Autor: Kurt O. Wörl
Goethe war Freimaurer. Seine großen Werke lassen sich deshalb vielleicht auch ganz anders lesen: als geistiger Weg vom Lehrling über den Gesellen zum Meister. In Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ geht es um Selbsterkenntnis, in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ um den Platz des Menschen in der Gesellschaft. Doch wo bleiben die folgerichtigen „Meisterjahre“?
Vielleicht fehlen sie gar nicht. Vielleicht stehen sie seit zweihundert Jahren offen vor uns – unter einem ganz anderen Titel.
Der fehlende Roman
Manchmal beginnt eine literarische Entdeckung nicht mit einer gelehrten Theorie, sondern mit einer naiven Frage. Bei Johann Wolfgang von Goethe könnte sie lauten:
Warum gibt es eigentlich keine „Wilhelm Meisters Meisterjahre“?
Es gibt die Bildungsromane „Lehrjahre“, es gibt die „Wanderjahre“, und wer die alte Ordnung des Handwerks kennt, wartet nun eigentlich nur noch auf das Meisterstück. Lehrling, Geselle, Meister – so einfach wäre die Folge. Zudem heißt der Held ausgerechnet Wilhelm Meister. Ein Titel wie „Wilhelm Meisters Meisterjahre“ hätte also jenen sprachlichen Doppelsinn besessen, an dem Goethe gewiss seine Freude gehabt hätte. Doch diesen Roman wurde von Goethe nicht geschrieben. Vielleicht, weil er gar nicht geschrieben werden musste?
Denn Goethe war Freimaurer. 1780 wurde er in die Weimarer Loge „Anna Amalia“ aufgenommen, ein Jahr später zum Gesellen befördert und 1782 zum Meister erhoben. Er kannte also jene Dreiteilung des maurerischen Werdegangs nicht nur aus Büchern, sondern aus eigenem Erleben. Die drei freimaurerischen Grade lassen sich, etwas verkürzt, mit drei Blickrichtungen beschreiben:
- Schau in dich.
- Schau um dich.
- Schau über dich.
Der Lehrling beginnt mit der Arbeit an sich selbst und der Forderung nach Selbsterkenntnis. Der Geselle weitet den Blick auf seine Mitmenschen und auf seinen Platz in der Gesellschaft. Der Meister schließlich richtet ihn über die eigene Person und das unmittelbare gesellschaftliche Gefüge hinaus: auf Tod und Endlichkeit, auf den Bau der Welt, auf Sinn, Ordnung und jene Fragen, bei denen selbst ein sehr kluger Mensch irgendwann bemerkt, dass sein Verstand zwar ein vortreffliches Werkzeug, aber nicht notwendigerweise der Maßstab des Universums ist.
Es liegt mir fern, daraus ein literarisches Geheimprogramm zu konstruieren, für das Goethe irgendwo einen verschlüsselten Bauplan hinterlassen hätte.
Einen Beleg dafür, dass er „Wilhelm Meister“ und „Faust“ ausdrücklich als freimaurerische Trilogie entworfen hätte, gibt es zwar nicht. Aus freimaurerischer Sicht sind entsprechende Spekulationen aber keineswegs abwegig.
Plauderei zum Thema (KI)
Podcast: Die fehlenden Meisterjahre (3 Downloads )
Auch ist nicht entscheidend, ob Goethe genau die heute gebräuchlichen Formeln „Schau in dich“, „Schau um dich“ und „Schau über dich“ in diesem Wortlaut bei seiner Aufnahme gehört hat. Interessanter ist die Denkfigur dahinter. Denn liest man seine großen Bildungsromane unter diesem Gesichtspunkt, ergibt sich eine verblüffend geschlossene Bewegung. Die „Lehrjahre“ fragen nach dem Menschen selbst. Die „Wanderjahre“ fragen nach seinem Ort unter den Menschen. Und „Faust“ stellt jene Frage, die über beide hinausführt: Was ist das Ganze, in dem der Mensch sich selbst und seine Gesellschaft überhaupt erst vorfindet?
