Wir sehen nicht die ganze Welt

Eine ironische Reise durch die Grenzen unserer Wahrnehmung
Lesedauer: ca. 11 Minuten

Wir sehen nicht die ganze Welt

Autor: Kurt O. Wörl

Ein Spaziergang durch die Welt des Sehens führt von scheinbar selbstverständlichen Farben zur trügerischen Ehrlichkeit der Kamera. Er führt weiter zu Bienen, die auf Blüten Muster erkennen, die für uns gar nicht existieren. Und er endet bei einer leisen, aber unbequemen Frage: Teilen wir tatsächlich dieselbe Welt oder haben wir nur gelernt, dieselben Wörter für sehr private Eindrücke zu benutzen?

Dabei zeigt sich, wie wenig von der Wirklichkeit in unseren Augen ankommt und wie viel erst im Kopf entsteht und warum unsere vertraute Welt vielleicht weniger wahr ist, als sie sich anfühlt, dafür aber genau so eingerichtet, dass wir uns in ihr orientieren, verständigen und leben können.

Freundliche Selbsttäuschung

Es gehört zu den freundlichsten Selbsttäuschungen des Menschen, zu glauben, er sehe die Welt, wie sie ist. Nicht verzerrt, nicht gefiltert, nicht interpretiert. Einfach so, wie sie draußen existiert. Man muss nur die Augen öffnen, und schon liegt die Wirklichkeit vor einem, geschniegelt und ordentlich, in Farben sortiert. So fühlt es sich jedenfalls an.

Tatsächlich aber sehen wir nicht die Welt. Wir sehen eine sehr schmale, sehr spezielle und sehr gut funktionierende Übersetzung.

Die Verwirrung beginnt schon beim Wort „Farbe“. Wir benutzen es, als wäre es eine Eigenschaft von Dingen. Der Apfel ist rot, das Meer ist blau, der Himmel sowieso. In Wahrheit ist an keinem dieser Objekte auch nur ein einziges Gramm Farbe vorhanden. Was dort existiert, ist elektromagnetische Strahlung in bestimmten Wellenlängen, reflektiert, absorbiert, gestreut. Das ist Wirklichkeit. Farbe entsteht erst, wenn diese Strahlung auf ein biologisches System trifft, das zufällig so gebaut ist wie unseres.

Außerdem messen unsere Augen keine Farben. Sie reagieren auf Licht. Drei verschiedene Rezeptortypen liefern drei unterschiedliche Signale. Mehr nicht. Erst das Gehirn rechnet daraus etwas, das wir dann mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit „rot“, „grün“ oder „blau“ – oder auch schon mal „champagnerfarben“ nennen. Farbe ist also kein Reiz, sondern ein Rechenergebnis. Ein Nebenprodukt neuronaler Buchhaltung.

Man kann es höflich formulieren und sagen, Farbe sei eine Konstruktion. Man kann es auch direkter sagen: Farbe ist eine nützliche Täuschung.

Nützlich deshalb, weil sie sich evolutionär bewährt hat. Blut hebt sich vom Untergrund ab. Reife Früchte von unreifen. Gesichter von Gesichtern. Für das Überleben war das ausreichend. Niemand in der Evolutionsgeschichte musste wissen, wie die Welt „an sich“ aussieht. Es reichte völlig, sich in ihr zu orientieren.

Wirklichkeit und Realität –
ein kleiner Unterschied mit großer Wirkung

Es hilft eine kleine, aber entscheidende Unterscheidung. Die Wirklichkeit ist das, was physikalisch wirklich wirkt. Strahlung, Materie, Energie, Wechselwirkungen. Die Realität ist das, was erlebt wird. Farbe, Helligkeit, Gestalt, Tiefe. Die Wirklichkeit existiert unabhängig von uns. Die Realität nicht.

Das klingt zunächst nach Wortklauberei. In Wahrheit entscheidet diese Trennung darüber, ob man das ganze Problem überhaupt klar erfassen kann. Farben gehören nicht zur Wirklichkeit. Sie gehören zur Realität.

