Autor: Kurt O. Wörl
Brüderlichkeit klingt warm, selbstverständlich und beinahe altmodisch. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Denn wirklich brüderlich wird es nicht dort, wo alle einer Meinung sind, sondern dort, wo Widerspruch möglich bleibt, Vertrauen nicht missbraucht wird und ein Mensch auch nach einem Fehler noch als ganzer Mensch gesehen wird.
In einer Zeit, die Beziehungen gern nach Nutzen, Sichtbarkeit und Zustimmung bemisst, stellt Brüderlichkeit eine ungewohnt schlichte Frage: Was bin ich bereit, für den anderen zu sein?
Von der Kunst, den anderen gelten zu lassen
In Freimaurerkreisen kennt man einen Satz, der vermutlich deshalb so langlebig ist, weil in ihm mehr Wahrheit steckt, als einem lieb sein kann:
„Freimaurerei könnte so schön sein, wenn nur die Brüder nicht wären.“
Man sagt das gewöhnlich mit einem Lächeln, gelegentlich auch mit jenem Anflug von Resignation, der verrät, dass der Sprecher gerade konkrete Personen vor Augen hat. Dabei liegt in diesem kleinen Spott bereits ein wesentlicher Gedanke. Brüderlichkeit ist einfach, solange sie ein Ideal bleibt. Schwieriger wird sie in dem Augenblick, in dem wirkliche Menschen ins Spiel kommen – Menschen mit Eigenheiten, Empfindlichkeiten und Eitelkeiten, mit unterschiedlichen Auffassungen, einem gelegentlich schwierigen Temperament und jener eigentümlichen Neigung, ausgerechnet dann nicht unseren Erwartungen zu entsprechen, wenn wir es am dringendsten wünschen.
Vielleicht spricht man deshalb so gern von Brüderlichkeit und so viel seltener darüber, was sie im täglichen Umgang tatsächlich verlangt. Das Wort klingt warm, beinahe behaglich. Es gehört nicht zu jenen politischen Großbegriffen, bei deren Nennung sofort Fahnen wehen und Rednerpulte aufgestellt werden. Brüderlichkeit dagegen scheint eher für den kleineren Kreis gemacht zu sein. Sie spielt sich zwischen Menschen ab. Man kann sie nicht dekretieren und kaum institutionalisieren. Sie besitzt keine Behörde, kein Prüfverfahren und keinen Rechtsanspruch. Brüderlichkeit beginnt dort, wo ein Mensch dem anderen etwas gewährt, worauf dieser streng genommen keinen Anspruch hat: Wohlwollen, Vertrauen, Nachsicht, Verlässlichkeit und gelegentlich auch nur die Bereitschaft, ihn gelten zu lassen.
Ein etwas aus der Mode geratenes Wort
Das Wort selbst wirkt heute beinahe altmodisch. Unsere Zeit spricht lieber von Netzwerken, Kontakten, Communities oder Beziehungen. Das ist nicht dasselbe. Ein Netzwerk beschreibt zunächst Verbindungen; Brüderlichkeit beschreibt eine Haltung innerhalb dieser Verbindungen. Netzwerke können äußerst nützlich sein, und gegen Nützlichkeit ist nichts einzuwenden. Befremdlich wird es erst, wenn wir Menschen zunehmend unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Wer kann mir helfen? Wen sollte ich kennen? Welche Bekanntschaft könnte irgendwann von Vorteil sein? Wo erhöht meine Anwesenheit meine Sichtbarkeit? Selbst Freundschaft gerät bisweilen in die Nähe einer besonders angenehmen Form des Beziehungsmanagements.
