Autor: Kurt O. Wörl
Wir tragen das Wissen der Welt in der Hosentasche – und verlieren zugleich die Geduld, einen schwierigen Text bis zum Ende zu lesen. Die Bibliotheken der Boomer-Generation landen im Altpapier, während Rechtschreibung, Manieren und Verbindlichkeit zunehmend als entbehrliche Zumutungen gelten.
Was geschieht mit einer Gesellschaft, in der das persönliche Befinden den gemeinsamen Maßstab verdrängt? Eine Gedankensammlung über Bequemlichkeit, Selbstinszenierung und den fortschreitenden Abschied von der Bildung.
Der Mensch und sein kleiner Mittelpunkt
„Der Mensch ist ein soziales Wesen“, heißt es. Ob das so stimmt kann jeder selbst überprüfen; es genügt, sich für eine Weile am Bahnsteig aufzuhalten. Dort stehen fünfzig dieser sozialen Wesen beieinander und bemühen sich nach Kräften, nichts miteinander zu tun zu haben. Ihre Blicke ruhen auf kleinen Bildschirmen, aus denen Nachrichten, Bilder, Spiele, Kaufangebote und die Frühstücksteller entfernter Bekannter quellen. Nahezu das gesamte Wissen der Menschheit befindet sich in Reichweite des Daumens. Verwendet wird es unter anderem, um nachzusehen, wer gerade in welchem Café einen Cappuccino mit Hafermilch trinkt.
Das Smartphone hat den Menschen nicht geformt, auch nicht seine Eitelkeit, seine Bequemlichkeit oder seine Neigung, sich mit Dingen zu beschäftigen, die ihm eigentlich nichts angehen. Es hat all dies lediglich in einem Gerät zusammengeführt, rund um die Uhr verfügbar gemacht und mit einem Belohnungssystem versehen. Es ist damit zum vollkommenen Sinnbild einer Gesellschaft geworden, in der sich die Gewichte gerade gewaltig verschieben: weg von Bildung, Selbstdisziplin, Verbindlichkeit und Rücksicht, hin zu Befindlichkeit, Bedürfnisbefriedigung und der öffentlichen Darstellung des eigenen Ichs.
Wir sind auf dem Weg in eine zunehmend bildungsferne Gesellschaft von Ichlingen. Und das ist für ein Land, arm an Bodenschätzen, dessen einzige verlässliche Ressource immer die Bildung war, keine gute Entwicklung.
Bildung ohne Anstrengung ist nur ein Abschluss
Bildungsfern bedeutet dabei nicht, dass es keine Schulen, Universitäten oder Akademiker mehr gäbe. Das Gegenteil ist der Fall. Die Zahl der höheren Bildungsabschlüsse wächst, und nahezu jeder Lebenslauf enthält inzwischen angebliche Fähigkeiten, von denen frühere Generationen nicht einmal wussten, dass man sie besitzen kann. Man vermutet sich als teamfähig, lösungsorientiert, kommunikativ, resilient und verfügt über eine ausgeprägte Hands-on-Mentalität. Gelegentlich fehlt nur die Fähigkeit, einen fehlerfreien Geschäftsbrief zu verfassen. Das aber lässt sich heute beheben, indem man jene künstliche Intelligenz bemüht, die offenbar als Einzige noch bereit ist, Rechtschreibung zu lernen.
Bildung ist allerdings etwas anderes als der erfolgreiche Durchlauf von Bildungseinrichtungen. Sie ist auch mehr als das bloße Ansammeln von Wissen. Bildung bedeutet, sich mit Sachen beschäftigen zu müssen, die einem im Moment gar nicht gefallen mögen; einen, vielleicht sogar langen Text zu lesen, der sich nicht auf den ersten Blick erschließt; einen Gedanken zu Ende zu denken, obwohl dafür keine Belohnung aufleuchtet. Sie verlangt Genauigkeit, Geduld und die Bereitschaft, das eigene Meinen an der Wirklichkeit zu prüfen. Vor allem verlangt sie auch, sich zeitweilig einer Sache unterordnen zu können. Das ist der Punkt, an dem Bildung mit dem herrschenden Zeitgeist kollidiert.