Das erklärt auch, warum ein besonders hartnäckiges Rätsel bis heute ungelöst ist. Wir wissen schlicht nicht, wie andere Menschen Farben erleben. Wir wissen nur, dass sie sich im Alltag so verhalten, als würden sie dasselbe sehen wie wir. Sie greifen nach derselben Ampel, wählen dieselbe Farbe aus der Palette, zeigen auf denselben Himmel und sagen brav „blau“. Was wir dabei niemals vergleichen können, ist das innere Erleben.

Vielleicht ist Ihr Blau mein Gelb. Vielleicht ist mein Grün Ihr Rot. Solange wir dieselben Dinge richtig benennen, bleibt diese Möglichkeit vollkommen unsichtbar. Sprache synchronisiert Verhalten. Sie synchronisiert keine Empfindungen. Das Wort „blau“ sorgt dafür, dass wir uns auf denselben Ausschnitt der Wirklichkeit beziehen. Es verrät nichts darüber, was dabei im Kopf geschieht. Gemeinsame Farbwörter beweisen keine gemeinsame Farberfahrung

Damit ist die Unsicherheit nicht nur praktisch, sondern grundsätzlich. Es gibt keinen Trick, keinen Test, kein Messgerät, mit dem sich das beheben ließe. Die Realität ist privat. Die Wirklichkeit ist es nicht.

Wenn Sprachen den Farbraum zerschneiden

Nun könnte man einwenden, das seien philosophische Spitzfindigkeiten. Schließlich sei doch wenigstens kulturell klar geregelt, was als welche Farbe gilt. Auch das ist nur teilweise richtig. Verschiedene Kulturen schneiden den kontinuierlichen Farbraum unterschiedlich in benennbare Bereiche. Manche Sprachen kennen kein eigenes Wort für Blau. In anderen fallen Blau und Grün in eine gemeinsame Kategorie. Wieder anderswo werden feine Unterschiede gemacht, die uns kaum auffallen.

Die Menschen dort haben keine anderen Augen. Sie leben nicht in einer anderen physikalischen Umwelt. Die Wirklichkeit ist identisch. Aber die Realität wird anders gegliedert. Sprache wirkt hier nicht wie ein Schleier vor den Augen. Sie wirkt wie ein Ordnungssystem für Aufmerksamkeit. Sie legt fest, welche Unterschiede als bedeutsam gelten.

Das Erstaunliche ist, dass diese Ordnung nicht nur beschreibt, sondern zurückwirkt. Wer in einer Sprache lebt, in der bestimmte Farbbereiche sprachlich fein aufgeteilt sind, lernt auch, genau dort genauer hinzusehen. Nicht, weil andere Sinneszellen vorhanden wären, sondern weil sich Wahrnehmungsgewohnheiten formen. Die Augen bleiben dieselben. Die Realität verschiebt sich.

Bis hierhin geht es nur um Einteilung. Um Begriffe. Um Grenzziehungen in einem ansonsten kontinuierlichen Farbraum.

Wenn sich nicht nur Begriffe, sondern auch Augen unterscheiden

Nun kommt der Punkt, an dem sich nicht nur die Kategorien, sondern die sensorischen Grundlagen selbst unterscheiden.

Es gibt Menschen, welchen bestimmte Zapfentypen fehlen oder deren Empfindlichkeit verschoben ist. Wir sprechen von Farbblindheit. Für sie existieren manche Farbdifferenzen nicht. Nicht als Wort. Nicht als Erlebnis. Hier ändert sich nicht nur die Realität. Hier ändert sich bereits der Zugang zur Wirklichkeit.

Damit fällt eine weitere stille Annahme. Sehen bedeutet nicht zwingend, Farbe zu sehen. Sehen kann auch heißen, Helligkeiten, Kontraste, Kanten und Bewegung zu erfassen. Farbe ist eine mögliche Zusatzdimension, keine Voraussetzung.

Spätestens jetzt wird deutlich, wie naiv der Gedanke ist, Wahrnehmung sei ein möglichst unverzerrtes Abbild der Welt. Sie ist vielmehr eine biologische Lösung für ein sehr praktisches Problem. Und wie jede Lösung ist sie auf bestimmte Bedingungen zugeschnitten.