Brüderlichkeit stellt die Frage andersherum. Nicht: Was kann dieser Mensch für mich tun?, sondern: Was bin ich bereit, für diesen Menschen zu sein? Damit verändert sich der Blick. Der andere hört auf, Mittel für einen Zweck zu sein. Er erhält seinen Wert nicht dadurch, dass er nützlich, interessant, einflussreich oder unterhaltsam ist. Er besitzt ihn als Mensch. Das klingt selbstverständlich, ist es aber keineswegs. Die Geschichte und ein kurzer Blick in jedes beliebige gesellschaftliche Milieu lehren, mit welcher Ausdauer Menschen Rangordnungen bilden. Wir vergleichen Bildung, Besitz, Einfluss, Ämter, Herkunft, beruflichen Erfolg und gesellschaftliches Ansehen; notfalls genügt sogar die Frage, wer den besseren Wein im Keller hat. Irgendetwas findet sich immer, woran sich Überlegenheit befestigen lässt.
Plauderei zum Thema (KI)
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Brüderlichkeit verweigert sich dieser menschlichen Lieblingsbeschäftigung, ohne deshalb Unterschiede leugnen zu müssen. Menschen sind nicht gleich. Sie sind unterschiedlich begabt, unterschiedlich gebildet, unterschiedlich vermögend und erfreulicherweise auch unterschiedlich interessant. Brüderlichkeit verlangt keine Gleichmacherei. Sie verlangt lediglich, aus diesen Unterschieden keine Rangordnung des menschlichen Wertes abzuleiten. Der Professor ist nicht mehr Mensch als der Handwerker, der Vorsitzende nicht wertvoller als das jüngste Mitglied, und ein Amt verleiht Verantwortung, aber keine zusätzliche Würde. In der Freimaurerei steht dafür das Bild der Winkelwaage: nicht alle sind gleich, aber sie begegnen einander auf gleicher Höhe.
Darin liegt zugleich etwas Befreiendes. In einer wirklich brüderlichen Gemeinschaft muss der Einzelne nicht ständig an seinem eigenen Marktwert arbeiten. Er muss nicht glänzen, nicht ununterbrochen beweisen, dass er wichtig ist, und er darf gelegentlich sogar etwas Unkluges sagen, ohne dass sein gesellschaftlicher Kurswert daraufhin einbricht. Man darf einfach da sein – nicht als Funktion, nicht als Visitenkarte, nicht als Lebenslauf, sondern als Mensch. Was, genauer betrachtet, schon anspruchsvoll genug ist.
Vertrauen, Widerspruch und die Würde des Abwesenden
Brüderlichkeit lebt deshalb wesentlich vom Vertrauen. Vertrauen wiederum ist ein Vorschuss, vielleicht sogar eine kleine Wette auf das Gute im Menschen. Wer vertraut, geht zunächst davon aus, dass der andere es nicht darauf angelegt hat, ihn zu täuschen, bloßzustellen oder zu beschädigen. Er unterstellt nicht hinter jeder ungeschickten Bemerkung eine verborgene Absicht und hinter jedem Widerspruch einen persönlichen Angriff. Das ist keine Naivität. Ohne diesen Vorschuss wäre menschliches Zusammenleben kaum möglich. Eine Gemeinschaft, in der jeder ständig auf der Hut sein muss, kann äußerlich durchaus funktionieren; innerlich ist sie bereits beschädigt.
Man erkennt solche Verhältnisse meist daran, dass zwar noch viel gesprochen, aber immer weniger gesagt wird. Wer befürchten muss, dass ein persönliches Wort später gegen ihn verwendet wird, wird vorsichtig. Wer erleben musste, dass eine Schwäche nicht mit Mitgefühl, sondern als verwertbare Information aufgenommen wird, öffnet sich kein zweites Mal. Das Gespräch verarmt, und an die Stelle von Vertrauen tritt Taktik. Menschen beginnen, ihre Worte nicht danach auszuwählen, ob sie wahr sind, sondern danach, ob sie ungefährlich sind. Eine Gemeinschaft kann auf diese Weise außerordentlich korrekt funktionieren und zugleich menschlich ziemlich unbewohnbar werden.
