Verunglimpfung einer Überlebensstrategie:

Vorsicht vs. Vorurteil

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Autor: Kurt O. Wörl

Sind Sie ein umsichtiger Mensch? Bemühen Sie sich als vernunftbegabtes Wesen aus Erfahrungen für Ihr Leben zu lernen? Beherrschen Sie es, bei wiederkehrenden Gefahren aus dem Gelernten die nötige Vorsicht walten zu lassen, um nicht erneut zu Schaden zu kommen? Oder geraten Sie wieder und wieder in unangenehme, vielleicht gefährliche Situationen, obwohl Sie aus vorausgehenden Situationen hätten lernen müssen?

Konkreter: Wurden Sie schon mal von einem Hund gebissen, obwohl Sie Hunde immer mochten? Stellen Sie sich vor es wäre so: wie würden Sie wohl künftig fremden Hunden begegnen? Ich denke, Sie werden es mit mehr Umsicht als vor dem erlittenen Biss tun, fremde Hunde vielleicht aus Sicherheitsgründen sogar meiden. Der Satz des Hundeshalters “Er will nur spielen!” er wäre für Sie womöglich für immer Schall und Rauch.

Oder: Wer einmal mit einem “Vermögensberater” schlechte Erfahrungen sammeln durfte und womöglich ein Vermögen verloren hat, wird wohl als vernünftiger Mensch diesem Berufsstand ggü. künftig besondere Vorsicht walten lassen.

In beiden Fällen wird man sagen: Dieser Mensch hat aus gehabtem Schaden gelernt und ist bei ähnlich gelagerten Ereignissen für die Zukunft gewappnet. Man wird Sie als vorsichtig oder vielleicht weniger schmeichelhaft, als zu ängstlich bezeichnen. Man wird Ihnen aber kaum das Etikett “vorurteilsbehaftet” ans Revers heften.

Ganz anders kann es Ihnen aber ergehen, wenn Sie mit Menschen unangenehme Erfahrungen sammeln durften, welche erkennbar einer ethnischen Minderheit angehören. Hier wird man Ihnen sehr wahrscheinlich weniger Vernunftbegabung als das Gegenteil, nämlich eine dumme, vorurteilsbehaftete Grundhaltung unterstellen. – Ein Etikett, welches man auch nicht mehr so einfach abziehen kann. – Diese Keule wird heute sehr gerne geschwungen.

Ich lebte nahe und arbeitete in einer Stadt, in welcher unter den Kindern und Jugendlichen inzwischen fast 50% einen sog. “Migrationshintergrund” aufweisen. Im Ballungsraum Nürnberg-Fürth-Erlangen geht es also bereits recht multikulturell zu. Man sieht es, wenn man durch die Stadt läuft, man hört es bei der morgendlichen Fahrt in der U-Bahn, auf den Bänken im Stadtpark sitzen heute eher junge Männer als Senioren, man erkennt es an der bunten, internationalen Gastronomie, die man hier vorfindet. Mir gefällt das im Großen und Ganzen, denn die Menschen leben hier weitgehend friedlich zusammen. Und weitgehend hätte man deshalb keinen Grund zur Vorsicht vor den Neudeutschen, wie ich Migranten und deren Abkömmlinge zu nennen pflege.

Und dennoch ertappe ich mich schon manchmal dabei, dass ich bestimmten – und ich betone ausschließlich männlichen – Jugendlichen und jungen Männern eines bestimmten Herkunftsraums vorsichtiger als anderen begegne, ohne darüber nachzudenken, zu diesen bewusst Abstand halte und auch schon mal die Straßenseite wechsle, wenn mir eine Gruppe davon entgegen kommt. “Vorsicht heißt die Mutter der Porzellanpuppe”, sagt man in Franken. Gründe sind sicher meine Berufserfahrungen als Gendarm, mein Wissen über Delinquenz- und Haftstatistiken der Gefängnisse. Sicher lehrten mich auch entsprechende Nachrichten in Tagespresse, Rundfunk und Fernsehen umsichtig zu bleiben. Ich ärgere mich jedesmal über mich selbst, wenn ich bemerke, dass es mir nicht gelingen mag, allen Menschen in gleicher Weise unbefangen zu begegnen. Was ist das?