Vielleicht hat Goethe Wilhelm Meisters Meisterjahre also gar nicht vergessen? Vielleicht tragen sie nur einen anderen Titel? – Wir werden sehen.
Lehrjahre – Schau in dich
Der junge Wilhelm Meister ist für den ersten dieser Schritte ein geradezu mustergültiger Kandidat, weil er zu Beginn vor allem eines besitzt: eine bemerkenswert hohe Meinung von Vorstellungen, die er sich über sich selbst gemacht hat. Er liebt das Theater, liebt Mariane, liebt Shakespeare und liebt die Idee, ein Künstler zu sein. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Das Problem besteht nur darin, dass Wilhelm noch kaum unterscheiden kann, was in ihm wirkliche Anlage und was angenehme Selbsttäuschung oder Wunschdenken ist. Seine Persönlichkeit ist gewissermaßen noch Rohmaterial. In der freimaurerischen Bildsprache wäre er der „raue Stein“, der erst noch zu bearbeiten wäre.
Das Entscheidende an dieser Symbolik wird häufig missverstanden. „Schau in dich“ heißt nicht: Beschäftige dich möglichst ausgiebig mit dir selbst. An Selbstbeschäftigung besteht auch wahrlich kein Mangel. Es heißt ebenso wenig: Entdecke, dass du im Grunde schon vollkommen bist und nur genügend Selbstvertrauen entwickeln musst. Das Gegenteil ist gemeint. Wer wirklich in sich schaut, muss damit rechnen, dort auf Irrtümer, Eitelkeiten und Schwächen zu stoßen. Selbsterkenntnis ist keine Form narzisstischer Selbstbewunderung. Sie beginnt dort, wo der Mensch die Möglichkeit zulässt, dass sein bevorzugtes Bild von sich selbst falsch sein könnte.
Wilhelm lernt dies auf die einzige Weise, auf die man es wirklich lernen kann: durch Erfahrung. Später wird Goethe in den „Wanderjahren“ den wunderbaren Satz formulieren: „Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln.“ Genau das geschieht in den „Lehrjahren“. Wilhelm erkennt sich nicht, indem er in stiller Kammer tief über Wilhelm Meister nachdenkt. Er erkennt sich, indem seine Vorstellungen auf die unbestechliche Wirklichkeit prallen. Seine Liebe scheitert, seine Theaterbegeisterung wird geprüft, sein künstlerisches Selbstbild bekommt Risse, seine Beziehungen zu anderen Menschen zwingen ihn zu Entscheidungen. Seine Lehrjahre bestehen zu einem guten Teil darin, liebgewonnene Irrtümer über sich selbst loszuwerden.
Dass dabei ausgerechnet eine geheimnisvolle Turmgesellschaft im Hintergrund steht, macht die freimaurerische Lesart besonders verführerisch. Eine verborgene Gemeinschaft beobachtet Wilhelms Entwicklung, einzelne Mitglieder treten auf, verschwinden wieder, prüfen und beeinflussen ihn; schließlich erhält er einen „Lehrbrief“. Am Ende erklärt ihm der Abbé: „Deine Lehrjahre sind vorüber, die Natur hat dich losgesprochen.“ Man muss darin nicht gleich ein Logenritual erkennen. Aber die Verwandtschaft der Bilder ist offensichtlich: Ein Mensch wird beobachtet, geprüft, unterwiesen und schließlich für reif erklärt, eine neue Stufe seines Weges zu betreten.
Freilich wäre Goethe nicht Goethe, wenn er daraus nur eine simple Einweihungsgeschichte machte. Wilhelm ist am Ende der „Lehrjahre“ keineswegs fertig. Er hat lediglich eine wichtige Illusion verloren: die Vorstellung, Bildung bestehe darin, ein großartiges Bild von sich selbst zu entwerfen und es anschließend Wirklichkeit werden zu lassen. Bildung bedeutet für Goethe vielmehr, das eigene Maß zu erkennen. Wilhelm sagt einmal über die Kunst, sie nötige uns „auf die angenehmste Weise, das Maß zu erkennen, nach dem und zu dem unser Innerstes gebildet ist“. Dieses Maß ist nicht beliebig. Es setzt der eigenen Phantasie Grenzen. Ausgerechnet in der Begrenzung beginnt die Persönlichkeit Kontur zu gewinnen.