Verschwiegenheit ohne Komplizenschaft
Zur Brüderlichkeit gehört deshalb Verschwiegenheit, allerdings nicht in dem fragwürdigen Sinn, Unrecht zuzudecken oder Fehlverhalten zu verschweigen. Gemeint ist vielmehr die Achtung vor dem persönlichen Wort und vor der Verletzlichkeit des anderen. Besonders deutlich zeigt sich diese Haltung im Umgang mit Abwesenden. Wie sprechen wir über einen Menschen, der sich gerade nicht verteidigen kann? Widerstehen wir der Versuchung, seine Fehler genüsslich auszubreiten, oder schützen wir auch in seiner Abwesenheit seine Würde? Vielleicht ist dies eine zuverlässigere Prüfung der Brüderlichkeit als manche feierliche Versicherung. Abwesende haben überdies die unangenehme Eigenschaft, früher oder später wieder aufzutauchen.
Brüderlichkeit verlangt allerdings keineswegs, Konflikte zu vermeiden. Im Gegenteil: Wo Menschen ernsthaft miteinander umgehen, wird es Widerspruch geben. Eine Gemeinschaft, in der alle immer derselben Meinung sind, wäre entweder von erstaunlicher geistiger Gleichförmigkeit oder von einer bedrückenden Unehrlichkeit. Entscheidend ist nicht, ob gestritten wird, sondern wie. Man kann einem Menschen entschieden widersprechen und ihn dennoch achten. Man kann einen Irrtum benennen, ohne den Irrenden herabzusetzen. Man kann sagen: „Ich halte das für falsch“, ohne gleich hinzuzufügen: „Und deshalb halte ich auch dich für einen schlechten Menschen.“
Gerade das scheint heute gelegentlich schwerzufallen. In der öffentlichen Auseinandersetzung verschmelzen Meinung und Person schnell miteinander. Wer sich irrt, hat dann nicht bloß einen Irrtum begangen, sondern offenbart angeblich seinen Charakter. Ein unbedachter Satz wird zum endgültigen Urteil über einen Menschen, eine missglückte Äußerung zur moralischen Gesamtdiagnose. Brüderlichkeit widersetzt sich dieser Lust am abschließenden Urteil. Sie räumt dem anderen das Recht ein, sich zu irren, sich zu korrigieren und manchmal auch einfach einen schlechten Tag zu haben. Schon aus Klugheit sollten wir dieses Recht großzügig gewähren; es ist keineswegs ausgeschlossen, dass wir es selbst bald benötigen.
Der gute Freund und der gute Bruder ist daher nicht derjenige, der zuverlässig alles bestätigt. Gleichgültigkeit kann sehr zustimmend wirken. Freundschaft hingegen erlaubt sich Widerspruch. Ein ehrliches „Ich glaube, hier irrst du“ kann brüderlicher sein als ein bequemes Nicken. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man diesen Satz dem Betroffenen sagt und nicht einem interessierten Kreis Dritter. Das direkte Gespräch hat, zugegeben, einen kleinen Nachteil: Der andere hört, was man über ihn denkt, und kann darauf antworten. Gerade darin liegt jedoch die gewahrte Würde.
Von der Treue ohne blinden Gehorsam
Ähnlich missverständlich ist die Treue. Treue erhält einen schlechten Ruf, sobald sie mit Gefolgschaft verwechselt wird. Doch wer einem anderen treu ist, muss ihm keineswegs immer recht geben. Er darf kritisieren, widersprechen und Grenzen setzen. Treue bedeutet vielmehr: Ich lasse dich nicht leichtfertig fallen. Ich mache aus deinem Fehler nicht sofort deine ganze Person, und ich erkläre unsere Verbindung nicht bei der ersten Enttäuschung für beendet.
Solange Treue nichts kostet, ist sie wenig bemerkenswert. Ihr Wert zeigt sich erst dann, wenn sie unbequem wird, wenn die Mehrheit sich abwendet oder wenn die einfachere Lösung darin bestünde, schweigend einen Schritt zur Seite zu treten. Friedrich Schillers berühmter Satz aus der „Bürgschaft“, wonach die Treue doch kein leerer Wahn sei, berührt genau diesen Gedanken. Nicht die demonstrative Loyalität ist gemeint, die sich öffentlich auf die Brust schlägt, sondern jene ruhige Verlässlichkeit, die keiner Zuschauer bedarf.
