Fünf Worte des Schweigens

Wenn das Schweigen spricht
Lesedauer: ca. 9 Minuten

Autor: Kurt O. Wörl

Wir reden, um uns mitzuteilen – und oft auch nur, um uns selbst nicht begegnen zu müssen.

Doch was geschieht, wenn die Worte verstummen? Dann treten Fragen hervor, die im Lärm des Alltags leicht überhört werden: Fragen nach unserer Sterblichkeit, nach wahrer Nähe, nach dem Gewissen, nach der Wirkung der Kunst und nach der rätselhaften Tiefe der Wirklichkeit.

Gedanke zu fünf Worten, die nur das Schweigen auszusprechen vermag.

Prolog

Es gehört zu den Widersprüchen des Menschen, dass er das Schweigen zwar gerne rühmt, es meist aber nur schwer erträgt. Kaum entsteht eine Pause, muss sie gefüllt werden. Man spricht Belangloses, schaltet Musik ein, greift nach einer Zeitung, einem Buch oder nach dem Tablet. Und selbst dort, wo nichts gesagt werden müsste, wird geredet, als könne zwischen zwei Menschen ein Abgrund aufbrechen, sobald für einige Augenblicke Schweigen herrscht.

Eine stille Minute empfinden wir bisweilen schnell als peinlich. Wer schweigt, gerät in Verdacht. Hat er nichts zu sagen? Ist er beleidigt? Weiß er mehr, als er preisgeben will? Oder ist ihm lediglich nichts eingefallen?

Ganz unbegründet ist dieses Misstrauen nicht. Schweigen hat keineswegs immer edle Gründe. Es kann Ausdruck von Angst sein, von Verachtung, Ratlosigkeit oder Feigheit. Man kann einen Menschen durch Schweigen ebenso verletzen wie durch Worte. Man kann Unrecht verschweigen, Verantwortung verweigern und sich in vornehmer Stummheit aus einer Angelegenheit stehlen. Nicht jedes Schweigen ist gedankliche Tiefe. Manchmal ist es auch nur Leere, manchmal Bequemlichkeit und manchmal auch eine Waffe.

Die Sprache des Schweigens, von der hier die Rede sein soll, ist deshalb nicht das erzwungene Verstummen und nicht das feige Verschweigen. Gemeint ist das freiwillige, aufmerksame Schweigen: ein Schweigen, das nicht vor der Wirklichkeit flieht, sondern ihr standhalten kann.

Schon die Formulierung „Worte des Schweigens“ scheint zunächst widersprüchlich. Das Schweigen besitzt keine Worte, keine Grammatik und keine Stimme. Dennoch kann es etwas mitteilen. Es spricht nicht in Sätzen. Es füllt vielmehr der Raum, in dem wir wahrnehmen, denken und einander begegnen. Was im Lärm des Alltags überhört wird, kann im Schweigen erkennbar hervortreten.

Fünf solcher Erfahrungen lassen sich unterscheiden. Es sind keine Worte im gewöhnlichen Sinne. Es sind fünf Weisen, in denen das Schweigen uns etwas erkennen lässt: unsere Sterblichkeit, die Nähe eines anderen Menschen, die Stimme des Gewissens, die Wirkung der Kunst und die Rätselhaftigkeit der Wirklichkeit.

Das erste Wort: Sterblichkeit

Der Mensch flieht nicht nur vor dem Schweigen. Er flieht auch vor sich selbst. Beides hängt enger miteinander zusammen, als es zunächst scheint.

Solange wir beschäftigt sind, müssen wir uns nicht unbedingt begegnen. Termine, Gespräche, Nachrichten und tägliche Verrichtungen halten das Leben in Bewegung. Dagegen ist nichts einzuwenden. Der Alltag muss bewältigt werden, und ein Leben, das nur aus Selbstbetrachtung bestünde, wäre nicht tief, sondern schnell unerträglich.

Doch die ununterbrochene Beschäftigung mit Irgendwas kann auch zur Flucht werden. Wo jeder Augenblick gefüllt ist, bleibt keine Zeit für die Frage, ob das, womit wir unsere Tage verbringen, überhaupt so etwas wie Leben ergibt. Im Schweigen kann diese Frage vor uns auftauchen. Nicht unbedingt als philosophische Übung, eher als innere Unruhe.