Wenn der Anspruch selbst zum Problem wird
Denn die Sache fragt nicht nach unserem Befinden. Eine mathematische Aufgabe nimmt keine Rücksicht darauf, ob wir uns von ihr angesprochen fühlen. Eine Fremdsprache weigert sich hartnäckig, ihre Grammatik unserer Tagesform anzupassen. Und die Rechtschreibung besteht auf Regeln, die für alle gelten sollen. Schon dieses Ansinnen wirkt manchem heute verdächtig. Regeln für alle, die auch noch alle beachten sollen – wo kämen wir da hin?
So ist ausgerechnet die Rechtschreibung zu einem Gegenstand öffentlicher Sinnsuche geworden. Man fragt, ob sie überhaupt noch wichtig sei. Die Frage klingt offen, ist aber suggestiv, sie enthält bereits die erwartete Antwort. Was wichtig ist, muss gelernt, geübt und gegebenenfalls korrigiert werden. Das wiederum könnte – nein – wird Anstrengung verursachen. Außerdem könnte ein Schüler erfahren, dass etwas, was er zusammengeschrieben hat, womöglich schlicht falsch ist. Früher nannte man dieses Prinzip Unterricht. Heute steht der Korrektor unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck.
Natürlich kann man sich auch mit fehlerhaften Sätzen verständlich machen. „Ich geh‘ Aldi“ versteht doch jeder. Man kann sich außerdem auch noch mit Händen und Füßen verständigen. Daraus folgt aber noch nicht, dass Sprachbeherrschung überflüssig wäre. Verständigung ist nicht schon dann gelungen, wenn der Empfänger ungefähr errät, was der Absender gemeint haben könnte. Wer unpräzise schreibt oder redet, verschiebt einen Teil seiner Verantwortung auf den Leser oder Zuhörer. Diese sollen dann ordnen, ergänzen und entschlüsseln, was der Sender einer Botschaft aus Bequemlichkeit ungeordnet gelassen hat.
Rechtschreibung ist also keine bloße Zierde für Menschen mit zu viel Freizeit. Sie ist eine gemeinsame Übereinkunft. Sie macht Sprache verlässlich und hilft dabei, Gedanken zu gliedern. Wer sorgfältig formuliert, muss unterscheiden: dieses Wort oder jenes, Ursache oder Folge, Behauptung oder Beleg, Meinung oder Tatsache. Korrektes Schreiben garantiert zwar noch kein klares Denken. Aber die Gewöhnung an sprachliche Schlamperei hilft der Klarheit des Denkens garantiert nicht.
Plauderei zum Thema (KI)
Podcast: Die Abschaffung der Zumutungen (5 Downloads )
Der Abstieg lässt sich messen
Dass die Fähigkeiten tatsächlich schwinden, ist hinreichend belegt. Die durchschnittliche Leseleistung deutscher Viertklässler lag in der Grundschul-Lese-Untersuchung von 2021 deutlich unter dem Stand von 2001. Der IQB-Bildungstrend stellte innerhalb weniger Jahre erhebliche Rückgänge im Lesen, Zuhören und in der Rechtschreibung fest. Unter den Neuntklässlern, die einen mittleren Schulabschluss anstrebten, erreichte 2022 nur noch knapp die Hälfte den vorgesehenen Regelstandard im Lesen. Bei den PISA-Studien waren die deutschen Ergebnisse desselben Jahres in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften die niedrigsten, die seit Beginn der Erhebungen für Deutschland gemessen wurden. Ein Viertel der Fünfzehnjährigen scheiterte bereits an elementaren Anforderungen des Textverständnisses.
Man kann für diese Entwicklung viele Gründe nennen: Unterrichtsausfall, Lehrkräftemangel, misslungene Schulreformen, unzureichende Sprachförderung, soziale Unterschiede und die Folgen der Schulschließungen. Alles richtig. Nur erklärt die Vielzahl der Ursachen das Ergebnis nicht weg. Wenn ein Viertel der Jugendlichen einfache Texte nicht sicher erschließen kann, haben wir kein kleines methodisches Problem, sondern ein großes gesellschaftliches. Wer nicht versteht, was geschrieben steht, ist darauf angewiesen, dass andere es ihm erklären. Im ungünstigsten Fall erklären es ihm Menschen, die ein Interesse daran haben, dass er genau das versteht, was den Erklärern nützt.
