Sie wollen Freimaurer werden?

Antworten auf Fragen, die Aufnahmesuchende oft bewegen
Lesedauer: ca. 25 Minuten

Autor: Kurt O. Wörl

Was heißt es eigentlich, Freimaurer zu werden – und was erwartet einen Menschen, der an die Tür einer Loge klopft?

Ein Suchender stellt die Fragen, die sich bis heute viele Interessierte stellen: nach Sinn und Ziel der Freimaurerei, nach Brüderlichkeit, zum freimaurerischen Ritual und zum „Geheimnis“, nach Religion, Weltanschauung und persönlicher Freiheit.

Ein Gespräch über die Arbeit am eigenen Ich, über Zweifel und Erkenntnis – und darüber, weshalb man einer Loge nicht beitritt, um etwas zu bekommen, sondern um an sich selbst und am gemeinsamen Bau zu arbeiten.

 


Plauderei zum Thema (KI)

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Sie wollen Freimaurer werden?

Die folgende fiktive Unterhaltung geht auf einen Urtext von Paul Otto Ruppert zurück, der vor 1932 Mitglied der Leipziger Freimaurerloge „Zu den drei Ringen“ war. Ich habe den Text vom pathetischen Duktus der wilhelminischen Zeit befreit und an die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts angepasst.

Im Gespräch: ein Freimaurermeister und ein Aufnahmesuchender.

Freimaurermeister

Sie wollen also Freimaurer werden?

Aufnahmesuchender

Ich habe viel über die Freimaurerei gehört und gelesen. Die Lektüre hat mich bewegt und zum Nachdenken gebracht. Ja, ich bin mir sicher: Ich möchte der Freimaurerei beitreten.

Freimaurermeister

Das freut mich. Doch erinnern Sie sich bitte an meine genaue Frage. Ich fragte nicht: „Wollen Sie Freimaurer werden?“, sondern: „Sie wollen Freimaurer werden?“

Aufnahmesuchender

Der Unterschied ist mir aufgefallen, aber ich habe ihm keine besondere Bedeutung beigemessen.

Freimaurermeister

Dann will ich ihn erklären. Weder ich noch einer meiner Brüder werden Sie auffordern, unserem Bund beizutreten. Gerne beantworte ich aber Ihre Fragen, damit Sie sich selbst ein möglichst klares Bild von der Freimaurerei machen können.

Aufnahmesuchender

Dafür danke ich Ihnen. Ihre Auskünfte werden mir helfen, eine eigene Entscheidung zu treffen.

Freimaurermeister

Genau darum geht es. Meine Frage lautete: „Sie wollen Freimaurer werden?“ Jedes einzelne Wort hat hier sein Gewicht.

Das „Sie“ meint Sie als unverwechselbare Persönlichkeit mit Ihren besonderen Eigenschaften. Es klingt darin auch die Frage an: „Sie – gerade Sie?“ Sie sollen sich also ernsthaft fragen, ob Sie für diesen Weg geeignet sind.

Das „wollen“ bezeichnet mehr als einen flüchtigen Wunsch. Gemeint ist ein inneres Bedürfnis, das allein aus Ihnen selbst erwächst und Ihre ganze Persönlichkeit erfasst. Nur ein freier, unbeeinflusster Wille kann Sie auf diesen Weg führen.

„Freimaurer“ ist für Sie zunächst ein Name. Er bezeichnet eine Lebenshaltung, die Sie noch nicht aus eigener Erfahrung kennen. Vielleicht verbinden Sie damit bisher nur eine Gemeinschaft von Menschen, die eigene Formen des Zusammenlebens und des Umgangs miteinander pflegt.

Und schließlich „werden“: Das ist kein Zustand, den Sie mit Ihrer Aufnahme einfach erreicht hätten. Es bezeichnet eine Entwicklung, die vor Ihnen liegt, die Sie selbst durchleben müssen und in der sich Ihr Vorhaben vielleicht auch nur schrittweise verwirklicht.

Aufnahmesuchender

Ich glaube, jetzt verstehe ich Ihre Frage. Zugleich entdecke ich, wie viel Bedeutung in der genauen Wahl unserer Worte liegen kann.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, beansprucht die Zugehörigkeit zu Ihrem Bund meine ganze Persönlichkeit: meine geistigen und materiellen Kräfte, meinen Willen und meine besondere Art, zu denken und zu handeln. Stimmt das?

Freimaurermeister

Ja. Vor allem kommt es auf Ihren ganzen, beständigen und unbeirrbaren Willen an …

Aufnahmesuchender

… den ich in die besondere Arbeit Ihrer Gemeinschaft einbringen soll. Sie verstehen die Freimaurerei als Lebensschule und vergleichen sie mit der Kunst des Steinmetzen: Ein kundiger Handwerker formt unter seiner geschulten Hand aus einem rohen Stein eine wohlgestaltete Figur …

Freimaurermeister

… die zu einem eigenständigen, in sich stimmigen Werk wird …

Aufnahmesuchender

… das zwar vollendet erscheint, als Bild des Menschen und seines Wirkens aber stets im Werden bleibt. Im Leben gibt es keine endgültige Vollendung. Neue Zeiten und veränderte Umstände stellen immer neue Anforderungen – an den Zweck wie an die Gestalt dessen, was wir schaffen.

Freimaurermeister

Es freut mich, dass Sie meine Frage so ernst nehmen.

Aufnahmesuchender

In mir wächst der Wunsch, an einer Aufgabe mitzuwirken, deren Bedeutung für das Leben der Menschen ich bisher wohl nur erahne.

Freimaurermeister

Diese Aufgabe hat die Freimaurerei tatsächlich, wenn man sie in ihrem eigentlichen Sinn versteht. Und sie wird ihr künftig noch stärker nachkommen müssen.

Sie haben den Kern meiner Frage erfasst. Eine ähnliche Frage stellt ein Leiter in einem Betrieb, einem Büro, einer Behörde oder einer höheren Schule. Auch ein Meister stellt sie, wenn ein junger Mensch bei ihm eine Lehre beginnen möchte.

Vor diesem Meister steht jemand, der Fähigkeiten in sich spürt, die er noch nicht voll entfaltet hat. Unter der Anleitung eines erfahrenen Lehrers will er sie entdecken und entwickeln. Was die Ausbildung von ihm verlangen und wohin sie ihn führen wird, kann er noch nicht vollständig überblicken. Dennoch trägt er bereits ein Ideal seiner künftigen Arbeit in sich.

Nach der Lehre möchte er selbst ein Könner sein. Er will das Gelernte nicht bloß wiederholen, sondern das übernommene Handwerk durch eigene Gedanken und eigene schöpferische Arbeit weiterentwickeln. Seine Ideen drängen darauf, Wirklichkeit zu werden. Und er weiß: Eines Tages wird er sein Wissen und Können an neue Lehrlinge und kommende Generationen weitergeben. Auch diese Aussicht erfüllt ihn mit Freude.

Aufnahmesuchender

Sie sprechen aus, was ich selbst denke.

Freimaurermeister

Dann verstehen wir einander bereits recht gut. Ich muss Ihnen wohl nicht ausführlich erklären, welche falschen Vorstellungen manche Menschen von den Zielen der Freimaurerei haben …

Aufnahmesuchender

… etwa die Vorstellung, sie sei vor allem ein Bruderbund zur gegenseitigen Unterstützung in schwierigen Lebenslagen?

Freimaurermeister

Wer allein das sucht, wird enttäuscht werden und sollte unserem Bund besser fernbleiben. Die Freimaurerei ist weder eine Versicherung noch eine Zuflucht für Menschen, die ihre wirtschaftliche Existenz sichern wollen. Sie hat eine andere Aufgabe. Für solche Hilfs- und Rettungsmaßnahmen gibt es eigene Einrichtungen und Vereine.

Aufnahmesuchender

Aber ich höre doch immer wieder von brüderlicher Hilfe für Notleidende, für Witwen und Waisen …

Freimaurermeister

Diese Hilfe erwächst ganz natürlich aus der engen Gemeinschaft der Brüder. Sie ist jedoch weder Selbstzweck noch unsere einzige Aufgabe.

