Zum SPIEGEL-Skandal:

Selten ein Schaden ohne Nutzen

Time for ChangeAutor: Kurt O. Wörl

Schöner Salat, den der mehrfach ausgezeichnete Journalist Claas Relotius vom SPIEGEL da angerichtet hat. Außer, dass dem einst investigativen Nachrichtenmagazin nun die Häme aus den Redaktionen anderer Medien – und von den politischen Gegnern sowieso – entgegen schlägt (der STERN wird besonders froh sein, mit seinem “Hitler-Tagebücher-Fake” nun kein schmerzhaftes Alleinstellungsmerkmal mehr zu haben), wird es für den SPIEGEL künftig nicht mehr ganz so einfach sein, dem PEGIDA-Geplärre von der “Lügenpresse” noch glaubhaft entgegen zu treten. Besonders in der AfD werden nicht Wenige darüber feixen. Darüber hinaus könnte der Skandal die gesamte Branche der schreibenden Zunft auch in den Augen der breiten Bevölkerung künftig unter Generalverdacht halten. Weitere unangenehme Folgen könnten drohen: Denn Fake-News dürften auch falsche Zitate von und unwahre Behauptungen über Personen enthalten, die damit möglicherweise zu unrecht kompromittiert wurden. Das könnte eine Flut von Widerrufsverlangen bis hin zu Schadensersatzklagen nach sich ziehen.

Wenn ich ehrlich bin, wirklich erstaunt bin ich über das Desaster beim SPIEGEL nicht. Ein willentlich einseitig ausgerichtetes Medium wie der SPIEGEL, das für seine Journalisten unverrückbar einzuhaltende Narrative vorgegeben hat, um einen lupenreinen, progressiven Gesinnungsjournalismus sicher zu stellen, muss meines Erachtens sogar besonders anfällig für derartige Machenschaften sein. Dies führt nämlich zwangsläufig zu einer Monokultur der Haltungen im eigenen Haus, die irgendwann keinen kritischen Gegenblick mehr ermöglicht, wogegen auch die wenigen, stets pointiert schreibenden, eher bürgerlich-konservativen Alibi-Essayisten des SPIEGELS, wie etwa Jan Steinhauer, nicht ankommen können. 

Anfällig dafür macht den SPIEGEL auch seine besondere Art des “erzählenden Journalismus”. Während das Konkurrenzmagazin FOCUS den schreibenden Mitarbeitern “Fakten, Fakten Fakten!” und  “In der Kürze liegt die Würze!” als Leitmotiv vorgegeben hat, bestach der SPIEGEL schon immer mit endlos langen Artikeln, die bewusst auch die Gefühlsebene seiner Leser ansprach. Schon immer waren SPIEGEL-Artikel der Belletristik näher als der reinen Berichterstattung. Das galt einst als ein Qualitäts- und Alleinstellungsmerkmal des Magazins. Damit dürfte es nun vorbei sein. Mehr als alle anderen Blätter wird der SPIEGEL künftig auf pure Nachrichten und überprüfbare Fakten setzen und gefühlsduselige Meinungen in die Kommentarspalten verbannen, wo sie auch hingehören. 

Respekt habe ich aber durchaus davor, wie die Führungsetage des Verlags auf den Skandal reagiert hat, indem sie damit unverzüglich selbst und sehr offen an die Öffentlichkeit gegangen ist. Respekt! Allerdings war das auch die denkbar einzige Vorgehensweise, weil Vertuschungsversuche von der konkurrierenden Zunft ohnehin mit Genuss aufgedeckt worden wären und alles noch verschlimmert hätten. Man weiß im Augstein-Haus, es ist Fünf vor Zwölf!

Natürlich fragen sich nun Viele, vor allem in der Verlagszentrale des SPIEGELS selbst, wie es soweit kommen konnte. Doch die Gründe dafür scheinen mir recht übersichtlich und wenig komplex zu sein. Den gewollten Gesinnungsjournalismus, der zwangsläufig zur Monokultur der Meinungen führt, habe ich weiter oben bereits angesprochen. Wenn sich die Verlagsleitung und die Redaktionen ehrlich machen, dann müssen sie einräumen, dass sie dem Leitmotiv Rudolf- Augsteins

“Sagen, was ist!”

schon lange nicht mehr gerecht wurden. Längst wurde im Faktischen daraus “Sagen, was ist und wie der Leser das Berichtete gefälligst einzuordnen und zu bewerten hat, um ein würdiger, progressiver Spiegelleser zu sein!”. Wie kaum ein anderes Blatt hegte und pflegte man bei SPIEGEL die narzisstische Illusion, man gehöre als SPIEGEL-Schreiberling einer unangreifbaren Meinungselite an. Narzissmus aber ist eine Krankheit, die man behandeln und nicht pflegen sollte.

Wie praktisch alle Printmedien so wurde auch der SPIEGEL von der Digitalisierung und vom Siegeszug des Internets überrollt. Sinkende Auflagen, sinkende Werbeeinnahmen sind das Leiden aller Printmedien. Sie alle wissen längst, dass den Online-Medien die Zukunft gehört. Doch die treffen auf Anhänger eines freien, vor allem kostenfreien Internets. Zahlende Leser sind im Internet schwer zu gewinnen und viele blenden mit Adblockern auch noch die Werbung aus der Online-Ausgabe aus, sodass es auch schwierig ist Werbekunden für ein Online-Magazin zu gewinnen.