Noch zeigen die Untersuchungen zur Erwachsenenkompetenz keinen allgemeinen Zusammenbruch. Die durchschnittliche Lese- und Rechenfähigkeit der Erwachsenen in Deutschland hat sich zwischen den beiden großen OECD-Erhebungen von 2011/12 und 2022/23 kaum verändert und liegt weiterhin über dem internationalen Mittel. Das ist bedingt beruhigend, aber kein Gegenbeweis. Das bedeutet nur, dass die Gesellschaft noch nicht als Ganze bildungsfern geworden ist. Doch bei den nachwachsenden Schülerjahrgängen sind die Warnzeichen unübersehbar, während zugleich jene kulturellen Gewohnheiten schwinden, die dem Rückgang entgegenwirken könnten.
Wenn Privatbibliotheken zu Hausrat werden
Zu den schwindenden kulturellen Gewohnheiten gehört nicht nur das Lesen, sondern auch das Leben mit Büchern. Das Buch war über Jahrhunderte mehr als ein bloßer Behälter für Text. Es hatte einen festen Ort im Haus, blieb sichtbar, erinnerte an frühere Gedanken und wartete geduldig auf erneute Begegnungen. Eine private Bibliothek erzählte von ihrem Besitzer: von Interessen und Irrtümern, von geistigen Umwegen, überwundenen Überzeugungen und jenen Büchern, die man seit dreißig Jahren noch einmal lesen wollte. Dass es noch nicht dazu kam, war kein Grund, sie wegzugeben. Bücher konnten warten. Darin waren sie dem heutigen Menschen bereits weit überlegen.
Nun erreichen die geburtenstarken Jahrgänge, gewöhnlich abfällig „Boomer“ genannt, das Rentenalter. Viele bereiten sich auf den letzten Lebensabschnitt vor, geben große Häuser auf, ziehen in kleinere Wohnungen und trennen sich von dem, was sich über Jahrzehnte angesammelt hat. Möbel, Geschirr, Werkzeug, Schallplatten – und schließlich die Bücher. Gerade diese Generation hatte ihre Wohnungen häufig noch mit ganzen Regalwänden ausgestattet. Nicht wenige sammelten im Laufe eines Lebens mehrere tausend Bände. Was einmal Privatbibliothek hieß, erscheint beim Umzug allerdings nur noch als eine beträchtliche Zahl sehr schwerer Kartons.
Nun könnte man meinen, die Kinder würden solche Sammlungen dankbar übernehmen. Doch die Nachkommen haben ein anderes Verhältnis zum geschriebenen Wort. Informationen stehen bei Wikipedia, Romane auf dem digitalen Lesegerät, Unterhaltung gibts im Hörbuch und Antworten auf brennende Fragen inzwischen von der künstlichen Intelligenz bereit. Weshalb sollte man sich also zwanzig Meter Bücherregal in die Wohnung stellen, wenn der Inhalt vermeintlich schwerelos in einer Hosentasche mitgeführt werden kann? Aus dem geistigen Lebensbestand der Eltern wird so „Bücherballast“ – ein Wort, das mehr über unsere Zeit verrät als mancher kulturwissenschaftliche Kongress.
Der Versuch, die Bücher zu verkaufen oder zu verschenken, endet meist ernüchternd. Antiquariate können nur einen kleinen Teil gebrauchen, Bibliotheken sind keine Sammelstellen für aufgelöste Privathaushalte, und selbst wohltätige Einrichtungen wissen oft nicht mehr, wohin mit den Mengen. Was keinen Marktwert besitzt, gilt alsbald als wertlos. Dabei sind Bücher, die niemand kaufen will, nicht notwendigerweise Bücher ohne geistigen Wert. Der Marktpreis einer alten Goethe-Ausgabe kann niedriger sein als der eines gebrauchten Toasters. Das besagt einiges über die Nachfrage, aber nur wenig über Goethe.
Am Ende stehen die Kartons voller Bücher am Wertstoffhof. So verschwinden gegenwärtig nicht nur große Mengen bedruckten Papiers, sondern private Gedächtnisse. Zwar bleibt nahezu jeder einzelne Titel irgendwo erhältlich oder digital gespeichert. Verloren geht jedoch der Zusammenhang, in dem diese Bücher ein Leben begleitet haben. Für eine Gesellschaft, die jederzeit auf das Wissen der Welt zugreifen kann und sich dennoch zunehmend von Bildung entfernt, könnte es kaum ein treffenderes Bild geben.