Denken Sie an einen gewissenhaften Baumeister. Entdeckt er an einem soliden, sturmerprobten Haus Schäden, lässt er sie nicht wachsen. Er bessert aus, was beschädigt ist, und richtet wieder auf, was eingestürzt ist. Nur völlig verfaultes oder wurmstichiges Material entfernt er entschieden.

Ebenso wird die freimaurerische Gemeinschaft einem Bruder beistehen, der durch das Eintreten für seine Überzeugungen und seine freiheitliche, freigeistige Haltung unverschuldet in Not gerät. Sie hilft nach Kräften auch dort, wo der harte Lebenskampf einen aufrechten Menschen getroffen hat oder Krankheit und Unglück seine körperlichen oder geistigen Kräfte beeinträchtigen.

Aufnahmesuchender

Und wenn ein Freimaurer für eine wissenschaftliche Arbeit um Unterstützung seiner Logenbrüder bittet? Darf er in größerem Umfang damit rechnen?

Freimaurermeister

Darauf kann ich nur allgemein antworten. Es entspricht dem Wesen unserer Gemeinschaft, eine erbetene Hilfe nach den vorhandenen Möglichkeiten zu gewähren – zumal dann, wenn die Arbeit auch den freimaurerischen Gedanken stärken kann.

Ein Anspruch darauf besteht allerdings nicht. Niemand darf solche Unterstützung zur Voraussetzung seiner Mitgliedschaft machen. Sie kommt nur unter bestimmten Bedingungen und in besonderen Fällen zustande. Darin unterscheidet sie sich auch von der kirchlich geprägten christlichen Liebestätigkeit.

Ein Bruder darf die Hilfe weder als geschuldete Leistung fordern noch gar versuchen, sie gerichtlich einzuklagen oder zu erzwingen.

Aufnahmesuchender

Das leuchtet mir ein. Die Ziele der Freimaurerei müssen also weiter reichen und frei von Eigennutz sein. Aber man hört doch auch von Festen und fröhlicher Geselligkeit …

Freimaurermeister

Gewiss. Nach der Arbeit darf man sich mit anderen an einer Tafel versammeln, bei guten Gesprächen, Speisen, Gesang und Getränken auf das Geleistete zurückblicken und neue Vorhaben ins Auge fassen. Doch auch das ist weder Selbstzweck noch ständige Beschäftigung und erst recht nicht das Ziel des Bundes. Ein gelegentliches Fest soll die geleistete Arbeit bereichern, nicht ersetzen.

Aufnahmesuchender

Das verstehe ich und halte es auch für richtig. Verzeihen Sie meine vielen Zwischenfragen …

Freimaurermeister

Sie sind keineswegs überflüssig. Ich beantworte sie gerne.

Aufnahmesuchender

Ihre Antworten stärken mein Vertrauen, dass ich in diesem Kreis eine Lebensschule finden könnte, in der ich meine Persönlichkeit entwickle und mich bewähre.

Freimaurermeister

Dieses Vertrauen wird nicht enttäuscht werden, sofern Ihr Wille dem Ziel treu bleibt und Sie sich nicht entmutigen lassen. Auch in der Königlichen Kunst – so nennen wir die Gesamtheit freimaurerischen Wirkens – gibt es Ablenkungen und Hindernisse. Schließlich bleiben wir Menschen mit körperlichen und geistigen Grenzen. Man hat sie auch „kosmische Abhängigkeiten“ genannt.

Aufnahmesuchender

Das ist mir bewusst. Jedem schwindet wohl irgendwann das Vertrauen in die eigene Kraft. Jeder verliert einmal den Mut, zweifelt an den Aufgaben, die vor ihm liegen, oder fragt sich, ob die angebotene Lehre und ihre Methoden tatsächlich den richtigen Weg weisen.

Freimaurermeister

Auch ein Schüler zweifelt bisweilen an seinen Lehrern und an deren Führung. Solche Zweifel muss er mit sich selbst austragen und überwinden. Ihre Bemerkung zeigt mir, dass Sie die eigentliche Aufgabe der Freimaurerei bereits erahnen.

Sie will eine freie Akademie der Lebenskunst sein, eine geistige Bauschule, die Menschen dazu befähigt, am symbolischen Tempel der ganzen Menschheit mitzuarbeiten. Die Begriffe „Tempelbau“, „Baukunst“ und „Königliche Kunst“ stammen aus der Sprache des Maurerhandwerks. Bei uns stehen sie als Sinnbilder für einen weitreichenden geistigen Inhalt.

Eines möchte ich gleich klarstellen: Aus dem Wort „Tempel“ darf niemand schließen, die Freimaurerei wolle mit den Religionsgemeinschaften konkurrieren oder selbst eine Religion beziehungsweise einen Religionsersatz bilden.

Aufnahmesuchender

Solche Behauptungen kenne ich: Die Freimaurerei sei eine Fortsetzung und Erweiterung des Christentums oder gar eine Kampforganisation einer neuen Religion gegen die bestehenden Konfessionen …

Freimaurermeister

… darüber möchte ich später noch sprechen. Zunächst aber will ich das Wort „Kampforganisation“ aufgreifen, genauer: den Begriff „Kampf“. Denn auch der Kampf gehört zu unserer Lebenskunst – so, wie jeder Mensch um seine Ziele und seinen Platz im Leben ringen und sich gegenüber Mitbewerbern behaupten muss.

Aufnahmesuchender

Die Freimaurerei lehrt also: „Mensch sein heißt Kämpfer sein.“

Freimaurermeister

In diesem Satz hat Goethe eine Lebenserfahrung verdichtet – und er war gewiss einer der bedeutendsten Freimaurer. Hatte er nicht recht?

Ist die Entwicklung der Menschheit nicht auch ein fortwährendes Ringen des aufstrebenden Neuen mit dem Beharrungsvermögen des Alten?

Entsteht nicht im Wettstreit mit bestehenden, begrenzten und mitunter erstarrten Regeln eine neue Form?

Muss nicht jede neue Idee erst Anerkennung finden und ihr Recht behaupten, neben dem Bestehenden einen Platz einzunehmen?

Beim Bauen wird ungeordnetes Material in Bewegung gesetzt, bearbeitet und nach einem Plan zu einer gewollten Form zusammengefügt.

Ein Bauplan verbindet, was auseinanderstrebt, und bringt widerstrebende Kräfte durch überlegte Zuordnung, Verbindung und Abstufung in ein tragfähiges Ganzes.

So verstanden bedeutet Bauen, das Ungeformte und Ungeordnete mit kluger Kraft zu gestalten. Aus diesem ordnenden „Kampf“ erwächst eine umfassende „Liebe“: Sie überwindet Gegensätze nicht nur, sondern verbindet das Verschiedene zu einer dauerhaften Einheit, getragen von einem gemeinsamen Willen …

Aufnahmesuchender

Sie öffnen mir den Zugang zu Gedanken, die mir bisher fremd waren …

Freimaurermeister

Ihr Wille wird sich zunächst gegen das Niedrige und Gemeine in Ihnen selbst behaupten müssen – gegen den noch ungeformten, rohen Anteil Ihrer eigenen Persönlichkeit. Auch Ihr Streben nach Wahrheit, Güte und Schönheit wird sich im Zusammenleben mit anderen bewähren müssen. Dazu gehören Liebe, Opferbereitschaft und wohlüberlegte eigene Entscheidungen.

Aufnahmesuchender

Das ist ein schöner Gedanke. Aber wie können Kampf und Liebe in diesem Sinn miteinander verbunden sein?

Freimaurermeister

Indem wir auch dem Gegner achten, was ihm wertvoll ist, und selbst den Unterlegenen vor vernichtendem Hass und dauernder Feindschaft bewahren. Wir Freimaurer wollen durch geduldige Aufklärung, verständnisvolle Überzeugungsarbeit und vor allem durch das Beispiel unseres eigenen Handelns etwas verändern. Niemals wollen wir andere unterwerfen, versklaven oder vernichten.

