Diktator als Objekt der "Kunst":

Kunst und Verantwortung

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Autor: Kurt O. Wörl

In der Schule habe ich gelernt, das Fach hieß damals in den 60er Jahren “Sozialkunde”, dass die von unserer Verfassung gewährten Grundrechte nicht nur weitgehende Freiheiten für jedermann sicherstellen, sondern, dass an jedes Freiheitsrecht stets auch untrennbar Pflichten, z.B.  die Pflicht zur Übernahme von Verantwortung für das eigene Tun und Lassen, geknüpft sind.

Das leuchtet ein. Nur eine Diktatur, die uns unser Leben und all unsere Handlungen bis ins Kleinste vorschreibt, befreit uns – wenn auch nur scheinbar – von jeder Verantwortung für befohlenes Handeln oder Unterlassen. 

Eines der Freiheitsrechte ist u.a. die “Freiheit der Kunst” nach Art 5 unseres Grundgesetzes. Es ist damit eines der am stärksten geschützten Grundrechte neben jenen auf Würde, Leben, körperliche Unversehrtheit, freie Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichberechtigung, Freiheit des Glaubens und des Gewissens. So ist in Art. 5 Absatz 3 zugesichert “Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei”. 

Freiheit bedeutet zu allererst Übernahme von Verantwortung für das eigene Tun und Lassen.

Nun könnten schlichte Gemüter durchaus auf die Idee kommen, als Kunstschaffender könne man gleichsam wie ein Anarchist tun und lassen was man will und niemand könne ihn daran hindern oder gar dafür zur Verantwortung ziehen. Doch ganz so ist das nicht! Mit den gewährten Freiheitsrechten überträgt uns unsere Verfassung auch die Verantwortung für all unser Tun. Und vor unserer Verantwortung können wir uns auch nicht davonstehlen, wie wir uns auch nicht der kritischen Prüfung durch unser Gewissen entziehen können.

Wenn da also “Künstler” in politisch aufgeheizten Zeiten meinen, sie müssten anlässlich der Bienale mit einer goldenen Erdogan-Statue, auf dem Platz der Deutschen Einheit in Wiesbaden, provozieren, dann tragen sie die gesamte Verantwortung für die Folgen ihres Tuns auf ihren Schultern – und auch auf dem Gewissen.

Als akademisch gebildete “Künstler” wird ihnen auch die Gespaltenheit der in Deutschland lebenden, türkischstämmigen Community in Erdogan-Gegner und -Anhänger (letztere stellen über 60%) nicht entgangen sein und auch nicht die hitzköpfigen Auseinandersetzungen zu dem Mann, dem die “Künstler” meinten eine Statue in Gold widmen zu müssen, dem faschistoiden Autokraten auf dem Weg zum Diktator der Türkei, Erdogan. Und die “Künstler” werden auch wissen, dass ihr Handeln vor allem einer Partei nützt: der AfD.

Sie haben mit ihrem Handeln auch bewusst und wissentlich das Dilemma hingenommen, vielleicht sogar gewollt generiert, in welches sie die Stadt Wiesbaden und die deutsche Regierung stürzen, die vor der Entscheidung standen, entweder aus Gründen der Sicherheit die Statue wieder zu entfernen oder im Sinne der Freiheit der Kunst stehen zu lassen. Ersteres könnte Erdogan-Fans auf die Palme bringen, letzteres würde seine Kritiker düpieren und äußerst merkwürdige Signale in die Welt entsenden: Deutschland lässt Denkmäler für Despoten errichten?

Die “Künstler” haben also vorsätzlich gezündelt und man kann davon ausgehen, dass ihnen die Folgen schnurzegal waren. Was sie jetzt im Mindesten fühlen sollten ist tiefe Scham. Im Internet nennt man Leute, die durch ihre Beiträge möglichst viel Zwietracht säen wollen, übrigens Trolle“. Jedenfalls sollten sie sich vorbereiten: Sollte es infolge ihrer “Kunstaktion” zu Auseinandersetzungen kommen, hoffe ich nicht, dass Menschen verletzt oder getötet werden. Wenn doch, geht jeder Einzelne davon auf das Gewissen dieser sog. “Künstler”. Das kann auch nicht dialektisch wegrabuliert werden.

Besonders feige: Bis jetzt wurden auch die Namen dieser “Künstler” noch nicht bekannt, wo doch zum Künstlersein gesunder Narzissmus gehört und man nur zu gerne eigene Werke zu signieren pflegt, des Ruhmes wegen.

Erfreulich jedenfalls, dass die Stadtväter sich mutig zum Entfernen dieser überaus billigen Provokation entschlossen haben. Jeder, der an dieser Entscheidung jetzt Kritik übt, sollte, bevor er in Schnappatmung verfällt, folgendes Szenario durchdenken: Was, wenn andere “Künstler” auf die Idee kämen, im Rahmen ihrer Freiheit als Kunstschaffende andernorts Hitler- oder Honecker-Statuen zu errichten?

Die Stadt schränkt mit ihrem Handeln übrigens die Freiheit der Kunst nicht ein. Jeder Künstler ist frei, jedes Kunstprodukt zu erschaffen. Aber kein Künstler hat das Recht auf die Installation seiner Werke im öffentlichem Raum. Maler können auch nicht ohne Genehmigung ihre Stadt mit ihren Werken tapezieren und selbst Galeristen langen oft kräftig für gewährte Vernissagen ins Portmonee des Künstlers. 

Was bleibt ist die Last der Verantwortung, welche die bislang anonymen “Künstler” selbst auf ihre Schultern geladen haben. Denn egal was jetzt passiert: Sollten infolge der Provokation jetzt Menschen durch Auseinandersetzungen zu Schaden kommen, gar Gesundheit oder Leben einbüßen, dann geht die Rechnung der Schuld zur Gänze an das Gewissen dieser Leute. Sie haben dies billigend in Kauf genommen.

Ich möchte ehrlich gesagt nicht in deren Haut stecken.

2 Kommentare:

  1. Du hast wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Danke.

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