Lesen im Zeitalter der Unterbrechung
Zu den vergehenden Gewohnheiten gehört das längere, ununterbrochene Lesen. Nach der JIM-Studie 2025 lesen etwa 35 Prozent der 12- bis 19-Jährigen regelmäßig gedruckte Bücher. Dieser Anteil ist über mehrere Jahre erstaunlich stabil geblieben. Das Buch ist also nicht verschwunden. Aber es ist für die Mehrheit auch keine regelmäßige Beschäftigung. Dem stehen durchschnittlich 231 Minuten täglicher Smartphone-Nutzung gegenüber – nahezu vier Stunden. Hinzu kommen Zeiten vor dem Computer, Fernseher und andere Bildschirme. Der entscheidende Gegensatz besteht dabei nicht zwischen Papier und Elektronik, sondern zwischen Vertiefung und Zerstreuung.
Sicher, auch auf einem Bildschirm kann man Kant lesen, und ein gedrucktes Boulevardblatt wird nicht zum Bildungswerk, weil es auf Papier erscheint. Der Unterschied liegt zwischen Vertiefung und Zerstreuung. Digitale Medien sind auf Wechsel angelegt. Ein Text verweist auf den nächsten, eine Nachricht unterbricht die vorige, ein Bild zieht das andere nach sich. Selbst wer etwas Sinnvolles liest, tut dies unter der ständigen Möglichkeit, augenblicklich anderswo zu sein.
Diese Möglichkeit bleibt nicht folgenlos. Mehrere Studien zeigen, dass längere Sachtexte auf Papier im Durchschnitt besser verstanden werden als auf dem Bildschirm, besonders unter Zeitdruck. Der Unterschied ist nicht gewaltig, aber beständig. Noch bedeutsamer dürfte sein, was sich nur schwer in einem einzelnen Test messen lässt: die Gewöhnung daran, jedem Anflug von Langeweile durch einen Reizwechsel zu entkommen. Wer einen schwierigen Absatz nicht versteht, kann ihn noch einmal lesen. Er kann stattdessen aber auch nachsehen, ob inzwischen jemand seinem Foto vom Mittagessen ein Daumen-Hoch gegeben hat. Das zweite Angebot verfügt zugegeben über das verlockendere Belohnungssystem.
Langeweile war früher ein Zustand, den man überwinden musste. Heute gilt sie als technischer Defekt. Irgendetwas muss laufen, blinken, summen oder wenigstens vibrieren. Selbst der Spaziergänger benötigt Beschallung im Kopfhörer, der Jogger eine digitale Leistungskontrolle und der Bahnreisende ein Unterhaltungsprogramm für die sieben Minuten zwischen zwei Stationen. Der moderne Mensch lässt sich nicht mehr einfach allein sein. Vielleicht fürchtet er, sich dabei selbst zu begegnen?
Mit der unterbundenen Langeweile verschwindet jedoch ein wichtiger Zwischenraum. Gedanken entstehen selten nur durch Reize, sondern viel öfter auch durch deren Abwesenheit. Wer niemals wartet, schweift nicht ab; wer nicht abschweift, Zeit für Tagträume nutzt, findet selten einen unerwarteten Weg. Albert Einstein selbst räumte ein, dass er seine wichtigsten Entdeckungen, während seiner oft von Langeweile durchzogenen Tätigkeit am „Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum“ (auch Berner Patentamt genannt), machte.
Langeweile macht sehr erfinderisch.
Die permanente Beschäftigung füllt zwar die leere Zeit, aber sie nutzt sie nicht für Kreatives. Am Ende hat man zweihundert Nachrichten angesehen, zwölf kurze Filme durchlaufen und viel Empörung zur Kenntnis genommen. Nur worüber man eigentlich nachgedacht hat, lässt sich gar nicht mehr genau sagen.
Die Abschaffung der Zumutung
Das Smartphone passt damit in eine Welt, deren oberstes Versprechen die Beseitigung jeder Zumutung ist. Der Film beginnt sofort, die Ware kommt pünktlich bereits morgen, das Essen wird an der Haustür geliefert und der mögliche Lebenspartner erscheint im Wischverfahren. Was nicht gefällt, wird übersprungen. Was Mühe macht, wird ausgelagert. Was Zeit benötigt, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Aus dem vernünftigen Wunsch, unnötige Arbeit zu vermeiden, ist allmählich der Anspruch geworden, möglichst alles ohne Anstrengung zu erreichen. Ich weiß, wovon ich rede: ausschließlich jüngere Nichtleser meiner Beiträge kommentieren diese gerne nur mit den Buchstaben „tl;dr“, das bedeutet „too long; didn’t read“.