Aufnahmesuchender

Sie betrachten Kampf und Liebe also als zwei Seiten derselben Tätigkeit?

Freimaurermeister

Ja, als die beiden Bezugspunkte unserer Arbeit am rauen Stein. Wir kämpfen gegen Unordnung und unwürdige menschliche Verhältnisse, aber wir tun es aus Liebe zu einer Menschheit, die Fehler hat und dennoch fähig ist, sich zu bilden und in einer glücklicheren Gemeinschaft zusammenzuleben.

Als Freimaurer werden Sie lernen, Ihren eigenen Idealismus mit der widerspenstigen Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Diese Wirklichkeit kann Ihnen in den eigenen Gedanken begegnen, in Familie und Beruf, in Staat und Gesellschaft oder in Ihren Vorstellungen vom Glück und von der Zukunft der Menschheit. Vielleicht fehlt Ihrer Idee noch jede greifbare Gestalt. Vielleicht wird sie bereits von anderen verwirklicht, jedoch auf eine Weise, die nach Ihrer Überzeugung nicht zum richtigen Ziel führt.

Ihre erste Pflicht ist deshalb die Selbsterkenntnis. Werden Sie sich darüber klar, wie Sie denken und empfinden, was Ihnen angeboren und was Ihnen anerzogen ist. Erkennen Sie Ihre körperlichen und seelischen Kräfte und richten Sie Ihr Handeln danach aus. So können Sie an dem ethischen Ideal mitarbeiten, das wir im Bild eines Dombauplans darstellen: einer glücklichen Gemeinschaft aller Menschen.

„Sei du gut und werde du besser, dann werden auch die anderen gut und die Erde wird zum Hort des Besten.“ Selbsterkenntnis führt auf diesem Weg zu Selbstbeherrschung und zur Veredelung der eigenen Persönlichkeit – und damit zu einer schöneren Menschheit. Das ist der allgemeine Bauplan der Freimaurerei.

Aufnahmesuchender

Kann das „Erkenne dich selbst!“ nicht auch in Resignation und Lebensverneinung münden, in die bittere Einsicht: „Alles ist eitel“?

Freimaurermeister

Aus freimaurerischer Sicht nicht zwangsläufig. Wir verstehen uns als Erbauer kühner und schöner Werke und halten an dem Gedanken fest: „Der Mensch ist stärker als das Schicksal.“ Beim Dombau überwindet der forschende Geist den Widerstand des Materials und gibt ihm die beabsichtigte Gestalt. Ein Baumeister könnte sagen:

„Überall um mich liegen unförmige und fehlerhafte Steine. Doch ich kann sie nach Maß und Winkel bearbeiten und so aufeinanderfügen, dass sie sich gegenseitig tragen und stützen. Schicht um Schicht wächst aus ihnen – wie ein Baum oder ein Berg – ein Kunstwerk, das Zeit und Sturm trotzt und meinem Willen, meiner Idee Gestalt gibt.“

Ebenso kann der noch unvollkommene, profane Mensch durch einen aufrechten Willen und beharrliche Anstrengung an sich arbeiten, bis er einer starken, hoch aufragenden Säule gleicht.

Zu dieser Zuversicht gelangen wir auch durch die wissenschaftliche Erforschung der Entwicklung unseres Planeten, durch das immer tiefere Verständnis der Welt und ihres Werdens – jener Welt, in der unsere Arbeit stattfindet …

Aufnahmesuchender

Verzeihen Sie, dass ich so mutlos gefragt habe.

Freimaurermeister

Ich möchte Ihre Bedenken noch auf eine andere Weise beantworten. Der Dichter Emil Gött hat unser Streben in eindrucksvolle Verse gefasst:

„Durchsichtig wie der edelste Kristall
muss um mich steh’n und leuchten rings das All,
kein dunkler Fleck darf fürder an ihm sein.
Wie schaff’ ich das? – Ich glüh’ mich selber rein.“

Darum geht es: Im fortwährenden Ringen mit sich selbst zu beweisen, dass Sie wirklich wollen – dass Sie Freimaurer werden wollen und trotz aller Schwierigkeiten an Ihrer Aufgabe festhalten.

Das verlangt dauerhafte Liebe zu Ihrem persönlichen Lebensplan, der zugleich Teil des Plans Ihrer Gemeinschaft ist. Sein Leitgedanke lautet: die Lebensverhältnisse und das Glück der Menschen durch sittliche Bildung des Einzelnen weiterzuentwickeln; Menschen zu bewusstem Zusammenwirken zu befähigen und eine Gemeinschaft zu schaffen, in der jeder die größtmögliche Chance auf ein glückliches Leben erhält.

Aufnahmesuchender

Dann ist die „Arbeit“ die eigentliche Triebkraft Ihres Bundes!

Freimaurermeister

Gewiss – und zwar bis zur letzten Stunde des Lebens. Arbeit an sich selbst, in der Familie, unter Freunden und im öffentlichen Leben. Immer wieder mit neuem Mut und unverminderter Tatkraft.

Aufnahmesuchender

Das Bild der Baukunst eignet sich also besonders gut, um die Lehre der Freimaurer und die schwierigen Fragen des menschlichen Daseins anschaulich zu machen. Es hilft, das Wesen des Menschen zu verstehen, und fordert zugleich zu entschlossenem Handeln auf.

Freimaurermeister

Die Kraft, Tiefe und umfassende Bedeutung dieses Gleichnisses werden Sie in unserer gemeinschaftlichen Arbeit noch besser kennenlernen. Sie werden aber auch verstehen, dass seine vollständige Auslegung und Anwendung zur geistigen Schulung und Willensbildung unserer Mitglieder gehört – zu unserem Werkgeheimnis.

Aufnahmesuchender

Die Freimaurerei hat also doch ein Geheimnis, ein Mysterium, ähnlich wie eine religiöse Glaubensgemeinschaft?

Freimaurermeister

Ja und nein, lieber Freund. Nein, wenn Sie unter einem Mysterium etwas Magisches oder Übernatürliches verstehen. Ja, wenn Sie damit etwas meinen, das wir vor unbefugten Blicken und Ohren bewahren und vor verständnislosem Spott schützen.

Ich habe es ein Werkgeheimnis genannt. Auch Wissenschaften, Handwerke und Unternehmen haben interne Verfahren, Organisationsformen und Aufgabenverteilungen, die nicht jeder Öffentlichkeit zugänglich sind. Ihr Schutz ist rechtlich anerkannt.

Und jede Familie hat Angelegenheiten, die sie mit gutem Grund für sich behält. Eine Loge ist in gewisser Weise eine große Familie. Die Abgeschlossenheit unserer Arbeiten soll vor allem ermöglichen, dass die freimaurerische Idee in ihrer besonderen Form ungestört wirkt, zum Nachdenken anregt und Geist und Gemüt erreicht.

Diese Stille wird leider oft mit Geheimniskrämerei verwechselt. Wir wollen den Ritus, die besondere Form unserer Zusammenkünfte und die ihr zugrunde liegende Idee vor der Verflachung durch Alltagsgerede schützen. Hinzu kommen die enge Freundschaft der Brüder und ihr gemeinsames Bemühen um die Verwirklichung unserer Ideale. Ein geschützter Kreis ermöglicht Vertrauen und einen offenen Gedankenaustausch.

Historisch hatte diese Abgeschlossenheit zudem eine andere Bedeutung: Sie konnte vor Verfolgung und Unterdrückung durch staatliche oder konfessionelle Mächte schützen.

Aufnahmesuchender

Das eigentliche Geheimnis liegt demnach im Brauchtum, im Ritual und in den besonderen Formen des Umgangs miteinander?

Freimaurermeister

So ist es. Das Brauchtum ist ein symbolischer Ausdruck von Weisheit, Willenskraft und Herzensgüte. Es beschäftigt den Verstand, bewegt das Gemüt und hält den Willen wach, sich weiterzuentwickeln. Gerade dadurch verleiht es der freimaurerischen Arbeit eine besondere, immer wieder neu erfahrbare Schönheit.