Die Welt der Biene und unsere eigene

Das lässt sich besonders eindrucksvoll an anderen Lebewesen beobachten. Bienen etwa nehmen ultraviolettes Licht wahr. Viele Blüten tragen in diesem Spektralbereich Muster, die für uns vollständig unsichtbar sind. Für die Biene sind es klare Markierungen, Wegweiser zum Nektar, visuelle Hinweise in einer Welt, die wir nicht einmal erahnen.

Die Blume ist dieselbe. Die Wirklichkeit der Strahlung ist dieselbe. Aber die Realität der Blume ist eine andere.

Wir sehen Farbe. Die Biene sieht zusätzlich Signale, die in unserer Realität gar nicht vorkommen. Für sie existiert eine visuelle Welt, die für uns schlicht nicht vorhanden ist. – Nicht verborgen. Nicht geheim. Nur für unsere Augen unzugänglich.

Man könnte das als Kränkung verstehen. Tatsächlich ist es eher eine nüchterne Feststellung. Unsere Realität ist nicht zu klein. Sie ist nur passend und beährt für unser Überleben.

Wenn Fotografen nervös werden

An dieser Stelle geraten Fotografen gern in eine kleine, aber hartnäckige Krise. Denn kaum etwas ist so fest in der Alltagssprache verankert wie die Behauptung, eine Kamera zeige die Realität. In Wahrheit zeigt sie eine sehr sorgfältig nachgebaute Version unserer menschlichen Realität.

Der Bildsensor misst Lichtintensitäten. Mehr nicht. Farben entstehen erst durch Filter, durch Rekonstruktion, durch mathematische Verfahren und vor allem durch eine bewusste Beschränkung. Moderne Kameras besitzen einen Infrarotsperrfilter, weil sie sonst etwas sehen würden, was wir nicht sehen. Entfernt man diesen Filter, kippt das vertraute Bild sofort. Vegetation wird auffällig hell, der Himmel wird dunkel, Haut wirkt fremd. Die Kamera beginnt nicht zu lügen. Sie hört lediglich auf, unsere eigene Wahrnehmung zu imitieren. Sie zeigt dann einen anderen Ausschnitt der Wirklichkeit und erzeugt daraus zwangsläufig eine andere Realität als die unsere.

Der blaue Planet könnte ein Irrtum sein

Der berühmte blaue Planet ist ein besonders hübsches Opfer dieses Missverständnisses. Die Erde ist nicht blau. Sie erscheint uns so. Unter unseren Sehbedingungen, mit unseren Augen, in unserer Atmosphäre. Das Wort ist poetisch. Aber es beschreibt kein Merkmal der Erde, sondern ein Merkmal unseres Sehens.

Man darf sich also ruhig vorstellen, dass eines Tages Aliens auftauchen, die auf unseren Planeten blicken und keinerlei Blau entdecken. Vielleicht sehen sie etwas, das für sie grellrot ist. Vielleicht sehen sie Muster, die uns vollständig entgehen. Vielleicht ist unser Ozean für sie nur eine dunkle, strukturlose Fläche. Nicht, weil die Erde sich geändert hätte, sondern weil das Wahrnehmungssystem der Besucher ein völlig anderes ist.

Ein schmales Fenster auf eine sehr große Wirklichkeit

Die eigentliche Provokation liegt nicht darin, dass andere Lebewesen anders sehen könnten. Die Provokation liegt darin, dass wir selbst nicht wissen, wie anders Sehen überhaupt aussehen könnte. Denn wir haben nur dieses eine kleine Fenster. Ein schmales Band im elektromagnetischen Spektrum. Alles, was darüber hinausgeht, können wir nur messen und anschließend wieder in unsere eigene visuelle Sprache übersetzen.

Was dort draußen an Wirklichkeit existiert, jenseits unseres Farbraums, jenseits unserer Helligkeiten, jenseits unserer Kontraste, entzieht sich jeder Vorstellung. Wir können es berechnen. Wir können es registrieren. Wir können es sichtbar machen. Aber wir können es nicht sehen, ohne es in unsere Realität zu übersetzen.