Der freimaurerische Lehrling könnte es kaum anders erfahren. Am rohen Stein wird nicht gearbeitet, damit er größer, sondern damit er brauchbar wird.
Wanderjahre – Schau um dich
Nach der Selbsterkenntnis kommt eine schwierigere Frage: Was soll ein Mensch mit sich anfangen, wenn er ungefähr weiß, wer er ist? An dieser Stelle beginnen die „Wanderjahre“. Schon der Titel verändert die Blickrichtung. Wilhelm bleibt nicht mehr vorwiegend Gegenstand seiner eigenen Bildung, sondern tritt in eine Welt von Berufen, Erziehungsformen, technischen Entwicklungen, Handwerk, gesellschaftlicher Ordnung und Arbeitsteilung. Die Bühne, die in den „Lehrjahren“ seine Phantasie beherrscht hatte, tritt zurück. Das wirkliche Leben wird interessanter als das Theater, was für einen Goethe-Roman über einen ehemaligen Theaterenthusiasten bereits eine recht deutliche Pointe ist.
Der Geselle soll sich umsehen. Er wandert, sieht andere Werkstätten, andere Städte, andere Lebensweisen und muss entdecken, dass die Welt nicht nur dazu da ist, Schauplatz der eigenen Entwicklung zu sein. „Schau um dich“ bedeutet deshalb mehr als bloße Neugier. Es heißt: Erkenne deine Stellung unter anderen Menschen. Finde heraus, was du kannst, was andere können und weshalb eine Gesellschaft darauf angewiesen ist, dass nicht jeder alles, sondern wenigstens irgendjemand etwas wirklich beherrscht.
Die „Wanderjahre“ sind voller solcher Gedanken. „Was aber ist deine Pflicht?“, fragt Goethe dort und antwortet von entwaffnender Kürze: „Die Forderung des Tages.“ Das klingt zunächst prosaisch. Wo bleiben die großen Ideale, die hohen Gefühle und der schöne Traum von umfassender Bildung? Goethe antwortet darauf mit einer anderen Einsicht: Es hilft wenig, von hundert Dingen ein wenig verstanden zu haben, wenn man nichts davon ausüben kann. Der Mensch soll sich beschränken, nicht weil Beschränkung an sich schön wäre, sondern weil erst durch sie Verlässlichkeit entsteht. Wer alles gleichzeitig sein möchte, bleibt in allem Anfänger.
Hier bekommt Untertitel der „Wanderjahre“, „Die Entsagenden“, seinen eigentlichen Sinn. Entsagung ist bei Goethe keine missmutige Absage an das Leben. Sie bedeutet die Erkenntnis, dass jede ernsthafte Wahl andere Möglichkeiten ausschließt. Wer sich bindet, verliert Möglichkeiten – und gewinnt eine Wirklichkeit. Wer ein Handwerk erlernt, verzichtet auf zahllose andere Tätigkeiten – und gewinnt Können. Wer Verantwortung übernimmt, gibt einen Teil seiner Beliebigkeit auf – und gewinnt Bedeutung für andere.
Das ist sehr nahe am freimaurerischen Gesellengedanken. Der bearbeitete Stein erhält seinen Sinn erst im Bau. Solange er für sich allein liegt, mag er sehr schön behauen sein; ein Bauwerk entsteht daraus noch nicht. Erst im Verhältnis zu anderen Steinen bekommt er seine Funktion. Aus Selbsterkenntnis wird Verantwortung. Aus Bildung wird Tätigkeit. Aus dem „Wer bin ich?“ wird das „Wo werde ich gebraucht?“.