Annehmlichkeiten sind durchaus eine der großen Errungenschaften der Zivilisation. Niemand muss seine Wäsche mehr am Fluss mit der Wurzelbürste waschen, um charakterlich zu reifen. Problematisch werden sie dort, wo nicht mehr nur die unnötige Mühe vermieden wird, sondern auch die dringend notwendige. Denn fast alles, was Menschen befähigt, benötigt Übung: Schreiben, rechnen, musizieren, malen, handwerken, argumentieren und auch zuhören können. Man muss vieles immer wieder wiederholen, obwohl man doch lieber etwas anderes täte. Man muss es auch aushalten können, vorübergehend in bestimmten Dingen nicht gut zu sein. Man muss sich korrigieren lassen können, ohne darin gleich eine Herabsetzung der ganzen Persönlichkeit zu sehen.
Aber diese Zumutungen passen schlecht zu einer Kultur, in der das persönliche Wohlgefühl zum obersten Maßstab geworden ist. Unangenehm und unzumutbar liegen heute sprachlich bereits gefährlich nahe beieinander. Eine schlechte Beurteilung wird nicht mehr selbstverständlich als bloße Aussage über eine Leistung verstanden, sondern leicht als Kränkung des Minderleistenden. Kritik wird dann weniger dem fehlerhaften Ergebnis zugeschrieben, sondern als Angriff auf den Menschen dahinter. Dieser neupädagogische Ausweg ist verführerisch, weil bequem: Man verändert die Maßstäbe, nennt dies zeitgemäß und erkennt vermeintlich weniger Misserfolge. Die Fähigkeiten werden dadurch aber nicht ausgebaut. Nur die Statistik fühlt sich freundlicher an.
Besonders folgenreich ist diese Haltung für Kinder, die zu Hause wenig Unterstützung erhalten oder Deutsch nicht sicher beherrschen. Ihnen aus falsch verstandener Rücksicht weniger abzuverlangen, klingt zugegeben zunächst besonders menschenfreundlich, ist aber in Wahrheit genau das Gegenteil. Gerade diese Kinder brauchen bindende Regeln, gründlichen Unterricht und eine Sprachausbildung, die ihnen Türen öffnen kann. Wer aber erforderliche Standards für ausgrenzend erklärt, weil sie nicht jeder auf Anhieb erfüllt, verwechselt Gerechtigkeit mit Anspruchslosigkeit. Nicht die korrekte, erlernbare Sprache schließt Menschen aus. Ausgeschlossen von Lebenschancen wird, wem Sprachebildung einfach nicht mehr vermittelt wird.
Der mühelose Schein des Könnens
Auch die künstliche Intelligenz fügt sich vortrefflich in diese Entwicklung ein. Neun von zehn Jugendlichen nutzen inzwischen entsprechende Anwendungen, ein großer Teil davon auch für Schule und Hausaufgaben. Gewiss, für Menschen, die schreiben, prüfen und urteilen können, ist das ein mächtiges Werkzeug. Für Menschen, die diese Fähigkeiten erst erwerben sollen, ist es aber zugleich eine prächtige Gelegenheit, den Erwerb derselben zu umgehen. Man lässt sich von der KI eine Erörterung schreiben, eine Gleichung lösen und ein Buch zusammenfassen. Das Ergebnis sieht dann zwar aus wie ein Bildungsergebnis, aber die ist bei Vermeidung des anstrengenden Bildungsweges eben gar nicht gegeben.
Die KI erfüllt einen alten Schülertraum: abschreiben, ohne dass es nach Abschreiben aussieht. Neu ist lediglich, dass die Vorlage jeden Text eigens anfertigt und auf Nachfrage sogar freundlich versichert, man habe großartige Gedanken zu Papier gebracht. Nie war es leichter, Fähigkeiten vorzutäuschen. Der bekannt ungeübte Schreiber liefert plötzlich druckreife Sätze, der Nichtleser spricht über Bücher, die er nie in die Hand genommen hat, und der Prüfling präsentiert die Lösung einer Aufgabe, deren Entstehung er selbst nicht erklären kann. Die Maschine hat gearbeitet, der Mensch hat abgegeben – und beide erhalten womöglich eine gute Note.
