginnen, nur das Schädliche fernhalten zu wollen. Seine Warnung lautet: Wer Meinungen unterdrückt, schafft am Ende ein Klima, in dem Unterdrückung selbst zur Norm wird. Freiheit der Diskussion ist für ihn nicht bloß ein dekoratives Recht, sondern das wichtigste Schutzmittel gegen Irrtum, Machtmißbrauch und spätere Gewalt.
Die dritte Gruppe betrifft Mut zur Abweichung. Russell fordert, man solle unkonventionelle Ansichten nicht fürchten und in klugem Widerspruch mehr Freude finden als in passiver Zustimmung. Das ist sehr typisch für ihn. Russell war sein Leben lang jemand, der gegen den Strom dachte: gegen den Krieg 1914, gegen religiöse Orthodoxie, gegen sexuelle Doppelmoral, gegen kommunistische und faschistische Dogmen, später gegen nukleare Abschreckungslogik. Der Satz über die „eccentric opinion“ ist also keine hübsche Sentenz, sondern in gewisser Weise sein Selbstporträt. Für Russell begann geistige Freiheit genau dort, wo der Mensch nicht mehr zuerst fragt, ob seine Ansicht gesellschaftlich bequem ist.
Die vierte Gruppe betrifft Illusion und Selbsttäuschung. Das letzte Gebot, man solle die vermeintliche Zufriedenheit der Menschen im „Narrenglück“ nicht beneiden, wirkt zunächst fast nebensächlich. In Wahrheit schließt es den ganzen Kreis. Russell meint: Unwissenheit, dogmatische Geborgenheit und geistige Bequemlichkeit mögen von außen wie Glück aussehen, sind aber kein wirklich menschliches Glück. Wer Wahrheit nur meidet, um Ruhe zu haben, kauft den inneren Frieden zu teuer. Das passt zu seinem berühmten Lebensmotiv, dass die Suche nach Erkenntnis und das Mitleid mit menschlichem Leid seine stärksten Triebkräfte gewesen seien. Für Russell ist ein Leben mit offenen Augen, auch wenn es unbequemer ist, dem bequemen Irrtum überlegen.
Gegen die bequeme Selbsttäuschung
Was hat ihn also im Innersten dazu bewegt? Ich würde es in einem Satz so zusammenfassen: Russell hatte erlebt, wie aus Gewissheit Grausamkeit wird. Die Formel ist hart, aber sie trifft. Er hatte gesehen, wie Nationalismus im Krieg, Ideologie in Diktatur, moralische Selbstgewissheit in Zensur und Erziehungsanspruch in Propaganda umschlagen. Deshalb verteidigt er nicht einfach Toleranz im höflichen Sinn, sondern den Zweifel als zivilisatorische Notwendigkeit. Sein Liberalismus ist nicht lauwarm, sondern kämpferisch. Er will Freiheit des Denkens nicht deshalb, weil alles gleich wahr wäre, sondern weil Menschen ohne freie Prüfung fast sicher beim Falschen landen.
Was nicht gemeint ist
Wichtig ist auch, was Russell nicht meint. Er meint mit „liberal“ nicht primär das, was heute parteipolitisch unter liberal, links-liberal oder wirtschaftsliberal verstanden wird. Sein Liberalismus ist älter und tiefer: eine Haltung der Nüchternheit, der Selbstbegrenzung, des zivilen Streits und der Abwehr von Glaubenskriegen im weltanschaulichen Sinn. Darum passt der Text bis heute erstaunlich gut auf ideologisch aufgeheizte Zeiten. Er ist weniger ein Programm für Regierungen als ein Charakterbild des anständigen, urteilsfähigen Bürgers.
Mein Gesamturteil lautet daher: Russells „Zehn Gebote eines Liberalen“ sind die knappe Summe eines langen Lebens im Streit mit Fanatikern aller Lager. Sie sind aus Philosophie entstanden, aber unter dem Druck von Krieg, Gefängnis, Propaganda, Totalitarismus und Kaltem Krieg geschärft worden. Gerade deshalb wirken sie so klar. Russell schreibt hier nicht aus Seminarruhe, sondern aus historischer Erfahrung.
Diese Vorworte schienen mit wichtig, um Russells Zehn Gebote richtig einordnen zu können. Nun will ich Sie als Leser nicht länger auf die Folter spannen. Hier sind sie, die
Zehn Geboten eines Liberalen
- Fühle dich keiner Sache völlig gewiss!
- Trachte nicht danach, Fakten zu verheimlichen, denn eines Tages kommen die Fakten bestimmt ans Licht!
- Versuche niemals jemanden am selbständigen Denken zu hindern; es könnte dir gelingen!
- Wenn dir jemand widerspricht, und sei es dein Ehepartner oder dein Kind, bemühe dich, ihm mit Argumenten zu begegnen und nicht mit der Autorität, denn ein Sieg der Autorität ist unrealistisch und illusionär!
- Habe keinen Respekt vor der Autorität anderer, denn es gibt in jedem Fall auch Autoritäten, die gegenteiliger Ansicht sind!
- Unterdrücke nie mit Gewalt Überzeugungen, die du für verderblich hältst, sonst unterdrücken diese Überzeugungen dich!
- Fürchte dich nicht davor, exzentrische Meinungen zu vertreten; jede heutige Meinung war einmal exzentrisch!
- Freue dich mehr über intelligenten Widerspruch als über passive Zustimmung; denn wenn die Intelligenz so viel wert ist, wie sie dir wert sein sollte, dann liegt im Widerspruche eine tiefere Zustimmung!
- Halte dich an die Wahrheit auch dann, wenn sie nicht ins Konzept passt! Denn es passt noch viel weniger ins Konzept, wenn du versuchst, sie zu verbergen!
- Neide nicht denjenigen das Glück, die in einem Narrenparadiese leben; denn nur ein Narr kann das für ein Glück halten!









