Das Fähnchen im Wind und Populismus:

Markus Söder erhält die Quittung

Autor: Kurt O. Wörl

Nach 45 Jahren Mitgliedschaft trat die ehemalige Bürgermeisterin des Markt Tüßling (Lkr. Altötting), Gräfin Stephanie von Pfuel, aus der CSU aus. Sie war einst Mitgründerin der Schülerunion. Auslöser war Bayerns Corona-Politik unter Ministerpräsident Markus Söder.

Diese Politik sei “menschenverachtend und arrogant”, man höre nicht auf die Bürger, sondern auf den Wind, der gerade weht. “Sie betreiben Machtspielchen und verstehen nicht, was im normalen Alltag passiert”, so von Pfuel. Hart geht sie ins Gericht mit der bayer. Staatsregierung unter Markus Söder: die Kommunikation mit den Bürgern sei miserabel, das Tragen der Masken im Freien sei “reine Schikane ohne Nachdenken”, Söders Politik interessiere sich auch nicht dafür, wie es Kindern, Schülern, Jungen und Alten gehe, die so sehr litten. Von Pfuel hat die Nase voll. Nach 45 Mitgliedsjahren verkündet sie ihren Austritt aus der CSU und kündigt an, die Partei auch nicht mehr wählen zu wollen.

Ich muss der Gräfin recht geben und das fällt mir wahrlich nicht leicht. Bis 23.10.2020, bevor die zweite Welle der Pandemie Fahrt aufnahm, vertraute auch ich Söders hartem Kurs, in der Fehleinschätzung freilich, seine Agenda als “harter Hund” könnte unser Land erfolgreich durch die Pandemie bringen. Aber damals wusste ich noch nicht, dass Söder, entgegen seiner mantra-artigen Beteuerung, sein Platz wäre in Bayern, am Ende doch nur geil auf das Kanzleramt und ihm der tatsächlich miserable Verlauf der Pandemie in Bayern hingegen ziemlich nebensächlich waren. Er schwamm auf der, von den Medien auch reichlich befeuerten Angststrategie der Bundesregierung und Söder konnte sicher sein, damit sein Fähnchen in die richtige Richtung in den Wind gedreht zu haben – die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung stand zweifellos hinter Söders knallharten Linie. – Selbst dogmatische “LINKE” zeigten sich plötzlich von Söders harten Corona-Kurs begeistert. Autokraten mögen nun mal autokratische Politik. Man könnte Söders Strategie aber auch ohne Weiteres puren Populismus nennen – oder um es mit den Worten des dänischen Philosophen Søren Aabye Kierkegård zu sagen:

“Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein!”

Denn die Wahrheit ist ein Biest und offenbart sich oft völlig anders als erhofft. Kein anderes Bundesland hat die Pandemie schlechter gemanagt als Bayern unter dem “harten Hund” Söder. Die Zahlen sprechen für sich: In keinem anderen Bundesland starben im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung mehr Menschen an COVID-19 als in Bayern! Stand heute sind das im Söder-Land 14.934 Menschen, also jeder 879. Infizierte. Im bevölkerungsreichsten und sehr viel urbaner strukturierten Bundesland NRW, regiert von Armin Laschet, verlor hingegen “nur” jeder 1.074. Infizierte (wobei das Partikel “nur” hier schon fast zynisch wirkt) sein Leben an das Virus – trotz sehr viel höherer Infektionsrate. An die Pannen in Bayern, etwa, dass Tausende von Corona-Tests nicht zeitnah bearbeitet wurden und getestete 14 Tage auf ihr Testergebnis warten mussten – darunter auch viele Infizierte – mag man schon gar nicht mehr denken.

Nachdem der selbsternannte “Bundeskanzler der Herzen” dann doch nicht zum Zug kam und sich Armin Laschet als Kanzlerkandidat durchgesetzt hatte, zeigten sich wieder Söders intriganten Charakterschwächen, die er seither wieder ohne Hemmungen auslebt: er gab den schlechtesten aller denkbar schlechten Verlierer ab und verfiel erneut in jene Sticheleien und Schmutzeleien, die ihm vor Jahren sein Vorgänger im Amt, Horst Seehofer, bereits attestiert hatte. Der von ihm angezettelte, unwürdige Machtkampf in der K-Frage kostete der Union inzwischen beste Umfragewerte: abgesunken von 38% auf 24%. – Es erübrigt sich, noch weiter auf Söders populistisches Schauspiel zum Klima- und Umweltschutz, mit dem er sich, für eine mögliche Koalition mit den Grüninnen, die “Haare schön” machen wollte, einzugehen. Vom Grünen-Basher zum heuchelnden Baum-Umarmer – wer ihm das je abgenommen hat, war naiv – und da kann ich mich selbst leider nicht ausschließen, ich Depp! – Dabei hatte ich als Franke Söders populismus-basierten Karriereweg ja stets vor Augen, etwa als er 2004 eine generelle Ausgangssperre ab 20 Uhr für Kinder forderte. 

Die Quittung für die Populisismus-Strategie und seine zugleich verfehlte Corona-Politik kassiert Markus Söder nun sukzessive. Vor der Tüßlinger Ex-Bürgermeisterin traten gleich drei Generationen der renommierten Hoteliersfamilie Rappl aus Gstadt am Chiemsee, alle langjährige Mitglieder, öffentlichkeitswirksam aus der CSU aus. 

Heute jedenfalls bin ich froh, dass nicht Markus Söder, sondern der mit weitaus mehr Aufrichtigkeit und menschlicher Empathie ausgestattete, stets besonnen und sachbezogen auftretende Armin Laschet, der seine Fähigkeit zu integrieren immer wieder bewiesen hat und NRW weitaus erfolgreicher durch die Pandemie regiert hat, das Rennen gemacht hat. Laschet mag, weil er nicht wie Söder auf populistische Spiegelfechtereien gesetzt hat, derzeit zwar noch nicht Söders Umfragewerte erreichen, aber gerade deshalb halte ich ihn auch für den geeigneteren Kanzlerkandidaten. Wer mit Populismus die Macht ergreifen will, macht sich selbst zur Donald-Trump-Figur. Gut, dass uns das nun erspart bleibt. Vielleicht sollte sich Söder an die Haltung Franz Josef Strauß’ erinnern. Der meinte mal “Vox populi = vox Depp!” Denn am Ende bleibt doch die bittere Erkenntnis, dass ein Gros der Deutschen noch immer dazu neigt, sich von Populisten mit autokratischen Zügen faszinieren zu lassen.

Foto: Harald Bischoff , WikiMedia Commons, unter Creative-Commons-Lizenz


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