Jedem seine eigene Pressestelle
Zur Vermeidung von Anstrengung tritt die öffentliche Bewirtschaftung des eigenen Ichs. Menschen haben sich immer dargestellt. Sie ließen Porträts von sich malen, erzählten von ihren Erfolgen und rückten beim Gruppenbild gern ein wenig nach vorn. Neu ist die pausenlose Vermarktung der eigenen Person. Jeder kann heute Sender, Hauptdarsteller und Pressestelle in Personalunion sein. Die sozialen Netzwerke liefern dazu Bühne, Publikum und Buchhaltung. Sie zählen Freunde, Follower, Reaktionen und Zustimmung. Die Eitelkeit verfügt nun über eine Leistungsstatistik.
Nicht jeder Mensch, der ein Urlaubsfoto veröffentlicht, leidet deshalb schon an Narzissmus. Die Veränderung liegt tiefer: Die Selbstdarstellung ist inzwischen aber vom gelegentlichen Verhalten zur kulturellen Grundübung geworden. Erlebnisse werden auf ihre Veröffentlichungsfähigkeit geprüft, Meinungen auf ihre Wirkung und selbst gute Taten auf ihren Bildwert. Man tut nicht nur etwas; man zeigt, dass man es tut. Wer spendet, hilft oder Anteil nimmt, ohne darüber zu berichten, riskiert, dass die Sache gesellschaftlich gar nicht stattgefunden hat.
So verschiebt sich das Verhältnis zwischen Sein und Schein. Das stille Können, das eingehaltene Versprechen, die unbeobachtete, stille Hilfe und die Leistung ohne Beifall haben gegenüber dem Sichtbaren heute einen schweren Stand. Es gibt halt keine „Likes“ dafür. Charakter aber zeigt sich vorzugsweise genau dann, wenn kein Publikum zusieht. Wer höflich ist, sobald eine Kamera läuft, beherrscht möglicherweise Öffentlichkeitsarbeit. Ob er wirklich gute Manieren besitzt, erweist sich erst danach.
Gute Manieren begrenzen das eigene Ich
Damit wären wir bei einer weiteren bedrohten Kulturtechnik: Gute Manieren! Gute Manieren bestehen nicht allein darin, eine mit Messer und Gabel umgehen zu können oder beim Opernbesuch den passenden Binder zu wählen. Sie bestehen vielmehr in der Fähigkeit, die eigene Person anderen nicht im Übermaß zuzumuten. Man spricht nicht so laut, dass das ganze Zugabteil über die eigene Krankengeschichte unterrichtet wird. Man lässt andere ausreden, kommt pünktlich, bedankt sich, entschuldigt sich und räumt den Einkaufswagen so weg, dass der Parkplatz auch nach dem persönlichen Einkauf noch von der übrigen Menschheit benutzt werden kann.
Früher genügte zur Begründung bisweilen der Satz: „Das tut man nicht!“ Er war gewiss kein philosophischer Meistersatz. Aber er bezeichnete das Vorhandensein gemeinsam anerkannter Regeln, über die nicht bei jeder Gelegenheit neu verhandelt werden musste. Heute lautet die unausgesprochene Gegenfrage: „Warum nicht, wenn mir doch gerade danach ist?“ Damit wird das persönliche Bedürfnis zur obersten Instanz. Der andere wird nur noch als Zuschauer, Dienstleister oder nörgeliges Hindernis wahrgenommen.
Man sieht den Verfall an den kleinen Dingen: Verabredungen werden kurzfristig abgesagt, weil sich etwas Angenehmeres ergeben hat. Nachrichten bleiben unbeantwortet, sobald ihre Beantwortung etwas Mühe oder eine unangenehme Erklärung verlangen würde. Im öffentlichen Raum werden Filme und Musik ohne Kopfhörer abgespielt, Taschen auf freien Sitzplätzen gelagert und Gespräche in einer Lautstärke geführt, die bei Unbeteiligten keine Wissenslücke hinterlässt. Immer geht es um die Bequemlichkeit des einen auf Kosten aller anderen. Die Ichlings-Gesellschaft funktioniert nach einem einfachen Grundsatz: Mein Augenblick gehört mir, und Deiner gehört im Zweifelsfall ebenfalls mir.