Aufnahmesuchender

Ich habe allerdings schon Schriften gelesen, in denen freimaurerische Gebräuche öffentlich beschrieben und damit vermeintlich enthüllt werden.

Freimaurermeister

Das stimmt. Aber keine solche Veröffentlichung, ob mündlich oder schriftlich, hat dem Außenstehenden den inneren Sinn und die persönliche Wirkung des gelebten Brauchtums vermitteln oder diese Wirkung für den Freimaurer zerstören können. Im Handbuch des Freimaurerbundes „Zur aufgehenden Sonne“ heißt es: „Ihre Formeln können verraten werden, nie aber das erlebte Geheimnis, der Gehalt der Königlichen Kunst.“

Aufnahmesuchender

Bleibt dann nicht doch noch ein letztes Geheimnis: eine mystische, unerklärliche Wirkung?

Freimaurermeister

Ich wiederhole: Wenn Sie sich darunter eine Wirkung vorstellen, wie sie die Kirche ihren Gnadenmitteln in der eucharistischen Verwandlungslehre zuschreibt oder wie sie den alten ägyptischen und eleusinischen Mysterien nachgesagt wird, verstehen Sie uns falsch.

In der Freimaurerei, wie wir sie begreifen, besitzen Symbole und Rituale keine Zauberkraft, die von außen auf Geist oder Körper des Menschen übergeht. Sie wirken nicht durch eine übernatürliche Übertragung vom Sinnbild auf denjenigen, der es betrachtet oder erlebt.

Aufnahmesuchender

Vielleicht haben Außenstehende durch einen unpassenden Vergleich diesen Eindruck gewonnen?

Freimaurermeister

Halten wir das Wesentliche fest: Ziel der Freimaurerei ist die Entwicklung freier, selbstbestimmter Persönlichkeiten, die sich von fremder Bevormundung lösen, ihren Willen eigenständig bilden und im Rahmen ihrer Kultur nach größtmöglicher Vollendung streben.

Diese ethische Arbeit geschieht mit anderen, verlangt aber eigene Erziehung und die bewusste Pflege dessen, was vernünftig, rein, klar und schön ist und was Natur und menschliches Leben uns als Vorbild bieten.

Unter Natur verstehen wir die gesamte Welt des Werdens. Kultur bedeutet für uns, diese sich entwickelnde Welt bewusst zu gestalten, damit sie für die heute Lebenden und für künftige Generationen reicher, schöner und glücklicher wird. Darauf verweisen unsere Symbole und Gebräuche – nicht auf übernatürliche oder übersinnliche Vorgänge und auch nicht auf Hoffnungen auf ein Jenseits.

Aufnahmesuchender

Ich habe allerdings auch von einer wundergläubigen, mystischen und mittelalterlich anmutenden Freimaurerei gelesen. Davor wurde ich ausdrücklich gewarnt.

Freimaurermeister

Solche Fehlentwicklungen hat es gegeben. In der frühen Geschichte der Freimaurerei erlagen einzelne Brüder, Logen und Verbände in Deutschland und anderen Ländern mystischen Vorstellungen, die bisweilen sogar an Betrug grenzten. Die freimaurerische Geschichtsschreibung verschweigt diese Phase nicht. Sie werden darüber noch einiges erfahren. Für den Augenblick genügt: Innerhalb der Freimaurerei gab es rechtzeitig Widerstand dagegen, und vieles von diesem Ballast wurde aus dem Brauchtum entfernt.

Gerade diese Fehlentwicklungen und die mystischen Reste älterer Rituale waren ein Grund für die Entstehung unserer freigeistigen Bauhütte und des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne. Zu ihm gehörte unsere Nürnberger Loge Zur Wahrheit als Mutterloge und Landesloge für Bayern, bis sie sich am 20. März 1933 selbst auflöste. In der Zeit dieser Bearbeitung gehört die Loge Zur Wahrheit zur humanitären Großloge der Alten Freien und Angenommenen Freimaurer von Deutschland innerhalb der Vereinigten Großlogen von Deutschland. Ich kann Ihnen versichern, dass die Jahrhunderte zurückliegenden Fehlentwicklungen unser Brauchtum nicht geprägt haben.

Aufnahmesuchender

Dann gibt es innerhalb der Freimaurerei also verschiedene Systeme und unterschiedliche Auffassungen der Lehre? Ich hatte sie mir als ein durchweg einheitliches Gebilde vorgestellt.

Freimaurermeister

Das ist ein verbreiteter und verständlicher Irrtum. Einheit wird leicht mit Gleichförmigkeit verwechselt. Nehmen wir einen Vergleich aus Arithmetik und Algebra: Es gibt verschiedene Rechenwege, die zum selben Ergebnis führen. Wenn der gewählte Rechenweg richtig ist, bleibt das Ergebnis dasselbe.

Aufnahmesuchender

Das ist ein einleuchtender Vergleich. Verschiedene Wege müssen die Einheit des gemeinsamen Ziels also nicht beeinträchtigen.

Freimaurermeister

Genau. Die Vielfalt freimaurerischer Systeme muss die Einheit des Grundgedankens nicht infrage stellen. Das angestrebte Ergebnis ist ein weises, starkes und schönes Menschentum, gefördert durch Unterweisung und Übung nach den Gesetzmäßigkeiten der Natur.

Aufnahmesuchender

Dann möchte ich die Unterschiede dieser Systeme, um bei Ihrem Bild zu bleiben: ihre verschiedenen „Baustile“, genauer kennenlernen. Ich möchte herausfinden, welcher meiner Denkweise und meinen Neigungen entspricht und auf welchem Weg ich das angestrebte Ziel am ehesten erreichen kann.

Freimaurermeister

Das ist ein berechtigter Wunsch. Ich will Ihnen die Unterschiede unserer geistigen Bauschulen gerne erläutern. Es wäre falsch, einen künftigen Bruder im Unklaren darüber zu lassen, welcher Teil des gemeinsamen Werkes in einer bestimmten Bauhütte geleistet wird und welcher Geist dort herrscht.

Wie sollte jemand sinnvoll mitarbeiten, wenn Arbeitsweise und Richtung seinen Überzeugungen widersprechen oder er nicht die Möglichkeit hat, in diesem Stil selbstständig zu denken, zu planen und schöpferisch tätig zu werden? Gerade diese selbstständige Ausübung der freimaurerischen Arbeit ist schließlich das Ziel der Schulung.

Aufnahmesuchender

Das wünsche ich mir ebenfalls. Bloßes Nachahmen und Nachsprechen erschiene mir eines freien Mannes unwürdig – zumal dann, wenn er im bürgerlichen Beruf längst eine selbstständige und geachtete Stellung erreicht hat.

Freimaurermeister

So ist es. Wir wünschen uns Männer von gutem Ruf und aufrechter Gesinnung, die den Aufgaben des Lebens mit Mut, freiem Blick und erhobenem Haupt begegnen. Solche Menschen werden Sie hier finden und in ihnen treue Berater und Weggefährten gewinnen. Ihnen erschließt sich auch das Besondere der jeweiligen Bauhütte.

Damit unsere Unterhaltung nicht ausufert, beschränke ich mich zunächst auf die Verhältnisse in Deutschland.

Aufnahmesuchender

Das überlasse ich selbstverständlich Ihrem Ermessen. Ich bin für jeden Einblick dankbar.

Freimaurermeister

Im Wesentlichen lassen sich zwei Strömungen unterscheiden: die christlichen und die humanitären Logen.

Die christliche Richtung geht davon aus, dass die Arbeit an der menschlichen Gemeinschaft auf einem ausdrücklich christlichen Fundament stehen müsse, um dem freimaurerischen Ideal einer „allgemeinen Religion“ zu entsprechen. Die Person Jesu gilt ihr als höchstes menschliches Vorbild. Entsprechend prägen biblische Erzählungen und Überlieferungen ihr Brauchtum. In diesem Verständnis sieht sie ihren eigenen Weg als Träger des echten Rings, von dem Weisheit ausgeht.