Brüderlichkeit heißt deshalb nicht, Fehlverhalten zu entschuldigen oder aus falsch verstandener Solidarität alles hinzunehmen. Sie kann durchaus verlangen, einem Bruder entgegenzutreten. Es gibt Situationen, in denen gerade derjenige brüderlich handelt, der sagt: „Stopp! – Bis hierher und nicht weiter!“ Wenn aus Meinungsverschiedenheiten persönliche Feldzüge werden, wenn über jemanden statt mit ihm gesprochen wird oder wenn im kleinen Kreis darüber beraten wird, wie man einen anderen ausgrenzt und beschädigt, besteht Brüderlichkeit nicht im höflichen Schweigen. Dann ist Anstand gefragt. Und Anstand braucht zuweilen ein wenig Mut – allerdings weniger heroischen Mut, als wir uns gern einreden. Häufig genügt ein einziger Satz: „So gehen wir nicht mit Menschen um.“
Von Güte, Mitfreude und anderen unterschätzten Dingen
Neben Vertrauen und Treue braucht Brüderlichkeit etwas, das in unserer nüchternen Sprache beinahe antiquiert klingt: Güte. Das Wort hat keinen großen gesellschaftlichen Glanz. Vermutlich lohnt es sich gerade deshalb, daran festzuhalten. Güte ist nicht spektakulär. Sie bemerkt, wenn jemand plötzlich still geworden ist. Sie ruft an, ohne einen besonderen Anlass zu benötigen. Sie bietet Hilfe an, ohne daraus eine Forderung entstehen zu lassen, und sie hilft so, dass der andere seine Würde behält.
Denn auch Hilfe kann durchaus demütigen. Wer einen anderen bei jeder Gelegenheit daran erinnert, dass dieser seiner Unterstützung bedurfte, hat vielleicht praktisch geholfen, menschlich aber eine Rechnung gestellt. Brüderliche Hilfe geht anders vor. Sie weiß, wie schnell sich im Leben die Rollen vertauschen können. Heute braucht der eine den anderen, morgen kann es umgekehrt sein. Ein hinreichend langes Leben führt diese Lektion fast jedem vor Augen.
Zur Güte gehört deshalb Nachsicht. Nicht jene Nachsicht, die alles gleichgültig hinnimmt, sondern die Einsicht in die Fehlbarkeit des Menschen. Wir alle sprechen gelegentlich ungeschickt, reagieren gereizt, überschätzen uns oder verrennen uns in eine Sache. Wer auf jeden Fehler sofort mit der vollständigen Rechnung antwortet, mag Recht behalten; am Ende besitzt er womöglich eine beeindruckende Sammlung gewonnener Auseinandersetzungen, aber nur noch wenige Menschen, mit denen er darüber sprechen kann. Recht haben und Freunde haben sind verschiedene Disziplinen.
Noch schwieriger als das Mitgefühl ist vielleicht die Mitfreude. Am Leid eines anderen Anteil zu nehmen fällt uns erstaunlicherweise häufig leichter, als seinen Erfolg neidlos zu begrüßen. Das Leiden des Freundes bedroht unsere Eitelkeit selten, sein Erfolg aber durchaus öfter. Wird der andere gelobt, ausgezeichnet oder bevorzugt, beginnt in uns bisweilen ein kleiner Buchhalter zu rechnen. Warum er? War meine Leistung nicht ebenso gut? Wäre ich nicht eigentlich an der Reihe gewesen? Neid erscheint dabei selten offen. Er ist ein gut erzogener Charakterfehler und tarnt sich gern als sachliche Erwägung: „Natürlich gönne ich ihm das, aber …“ … Was nach diesem „aber“ folgt, verdient gelegentlich besondere Aufmerksamkeit.