Das alles hat direkte Auswirkungen auch auf das Berufsbild des Journalisten. Ein Traumberuf mag das noch für die Korrespondenten und Journalisten der Gebühren finanzierten, öffentlich-rechtlichen Anstalten sein. Bei den privaten, durch Werbung finanzierten Anstalten mögen die Zukunfstaussichten für Journalisten auch noch ganz gut sein, allerdings darf man von letzteren keinen investigativen Journalismus erwarten. Wer die Automobilindustrie, Nahrungsmittelindustrie und Bierkonzerne als Hauptsponsoren hat, wird kaum zu deren wirtschaftliche Verfehlungen oder zur geplanten Obsoleszenz ihrer Produkte eine investigative Reportage produzieren. Mehr als Agenturnachrichten und harmlose Kommentare wird man von dieser Art Medien kaum erwarten können.

Dagegen krankt die Landschaft der Printmedien an einem inzwischen gnadenlos gewordenen Konkurrenzdruck unter den beschäftigten Journalisten. Der Einstieg in den Beruf ist inzwischen fast immer prekärer Art, nämlich auf Honorarbasis, womit nur noch eingelieferte und angenommene Artikel, bezahlt nach Worten und Zeilen, zu einem Einkommen führen. Das lässt diesen Beruf zunehmend nur noch als Nebenjob zu. Doch wenn man auf Zweit- und Drittjobs zum Überleben angewiesen ist, fehlt die Zeit zur gründlichen Recherche.

Die Festanstellung mit ordentlichem Gehalt wird für Journalisten schon länger zunehmend zur Seltenheit. Nur die besten haben noch eine Chance eine solche zu erringen – und das führt zu immensem Leistungsdruck und zum Zwang, sich selbst geschickt zu vermarkten. Und das trifft in fataler Weise mit den Symptomen der Zeit zusammen, wie sie in uns in Facebook, Instagram, YouTube und Co. entgegentreten: Der Zeit nämlich des gehegten und gepflegten Narzissmus. Heute verdienen gewiefte, jugendliche YouTuber mit Ihrer Selbstvermarktung häufig um ein Vielfaches mehr, als brillant ausgebildete Artikelschreiben der redaktionell begleiteten Print- und Onlinemedien. Der Sprung zu Erfolg und wohlständigem Einkommen gelingt hier nur noch Wenigen.

Claas Relotius war einer davon, der es geschafft hatte. Seine geschmeidige, erzählende Schreibweise kam an. Mehrfache Auszeichnungen kann er bereits vorweisen. Er hatte alle ideologischen Narrative des SPIEGEL-Magazins vollkommen verinnerlicht und den erwünschten Gesinnungsjournalismus konsequent in seinen nahezu idealen Geschichten umgesetzt. Er war Vorbild und beneideter Superstar des SPIEGELS, gottgleich – und Götter pflegen Gläubige auch bei erkennbaren Widersprüchen eher selten zu hinterfragen. Wer es dennoch wagt, gilt schnell als Nestbeschmutzer. So erging es auch Relotius’ Kollegen, Juan Moreno, dem als erstes Widersprüche in einem Relotius-Beitrag auffielen. Seine Zweifel packte er in eine E-Mail an Relotius, die dieser allerdings ignorierte – so stellt es jedenfalls die SPIEGEL-Redaktion dar. Es half nichts, der gefakte Artikel “Jaegers Grenze” (Online-Version) ging Mitte November 2018 in den Druck. Doch war es Moreno, der Claas Relotius’ Betrügereien schließlich aufdeckte.

Der SPIEGEL geht erfreulicherweise sehr transparent und offen mit der Aufarbeitung des Skandals um, deshalb erspare ich mir, ihn hier selbst näher zu beleuchten. Allerdings wird die Affäre nicht ohne Auswirkungen auf die gesamte Nachrichtenzunft bleiben. Sie könnte dazu führen, dass noch mehr Menschen sich von den Leitmedien ab- und “alternativen” Informationsquellen zuwenden. Das russische Propaganda-Medium “RT-Aktuell” genießt schon heute in weiten Bereichen der Bevölkerung große, zu große, Aufmerksamkeit – und es bietet seine Informationen auch noch ohne Adblocker-Sperren an.

Vielleicht erinnert man sich beim SPIEGEL ja doch wieder an Augsteins Credo “Sagen, was ist!”? Zumindest titelt die nächste Ausgabe schon mal damit. Vielleicht gibt der Verlag ja auch seine Gesinnungsnarrativen auf und durchbricht damit die Monokultur der Haltungen im eigenen Haus und wird so wieder zum Leitmedium, zum Nachrichtenmagazin für jedermann, am besten künftig ohne Denkschablonen für die Leser. Denn ein Gutes haben solche Skandale schon: Sie haben oft einen gewaltigen Schaden zur Folge, aus dem man lernen kann, es künftig besser zu machen. Selten ein Schaden ohne Nutzen. Ich setze darauf!

Foto: pixabay Creative Commons CC0


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