Man kann darin übrigens eine erstaunlich moderne Vorstellung erkennen. Unsere Gegenwart spricht gern von Selbstverwirklichung, als wäre der Mensch ein Projekt, dessen größter Erfolg darin bestünde, möglichst vollständig mit seinen eigenen Wünschen übereinzustimmen. Goethe hätte vermutlich höflich gefragt, was dann eigentlich die Rolle anderer Menschen wäre. Die „Wanderjahre“ geben darauf eine klare Antwort: Der Mensch wird nicht allein durch das gebildet, was er über sich weiß, sondern durch das, was er für andere zu leisten vermag. Eine Gesellschaft besteht nicht aus lauter Solisten, die gleichzeitig ihr persönliches Hauptwerk aufführen. Irgendwann muss auch jemand das Orchester harmonisch leiten.
Der fehlende Meister
Damit wäre eigentlich alles für den dritten Schritt vorbereitet. Wilhelm hat als Lehrling an sich gearbeitet; als Geselle hat er gelernt, sich in einer größeren Ordnung zu bewegen. Nun müsste er Meister werden. Nur: Was sollte Goethe in einem Roman mit dem Titel „Wilhelm Meisters Meisterjahre“ noch erzählen? Noch mehr Beruf, noch mehr Gesellschaft, noch mehr pädagogische Provinz? Das wäre lediglich eine Verlängerung der Wanderjahre. Die dritte Stufe verlangt keine Fortsetzung, sondern einen Wechsel der Perspektive.
Der Meister schaut nicht mehr nur in sich hinein und um sich herum. Er fragt nach dem Ganzen. Nun geht es um den Bau selbst, nicht mehr nur um den einzelnen Stein und dessen Platz. Und hier verlässt Wilhelm Meister die Bühne. An seine Stelle tritt ein anderer, dessen erster großer Auftritt gleich mit einer Bankrotterklärung des menschlichen Wissens beginnt:
„Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin
und leider auch Theologie
durchaus studiert, mit heißem Bemühn.“
Faust besitzt alles, worauf der gebildete Mensch stolz sein könnte. Er hat studiert, gelehrt, gedacht, geforscht – und erkennt dann doch:
„Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor“.
Ihm genügt nicht mehr, sich selbst oder seine gesellschaftliche Aufgabe zu erkennen. Sein Anspruch ist maßloser:
„Daß ich erkenne, was die Welt
im Innersten zusammenhält.“
Da ist das „Schau über dich“ in seiner reinsten Form. Nicht: Was kann ich? Nicht: Wo gehöre ich hin? Sondern: Was ist diese Welt überhaupt, in der ich etwas können und irgendwo hingehören soll?
Nun könnte man einwenden, Faust sei für die Rolle des freimaurerischen Meisters eine denkbar zweifelhafte Besetzung. Er ist ungeduldig, hochmütig, rücksichtslos und keineswegs frei von Größenwahn. Eben das macht ihn geeignet. Meisterschaft bedeutet bei Goethe nicht, dass der Mensch nun endlich vollkommen wäre. Wer glaubt, er habe nichts mehr zu lernen, wäre vermutlich bereits aus diesem Grund alles andere als ein Meister. Goethe lässt im „Prolog im Himmel“ vielmehr den Herrn sagen: „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Der Irtum ist nicht das Gegenteil des Weges. Er gehört dazu.
Faust und sein höllisch kluger Begleiter
Zu einem Menschen, der wissen möchte, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, stellt Goethe ausgerechnet denjenigen, der an dergleichen Fragen keinerlei ehrfürchtiges Interesse besitzt: Mephistopheles. Er ist sicher die intellektuell unterhaltsamste Figur des ganzen Dramas, weil er fast immer klüger klingt als die Leute, über die er sich lustig macht. Er kennt ihre Eitelkeiten, ihre akademischen Rituale, ihre moralischen Ausreden und die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, einen Mangel an Gedanken durch einen Überschuss an Wörtern zu ersetzen.
„Ich bin der Geist, der stets verneint“, stellt er sich vor. Das klingt zunächst nach einer vollständigen Berufsbezeichnung. Doch Mephisto ist mehr als der bloße Nein-Sager. Er ist der große Zersetzer falscher Gewissheiten. Wenn der Mensch sich, wie Mephisto spöttisch sagt, als „die kleine Narrenwelt“ gewöhnlich „für ein Ganzes hält“, dann trifft dies genau jenen menschlichen Hochmut, gegen den sich auch das „Schau über dich“ richtet. Wer nur sich selbst sieht, hält leicht den Horizont des eigenen Verstandes für den Rand der Welt.