Brüderlichkeit vermag dagegen zu sagen: Ich freue mich für dich. Und sie meint es tatsächlich genau so. Sie betrachtet den Erfolg des anderen nicht als eigene Niederlage. Möglicherweise liegt darin eine der feinsten Formen menschlicher Großzügigkeit.
Brüderlichkeit in einer lauten Zeit
Unsere Gegenwart macht Brüderlichkeit nicht unmöglich, aber sie stellt sie vor neue Prüfungen. Noch nie war es so leicht, mit vielen Menschen in Verbindung zu stehen, und noch nie konnten Menschen so schnell übereinander urteilen. Digitale Kommunikation verkürzt Entfernungen, verkürzt aber gelegentlich auch die Geduld. Eine Bemerkung ist rasch geschrieben, ein Urteil schnell gefällt, eine Empörung mühelos weitergereicht. Das persönliche Gegenüber, das einen sonst vielleicht mäßigen würde, fehlt. Wir sehen nicht, wie der andere auf unsere Worte reagiert, und müssen seinen Blick nicht aushalten.
Zugleich hat sich eine Kultur der Sichtbarkeit entwickelt. Vieles, was wir tun, kann öffentlich gemacht, bewertet und gezählt werden. Aufmerksamkeit besitzt Messgrößen. Zustimmung lässt sich in Zahlen ausdrücken. Das ist zunächst weder gut noch schlecht; es verändert jedoch unsere Wahrnehmung. Wo Sichtbarkeit zur Währung wird, gerät das Unsichtbare leicht aus dem Blick.
Brüderlichkeit gehört wesentlich zum Unsichtbaren. Sie ereignet sich gewöhnlich ohne Publikum, ohne Applaus und ohne fotografische Dokumentation. Sie zeigt sich in einem Telefonat, einem Besuch, einem rechtzeitigen Schweigen oder einem offenen Wort. Sie kann darin bestehen, jemandem die Hand zu reichen, der sich gerade nicht von seiner besten Seite gezeigt hat. Manchmal zeigt sie sich schlicht darin, dass einer bleibt, obwohl es angenehmer wäre zu gehen.
„Ein Mensch verhält sich anständig gegenüber anderem Menschen“ dürfte selbst an einem nachrichtenarmen Tag kaum eine Schlagzeile werden. Und dennoch hängt erstaunlich viel von genau solchen unspektakulären Vorgängen ab. Eine Gesellschaft lebt nicht allein von Gesetzen, Institutionen und Verträgen. Sie lebt ebenso von ungezählten Gesten der Rücksicht, Verlässlichkeit und Selbstbegrenzung. Wenn dieses unsichtbare Gewebe zerreißt, lässt es sich durch noch so viele Regeln nur unvollkommen ersetzen.
Die Loge als Übungsraum
Hier erhält die Freimaurerloge eine besondere Bedeutung. Nicht weil Freimaurer grundsätzlich bessere Menschen wären – eine These, für die sich in mehreren Jahrhunderten Logengeschichte vermutlich nur schwer ein überzeugender empirischer Nachweis führen ließe. Eine Loge kann aber ein Übungsraum sein. Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen, Berufen, Temperamenten und Auffassungen versuchen dort, einander auf gleicher Höhe zu begegnen. Sie müssen nicht gleich denken und schon gar nicht gleich sein. Aber sie verpflichten sich auf die Vorstellung, dass keiner den anderen allein durch Rang, Amt, Vermögen oder gesellschaftliche Stellung menschlich überragt.
Das Ideal ist hoch, und gerade deshalb wird man ihm nicht immer gerecht. Doch ein Ideal verliert seinen Wert nicht dadurch, dass Menschen an ihm scheitern. Sonst müssten wir sämtliche Tugenden abschaffen. Entscheidend ist vielmehr, ob eine Gemeinschaft die Fähigkeit besitzt, das eigene Verhalten an ihrem Anspruch zu messen.