Wer still wird, begegnet der eigenen Begrenztheit. Er bemerkt, dass seine Zeit nicht beliebig vermehrbar ist. Pläne reichen weiter als das Leben. Wünsche bleiben unerfüllt. Möglichkeiten schließen sich, während andere sich auftun. Mit jedem Entschluss wird nicht nur etwas begonnen, sondern auch manches endgültig ausgeschlossen.

Pflanzen, Tiere und Menschen sterben. Der Mensch besitzt kein Vorrecht auf den Tod. Aber er trägt das Wissen um seinen Tod in sein gegenwärtiges Leben hinein. Er weiß nicht, wann er sterben wird; er weiß nur, dass er sterben wird. Dieses Wissen begleitet ihn, selbst wenn er es erfolgreich verdrängt.

Der Tod ist daher nicht nur das letzte Ereignis des Lebens. Er wirkt in das Leben zurück. Er gibt der Zeit Gewicht. Ein Tag wäre bedeutungslos, wenn unendlich viele weitere Tage zur Verfügung stünden. Gerade weil unsere Zeit begrenzt ist, können Entscheidungen unwiderruflich, Begegnungen kostbar und versäumte Gelegenheiten schmerzlich sein.

Das Schweigen verkündet uns keine Lehre über den Tod. Es liefert weder Trost noch Gewissheit über das, was nach ihm kommen mag. Es nimmt uns lediglich für einen Augenblick die Möglichkeit, unsere Endlichkeit wegzureden.

Das ist des Schweigens erstes Wort:

„Du bist sterblich.“

Es ist kein angenehmes Wort. Aber es ist ein wahrhaftiges. Und vielleicht beginnt eine ernsthafte Bejahung des Lebens erst dort, wo der Mensch nicht mehr so tut, als stünde ihm unbegrenzte Zeit zur Verfügung.

 


Plauderei zum Thema

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Das zweite Wort: Nähe

Die Sprache verbindet Menschen. Ohne Worte könnten wir einander vieles nicht mitteilen: unsere Gedanken, Erinnerungen, Hoffnungen, Zweifel und Absichten. Wer Worte gering schätzt, unterschätzt das menschliche Bedürfnis, verstanden zu werden.

Und dennoch reicht das Wort allein nicht immer aus. Es gibt Augenblicke, in denen jedes zusätzliche Wort eine Erfahrung eher verkleinert als verdeutlicht. Wer einem trauernden Menschen gegenübersitzt, merkt schnell, wie hilflos Sprache werden kann. Man spricht, weil man helfen möchte, und hört sich dabei mitunter Sätze sagen, die richtig klingen und doch keinen Trost spenden. Dann kann eine schweigende Gegenwart mehr bedeuten als jedes wohlgewählte Wort.

Ähnliches gilt für die Liebe und die Freundschaft. Menschen, die einander noch fremd sind, müssen reden, um sich kennenzulernen. Menschen, die einander nahegekommen sind, können manchmal schweigen, ohne dass zwischen ihnen Leere entsteht. Sie müssen ihre Verbundenheit nicht fortwährend bestätigen. Ihre Stille ist nicht Abwesenheit, sondern spürbare Gegenwart.

Das gemeinsame Schweigen ist allerdings auch kein sicherer Beweis für Nähe. Auch Feindseligkeit kann schweigen. Eheleute können sich jahrelang anschweigen, ohne einander auch nur einen Schritt näherzukommen. Eltern können ein Kind durch Schweigen sehr grausam bestrafen. Eine Gemeinschaft kann über Schuld schweigen und sich gerade schuldig machen.

Äußerlich mag all dies gleich aussehen. Zwei Menschen sitzen einander gegenüber und sagen nichts. Doch zwischen dem Schweigen aus Vertrauen und dem Schweigen aus Verachtung liegt ein Universum.

Das gute Schweigen lässt dem anderen Raum. Es beansprucht ihn nicht. Es verlangt nicht, dass er sich erklärt, rechtfertigt oder unterhält. Es hält seine Gegenwart aus, ohne sofort über sie verfügen zu wollen.

Vielleicht ist dies eine der seltensten Formen menschlicher Achtung: einem anderen nahe zu sein, ohne ihn mit den eigenen Worten zu besetzen.