Die humanitäre Richtung setzt dagegen auf die Entfaltung menschlicher Kräfte: auf eine vernünftige Auffassung des diesseitigen Lebens, die Entwicklung von Geist und Körper und die gute Gestaltung des Zusammenwirkens von Menschen und Gemeinschaften. Darin sieht sie die Grundlage für menschliches Glück. Sie lässt jedem die Freiheit, sich sein persönliches oder unpersönliches Ideal der Vollkommenheit zu bilden und es nach eigenem Verständnis zu benennen. Dadurch steht die Freimaurerei auch Nichtchristen offen.

Aufnahmesuchender

Mir scheint die humanitäre Richtung die aussichtsreichere zu sein.

Freimaurermeister

Ihr gehören nach den Zahlen dieser Textfassung etwa drei Viertel der deutschen Freimaurer an. Doch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte sich unter dem Einfluss neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass auch diese Richtung nicht alle geistigen Kräfte ansprach.

Daher entstand der Wunsch nach einer dritten Strömung, die menschliche Erfahrung und Wissenschaft ausdrücklich einbezieht und ihre Mitglieder nicht an ein Glaubensbekenntnis bindet – weder an christliche, jüdische, islamische, buddhistische noch an andere Glaubenslehren. Das führte zur Gründung des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne, aus dem die Loge Zur Wahrheit hervorging. Er vertrat einen monistischen Standpunkt: Die dem Menschen bekannten Erscheinungen und Ereignisse werden auf natürliche Ursachen und nachvollziehbare Zusammenhänge zurückgeführt.

Dabei dürfen wir nicht übersehen, dass die humanitären Logen überwiegend auf einem theistischen Standpunkt standen und nach der hier beschriebenen Auffassung weiterhin stehen.

Gerade die Bezeichnung „Großer Baumeister aller Welten“ gibt deshalb auch innerhalb der Freimaurerei immer wieder Anlass zu Diskussionen.

Aufnahmesuchender

Bewegt sich die Freimaurerei damit nicht doch noch in konfessionellen Gewässern?

Freimaurermeister

In den humanitären Logen wird die persönliche Überzeugung jedes Bruders respektiert. Zwar liegt in vielen Tempeln weiterhin die Bibel als Symbol des Sittengesetzes auf. Das lässt sich mit ihrer Bedeutung für die abendländische Sittengeschichte begründen. Eine religiöse Bindung wird von den Mitgliedern jedoch nicht verlangt.

Auch der im Ritual verwendete Ausdruck „Großer Baumeister aller Welten“ ist dort nicht zwingend an die Vorstellung eines persönlichen Gottes gebunden. Er ist ein Symbol für die schöpferischen und ordnenden Kräfte des Universums, von denen der Mensch abhängt und die er noch längst nicht vollständig versteht. Der eine Bruder mag darin Gott erkennen, ein anderer die Gesetze der Physik, etwa die überall wirkende Gravitation, und ein dritter die Natur in ihrer Gesamtheit.

Aus solchen unterschiedlichen Deutungen entwickelte sich eine Vielfalt freimaurerischer Lehrarten. Man spricht etwa von schottischer oder schwedischer Maurerei, von Andreas- und Hochgraden sowie von der Johannismaurerei. Die erstgenannten Richtungen führen ihre Herkunft zum Teil auf den Templerorden, zum Teil auf orientalische Geheimbünde zurück. Ihre Lehren werden in zahlreichen Erkenntnisstufen oder Graden vermittelt – vier, sieben, zehn, 33, 64 oder sogar 96.

Die Johannismaurerei beschränkt sich dagegen auf drei Grade: Lehrling, Geselle und Meister. Ihre Herkunft wird mit den mittelalterlichen Dombauhütten in Verbindung gebracht.

Aufnahmesuchender

Sie bleibt damit wohl auch näher am ursprünglichen Bild des Bauhandwerks.

Freimaurermeister

Das sehe ich ebenso. Sie werden deshalb verstehen, dass die Systeme mit vielen Graden bei manchen Freimaurern auf Skepsis oder sogar Ablehnung stoßen.

In Deutschland ist die Hochgradfreimaurerei heute so eingebunden, dass etwa die Mitgliedschaft im Schottischen Ritus eine sogenannte „blaue Basis“ voraussetzt, also die Mitgliedschaft in einer Johannisloge. Im Grunde enthält bereits die Johannismaurerei das gesamte Lehrgebäude. Daher spricht man bei den weiteren Stufen eher von „vertiefenden Graden“: Sie behandeln einzelne Aspekte der freimaurerischen Lehre noch einmal ausführlicher.

Für unsere Bauhütte, deren Wurzeln im Freigeist, im Monismus und in einer naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung liegen, hatten und haben diese Grade nur geringe Bedeutung. Gleichwohl stehen sie jedem Bruder zusätzlich zu seiner Mitgliedschaft in der Loge Zur Wahrheit offen.

Aufnahmesuchender

Ich verstehe. Ein Aufnahmesuchender muss also unter den verschiedenen Systemen seinen eigenen Weg finden. Wie sollte er dabei am besten vorgehen?

Freimaurermeister

Das hängt von seiner persönlichen Geschichte ab: von Erziehung und Bildung, Familie und Umfeld, Weltanschauung, Lebensgestaltung, Erfahrungen aus dem eigenen Wirkungskreis und nicht zuletzt von seinen Neigungen.

Wer sich für den freimaurerischen Lebensweg und eine bestimmte Lehrart entscheiden will, sollte seine geistigen und seelischen Bedürfnisse gut kennen. Ein Mann, der sehr konservativ erzogen wurde, in streng geregelten Verhältnissen lebt und freigeistigen Bestrebungen bisher fernstand, zugleich aber nach Weiterentwicklung sucht, muss besonders sorgfältig prüfen. Sonst drohen ihm und anderen Enttäuschungen, womöglich auch ernste innere Konflikte.

Eine allgemeingültige Anleitung gibt es kaum. Die Wahl bleibt dem Suchenden selbst überlassen. Zuvor sollte er möglichst mehrere Logen besuchen und ausführlich mit ihren Brüdern sprechen. Ein ernsthaft Interessierter wird in jeder Loge Gelegenheit zu solchen Gesprächen finden.

Dasselbe gilt für einen geistig unabhängigen Mann, der bereits eine undogmatische Weltanschauung vertritt. Auch er sollte gründlich prüfen, ob seine Überzeugungen in der gewählten Loge Raum finden. Das Spektrum der Bauhütten ist breit, sodass sich in der Regel eine passende Gemeinschaft finden lässt.

Nicht vergessen werden darf die wirtschaftliche Seite. Die Beitragsordnungen der Logen unterscheiden sich teilweise erheblich. Eine Mitgliedschaft sollte niemanden überfordern oder gar der Familie notwendige Mittel entziehen.

Entscheidend sind also die Eigenart des Menschen und die Lebensumstände, in denen er steht.

Aufnahmesuchender

Darf ich dazu etwas einwenden? Wenn die Aufnahme von einer gesicherten wirtschaftlichen Existenz abhängt, hält man damit nicht künstlich jene unheilvollen Klassengegensätze aufrecht, die gerade in Deutschland so viel Schaden angerichtet haben?

Freimaurermeister

Diese Sorge halte ich für unbegründet. Über die Eignung zur Aufnahme in die Bruderkette entscheiden in erster Linie geistige und charakterliche Gesichtspunkte. Maßgeblich sind die Lauterkeit des Willens und nicht die Größe des Geldbeutels.

Ein Bruder, der unverschuldet in Not gerät, muss deshalb seine Freunde nicht verlassen. Dass sich Brüder auf Augenhöhe begegnen, gehört zum Kern unserer Gemeinschaft. Hier kommen Menschen zusammen, die einander sonst vielleicht niemals kennengelernt hätten. Standesunterschiede dürfen für dieses Miteinander keine Rolle spielen.