Bin ich nun nur aus Erfahrung vorsichtig oder bereits vorurteilsbehaftet? – Vorsicht meint Voraussicht und im Grunde, dass man Erfahrungen der Vergangenheit berücksichtigt, um mögliche Gefahren in der Zukunft meistern oder vermeiden zu können. Eine Art offener Prognose also, die jederzeit durch neue Erkenntnisse für obsolet befunden und Vorsicht überflüssig werden lassen kann. Und nur zu gerne lasse ich mich eines Besseren belehren, wenn meine Vorsicht ggü. einem Menschen unbegründet war. Ich denke, das ist ein ererbtes, biologisches Überlebensprogramm, dem sich kaum ein Mensch wird entziehen können.

Vorurteil hingegen meint ein Vorausurteil und enthält das Wort “Urteil”. Ein Urteil enthält in aller Regel eine endgültige, abschließende Bewertung, eben eine Verurteilung. Ein Vorurteil wäre demnach eine Art prophylaktischer Voraus-Verurteilung und die muss noch nicht einmal auf Erfahrung beruhen. Oft genügt das “Hörensagen”, dem der Vorverurteilte nur schwerlich wieder entkommen kann. In “Nathan der Weise” bringt Lessing das Prinzip der chancenlosen Vorverurteilung, welche man gar nicht geändert haben möchte, mit den Worten “Tut nichts, der Jude wird verbrannt!” immer wieder zum Ausdruck. Er meint damit, dass – egal was gegen diese Vorausverurteilung spricht – man kein Interesse daran habe, sie zu revidieren.

Der Unterschied: Vorsicht lässt sich jederzeit durch neue Fakten als unbegründet akzeptieren. Jeder Mensch ist in der Regel froh darüber, wenn er anderen Menschen vertrauen und ihnen ggü. künftig keine Vorsicht walten lassen muss. 

Vorurteile hingegen enthalten auch einen Willensbestandteil, den Vorausverurteilten unter permanentem Verdacht zu halten, weshalb Dagegensprechendes ignoriert und womöglich nihiliert und oft auch noch bekämpft wird. Nicht selten ist es auch bloßer Hass, der Vorurteile bewusst schürt, mit dem Ziel, anderen zu schaden, sie zur Unperson zu machen. Vorurteile sind daher oft gewollt, werden gepflegt und verteidigt und allzu gerne in andere Köpfe weiter gegeben. Der Rassismus hat hier seinen Nährboden.

Wir sollten mit dem Etikett “Vorurteil” oder gar Fremdenfeindlichkeit deshalb sehr umsichtig umgehen, bevor wir es anderen Menschen anhaften. Denn dieses Etikett enthält seinerseits selbst eine gewaltige Vorverurteilung, weil es dem anderen eine revidierbare Vorsicht aus Erlebtem abspricht und ihm somit niedere Beweggründe unterstellt. Und wer aus Furcht das Fremde vorsichtshalber meidet ist auch noch lange kein Feind des Fremden. Furcht vor dem Fremden ist eine in der Evolution bewährte Überlebensstrategie, die nahezu jedem Lebewesen innewohnt. Darum ermahnen wir unsere Kinder auch, niemals mit Fremden mitzugehen – ob wohl dies bereits einen Generalverdacht gegen alle Fremden birgt und wir unsere Kinder so zur Vorsicht vor Fremden konditionieren. Und das ist auch richtig so.

Und wer noch nie einen Meter in den Schuhen des anderen gelaufen ist, sollte auf Urteile über ihn besser ganz verzichten, um nicht selbst in Gefahr zu geraten, fürderhin als vorurteilsbehaftet zu gelten.

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