Soziologie

Satire: Die Wissenschaft vom Wurm, der sich selbst seziert
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Autor: Kurt O. Wörl

Die Soziologie ist eine „Wissenschaft“ – sagt sie.
Sagt sie sehr oft.
Sagt sie so oft, dass man sich fragt:
Wenn sie wirklich eine wäre,
warum sagt sie es dann so oft?

Sie will die „Wissenschaft vom Menschen“ sein.
Vom Menschen in Gruppen.
Oder genauer: Vom Menschen, der, sobald er zu viel Streaming-Angebote nutzt, nicht mehr weiß, ob er Mann, Frau oder Doktorarbeit ist, und dann beschließt, seine Verwirrung in ein Forschungsprojekt umzuwandeln. – Mit Förderung.

Die Soziologie sagt nicht „Der Mensch lebt.“ – Sie sagt:

„Das Subjekt operiert innerhalb
hegemonialer Strukturparameter,
die normative Handlungsmuster im
Kontext diskursiver Selbstverortung rahmen.“

Aha!

Wenn Sie das nicht verstehen: Gut. – Dann haben Sie noch Hirn.
Der Soziologe ist kein Forscher.
Er ist ein Beobachter.
Er beobachtet alles – besonders sich selbst beim Beobachten.

Man könnte ihn in einen leeren Raum setzen
und er würde trotzdem ein soziologisches Gutachten schreiben.
Über das Schweigen.
Über das Weiß der Wand.
Über das strukturelle Nicht-Anwesendsein Anderer.

Er ist der einzige Mensch, der eine Fliege an der Wand nicht für ein bloßes, lästige Insekt, sondern für ein Reproduktionsmuster hält.

Was macht der Soziologe beruflich?
Er denkt.
Er schreibt.
Er problematisiert – ohne Problemlösungen zu finden.
Er hält Vorträge mit Titeln wie:

„Widerständige Subjektivierung als semantische
Reklamationspraxis im kapitalistischen Raum-Zeit-Regime.“

Er sagt nie: „So ist es.“
Er sagt: „So könnte es gelesen werden.“

Lesen ist für den Soziologen wichtig.
Tun –? Weniger!

Er glaubt an Strukturen.
Er glaubt an Macht.
Er glaubt an Sprache.
Und er glaubt an sich -; vor allem an sich.

 


Plauderei zum Thema

Podcast: Soziologie


 

An die Realität glaubt er nicht.
Die ist zu direkt.
Viel zu konkret.
Zu unkompliziert.

Er meidet alles, was klar ist.
Denn Klarheit ist Gewalt.
Verständlichkeit ist Unterdrückung.
Ein einfacher Satz ist eine politische Zumutung.

Sein natürlicher Lebensraum ist das Seminar.
Im Seminar wird viel geredet.
Wenig zu Ende gedacht.
Nichts gemacht.
Man diskutiert die Diskussionsgrundlage.
Dann dekonstruiert man diese Grundlage.
Dann dekonstruiert man die Dekonstruktion.

Nach zwei Stunden ist alles aufgelöst – außer das Problem, das besteht fort.

Fragen Sie ihn, was zu tun ist:
Er weiß es nicht.
Er darf es auch nicht wissen.
Sonst wäre er ja Praktiker –, und das wäre unter seiner Würde.

Ein Soziologe mit Lösungsvorschlag wäre wie ein Pinguin mit Tennisschläger:
Falsch ausgestattet – und auf dünnem Eis wandelnd.

Warum gibt es die Soziologie?

Weil sie sich selbst erfunden hat.
Sie wurde nicht gebraucht.
Sie wird nicht gebraucht und wird nie gebraucht werden.
Sie hat sich selbst eingebracht – ungebeten, übergriffig.
Mit Formulierungen.
Mit Fußnoten.
Mit Förderanträgen.

Heute lebt sie noch, und zwar gut.
Weil keiner mehr fragt, ob sie überhaupt zu etwas nütze ist. –
Ist sie aber nicht!

Was wäre, wenn sie verschwände?
Wahrscheinlich nichts.
Vielleicht gäbe es wieder mehr Platz in den Hörsälen,
mehr Klarheit in der Sprache,
weniger Konjunktive,
weniger Spaltung in der Gesellschaft.
Der Mensch würde einfach weiterleben.
Sogar sozial, – und das ganz ohne Theorierahmen.

Aber man muss sie trotzdem lassen:
Soziologie ist durchaus unterhaltsam.
Wie ein Clown mit Doktortitel.
Wie ein Jongleur mit sieben Händen.
Wie ein Illusionist, der ständig ruft:

„Das ist nicht die Realität – das ist nur deine Konstruktion!“

Zutreffender wäre die Bezeichnung „Komiker“.
Wirft man ihm dann ein Ei ins Gesicht –
schreibt er eine Studie über

„Narrative Gewaltakte in performativen In­ter­ak­tions­räu­men“.

Kurz gesagt: Soziologie ist die „Wissenschaft“ vom Wurm,
der sich selbst seziert – und den anderen vorwirft, dass sie dabei zusehen –
diese Gaffer!


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