Selbst die Kleidung erzählt von dieser Verschiebung. Freilich, niemand muss im Dreiteiler zum Bäcker gehen, und die Rückkehr von Hut und Spazierstock steht nicht unmittelbar bevor. Dennoch hatte Kleidung einmal etwas mit Anlass, Umgebung und Achtung vor anderen zu tun. Inzwischen scheint der öffentliche Raum vielfach als verlängertes Wohnzimmer zu gelten; Hauptsache bequem! Ob der Mitmensch den Anblick ebenfalls als angenehm empfindet, wen interessiert das schon? Die Jogginghose hat nicht den kulturellen Untergang des Abendlandes verursacht. Sie hat aber vielerorts dessen Kleiderordnung übernommen. Oder wie es Karl Lagerfeld ausdrückte: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“
Erwachsene mit immer kürzerer Geduld
Hinter all dem steht eine merkwürdige Infantilisierung. Das Kind lebt naturgemäß aus dem unmittelbaren Bedürfnis: Ich habe Hunger – jetzt, brauche Trost – jetzt, Unterhaltung – jetzt. Erwachsenwerden bedeutet hingegen, zwischen Impuls und Handlung Abstand zu schaffen. Man kann warten, kann verzichten, kann Rücksicht nehmen und kann etwas Notwendiges tun, obwohl es keinen Spaß bereitet. Eine Kultur, die jedes Bedürfnis augenblicklich bedient, erklärt diesen Abstand schlicht für überflüssig. Sie produziert Erwachsene mit immer leistungsfähigeren Equipment und immer kürzerer Geduld.
Sinnbildlich dafür ist der ständig mitgeführte Trinkbehälter. Selbst kurze Wege scheinen heute expeditionsähnliche Vorbereitungen zu verlangen. Der moderne Stadtbewohner könnte ja zwischen Wohnung und Straßenbahn unvermutet in eine Wüste geraten und führt deshalb vorsichtshalber mindestens einen halben Liter Flüssigkeit mit. Gegen ausreichendes Trinken ist selbstverständlich nichts einzuwenden. Bemerkenswert ist nur die dahinterstehende Selbstverständlichkeit: Ein Bedürfnis könnte auftreten, und dann müsste es augenblicklich befriedigt werden. Schon leichter Durst erscheint als Situation, für die Vorsorge zu treffen ist.
Wirklichkeit bitte nur nach Vorwarnung
Noch empfindlicher reagiert der zeitgenössische Mensch auf seelisches Unbehagen. Bücher, Filme, Bilder und Vorträge werden mit Warnhinweisen, gar Triggerwarnungen versehen, falls etwas darin verstören könnte. Gewiss gibt es Darstellungen, auf die man Menschen vorbereiten sollte. Doch der fürsorgliche Hinweis wird zunehmend zur allgemeinen Erwartung, die Wirklichkeit habe vor ihrem Erscheinen gefälligst anzuklopfen. Sie soll sich ankündigen, Rücksicht nehmen und möglichst draußen bleiben, wenn sie schlechte Stimmung verbreitet.
Dabei besteht Bildung gerade in der Begegnung mit einer Wirklichkeit, die sich nicht nach uns richtet. Die Geschichte ist nun leider voller Grausamkeit, Literatur voller Schuld, Scheitern und Tod, Wissenschaft voller Ergebnisse, die auch liebgewonnene Überzeugungen zerstören können. Wer nur ertragen will, was sein Selbstbild bestätigt und sein Gemüt schont, sucht nicht Wahrheit, sondern seelische Immunisierung. Das Recht auf eine eigene Meinung verwandelt sich dann unmerklich in den Anspruch auf eigene Tatsachen – und schon sind wir bei den „alternativen Fakten“.
Digitale Medien erleichtern diesen Rückzug. Wir können darin Menschen ausblenden, Ansichten blockieren und Nachrichten so auswählen, dass die Welt unseren Erwartungen immer ähnlicher wird. Der Widerspruch verschwindet nicht, aber wir müssen ihn nicht mehr ertragen. So sitzt jeder in seiner eigenen Wirklichkeit nach Maß, eingerichtet vom Algorithmus und dekoriert mit den eigenen Vorurteilen. Gelegentlich wundert man sich, dass andere Menschen in einer völlig anderen Welt leben.