Auch aus großem Glück kann ein solches Schweigen entstehen. Nicht jedes Verstummen kommt aus Trauer. Es gibt eine Freude, die sich nicht steigern lässt, indem man sie beschreibt. Wer sie ausspricht, hat bisweilen das Gefühl, sie bereits in kleinere Münze gewechselt zu haben.

Doch selbst im erfüllten Schweigen bleibt ein Schatten. Wer das Glück eines Augenblicks empfindet, weiß zugleich, dass er ihn nicht festhalten kann. Und deshalb wird er bedeutsam. Das Glück ist nicht gering, weil es vergeht. Es ist kostbar, weil es vergeht.

Das ist das zweite Wort des Schweigens:

„Der andere Mensch bleibt dir nahe und zugleich in seiner Ferne.“

Das dritte Wort: Gewissen

Viele Entscheidungen des Lebens lassen sich durch Überlegung vorbereiten. Man sammelt Tatsachen, Fakten, wägt Folgen ab und fragt nach den Interessen der Beteiligten. Vernünftiges Handeln verlangt nach Gründen.

Aber nicht jede Entscheidung lässt sich vollständig vorausplanen.

Es gibt Situationen, in denen mehrere Gründe gegeneinanderstehen. Jede Möglichkeit besitzt ihr Recht, und jede fordert einen Preis. Wer entscheidet, kann sich dann nicht mehr hinter einer Vorschrift oder einem Rechenverfahren verbergen. Er muss selbst eintreten für das, was er tut.

In solchen Augenblicken suchen Menschen die Stille. Sie gehen spazieren, ziehen sich zurück oder sitzen eine Weile allein. Sie versuchen, die vielen Stimmen auseinanderzuhalten: die Stimme der Angst, des Ehrgeizes, der Bequemlichkeit, der Loyalität, des verletzten Stolzes und des eigenen Vorteils.

Zwischen diesen Stimmen kann sich das Gewissen aufdringlich bemerkbar machen.

Man sollte das Gewissen allerdings nicht für ein unfehlbares Orakel halten. Auch die innere Stimme hat eine Geschichte. In ihr sprechen Eltern, Lehrer, Religion, gesellschaftliche Erwartungen, persönliche Ängste und alte Kränkungen. Ein Mensch kann sich mit völlig reinem Gewissen irren. Besonders Fanatiker leiden eher selten an Gewissensnot.

Das Gewissen entbindet nicht vom Denken. Was im Inneren als Forderung erscheint, muss an der Wirklichkeit geprüft werden. Welche Folgen hat mein Handeln? Wird ein anderer dadurch zum bloßen Objekt? Könnte ich meine Entscheidung ohne Scham öffentlich begründen? Würde ich denselben Maßstab auch gelten lassen, wenn ich selbst von seinen Folgen betroffen wäre?

Das Schweigen gibt darauf keine fertige Antwort. Es schafft aber einen Raum, in dem die Ausflüchte hörbar werden.

Im Lärm lässt sich vieles rechtfertigen. Man wiederholt die Meinung der Gruppe, beruft sich auf Sachzwänge oder erklärt sich für unzuständig. Im Schweigen können diese Erklärungen ihren Glanz verlieren. Übrig bleibt die unbequeme Einsicht, dass am Ende ein Mensch entscheidet und für diese Entscheidung einstehen muss.

Das dritte Wort des Schweigens lautet daher nicht: Folge blind deiner inneren Stimme. Es lautet:

„Hör genau hin, prüfe, was du hörst,
und übernimm Verantwortung.“

Das Gewissen spricht manchmal nur leise. Nicht weil es schwach wäre, sondern weil die lauteren Stimmen meist von unseren Wünschen verkündet werden.

Das vierte Wort: Kunst

Ein Kunstwerk bedarf der Aufmerksamkeit. Das klingt selbstverständlich und ist doch keineswegs selbstverständlich.

Wir nähern uns einem Bild, einem Gedicht oder einem Musikstück gewöhnlich mit einem Vorrat an Begriffen. Wir fragen nach Epoche, Stil, Technik, Entstehungszeit und biographischem Hintergrund. All dies kann nützlich sein. Wissen öffnet den Blick. Wer mehr sieht, weil er mehr weiß, hat nicht weniger, sondern mehr von der Kunst verstanden.

Doch vor jeder Erklärung steht zunächst die Begegnung.