Eine Loge ist dann brüderlich, wenn ein Bruder nicht befürchten muss, dass seine Schwächen gesammelt und irgendwann gegen ihn verwendet werden; wenn Ämter als vorübergehende Aufgaben und nicht als menschliche Rangstufen verstanden werden; wenn Kritik offen ausgesprochen werden kann, ohne dass aus ihr Feindschaft entsteht; und wenn selbst nach einem heftigen Streit die Möglichkeit bleibt, einander wieder die Hand zu reichen. Das freimaurerische Ideal erhält gerade dort seinen Sinn, wo es das Ritual verlässt und zum Verhalten wird.
Was für die Loge gilt, reicht allerdings weit über sie hinaus. Familien, Freundeskreise, Vereine, Nachbarschaften und jede andere Form menschlicher Gemeinschaft brauchen solche Räume. Räume, in denen Menschen nicht fortwährend nach ihrem Nutzen taxiert werden, in denen nicht jeder Fehler sofort eine endgültige Etikettierung nach sich zieht und in denen Verschiedenheit ausgehalten werden kann, ohne dass Gleichgültigkeit daraus entsteht.
Eine Wette auf den Menschen
Vielleicht lässt sich Brüderlichkeit am Ende tatsächlich als eine Wette verstehen: als Wette darauf, dass Vertrauen nicht missbraucht wird, dass Offenheit möglich bleibt, dass ein Mensch mehr ist als sein schlechtester Augenblick und dass Treue bestehen kann, ohne blind zu werden. Diese Wette ist nicht risikolos. Wer vertraut, kann enttäuscht werden. Wer verzeiht, kann erneut verletzt werden. Wer sich vor einen anderen stellt, kann selbst in Kritik geraten. Eine Welt, in der niemand mehr bereit wäre, solche Risiken einzugehen, wäre wahrscheinlich ausgesprochen sicher – und unerträglich kalt.
Brüderlichkeit ist deshalb keine sentimentale Zugabe zu einer ansonsten vernünftig organisierten Gesellschaft. Sie gehört zu den Bedingungen, unter denen aus bloßem Nebeneinander menschliches Zusammenleben wird. Sie lässt sich nicht anordnen und nicht einklagen. Man kann nur damit anfangen, sie selbst zu gewähren. Vielleicht liegt darin ihr unbequemster Gedanke, denn wir neigen dazu, eine bessere Gemeinschaft zunächst von den anderen zu erwarten. Die anderen müssten verständnisvoller sein, aufmerksamer, nachsichtiger und verlässlicher; danach wären auch wir durchaus bereit, unseren Beitrag zu leisten.
So funktioniert es leider nicht. Brüderlichkeit beginnt beim Einzelnen: in der Art, wie er einem Widerspruch begegnet, wie er über einen Abwesenden spricht, wie er auf den Erfolg eines Freundes reagiert und ob er bereit ist, einem Menschen nach einem Fehler noch einmal die Hand zu reichen. Meist ist das nichts Großes. Es gibt dafür keine Bühne und keinen Beifall. Brüderlichkeit ist ohnehin keine Tugend für Zuschauer. Ihr natürlicher Ort ist der gewöhnliche Alltag.
Vielleicht liegt gerade darin ihre Bedeutung. Sie sagt dem anderen nicht, dass er vollkommen sei. Sie verspricht ihm auch nicht, dass man immer seiner Meinung sein werde. Sie sagt etwas sehr viel Nüchterneres und zugleich Wertvolleres: Du musst vor mir keine Rolle spielen. Ich werde dir widersprechen, wenn ich dich im Irrtum sehe, aber ich werde dich deshalb nicht verachten. Ich werde deine Schwäche nicht zu meinem Vorteil benutzen und nicht hinter deinem Rücken an deinem Fall arbeiten. Und wenn es schwierig wird, werde ich zumindest nicht leichtfertig der Erste sein, der geht.
Das mag für eine große Tugend erstaunlich bescheiden klingen. Doch vielleicht ist Brüderlichkeit gerade deshalb so kostbar. Sie verlangt keine großen Worte. Sie verlangt nur, dass wir die kleinen ernst nehmen.








