Die Lieblingsausrede von Politikern aller Couleur:

Nicht ausreichend kommuniziert

Autor: Kurt O. Wörl

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Wenn heute Menschen protestierend auf die Straße gehen oder nach Wahlen, wenn eine Partei Verluste erklären muss, dann begründen Politiker Protest und Niederlage immer häufiger damit, Ihre Ziele und Vorhaben “nicht ausreichend oder gut genug kommuniziert” zu haben.

Gemeint ist damit, man hätte seine Ziele nicht hinreichend erklärt oder nur mangelhaft begründet und deshalb die Menschen nicht überzeugt. Daraus folgt dann regelmäßig: “Wir müssen das besser kommunizieren!” Immer wenn ich diesen Satz höre, bekomme ich regelmäßig Schnappatmung.

Wollte man dem folgen, dann könnten nämlich nicht etwa die politischen Vorhaben schlicht falsch und unerwünscht sein, nein, falsch gelaufen wäre dann vorgeblich nur die Präsentation derselben. Was solchermaßen plappernde Politpappnasen damit aber wirklich zum Ausdruck bringen wollen ist:

“Unsere Vorhaben und Ziele stimmen, sie sind ohne Wenn und Aber richtig!
Die Protestler da draußen oder die abtrünnigen Wähler waren nur zu doof dafür.”

Es werden sich sicher auch noch ein paar “Haltungsjournalisten” finden, welche das dann auch noch gut ideologisch zu untermauern wissen.

Dass die Menschen da draußen oder an der Wahlurne möglicherweise ganz genau verstanden haben, was die blamierten Politiker da vor hatten und genau deshalb ihrer Wut Luft machen oder ihr Wahlverhalten ändern, scheint für diese Polit-Entourage keine denkbare Alternative als Erklärung mehr zu sein. Dabei können gerade aus ideologischen Niederungen erdachte politische Ziele sehr viel wahrscheinlicher schlicht stinkende Kacke sein, als dass sie “bloß” falsch kommuniziert worden wären. Außerdem lässt die Annahme, der Souverän, das Volk, sei einfach zu doof dafür, auch auf ein bedenklich abfälliges Bild von einer freien, emanzipierten Gesellschaft erkennen. 

Der “Verein Deutsche Sprache” weist in seinem aktuellen Infobrief auf dieses Phänomen hin. Prof. Horst Haider Munske, von der FAU Erlangen-Nürnberg, bezweifelt die Kommunikationserklärung seitens der Politiker, weil nur präsentierende Worte ohne Taten dem Begriff “kommunizieren” nicht gerecht würden.

Das seit dem 17. Jahrhundert im Deutschen bezeugte Wort sei dem lateinischen “communicare” entlehnt. Die semantische Entstehung aus “communis” beinhalte “gemeinschaftlich”, “gebend”, “an etwas teilhaben lassen”, “etwas mitteilen” und “empfangend”.

In allen drei Verwendungen spiele die Gemeinschaft eine Rolle. Im politischen Diskurs sei es die zwischen Wählern und ihren parlamentarischen Repräsentanten. Sie verbinde das demokratische Prinzip einer befristeten Vertretung. Gewählt werde, wer überzeugen konnte, wer eine Gemeinsamkeit der Ziele, der Pläne, der politischen Gestaltung mit den Bürgern seines Wahlkreises erzeugen konnte. Wenn die Umfragen einen Rückgang der Zustimmung anzeigten, dann setze der Vorwurf oder die Erkenntnis ein: “Es wurde nicht genug, nicht richtig kommuniziert.”

Das hält Prof. Munke für zweifelhaft und meint:

“Mit dem scheinbar neuen Fremdwort versucht mancher, eigene Mängel zu vertuschen. Es geht dabei nicht um die tatsächlichen Leistungen oder um die künftigen, die versprochenen, sondern in erster Linie um die Qualität des Präsentierens, die verbale Ausmalung, eben die Kommunikation.

 

Worte sind nötig, genügen aber nicht. Denn die Gemeinsamkeit, welche das Wort in Anspruch nimmt, gründet sich vor allem auf erlebte Teilhabe, zum Beispiel auf die Qualität kommunaler Einrichtungen, auf sicheren Schutz durch Polizei und Gerichte. Worte und Taten gemeinsam sind die beste Form des Kommunizierens. Schlimmstenfalls droht sonst die politische Exkommunikation.”

Dem kann man sich eigentlich nur anschließen, ohne sich andernfalls lächerlich zu machen.

Bild von Sasin Tipchai auf Pixabay


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