Ein Bild ist nicht erschöpft, wenn wir wissen, wann es von wem gemalt wurde. Eine Fotografie ist nicht verstanden, sobald Blende, Brennweite und Aufnahmeort bekannt sind. Ein Musikstück sagt als die Summe seiner Takte, und ein Gedicht lebt nicht nur aus dem, was sich über sein Versmaß und die Metrik mitteilen lässt.

Wer einem Kunstwerk wirklich begegnen will, muss für einen Augenblick aufhören, ihm vorschreiben zu wollen, was es bedeuten soll. Er muss es ansehen, bevor er es einordnet. Er muss hören, bevor er erklärt.

Auch dazu bedarf es eine Form des Schweigens.

Im Museum lässt sich beobachten, wie schwer das fällt. Der Betrachter liest zunächst das Schild neben dem Bild. Erst danach sieht er das Bild an – und oft sieht er nun hauptsächlich das, was auf dem Schild schon stand. Die Erklärung hat ihm das Werk erschlossen, aber eben auch den Weg vorgeschrieben, auf dem er sich ihm nähern soll. Hätte er nur das Bild allein betrachtet, seine eigene Erklärung könnte völlig anders ausfallen als das Schild vorgibt.

Das Schweigen vor dem Kunstwerk bedeutet nicht, auf Wissen zu verzichten. Es bedeutet nur, zunächst das Werk für sich selbst sprechen zu lassen.

Eine Fotografie kann technisch vollkommen und dennoch stumm bleiben. Eine andere ist unscharf, körnig oder ungünstig belichtet und hält den Blick trotzdem fest. Sie zeigt nicht lediglich etwas. Sie lässt etwas gegenwärtig werden, das sich der vollständigen Erklärung entziehen kann.

Auch Musik führt uns an diese Grenze. Wir können ihre Form analysieren und dennoch nicht vollständig sagen, weshalb eine bestimmte Wendung uns erschüttert, tief bewegt oder zu Tränen rührt. Wir können erklären, wie ein Akkord aufgebaut ist, aber nicht erschöpfend, weshalb er in diesem Augenblick wie eine Erinnerung wirkt.

Das Kunstwerk spricht, indem es etwas sichtbar, hörbar oder vorstellbar macht, das vorher nicht in dieser Weise da war. Sein Geheimnis besteht nicht darin, dass es eine verborgene Botschaft enthält, die der kundige Betrachter entschlüsseln könnte. Es besteht darin, dass es mehr erfahren lässt, als sich in eine eindeutige Aussage überführen lässt.

Das vierte Wort des Schweigens heißt daher:

„Sei aufmerksam, vergewissere dich, bevor du urteilst.“

Erst sehen. Dann sprechen. Und nach dem Sprechen noch einmal schauen.

Das fünfte Wort: Wirklichkeit

Der Alltag zeigt uns die Dinge vor allem unter dem Gesichtspunkt ihres Gebrauchs. Ein Tisch dient zum Arbeiten, ein Weg führt zu einem Ziel, ein Baum spendet Schatten, ein Haus bietet Schutz. Diese Sicht ist notwendig. Ohne sie könnten wir nicht handeln.

Doch sie ist nicht die einzige mögliche Sicht.

Im Schweigen können die Dinge für einen Augenblick aus ihren vertrauten Funktionen heraustreten. Ein alter Gegenstand wird plötzlich nicht mehr nur als brauchbar oder unbrauchbar wahrgenommen. Er trägt Spuren eines vergangenen Lebens. Eine Landschaft ist nicht länger lediglich ein Ort, den man durchquert. Sie erscheint in ihrer Eigenart, ihrer Schönheit oder Fremdheit.

Dazu muss keine zweite, geheimnisvolle Welt hinter den sichtbaren Dingen angenommen werden. Die Tiefe der Wirklichkeit liegt vielleicht nicht hinter den Dingen, sondern in ihrer Unerschöpflichkeit. Kein Gegenstand geht vollständig darin auf, was wir über ihn wissen und wozu wir ihn verwenden.

Die Natur lässt uns dies besonders deutlich erfahren. Matthias Claudius schreibt: „Der Wald steht schwarz und schweiget.“ Das Schweigen des Waldes ist selbstverständlich eine menschliche Deutung. Der Wald selbst fasst keinen Entschluss, nichts zu sagen. Und doch bezeichnet der Vers eine wirkliche Erfahrung. Vor dem dunklen Wald verstummt für einen Augenblick unsere gewohnte Geschäftigkeit. Die Welt scheint nicht länger bloß Kulisse unserer Absichten zu sein.