Wir sehen nicht die ganze Welt. Wir sehen eine Version von ihr, die sich für unsere Art als überlebensfähig erwiesen hat. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Durch Wände schauen und die Welt verlieren

Sobald man akzeptiert hat, dass unsere Wahrnehmung nur eine sehr schmale Übersetzung ist, meldet sich zuverlässig ein alter Wunsch. Wenn wir schon nicht alles sehen können, dann doch wenigstens ein bisschen mehr. Vielleicht durch Mauern? Vielleicht durch Körper? Vielleicht endlich hinter die Kulissen?

Der Gedanke klingt nach Fortschritt, in Wahrheit wäre es vor allem ein Tauschgeschäft.

Stellen wir uns eine Entität vor, die im Bereich der Röntgenstrahlung sehen könnte. Nicht messen, nicht in bunte Bilder übersetzen, sondern wirklich sehen, so selbstverständlich, wie wir Gesichter sehen. Für sie wären Mauern keine Hindernisse. Sie wären Schichtungen. Türen wären keine Grenzen, sondern Materialwechsel. Möbel wären keine Dinge, sondern Volumina unterschiedlicher Dichte. Ein Raum wäre kein Raum mehr, sondern eine Überlagerung von Strukturen. Das ist kein Superblick auf unsere Welt. Es wäre eine andere Welt.

Denn unsere visuelle Realität lebt von Oberflächen. Von Licht, das an ihnen endet, reflektiert oder absorbiert wird. Von Texturen, die sich im Streiflicht zeigen. Von kleinen Unregelmäßigkeiten, die uns Material verraten. Holz sieht nach Holz aus, Stoff nach Stoff, Haut nach Haut, weil Licht an der Oberfläche hängen bleibt und uns von dort Informationen liefert.

In einer Röntgenrealität spielt diese Ebene kaum eine Rolle. Dort ist nicht die Oberfläche entscheidend, sondern das, was sich unter ihr verbirgt. Was für uns Form ist, wäre dort Dichte. Was für uns Gestalt ist, wäre dort Verteilung.

Man kann es freundlich formulieren: Diese Entität sähe tiefer.

Man kann es ehrlicher formulieren: Sie sähe etwas völlig anderes.

Das Verführerische an der Idee vom „mehr sehen“ besteht darin, dass wir uns heimlich vorstellen, unsere vertraute Welt bliebe erhalten und bekäme nur eine zusätzliche Schicht. Ein bisschen wie ein transparenter Filter über dem Bekannten. Tatsächlich würde das Bekannte selbst verschwinden. Die vertrauten Anhaltspunkte, die unser Sehen strukturieren, wären für dieses System bedeutungslos.

Unsere Welt ist eine Welt der Grenzflächen. Eine Röntgenwelt wäre eine Welt der Durchdringungen.

Schönheit, anatomisch betrachtet

Nichts zeigt diese Verschiebung deutlicher als ein Begriff, den wir gewöhnlich für selbstverständlich halten, solange uns niemand zwingt, über ihn nachzudenken: Schönheit.

Ein Mensch erscheint uns schön, weil bestimmte Oberflächenmerkmale zusammenwirken. Hautbild, Proportionen, Symmetrie, Mimik, Licht. Schönheit ist ein Zusammenspiel von Geometrie, Bewegung und Reflexion. Sie entsteht im Blick, nicht im Körper. In einer Röntgenrealität fiele diese Ebene weg.

Es gäbe keine Hautfarbe, keinen Teint, kein Spiel von Licht und Schatten im Gesicht. Kein Glanz in den Augen, keine feinen Übergänge an Lippen und Wangen. Übrig blieben Knochen, Hohlräume, Dichteverteilungen, Zahnstellungen, Gelenke. Ein menschlicher Körper würde zu einer beweglichen Bauzeichnung. Ein Mensch, den wir als außergewöhnlich attraktiv empfinden, wäre deswegen nicht hässlich. Er würde schlicht nicht als schön wahrgenommen.