Freiheit braucht Selbstbegrenzung
Eine freie Gesellschaft kann so auf Dauer so nicht fortbestehen. Sie braucht Bürger, die Tatsachen von Wünschen unterscheiden, Argumenten folgen und Widerspruch aushalten können, ohne ihn als persönlichen Angriff zu empfinden. Sie braucht Menschen, die ihre Freiheit nicht mit Bindungslosigkeit verwechseln. Freiheit zeigt sich nicht darin, jedes Versprechen widerrufen zu können, sobald seine Einhaltung unbequem wird. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, Bindungen selbst zu wählen und anschließend auch zu ihnen zu stehen.
Deshalb gehören Bildung, Selbstdisziplin, Manieren und Verbindlichkeit zusammen. Sie alle setzen voraus, dass das Ich nicht in jedem Augenblick an erster Stelle steht. Der Leser ordnet sich dem Text unter, der Lernende der Aufgabe, der Gesprächspartner dem gemeinsamen Gespräch und der Bürger den Regeln, die auch dann gelten, wenn sie ihm persönlich nicht gefallen. Zivilisation beginnt dort, wo der Mensch nicht jeden Impuls zur verbindlichen Handlungsanweisung erklärt.
Nicht die Jugend hat diese Welt gebaut
Man sollte die Entwicklung nicht allein der jungen Generation anlasten. Sie hat diese neue Welt nicht gebaut, in der sie aufwächst. Erwachsene haben die Geräte und die Plattformen entwickelt, die Geschäftsmodelle finanziert und den Kindern vorgelebt, dass jede Unterbrechung durch ein klingelndes Telefon wichtiger sei als gegenübersitzende, leibhaftige Mensch. Schulen, Elternhäuser und Institutionen haben die Anforderungen gesenkt oder undeutlich gemacht, weil klare Erwartungen Konflikte verursachen können. Nun beklagen dieselben Erwachsenen eine Jugend, die gelernt hat, dass Zumutungen verhandelbar sind.
Wir befinden uns also nicht deshalb auf dem Weg in eine bildungsferne Ich-Gesellschaft, weil junge Menschen Smartphones besitzen, gelegentlich Wörter abkürzen oder andere Kleidung tragen als ihre Großeltern. Wir befinden uns auf diesem Weg, weil immer mehr Bereiche des Lebens nach demselben Muster geordnet werden: Das eigene Befinden entscheidet, Bequemlichkeit gilt als Fortschritt, Sichtbarkeit ersetzt Bedeutung und eine unangenehme Wirklichkeit als Zumutung. Bildung wird zum bloßen Abschlusszeugnis, Sprache zur ungefähren Mitteilung, Freiheit zur Beliebigkeit und Rücksicht zur freiwilligen Zusatzleistung ohne Anspruch darauf.
Widerstand gegen das bequeme Ich
Es ist wahr, es wird noch gelesen, gelernt, geübt, geholfen und Verantwortung übernommen. Doch das geschieht zunehmend gegen eine Umgebung, die das Gegenteil belohnt. Wer sich konzentriert, muss Störungen abwehren. Wer sorgfältig schreibt, muss erklären, warum ihm das wichtig ist. Wer auf Manieren besteht, gilt rasch als gestrig. Wer auf Verbindlichkeit pocht, als unentspannt. Der Maßstab hat sich bereits verschoben: Nicht mehr die Nachlässigkeit muss sich rechtfertigen, sondern der Anspruch.
Der Ausweg verlangt keine Rückkehr in eine verklärte Vergangenheit. Nicht alles war früher gebildeter, höflicher oder besser. Aber einige Einsichten waren selbstverständlicher: etwa dass Können von Übung kommt, dass Freiheit ohne Selbstbegrenzung in Rücksichtslosigkeit umschlägt, dass ein Fehler keine Kränkung ist und eine Korrektur kein Übergriff, dass man nicht alles tun muss, nur weil man es kann. Und dass die Welt auch dann fortbesteht, wenn das eigene Ich für eine Weile nicht im Mittelpunkt alles Seienden steht.
Vielleicht beginnt Bildung heute mit einer beinahe subversiven Handlung: Man lege das Smartphone beiseite, lese einen schwierigen Text bis zum Ende und widerstehe dem Drang, der Welt unverzüglich mitzuteilen, dass man es getan hat.
Video-Zusammenfassung des Beitrags (KI)