Die Stille der Natur kann tröstlich wirken. In Goethes Versen „Über allen Gipfeln ist Ruh“ wird sie zum Bild einer Ruhe, die schließlich auch dem Menschen bevorsteht.

Doch die Natur schweigt nicht immer freundlich. – Die Reglosigkeit eines Meeres kann beklemmen. Die Stille vor einem Gewitter trägt eine Drohung in sich. Im Hochgebirge kann die Abwesenheit menschlicher Stimmen ein Gefühl der Erhabenheit hervorrufen, aber auch das Bewusstsein, wie gering und schutzlos ein einzelner Mensch ist.

Am entschiedensten begegnet uns dieses Schweigen im Gedanken an das Weltall. Blaise Pascal bekannte, das ewige Schweigen der unendlichen Räume mache ihn schaudern. Das Universum antwortet nicht auf die Fragen, die wir an es richten. Es kennt weder unsere Hoffnungen noch unsere Enttäuschungen. Es spendet keinen Trost und spricht kein Urteil.

Darin liegt etwas Beunruhigendes. Der Mensch ist ein Wesen, das nach Sinn fragt, in einer Wirklichkeit, die ihm keine eindeutige Antwort schuldet.

Das Schweigen der Welt könnte als Leere erfahren werden. Es kann aber auch zur Bescheidenheit führen. Vielleicht ist die Wirklichkeit nicht dazu da, unsere Erwartungen zu bestätigen. Vielleicht besteht ihre Tiefe gerade darin, dass sie größer ist als unsere Begriffe von ihr greifen?

Das fünfte Wort des Schweigens lautet:

„Die Welt ist mehr als das,
was du Dir als Bild von ihr gemacht hast.“

Epilog: Das Wort nach dem Schweigen

Sterblichkeit, Nähe, Gewissen, Kunst und Wirklichkeit: Das sind die fünf Worte, die aus dem Schweigen vernehmbar werden können.

Sie bilden keine abgeschlossene Lehre. Das Schweigen beweist nichts. Es offenbart keine geheimen Wahrheiten und macht einen Menschen nicht von selbst klüger oder besser. Auch im stillsten Zimmer kann man sich täuschen, sich selbst belügen und an törichten Gedanken festhalten.

Doch das Schweigen nimmt unseren Gewissheiten für einen Augenblick die Selbstverständlichkeit. Es zwingt uns nicht zu einer bestimmten Antwort. Es macht nur hörbar, wie viele Antworten wir vorschnell gegeben haben.

Darum ist Schweigen nicht das Gegenteil des Gesprächs. Es ist dessen Prüfung.

Ein Wort, das niemals aus dem Schweigen kommt, wird schnell zum bloßen Gerede. Ein Schweigen, das niemals ins Wort findet, kann zur Flucht werden. Beides gehört zusammen: das Innehalten und das Aussprechen, das Hören und das Antworten, der Zweifel und die Entscheidung.

Es gibt Augenblicke, in denen Schweigen sehr angemessen ist. Und es gibt Augenblicke, in denen Schweigen schuldig macht. Wo ein Mensch verleumdet, erniedrigt oder bedroht wird, darf die Bewunderung für das Schweigen enden. Dann ist das Wort gefordert. Das rechte Schweigen bereitet die verantwortliche Rede vor; es ersetzt sie nicht.

Das Schweigen spricht also nicht, indem es Antworten gibt. Es spricht, indem es uns die Ausreden nimmt, mit denen wir den Fragen ausweichen.

Und vielleicht ist dies die eigentliche Sprache: Sie macht uns bereit, nach dem Schweigen ein wahrhaftigeres Wort zu sagen. – Das Schweigen spricht zu uns …


Quellennachweis:

Dieser Essay basiert auf einem Vortrag, den ich 2002 auf der Grundlage eines Aufsatzes von Wilhelm Weischedel aus seinem Buch „Philosophische Grenzgänge“ gehalten habe. In dieser Essay-Fassung griff ich dessen fünfgliedrige Gedankenführung erneut auf und ergänzte sie um kritische Einwände.


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