Gleichzeitig soll niemand über seine Möglichkeiten hinaus belastet werden. Der Freimaurer ist in unserem Bild Werkstoff, Arbeiter und Künstler zugleich. Er muss dienen und führen können. Dabei sind auch seine persönliche und gesellschaftliche Eigenart zu berücksichtigen.

Aufnahmesuchender

Das Bild des Bauens scheint zunächst zwei Gegenüber vorauszusetzen: den Steinmetzen und den Stein. Übertragen auf den Freimaurer fallen beide aber in einer Person zusammen.

Freimaurermeister

Auf den ersten Blick stimmt das. Nur darf man ein Gleichnis nicht bis zu seiner letzten Konsequenz ausdeuten. Sonst würde man Bild und Wirklichkeit gleichsetzen.

Nehmen Sie das Verhältnis zwischen Erzieher und Schüler. Als Personen sind es zwei Menschen. Als Träger und Vermittler von Kultur stehen sie jedoch in einem untrennbaren Zusammenhang: Beide greifen auf gemeinsame, überlieferte kulturelle Inhalte zurück, ohne die Verständigung gar nicht möglich wäre.

Ähnlich ist das Bild vom Steinmetzen und seinem Stein zu verstehen. Der Freimaurer ist Erzieher und Schüler in einer Person – derjenige, der arbeitet, und zugleich derjenige, an dem gearbeitet wird.

Aufnahmesuchender

Wenn ich mich eingehender mit der freimaurerischen Symbolik befasse, wird sich diese Schwierigkeit vermutlich auflösen?

Freimaurermeister

Sie werden dieses Gleichnis sogar schätzen und nicht mehr missen wollen. In ihm steckt viel Weisheit und Menschenkenntnis. Das freimaurerische Brauchtum und unsere Sprache sind durchzogen von Begriffen aus dem Bauhandwerk. In wenigen Bildern und Formeln können sie ganze Gedankengänge und Lebenserfahrungen ausdrücken.

Aufnahmesuchender

Mein Einwand diente nur dem besseren Verständnis. Im Übrigen halte ich das Bild für gut gewählt: Es ist auch ohne besondere Vorkenntnisse verständlich und macht geistige Inhalte anschaulich.

Freimaurermeister

Sie haben den Kern unseres Gesprächs verstanden. Die Einheit der Freimaurerei liegt auch in diesem gemeinsamen Baugleichnis – und aus ihm lässt sich zugleich ihre Vielfalt erklären.

Bauen ist eine Sprache, die Menschen verschiedener Völker verstehen können. Werkzeuge, Arbeitsschritte und bauliche Gesetzmäßigkeiten sind überall zumindest ähnlich. Jeder kennt den Sinn und Wert einer Hütte, eines Hauses, einer Gemeindehalle, einer Burg, eines Ehrentempels oder einer Kathedrale.

Die Bauformen unterscheiden sich im Einzelnen, doch ihre Grundprinzipien sind verständlich und wiedererkennbar. Als gemeinsame Symbolsprache können sie Menschen selbst über große Entfernungen hinweg verbinden. Wer eben noch fremd und zurückhaltend nebeneinanderstand, kann vertrauensvoll zusammenarbeiten und Gedanken austauschen, sobald beide einander als Angehörige derselben Kunst erkennen.

Aufnahmesuchender

Jetzt begreife ich, weshalb Freimaurer überall so leicht miteinander in Verbindung treten können. Das bestärkt meinen Wunsch, selbst Freimaurer zu werden.

Freimaurermeister

Daraus ergibt sich auch die Pflicht, neue Lehrlinge sorgfältig auszuwählen. Nun werden Sie verstehen, warum wir unsere Erkennungs- und Verständigungszeichen bewahren. Daran ist nichts Unheimliches; es ergibt sich aus der besonderen Form unserer Gemeinschaft.

Aufnahmesuchender

Ja. Mir wird zugleich klarer, warum die Freimaurerei Neugier weckt und warum sie zum Gegenstand böswilliger Verleumdungen wird. Wer ihr inneres Wesen nicht kennt, sieht in ihr ein verschlossenes Rätsel und nimmt daran Anstoß.

Freimaurermeister

Darauf passt ein altes Sprichwort: „Wer bauen will an der Straße, der muss die Leute reden lassen!“ Für unser eigenes Haus wählen wir den Giebelspruch: „Mein Haus – eine Welt!“

Aufnahmesuchender

Dann spiegelt sich in Ihrem Bundeshaus tatsächlich die ganze Welt in lebendiger Tätigkeit und kann dort neu gestaltet werden – vorausgesetzt, jedes Glied der Bruderkette bringt sein Denken, Wollen und Handeln ganz ein.

Freimaurermeister

Das ist ein hohes Ziel. Um die Liebe dazu und die nötige Kraft dauerhaft zu wecken und zu erhalten, halten wir unsere feierlich gestalteten Versammlungen ab. Wir nennen sie „Arbeiten“. Sie beschäftigen den ganzen denkenden Menschen ernsthaft und intensiv. Wissenschaftlicher Forschergeist und die Kunst, Gedanken fein und lebendig auszudrücken, kommen darin zusammen.

Aufnahmesuchender

Sie geben also dem Verstand ebenso Anregung wie dem Gemüt?

Freimaurermeister

Genau. Insbesondere das Brauchtum unserer aus der Reformfreimaurerei hervorgegangenen Loge Zur Wahrheit hat durch die Reform eine Gestalt erhalten, die wissenschaftlichem Denken in hohem Maße entspricht. Dabei kommen die kulturellen und menschlichen Seiten nicht zu kurz: das Wahre, Schöne und Gute, etwa in Lyrik und Musik.

Aufnahmesuchender

Das interessiert mich. Erzählen Sie mir bitte mehr darüber.

Freimaurermeister

Denken Sie an die Baukunst: Früher verwendete sie vor allem Stein und Holz; später kamen Beton, Eisen, Stahl und viel Glas hinzu. Die Regeln des Bauens mussten an neue Werkstoffe angepasst werden, blieben aber auf bewährte Grundlagen wie Geometrie und Arithmetik gestützt. Ähnlich entwickelt sich die Kultur: Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse erweitern ihre Möglichkeiten und Aufgaben.

Die Gesetzmäßigkeiten der Natur und der menschliche Wille, Lebensverhältnisse zu verbessern, bilden für uns gemeinsam den Grund eines glücklichen Lebens in der Gemeinschaft. Diese Verbindung von Wissenschaft, kulturellem Gestaltungswillen und menschlichem Empfinden ist der Leitstern unseres reformierten Brauchtums.

Aufnahmesuchender

In Ihrem Bund finde ich demnach ernsthafte geistige Arbeit, verbunden mit anregender Geselligkeit und hilfsbereiter Freundschaft?

Freimaurermeister

Ja. Nur wer bereit ist, sich mit ganzer Persönlichkeit auf diese Lebensschule einzulassen, wird aus der Zugehörigkeit wirklichen Gewinn ziehen.

Die Freimaurerei will zu einem wissenschaftlich informierten und geordneten Leben anleiten. Dazu dienen Vorträge im Lehrlingsgrad, Unterweisungen zur selbstständigen Arbeit der Gesellen und die planvoll ausgearbeiteten Baurisse der Meister. Wie in einer Schule geben Brüder ihr Wissen aneinander weiter.

Dabei ist uns wichtig, dass Lehrling, Geselle und Meister einander von Anfang an gleichberechtigt begegnen. Alle lernen und lehren, alle dienen und führen. Alle dürfen an den Mitteln der Bauhütte teilhaben und sind verpflichtet, an ihnen mitzuarbeiten. Die Grade bezeichnen Stufen der Schulung für das gemeinsame sittliche Ziel; eine zahlenmäßige Beschränkung gibt es nicht. Jeder soll Meister werden können.

Wesentlich ist, dass jeder dort, wo er steht und wozu seine Kräfte reichen, seine ganze Persönlichkeit einbringt. Auch Treue im Kleinen zählt. Ein Tempel der Humanität besteht nicht nur aus kostbaren Steinen und Schmuck. Er braucht vor allem verlässliche, tragfähige Grundsteine.