Besonders genüsslich führt Mephisto dies in der berühmten Schülerszene vor. Er trägt Fausts Gelehrtenrock und spielt den akademischen Lehrer mit jener Mischung aus überlegener Ironie und blankem Zynismus, die bis heute nichts von ihrer Frische verloren hat. Dem jungen Studenten erklärt er zunächst die Metaphysik und stößt dabei auf ein Problem, das seither keineswegs verschwunden ist:
„Denn eben wo Begriffe fehlen,
da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“
Noch schöner wird es:
„Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
mit Worten ein System bereiten.“
Man könnte diesen Satz ohne größere Schwierigkeiten über manche wissenschaftliche Tagung, politische Debatte oder elektronische Diskussionsrunde schreiben. Mephisto kennt den Trick: Wo die Sache unsicher wird, erhöht man die sprachliche Sicherheit. Ein fester Terminus erzeugt leicht den Eindruck eines festen Gedankens, daraus entstehen bekanntermaßen Dogmen und Ideologien.
Auch die Rechtswissenschaft bekommt ihr Fett ab. „Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ew’ge Krankheit fort“, erklärt Mephisto dem Studenten, und dann folgt die boshafte Zuspitzung: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.“
Man darf dabei nie vergessen, wer hier spricht. Goethe legt diese Sätze dem Teufel in den Mund und zitiert kein juristisches Reformprogramm. Aber eben darin liegt der Reiz. Mephisto ist gefährlich, weil sein Spott so oft einen wahren Kern enthält. Der Teufel lügt bei Goethe nicht ständig. Das wäre viel zu einfach. Er sagt häufig etwas erschreckend Treffendes und zieht daraus anschließend die falsche Folgerung.
Seine berühmteste akademische Weisheit lautet:
„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
und grün des Lebens goldner Baum.“
Auch diesen Satz wiederholt man gern, als hätte Goethe damit persönlich vor zu viel Nachdenken warnen wollen. Nur spricht eben Mephisto. Derselbe Mephisto rät Faust wenig später: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft.“ Wer seine Sätze als Goethes Lebensregeln sammelt, sollte also aufpassen, welchen Ratgeber er sich da ins Haus holt.
Noch tiefer reicht eine andere Bemerkung des Teufels. Wer etwas Lebendiges erkennen und beschreiben wolle, sagt Mephisto, suche zunächst „den Geist herauszutreiben“; dann halte er zwar die Teile in der Hand, doch „fehlt leider! nur das geistige Band“. Das ist beinahe eine Miniatur des ganzen „Faust“. Man kann die Welt zerlegen, vermessen, benennen und katalogisieren. Man besitzt anschließend sehr viele Teile. Ob man damit schon weiß, was das Ganze ist, bleibt offen.
Faust möchte genau dieses „geistige Band“ erkennen. Mephisto hält das Unternehmen im Grunde für lächerlich. Und so stehen sie nebeneinander wie zwei Möglichkeiten des modernen Verstandes: Faust, der an das Ganze glaubt und es mit Gewalt erkennen möchte; Mephisto, der jede Ganzheit misstrauisch zerlegt und den menschlichen Erkenntnisanspruch verspottet. Der eine ist gefährdet durch Maßlosigkeit, der andere durch Zynismus. Vielleicht braucht Goethe beide, weil erst zwischen ihnen jene Spannung entsteht, in der eine ernsthafte Frage nach der Welt möglich wird.
Vom Stein zum Baumeister
In „Faust II“ bekommt diese Frage schließlich eine neue Dimension. Faust will nicht mehr nur erkennen. Er will gestalten. Die Bewegung führt von der Betrachtung zur Tat. Schon im ersten Teil hatte er bei seiner Übersetzung des Johannesevangeliums mit dem Wort gerungen, das am Anfang stehen müsse, und war schließlich bei der Formulierung angelangt: „Im Anfang war die Tat.“ Im zweiten Teil wird daraus fast ein Lebensprogramm.