Die Schönheit würde nicht entwertet, nur der Begriff selbst verlöre seine Grundlage. Schönheit ist kein Merkmal von Körpern. Sie ist ein Urteil innerhalb einer bestimmten Realität. Man kann diesen Satz ruhig stehen lassen, auch wenn er ein wenig schmerzt: Ein Mensch ist nicht per se schön. Er erscheint uns nur schön. Für Augen wie unsere.

Der rote Planet der Anderen

Vor diesem Hintergrund wirkt die Redewendung von „unserem blauen Planeten“ wie ein besonders gut gemeinter, aber hartnäckiger Irrtum. Wir sagen das, weil wir so sehen. Und wir verwechseln diese Sicht gern mit einer Eigenschaft der Erde selbst.

Die Erde ist kein blauer Körper. Sie reflektiert, streut und emittiert elektromagnetische Strahlung in einem weiten Spektrum. Dass uns ausgerechnet ein blauer Gesamteindruck entgegentritt, ist das Ergebnis der Signalaufbereitung unserer Augen, unserer Atmosphäre und unserer neuronalen Verarbeitung.

Man darf sich deshalb ohne große Fantasie vorstellen, dass ein anderes Wahrnehmungssystem auf diesen Planeten blickt und etwas völlig anderes erlebt. Vielleicht einen rötlichen Körper. Vielleicht ein Objekt mit starken Kontrasten zwischen Vegetation und Gestein, die wir kaum bemerken. Vielleicht eine Welt voller Muster, die in unserer Realität schlicht nicht existieren. Nicht etwa, weil sich an der Erde etwas geändert hätte. Sondern weil sich die Filter geändert hätten.

Die romantische Vorstellung vom Besuch außerirdischer Wesen verliert an dieser Stelle ihren Zauber. Das eigentlich Fremde wäre nicht ihr Aussehen. Es wäre ihre Welt. Nicht im Sinne einer anderen Wirklichkeit, sondern im Sinne einer anderen Realität.

Die Kamera und die trügerische Ehrlichkeit

Wer mit Fotografie arbeitet, gerät bei solchen Überlegungen leicht in innere Unruhe. Denn die Überzeugung, eine Kamera zeige die Wirklichkeit, sitzt tief. In Wahrheit zeigt eine Kamera genau das, was wir ihr beibringen, was als Realität zu gelten hat.

Der Sensor misst Lichtintensitäten. Mehr nicht. Farbe entsteht erst durch Filter vor dem Sensor und durch Rechenverfahren, die aus diesen Messwerten ein Bild rekonstruieren, das unserer Wahrnehmung nahekommt. Und vor allem entsteht Farbe durch bewusste Auslassung. Moderne Kameras blockieren infrarote Strahlung, weil wir sie nicht sehen und weil diese alle anderen Farben von unsere Sehensspektrum verfälschen würde.

Entfernt man diesen Filter verschwindet die Anpassung an die Sehensfähigkeit des Menschen. Pflanzen werden auffällig hell, der blaue Himmel wird dunkel, Haut wirkt fremd und bisweilen unheimlich. Nicht, weil die Kamera plötzlich falsche Bilder erzeugt, sondern weil sie nicht mehr unsere Realität simuliert. Sie zeigt einen anderen Ausschnitt der Wirklichkeit. Und erzeugt daraus zwangsläufig eine andere Realität.

Die Kamera ist kein Fenster zur Welt. Sie ist eher eine Prothese unseres eigenen Sehens.

Ein sehr kleines Fenster

Je länger man diesen Gedanken verfolgt, desto deutlicher wird, wie schmal unser Zugang zur Wirklichkeit ist. Unser gesamter visueller Kosmos spielt sich in einem winzigen Bereich des elektromagnetischen Spektrums ab, das wir Licht nennen. Ein paar hundert Nanometer Bandbreite. Ein biologisch zufällig günstiger Ausschnitt, der sich für unser Überleben bewährt hat.