Aufnahmesuchender

Wenn ich Sie recht verstehe, ist eine Loge zugleich eine Art philosophische Hochschule oder Akademie, ein geselliger und wirtschaftlich selbstständiger Männerbund – ein Club – und eine Stätte gesellschaftlicher und kultureller Arbeit, also gewissermaßen ein Kulturseminar?

Freimaurermeister

So können Sie es ausdrücken, wenn Sie diese Begriffe richtig verstehen. Vor allem „Männerbund“ und „kulturpolitisches Arbeitsamt“ können allerdings falsche Vorstellungen wecken und ein verzerrtes Bild der Freimaurerei erzeugen.

Ich glaube, Sie wissen, was damit gemeint ist. Sie werden auch nicht erwarten, in jeder Loge sämtliche genannten Aufgaben und Ziele in gleicher Weise verwirklicht zu finden. Wie Gebäude unterschiedliche Zwecke und Baustile haben, unterscheiden sich auch die Bauhütten in ihrer Art zu arbeiten.

Aufnahmesuchender

Das heißt, die eine Loge legt mehr Gewicht auf diesen, die andere auf jenen Teil der gemeinsamen Arbeit, während der geistige Rahmen im Wesentlichen gleich bleibt. Könnte diese Verschiedenheit einen Neuaufgenommenen nicht verwirren?

Freimaurermeister

Das muss sie nicht. Die Vielfalt ermöglicht es vielmehr, dass Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten friedlich nebeneinander arbeiten, einander unterstützen und sich gegenseitig Anregungen geben. Niemand wird zu einseitiger Beschäftigung gezwungen.

Die Loge lässt dem einzelnen Bruder seine besondere Berufung, ohne sich in sie einzumischen. Sie bringt die Mitglieder außerhalb ihres Berufslebens zu bestimmten Zeiten zusammen – zu Vorträgen, Arbeiten und Festen …

Aufnahmesuchender

Verzeihen Sie, aber darin unterscheiden sich Logen doch kaum von anderen ethischen, wissenschaftlichen oder geistig anregenden Vereinigungen …

Freimaurermeister

… in einem entscheidenden Punkt allerdings schon. Denken Sie an das, was die Freimaurerei besonders macht: ihre Symbole, ihre Rituale, ihre feierlichen Arbeiten und die Bruderschaft. Daraus erwächst eine Verbundenheit, die weit in das alltägliche Leben der Brüder hineinwirkt. Die Freimaurerei soll den ganzen Menschen erfassen: sein Denken, sein Wesen, seine Stimmung und seine Gefühle.

Häufig bemerkt sein persönliches Umfeld zuerst, dass sich etwas zum Guten verändert. Wer die Königliche Kunst tatsächlich lebt, kann ausgleichender zwischen Menschen und gesellschaftlichen Gruppen wirken als zuvor.

Denken Sie an die Gewölbe einer Kathedrale. Ihre Kräfte werden von Säulen und Pfeilern aufgenommen; unterschiedliche Lasten und Formen fügen sich zu einer harmonischen, dauerhaften Einheit. Ähnlich möchten Logen gesellschaftliche Gegensätze mildern, indem sie Menschen aus verschiedenen Schichten miteinander verbinden.

Unser Bruder Settegast hat es so formuliert: „Der Freimaurer soll nicht allein für sich denken und wirken, sondern es auch als seine Aufgabe betrachten, ununterbrochen auf seine Umgebung Einfluss auszuüben, um sie gleichfalls zur Würdigung und Anerkennung der ewigen Ideen, d.h. des Idealismus zu bestimmen. Das liegt im Berufe des Freimaurers und dem einer jeden echten freimaurerischen Gemeinschaft.“

Ich möchte die innere Aufgabe unserer Logen noch einmal zusammenfassen: Sie sind Bildungsstätten, die erwachsene Männer zu unermüdlicher Kulturarbeit anregen; Akademien verantwortlicher staatsbürgerlicher Lebenskunst; Lehrwerkstätten einer umfassenden sozialen Baukunst. Alles zusammen bilden sie eine freie, aus dem Leben selbst hervorgegangene Universität menschlicher Bildung – unabhängig von engen Dogmen und konfessionellen Trennungen, gegründet auf die Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung.

Aufnahmesuchender

Wenn ich diese Grundsätze richtig verstehe, beschränkt sich freimaurerisches Wirken nicht auf die Arbeit innerhalb der Loge. Es soll auch kraftvoll in die Gesellschaft hineinwirken?

Freimaurermeister

So ist es. Der Freimaurer setzt die Mittel des Geistes für Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenliebe ein – im Gespräch, in Wort und Schrift, wo immer sich Gelegenheit bietet. Er unterstützt auch still und ohne Aufhebens Vereinigungen, die sich für Menschlichkeit und Menschenwürde einsetzen, sei es durch eigene Mitgliedschaft oder durch ideelle Hilfe.

Aufnahmesuchender

Dann sollte er auch im öffentlichen Dienst helfen, soweit sich dies mit seinen amtlichen Pflichten und seinem privaten Engagement vereinbaren lässt?

Freimaurermeister

Gewiss – in einem freigeistigen und fortschrittlichen Sinn. Er soll helfen, dass bürokratische Erstarrung und bloße Buchstabentreue nicht die Menschlichkeit verdrängen. Auch unter der Geltung von Vorschriften muss darauf geachtet werden, dass Schwachen und Minderheiten möglichst kein Unrecht geschieht.

Aufnahmesuchender

Bedeutet das, dass die Loge als Gemeinschaft öffentlich für die Ziele eintritt, die sie für richtig hält?

Freimaurermeister

Auch hier antworte ich mit einem Grundsatz unseres Bundes:

Im Leben außerhalb der Loge handelt der Einzelne nicht im Namen der Freimaurerei. Er hilft als Mensch unter Menschen. Vielleicht wissen ihm nahestehende Personen, dass seine Haltung von freimaurerischen Erkenntnissen geprägt ist.

Loge und Bund können zu wichtigen Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung Stellung beziehen; das soll jedoch eher die Ausnahme bleiben. Beide halten den einzelnen Freimaurer dazu an, die Ziele der Königlichen Kunst in seinem Handeln nicht aus den Augen zu verlieren.

Aufnahmesuchender

Sie haben mir die Ziele und Aufgaben Ihres Bundes in ihrer ganzen Vielfalt vor Augen geführt. Ich würde sehr gerne daran mitwirken. Und wenn ich Sie richtig verstehe, liegt ein großer Teil dieser Arbeit noch vor uns.

Freimaurermeister

Ja. Von unseren eigentlichen Zielen ist noch zu wenig erreicht. Weder im Leben der deutschen Bevölkerung noch in dem anderer Völker hat die Freimaurerei bisher jene kulturelle Bedeutung erlangt, die sie nach unserem Verständnis haben könnte. Auf dem Weg zu einer wahrhaft menschlichen Welt warten viele Aufgaben – auch für Menschen, die dem Bund heute noch fernstehen oder noch gar nicht geboren sind.

Aufnahmesuchender

Welche kulturellen Ziele halten Sie in unserer Zeit für besonders wichtig?

Freimaurermeister

Die Vernachlässigung solcher Ziele zeigt sich an vielen bedrückenden Erscheinungen. Denken Sie an die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und an die Probleme, die unsere Zeit prägen: Umweltzerstörung, Konflikte zwischen Religionen, Terrorismus, immer neue Kriege und die Nachteile, die Menschen durch die Globalisierung erfahren. Auch Rassismus, Folter und der Hass zwischen Völkern sind nicht überwunden.

Schon das Handbuch des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne beschrieb unsere Aufgaben so: „Der Bund fördert […] den Aufbau einer freien Weltanschauung auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis und einer neuen natürlichen Sittlichkeit, er bekämpft den Wahnsinn des Rassen-, Völker- und Klassenhasses und wirkt mit an der friedlichen Entwicklung der Menschheit und ihrer Heimstätte, der klein gewordenen Erde.“

An diesen Aufgaben hat sich auch fast hundert Jahre nach der Niederschrift jener Ziele wenig geändert.