Faust bewegt sich nun durch Politik und Wirtschaft, Antike und Mythologie, Technik und Naturbeherrschung. Die Welt wird nicht länger nur betrachtet; sie wird bearbeitet. Schließlich will er dem Meer Land abringen. Er entwirft einen Raum für künftige Generationen, einen Ort, an dem Menschen tätig und frei leben sollen. Aus dem Menschen, der fragte, wie die Welt gebaut sei, wird einer, der selbst bauen will.
Damit bekommt die freimaurerische Lesart eine besonders schöne Wendung. Im Lehrlingsgrad stand der einzelne Stein im Mittelpunkt. Im Gesellengrad ging es um seinen Platz im Bau. Im Meistergrad tritt der Bauplan hinzu. Wilhelm war selbst das Werkstück. In den „Wanderjahren“ lernte er, seinen Platz im gesellschaftlichen Gefüge zu finden. Faust aber beginnt, am Gefüge selbst zu arbeiten.
Sein Projekt bleibt allerdings moralisch beschmutzt. Philemon und Baucis stehen seinem großen Vorhaben im Weg; ihre Beseitigung endet tödlich. Goethe lässt also keinen Zweifel daran, dass der Mensch nicht dadurch zum weisen Meister wird, dass er nur genügend groß denkt. Wer über die Welt verfügt, kann an seiner eigenen Größe ebenso scheitern wie der Lehrling an seiner Eitelkeit. Der Baumeister braucht weiterhin die Lektion des Lehrlings: Er muss sich selbst prüfen.
Am Ende, bereits erblindet, glaubt Faust die Arbeit an seinem großen Werk zu hören. Tatsächlich schaufeln die Lemuren sein Grab. Selten hat Goethe menschliche Selbsttäuschung grausamer und heiterer zugleich inszeniert. Faust hält die Geräusche seines eigenen Begräbnisses für den Fortschritt seines Zukunftsprojekts. Und dennoch gelangt er in diesem Augenblick zu seiner Vision:
„Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich sie erobern muß.“
Hier spricht kein junger Mann mehr, der sich selbst verwirklichen möchte. Faust denkt an Menschen, die nach ihm kommen werden. Sein Horizont hat die eigene Lebenszeit überschritten. Der Meister baut nicht nur für sich.
Schau über dich
Und dann stirbt Faust. Damit wäre für einen rein weltlichen Bildungsroman alles gesagt. Goethe aber lässt „Faust II“ nicht mit dem Tod enden. Die Handlung überschreitet nun jene Grenze, die der menschliche Verstand nicht aus eigener Erfahrung überschreiten kann. Genau hier erhält das „Schau über dich“ seinen tiefsten Sinn.
Der freimaurerische Meistergrad ist wesentlich mit der Erfahrung der Endlichkeit verbunden. Der Mensch erkennt, dass auch das vollkommenste Werk seinen Erbauer überdauern kann und dass sein eigenes Leben einen Horizont besitzt, über den er nicht verfügt. Faust, der die Grenzen des Wissens, des Genusses und des Handelns zu überschreiten versucht hat, stößt zuletzt auf die Grenze, die niemand überwindet, indem er sie einfach ignoriert.
Bemerkenswert bleibt, dass Goethe seinen Faust nicht wegen einer endlich erreichten Vollkommenheit retten lässt. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“, heißt es am Ende. Das Streben zählt, nicht die makellose Bilanz. Darin steckt eine erstaunlich humane Vorstellung von Meisterschaft. Der Meister ist nicht der Mensch, der fertig geworden ist. Vermeintlich fertige Menschen wären ziemlich unerträglich. Meisterschaft besteht darin, das eigene Wissen und Können zu besitzen, ohne sich einzubilden, damit sei nun auch die Welt verstanden.
Und über allem steht Mephistos Spott. Ausgerechnet er, der sich für den großen Durchblicker hält, verliert am Ende denjenigen, den er längst sicher zu besitzen glaubte. Der Geist, der stets verneint, hat vieles durchschaut, nur nicht alles. Seine Intelligenz reicht sehr weit; Weisheit ist sie trotzdem nicht. Er kann Illusionen zerlegen, aber keinen Sinn stiften. Er kann zeigen, wo Begriffe hohl sind, aber aus eigener Kraft keine Wahrheit schaffen. Seine Grenze liegt genau dort, wo Fausts letzte Frage beginnt.