Alles andere existiert für uns nur indirekt. Wir können Infrarotstrahlung messen, Röntgenstrahlung registrieren, Radiowellen empfangen, Gammastrahlung detektieren. Aber jedes Bild, das wir daraus erzeugen, ist bereits eine Übersetzung in unsere visuelle Sprache. Es ist ein Kompromiss zwischen Messung und menschlicher Wahrnehmung.

Diese Bilder zeigen aber bei weitem nicht, wie diese Wirklichkeit wirklich aussieht. Sie zeigen, wie wir sie für uns sichtbar darstellen können.

Der Unterschied ist klein genug, um im Alltag vergessen zu werden, und groß genug, um jede naive Vorstellung von objektivem Sehen zu zerstören. Was jenseits unseres Fensters liegt, ist nicht unsichtbar, weil es sich verbirgt. Es ist unsichtbar, weil unser Wahrnehmungssystem dort schlicht keinen Zugang hat.

Die Unsicherheit zwischen zwei Augenpaaren

Der vielleicht unerquicklichste Gedanke ist allerdings nicht der Blick auf andere Spektren oder hypothetische Entitäten. Er betrifft den Menschen, der neben uns sitzt. Wir wissen nicht, wie die Welt für ihn aussieht.

Wir wissen nur, dass er sich so verhält, als sähe er in entscheidenden Situationen dasselbe wie wir. Er erkennt dieselbe Verkehrsampel, denselben Himmel, dieselbe Frucht. Er benutzt dieselben Farbwörter und reagiert auf dieselben Signale. Das genügt für den Alltag. Aber es sagt nichts über das innere Erleben.

Vielleicht ist sein Blau unserem Blau ähnlich. Vielleicht auch nicht. Vielleicht wäre unser gesamter Farbraum, könnten wir ihn tauschen, für uns vollkommen fremd, obwohl wir uns weiterhin problemlos verständigen könnten. Sprache koordiniert Handlungen. Sie garantiert keine Gemeinsamkeit der Empfindung.

Diese Unsicherheit ist kein technischer Mangel. Sie ist eine strukturelle Eigenschaft unserer Situation. Realität ist nicht teilbar. Sie ist nur indirekt erschließbar. Erstaunlicherweise stört uns das kaum.

Für das Leben genügt es, dass unsere Modelle kompatibel sind. Niemand muss wissen, wie sich das Blau des anderen anfühlt, um gemeinsam eine Straße zu überqueren oder ein Foto zu betrachten. Vielleicht ist gerade diese private Dimension der Wahrnehmung der Preis dafür, dass soziale Ordnung überhaupt möglich ist.

Eine erstaunlich genügsame Welt

Man könnte all das als Mangelgeschichte erzählen. Als Erzählung über Begrenzung, Verlust und verpasste Wirklichkeiten. Über all das, was wir nicht sehen können und nie sehen werden. Aber diese Perspektive ist unnötig schmerzlich.

Unsere Wahrnehmung ist nicht dazu da, uns die Welt vollständig zu liefern. Sie ist dazu da, uns eine bewohnbare Welt zu liefern. Eine Welt, in der Orientierung möglich ist, in der Gefahren auffallen, in der Gesichter erkannt werden, in der Kommunikation funktioniert. Unsere Realität ist keine Abbildung der Wirklichkeit. Sie ist eine Art Arbeitsfläche. Eine erstaunlich stabile, erstaunlich zuverlässige und erstaunlich genügsame Arbeitsfläche.

Dass sie sich für uns vollständig anfühlt, ist ihr größter Trick.

Epilog

Vielleicht sollte man den Anspruch, die Welt zu sehen, wie sie ist, still und leise beerdigen. Nicht aus Resignation, sondern aus Einsicht.

Wir sehen nicht die Wirklichkeit. Wir sehen eine für unsere Art brauchbare Realität. Wir sehen nicht die ganze Welt. Wir sehen genau so viel Welt, wie wir brauchen, um in ihr leben zu können.

Und vielleicht ist das, bei aller philosophischen Kränkung, eine ausgesprochen beruhigende Form von Blindheit.


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