Aufnahmesuchender

Sind diese großen, weltweiten Aufgaben nicht eine Überforderung für das einzelne Mitglied? Werden damit nicht Erwartungen geweckt, denen viele kaum gerecht werden können?

Freimaurermeister

Ich antworte Ihnen mit einem Satz aus Müller-Lyers Buch Vom Sinn des Lebens: „Es gehört dazu nicht mehr und nicht weniger als: ‚goldene Freiheit, gute Gesundheit, etwas Geld und viel Liebe‘.“

Aufnahmesuchender

Können Sie mir erläutern, was Sie darunter verstehen?

Freimaurermeister

Mit „Freiheit“ meine ich einen eigenständigen, aufrechten Willen, der nicht von anderen bestimmt wird. Der Mensch soll eine selbstständige Persönlichkeit entwickeln.

„Gesundheit“ bedeutet mir einen klaren Kopf, wache Sinne und den Mut, sich auch neuen Aufgaben mit Kraft zu widmen.

„Geld“ und materielle Mittel haben in der Freimaurerei ihren Platz wie bei jedem Bauwerk, das seinen Zweck erfüllen und erhalten werden soll. Nach den in dieser Textfassung genannten Beitragsordnungen belastet die Mitgliedschaft das monatliche Einkommen eines Bruders, je nach Loge, mit etwa 15 bis 40 Euro. Häufig kommt eine einmalige Aufnahmegebühr von rund 200 Euro hinzu.

Vor allem aber braucht unsere Arbeit viel „Liebe“: eine großzügige Hingabe an die gemeinsamen Ziele. Eine Liebe, die Schwierigkeiten des Weges, des Baugrundes und der Baustoffe nicht scheut und bereit ist, Opfer zu bringen, wenn Hindernisse den großen Plan gefährden.

Ein freier Mann wird zugleich seine eigenen Grenzen kennen. Er entscheidet mit Umsicht und nach seinem Gewissen, wie viel er leisten kann.

Damit neue Mitglieder weder durch die Ziele noch durch die Pflichten überfordert werden, wünschen wir uns offene und ehrliche Auskünfte über jeden Aufnahmesuchenden. Eine feste Bruderkette braucht verlässliche Glieder.

Aufnahmesuchender

Welche Auskünfte sind damit gemeint?

Freimaurermeister

Ruf und Charakter eines Aufnahmesuchenden sollen einwandfrei sein. Seine wirtschaftlichen Verhältnisse sollten, soweit sich das voraussehen lässt, gesichert sein, und seine Lebensauffassung muss grundsätzlich zu unseren Bestrebungen passen. Wer ständig um seinen Lebensunterhalt bangen muss, hat oft nicht die Kraft für eine dauerhafte zusätzliche Aufgabe. Reich muss bei uns niemand sein; geordnete Verhältnisse sind jedoch wichtig.

Nicht aufnehmen möchten wir Menschen, die ihren Lebenszweck allein in materiellen Genüssen sehen und gedankenlos in den Tag hineinleben. Ebenso wenig eignet sich, wer sich von der Mitgliedschaft wirtschaftliche Vorteile oder günstige Geschäftsverbindungen verspricht und die Freundschaft der Brüder dafür nutzen möchte.

Aufnahmesuchender

Erfährt der Suchende, wie Sie sich über diese eher äußeren Lebensumstände informieren?

Freimaurermeister

Vor allem interessiert uns seine Weltanschauung. In Gesprächen zeigt sich meist recht deutlich, wie jemand denkt. Wer etwa einen streng dogmatischen Glauben vertritt und dessen ausschließliche Geltung mit Eifer durchsetzen will, wird den Widerspruch zu unseren Zielen in mehreren Vorgesprächen kaum verbergen können.

Deshalb wünschen wir, dass Aufnahmesuchende uns ungefähr ein Jahr lang regelmäßig als Gäste besuchen. Das hat zwei Seiten: Wir erkennen an der Beständigkeit der Besuche, wie ernst ihnen ihr Wunsch ist. Gleichzeitig können sie an ethischen Vorträgen und anschließenden freimaurerischen Gesprächen teilnehmen. Die Brüder hören aufmerksam zu und lernen so die Haltung des Suchenden kennen.

Meist zeigt sich bald, ob jemand an unumstößlichen Glaubenssätzen festhält oder geistig offen ist; ob er wissenschaftliche Erkenntnisse aufnimmt oder neue Einsichten abwehrt; ob er für geistige Freiheit und Menschenwürde eintritt oder sich ausschließlich auf ein abgeschlossenes Weltbild aus Offenbarungen und Überlieferungen stützt.

Wir erfahren etwas über seine Bildung, seinen Beruf, seine Interessen und sein familiäres Umfeld. Gerade das ist wichtig: Selbst ein hoch motivierter Bruder wird auf Dauer wenig Freude an der Freimaurerei finden, wenn seine Partnerin unter seiner Mitgliedschaft leidet oder sie ablehnt.

Unsere Erkundigungen holen wir also in erster Linie beim Suchenden selbst ein. Das ist vermutlich auch der zuverlässigste Weg.

Aufnahmesuchender

Besteht dann nicht die Gefahr, dass sich gerade die ernsthaft Suchenden ausgeschlossen fühlen – also Menschen, die noch um eine freie Weltanschauung ringen?

Freimaurermeister

Das wäre ein bedauerliches Missverständnis. Die Freimaurerei will Menschen gerade aus geistiger Enge heraushelfen. Wer ernsthaft ringt und sich weiterentwickeln will, dem stehen die Tore unseres Tempels und die Arbeitsplätze unserer Bauhütte weit offen.

Wenig sinnvoll wäre es allerdings, Menschen aufzunehmen, die unserem Brauchtum von vornherein verständnislos oder feindselig gegenüberstehen. Das würde Kraft vergeuden und den Frieden und die Harmonie der Loge gefährden.

Aufnahmesuchender

Das kann ich nachvollziehen.

Freimaurermeister

Nicht nur die Brüder würden darunter leiden. Auch ein solchermaßen innerlich gebundener Mann würde sich in unserem Kreis bald unglücklich fühlen. Wirklich weiterhelfen können wir dem Menschen, der – im Sinne von Goethes Faust – unablässig nach Erkenntnis strebt. An ihn richtet sich im Symbolum der Ruf des Meisters: „Wir heißen Euch hoffen!“

Aufnahmesuchender

Mir ist schon mehrfach aufgefallen, wie tief freimaurerische Gedanken in den Werken unserer großen Dichter und Denker verwurzelt sind und darin Gestalt angenommen haben.

Freimaurermeister

Lessing, Herder, Goethe und Fichte sind nur herausragende Namen in einer langen Reihe bedeutender Geister, die mit der freimaurerischen Welt verbunden sind. Ihre Werke helfen uns, das Wesen der Freimaurerei im Zusammenhang der Völker und ihre Bedeutung für friedliche internationale Beziehungen zu verstehen – für ein Miteinander und Nebeneinander aller Menschen.

Aufnahmesuchender

Ich danke Ihnen für Ihre offenen Antworten. Vieles an der Freimaurerei ist mir nun deutlich klarer. Mein Wunsch, bei Ihnen Schüler zu werden, ist gewachsen.

Freimaurermeister

Wie zu Beginn unseres Gesprächs sage ich auch jetzt nicht: „Kommen Sie!“ Aber Sie wissen, wo Sie mich finden, wenn Sie weiter mit mir sprechen möchten. Mein Wort und meine Erfahrung als Freimaurer stehen Ihnen zur Verfügung.

Wenn Sie nach reiflicher Überlegung zu dem Ergebnis kommen, dass Ihre Lebensauffassung mit der unseren unvereinbar ist, sagen Sie das bitte ebenso offen.

Für heute wollen wir unser Gespräch beenden. Ihre Entscheidung treffen Sie selbst – als freier, denkender Mann.

 


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