Ein Verdacht, der sich nicht beweisen muss
Man sollte die Sache also nicht mit der Behauptung beschließen, Goethe habe nachweislich eine geheime freimaurerische Trilogie geschrieben. Das würde aus einer reizvollen Deutung eine schlechte Verschwörungstheorie machen. Interessanter ist etwas anderes: Goethe trug die Symbolwelt der Freimaurerei in seinem geistigen Gepäck. Er kannte die Stufen von Lehrling, Geselle und Meister, er kannte die Vorstellung der Arbeit am rauen Stein, des Bauens und der brüderlichen Gemeinschaft. Solche Bilder verschwinden nicht aus einem Menschen, nur weil er gerade keinen Logenabend besucht. Sie können zu Denkformen werden.
Unter diesem Blickwinkel erscheinen „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ und „Faust“ als drei große Bewegungen desselben geistigen Weges. Zunächst wird der Blick auf das eigene Ich gerichtet. Dann öffnet er sich zur Gesellschaft. Zuletzt richtet er sich auf die Welt als Ganzes.
Schau in dich: Wer bist du wirklich, wenn deine angenehmen Vorstellungen von dir einmal beiseitegeschoben werden?
Schau um dich: Was ist dein Platz unter anderen, und was kannst du zu einem gemeinsamen Werk beitragen?
Schau über dich: In welcher Ordnung steht dieses menschliche Leben überhaupt, und was bleibt jenseits des eigenen Wissens, Wollens und Könnens?
Diese drei Fragen sind nie endgültig beantwortet. Vielleicht sind sie heute sogar nötiger als zu Goethes Zeiten. Wir leben in einer Kultur, die viel auf sich selbst schaut, aber keineswegs immer in sich. Wir sind auf eine hochgradig arbeitsteilige Gesellschaft angewiesen und sprechen dennoch gern so, als könne jeder seine eigene Welt vollkommen unabhängig von den anderen entwerfen. Und wir verfügen über wissenschaftliche und technische Möglichkeiten, die Faust in Verzückung versetzt hätten, ohne damit die Frage beantwortet zu haben, was wir vernünftigerweise mit ihnen anfangen sollen.
Mephisto wäre in unserer Gegenwart vermutlich glänzend unterhalten. Er fände reichlich Worte, wo Begriffe fehlen, beträchtliche Mengen grauer Theorie und genug Menschen, die ihre kleine Narrenwelt für das Ganze halten. Wahrscheinlich hätte er innerhalb kurzer Zeit eine erstaunliche Zahl von Anhängern, denn Zynismus besitzt den großen Vorteil, fast immer klüger zu wirken als Hoffnung.
Goethe stellt ihm jedoch einen Menschen entgegen, der sich mit dieser Klugheit nicht begnügt. Faust irrt, übertreibt, scheitert und lädt gar Schuld auf sich. Aber er fragt weiter. Er lässt sich nicht davon überzeugen, dass die Welt schon deshalb sinnlos sein müsse, weil Mephisto ihre Widersprüche geistreich beschreiben kann.
Vielleicht liegt darin schließlich das eigentliche Meisterstück.
Wilhelm Meister musste lernen, sich selbst zu erkennen. Er musste hinausgehen und lernen, seinen Platz unter den Menschen zu finden. Für den letzten Schritt brauchte Goethe eine größere Figur und eine größere Bühne. Nun genügte kein Theater mehr, keine Turmgesellschaft, keine pädagogische Provinz. Nun mussten Himmel und Hölle auftreten, Antike und Moderne, Wissenschaft und Magie, Kaiserreich und künstlicher Mensch, Landgewinnung und Tod.
Die Meisterjahre konnten nicht mehr nur Wilhelm Meisters Meisterjahre sein. Sie mussten die Meisterjahre des Menschen werden. – Und deshalb heißen sie „Faust I und II“.








